Yoga, Mond und Rubikon

Über den besonderen Entwicklungsschritt von Kindern im 9./10. Lebensjahr, die Bedeutung neuer Rituale und das Buch „Yoga, Mond & Sterne“

Wenn wir Waldörfler vom „Rubikon“ sprechen, meinen wir einen besonderen Entwicklungsschritt, der altersmäßig im 3. Schuljahr beginnt und seinem Namen einer Legende zu verdanken hat: Als Cäsar mit seinem Heer den Grenzfluss Rubikon überquerte – und es von diesem Zeitpunkt an kein Zurück mehr gab.

Eine Grenze und kein Zurück mehr

Auch ich erinnere mich an diesen Moment, beim Blick in den Spiegel meiner Oma, als mir schlagartig klar war: Dieses Spiegelbild zeigt nur mein Äußeres, meine Gedanken, meine innere Welt, die ist nur für mich. Da kann niemand hineinschauen. Eine Grenze zwischen Innen und Außen war von nun an gezogen. Das Gefühl von „Ich bin eins mit der Welt“, das noch im 1. und 2. Schuljahr existiert, verschwindet meist sehr plötzlich. Das erschreckt manche Kinder, andere hingegen finden es auch schön, etwas ganz Eigenes zu haben und sind beflügelt davon.

Ist bei Kindern dieser Entwicklungsschritt erfolgt, spüren sie also erstmals ganz deutlich, dass es eine eigene, innere Welt gibt, die dem Äußeren verborgen ist. Oftmals entsteht unbewusst dieses Gefühl von „Es gibt kein Zurück mehr“ auch bei ihnen und das kann – nicht muss – die eine oder andere Krisenstimmung hervorrufen. Auslöser können dabei auch einfache Situationen sein, die wir Erwachsenen vielleicht gar nicht so stark wahrnehmen. Beim Kind kommt aber an: „Ich werde nicht verstanden“ oder: „Nur ich kann mich verstehen. Ich bin einsam.“

So geht es auch Maitri, der Hauptakteurin in dem Kinderyogabuch „Yoga, Mond & Sterne“ von meiner Schwester, Dr. Daniela Heidtmann. Sie fühlt sich im Alltagstrubel ihrer Familie nicht gesehen und zieht sich bockig zurück. Eine Situation, die wir alle kennen und die wir als Leser*innen dieses Buches nun einmal auch als Zuschauer mit anderen Augen sehen dürfen.

Neue Rituale, neue Sicherheit

Die Phase dieses Entwicklungsschrittes ist ja überhaupt auch eine anstrengende Zeit. Die äußere Welt wird immer spannender, sie muss entdeckt und verstanden werden! Die Kinder wenden sich tagsüber mehr und mehr der Außenwelt zu, entwickeln Interesse für die Themen der Welt. Müde vom Tag mit so vielen Eindrücken und Gefühlen, brauchen sie dann besonders abends den sicheren Halt der Familie. Meist kommen dann auch die Erwachsenen nach einem langen Arbeitstag ebenso zur Ruhe und können die Qualität der gemeinsam verbrachten Zeit und Bindung auch ihrerseits genießen.

Hier helfen neue und alte Rituale. Viele Rituale und Spiele, die bis dahin alltägliche Begleiter waren, entstammen noch der früheren Zeit, als es noch kein Innen und Außen gab . Das fühlt sich plötzlich so „für Kleine“ an. Man kann aber dennoch an ihnen anknüpfen, sie neu entdecken und ausbauen, etwa das Goldtröpfchenritual zu einer entspannenden Rückenmassage werden lassen oder auch einen ganz neuen, gemeinsamen Tagesabschluss finden.

Maitri und ihre Eltern gestalten ein neues Abendritual – und das ist auch für den Leser sehr inspirierend und zu empfehlen. Es gibt Yogaspiele, Yogageschichten, das Goldtröpfchenritual, eine Traumreise, Eltern-Meditation und mehr. Viele schöne Routinen werden gezeigt, die sowohl für Eltern, als auch für die Kinder eine Quelle der Erholung sein können.

Rubikon als Grundstein der Pubertät

Auch wenn dieser Entwicklungsschritt keineswegs schon etwas mit der Pubertät zu tun hat – hormonell ist nämlich noch nicht viel Veränderung da – ist es wichtig zu wissen, dass Rituale, die im Rubikon begonnen werden, vom Kind bis in die Pubertät hinein angenommen werden. Bereits ein bis zwei Jahre später lassen sich solche Rituale kaum noch aufbauen.

Denkt man an seine eigene Kinderheit zurück, hat man oft viele Erinnerungen an dieses Alter: Selbst kleine Begegnungen prägen das Kind in dieser Zeit und dessen Vorstellung von seiner Zukunft. Menschen und ihre Biografien dienen als Vorbild, vermeintliche Kleinigkeiten können das Kind nachhaltig stärken oder enttäuschen. Es ist daher auch Aufgabe von uns Erwachsenen, einerseits dafür sensibel zu sein, andererseits aber auch Impulse, Ermutigungen und Herausforderungen zu bieten. Es ist ganz und gar nicht dienlich, den Kindern alles abzunehmen. Sie brauchen jetzt besonders das Gefühl von Selbstwirksamkeit – und die Möglichkeit, all ihre Fähigkeiten und Erfahrungen auf analoge Weise ausreifen zu lassen.

Yoga, Mond & Sterne mit der Klasse

Das Buch Yoga, Mond & Sterne ist die Geschichte von Maitri, die in einer Rubikonkrise steckt und von ihrer Mutter auf liebevolle Weise wieder aufgefangen wird. Dabei bauen die beiden ein schönes Abendritual mit der ganzen Familie auf, das Sicherheit gibt und stärkt. Ich habe mit meiner Klasse bereits einige Yogaspiele aus diesem Buch durchgeführt – es funktioniert also auch mit festen Gruppen. Da ich die Kinder ja meinerseits ebenso als Bezugsperson begleite, möchte ich auch bestimmte kleine Rituale neu einführen oder ausbauen. Meine Klasse ist bereits sehr vertraut mit den Asanas, die manchmal zu Beginn oder Ende der Spielturnen-Stunde oder auch im rhythmischen Teil des Epochenunterrichtes spielerisch vorkommen. Das Goldtröpfchenöl steht in der Klasse bereit, um die Hände nach dem Händewaschen zu pflegen. Es gibt auch mini Ölfläschchen in unserer Geburtstagsschatzkiste. Diese werden dann gern auch mit nach Hause genommen. Zu besonderen Anlässen gibt es auch einmal eine Fantasiereise, die ich dann mit Klangschalen begleite. Die Kinder äußern inzwischen selbst, wie wohltuend diese Elemente der Entspannung sind oder fragen an manchen Tagen danach.

Über das Buch

Das Buch ist im Asteya Verlag meiner Schwester erschienen, erhältlich in unserem Asteya Shop und überall, wo es Bücher gibt. Mit dem Kauf unterstützt Ihr auch direkt unsere weiteren Projekte. Yoga, Mond & Sterne hat ein Hardcover, kostet 19,90 € und mein persönliches Highlight sind auch die vielen Aquarellbilder, die von Teresa Heilmann einzeln handgemalt wurden. Alles in allem merkt man diesem Buch auf jeder Seite an, dass es ein absolutes Herzprojekt war und ist. Es sprüht vor liebevollen Details und schönen Rubikon-Impulsen. Man findet sich als großer und kleiner Leser darin wieder. Meine Empfehlung!

Formenzeichnen: Der Weg ist das Ziel

Eine Annäherung

Das Formenzeichnen ist ein Unterrichtsfach, das man am besten verstehen kann, wenn man es selbst einmal erlebt hat, da es allein mit Vorstellungskraft nicht ganz einfach nachzuvollziehen ist. Ich versuche es heute trotzdem einmal. Vielleicht entsteht ja dabei ein erster Eindruck der zahlreichen Qualitäten.

Ich bin heute ein großer Fan dieses Unterrichtsfaches, musste mir das Formenzeichnen in der Waldorflehrerausbildung aber durchaus auch schwer erringen, als ehemalige Staatsschülerin, die auf diesem Gebiet kaum gefördert wurde. Umso mehr freue ich mich, dass meine eigenen Kinder und meine Schüler*innen dieses besondere Schätzchen kennenlernen und an ihm wachsen dürfen.

Mehr als „nur“ Motorikübungen

Die entstehenden Formen sind nicht nur Übungen zur motorischen Förderung, z.B. der Vorbereitung des Schreibens. Da das Zeichnen einer Form geistig anspruchsvoll, aber frei von Intellekt ist, und dabei spürbar im Seelischen wirkt, stoßen manche großen und auch schon kleine „verkopfte“ Menschen durchaus gelegentlich an ihre Grenzen. Hier eine allgemeine Beschreibung mit einer genaueren Erklärung der Bedeutung dieses Unterrichtsfaches für meine Drittklässler. Denn für die Eltern meiner Klasse ist dieser Blogbeitrag im Besonderen gedacht, mangels Elternabend zu dem Thema.

Die Spur der Bewegung, verwandt mit der Eurythmie

Formen entstehen durch Bewegung und werden zur Bewegung. Das geschieht einerseits im Eurythmieunterricht, wenn die Kinder eine Form im Raum darstellen und laufen – mal fließend zur Musik, mal im Rhythmus, aber immer ganz bei sich. Gemeinsam in Bewegung mit der Gruppe, muss ein Kind dann sowohl bei sich bleiben und trotzdem dabei auf die Bewegung der anderen achten. Was für eine Leistung: Einerseits Abgrenzung, andererseits ein Teil des Ganzen sein. Mit vollem Körpereinsatz werden Richtungs- und Geschwindigkeitsänderungen, Drehungen und Vieles mehr erlebt. Dieses Erleben und Darstellen einer Bewegung, einer Spur, erfordert ein „Formenfühlen“, Vorstellungskräfte für ein „Formenbewusstsein“ und das Übertragen dieses inneren Erfassens auf die äußere Bewegung. So ist es auch beim Formenzeichnen, als feinmotorisches Pendant.

Beim Formenzeichnen wird im Unterricht meist auch die jeweilige Form zunächst in die Luft gemalt – mit der Hand oder auch dem Fuß – oder anderweitig äußerlich dargestellt. Es zeigen sich dabei auch schon ein Formgefühl und die Ausprägung von Vorstellungskräften bei den Kindern. Beim Malen in der Luft folgen die Augen den Fingern oder Fußspitzen.

Spuren und Überspuren

Haben die Kinder die jeweilige Form erfasst, dürfen sie entweder einmal schon mit dem Finger auf dem Papier vorspuren oder gleich mit zunächst zarter Linienführung den Wachsmalstift oder das Blöckchen verwenden. Die Spur wird wiederholt. Beim „Überspuren“, der Wiederholung, festigt sich die Form, das Kind wird sicherer, die Spur immer harmonischer. Sie gestaltet sich so immer weiter aus. Daher ist es wichtig, dass das Ziehen der Form mit dem Blöckchen oder Wachsmalstift keine einmalige Angelegenheit ist, sondern eine wiederholende, dynmische und in sich wachsende Arbeit.

Im Unterricht arbeiten wir stets gemeinsam an unserer Form. Stellen sie zunächst „in der Luft“ oder im Raum dar. Ich bin anschließend auch eine Zeitlang an der Tafel, zeichne dort leicht vor, spure immer wieder nach. So erleben die Kinder, wie auch ich mir die jeweilige Form im Tafelformat erarbeite und mit Ruhe ausgestalte. Ich gebe nie eine perfekte Form vor, sondern ich lasse ebenso entstehen.

Das Formenzeichnen im Lehrplan der Unterstufe

Aus dem Formenzeichnen wird der spätere Geometrieunterricht entwickelt. Die innere formbildende Tätigkeit entwickelt sich bei Kindern als neue Fähigkeit um das 7. Lebensjahr herum bzw. mit dem Zahnwechsel. In der 1. Klasse geht es dann zunächst darum, die beiden Urformen, die Gerade und die Gebogene, in verschiedenen Varianten und Kombinationen zu erleben und zu erarbeiten. In Klasse 2 werden Symmetrien geübt, Balance und Gleichgewichtsgefühl, rechts und links, bewusst verinnerlicht. In der 3. Klasse steht nun ein neuer Entwicklungsschritt für die Kinder an, der ein neues Verhältnis von Innen- und Außenwelt aufbauen lernt. Mit dem Rubikon stehen die Kinder vor der Aufgabe, eine gewisse innere Einsamkeit mit äußeren Beziehungen in Einklang zu bringen. Auch hier hilft das Formenzeichnen weiter. Die Formen differenzieren ebenso ein „Innen“ und „Außen“ und zeigen dabei freie Symmetrien, auch Variationen des Äußeren. Die einzelnen Formenelemente stehen also in Beziehung zueinander. Richtungswechsel in der Spur stärken den Willen und die Aufmerksamkeit. Rahmen und Punkte setzen Grenzen.
In der vierten Klasse steht dann die Stärkung der Gedankenkraft im Mittelpunkt der gemeinsamen Arbeit, die mit Knotenformen und Flechtbändern unterstützt wird. Ab Klasse 5 geht das Formenzeichnen dann über in eine Freihandgeometrie, bei der auch schon erstes Fachvokabular verwendet wird. Ab Klasse 6 wird exakt mit Geometriedreieck und Zirkel gearbeitet und der übliche Geometrieunterricht – vom Fällen eines Lots über Dreieckskonstruktionen, Pythagoras usw. – begonnen.

Das Formenzeichnen in der anthroposophischen Heilpädagogik

Da das Formenzeichnen anregend für Körper, Seele und Geist ist, wird seine fördernde Wirkung in der Waldorfpädagogik nicht nur zur Harmonisierung der Temperamente, sondern auch im Bereich der Heilpädagogik sehr gern genutzt. Hier werden in anthroposophischen Therapien gezielt Übungen eingesetzt. Dies ist aber ein weiteres großes Thema….

Die Temperamente (2) Im Erzählkreis

Eine gute, offene Arbeitsform, bei der Raum für jedes einzelne Kind ist, stellt der Erzählkreis dar. Dort wird nicht nur geübt, einander zuzuhören und selbst für alle hörbar, zusammenhängend und interessant zu erzählen. Auch verschiedene Gemütslagen werden hier bedient – und jedes Kind darf sich wahrgenommen fühlen. Am Beispiel des Erzählkreises möchte ich nun zeigen, was Kinder brauchen.

Im Erzählkreis ist für alle etwas dabei

Stellt die Sicht auf Temperamente eine „Schublade“ dar?

Ebenso wie das Gedicht im ersten Teil wird hier einzeln auf jedes der vier Temperamente geschaut. Dies bedeutet aber keinesfalls, dass sich ein deutlich sanguinisches Kind in allen Lebenslagen sanguinisch zeigt. Es ist an dieser Stelle überaus wichtig, im Blick zu behalten, dass in jedem Menschen alle vier Gemütslagen wirken, zu verschiedenen Anteilen. Bei Kindern zeigen sich mal zwei, mal ein Temperament etwas deutlicher. Das bedeutet aber nicht: Schublade auf – Temperament in Stein gemeißelt, Verhalten x ist zu Erwarten. Ganz im Gegenteil. Mit einem umsichtigen Blick auf das Kind können wir dazu beitragen, dass ein Kind mit seinem Temperament gut zurecht kommt oder es auch harmonisiert.

Der Erzählkreis – Szenen einer Schulklasse 🙂

Im fiktiven Klassenzimmer sitzt man morgens im Kreis zusammen. Einige Kinder haben schon länger im Schulhaus gewartet – die Eltern mussten früh zur Arbeit und haben ihre Sprösslinge schnell abgeliefert – , andere Kinder haben lange Zeit im Bus gesessen und wieder andere eine größere Strecke mit dem Fahrrad hinter sich gebracht. Zwei Kinder kommen verspätet und völlig außer Atem in die Klasse, ein anderes Kind muss schnell noch einen Schluck Wasser trinken. Und jetzt sitzen alle beisammen und müssen sich an diesem neuen Schultag erst einmal richtig wahrnehmen.

Die Lehrerin begrüßt die Kinder und schickt dann bald den Erzählstein auf die Reise. So kommt jedes Kind an die Reihe, darf erzählen, wie es den gestrigen Tag verbracht hat oder was es heute noch vor hat.

Kind 1 erzählt ohne Punkt und Komma, was in den Sinn kommt: „Wir haben gestern erst meinen Bruder zum Gitarrenunterricht gebracht und dann war ich mit Mama ein Eis essen. Auch letztes Jahr in Spanien gab es so eine tolle Eisdiele und ich habe immer Erdbeer, Zitrone und Schokolade gegessen, das war besonders lecker. Und außerdem war ich nicht nur in Spanien, auch schon einmal in Italien und wenn ich das nächste mal bei Oma bin, wollen wir ins Kino gehen.“ Auf die Frage der Lehrerin, ob Kind 1 den Erzählstein nun weitergeben möchte, nickt es und gibt freudig den Stein an Kind 2 weiter.

Kind 2 berichtet: „Ich habe gestern in unserem Garten einen Regenwurm gerettet. Das war knapp! Denn sonst hätte Papa ihn beim Umgraben mit dem Spaten erwischt. Ich habe überhaupt den ganzen Nachmittag mitgeholfen im Garten. Später war ich noch beim Turnen und habe zwei Flickflaks hintereinander geschafft.“

Kind 3 hat interessiert zugehört, möchte heute aber – wie so oft – selbst nichts sagen und gibt den Stein wiederum interessiert weiter.

Kind 4 ist jetzt an der Reihe, schaut aber noch immer zu Kind 2 und fragt mit dem Stein in der Hand: „Geht es denn dem Regenwurm jetzt gut?“

Da meldet sich Kind 1 schnipsend. Da es ja schon an der Reihe war und der Erzählstein von Kind zu Kind wandert, fragt die Lehrerin: „Ist es etwas Dringendes?“ Kind 1: „Ja, nächstes Jahr fahren wir wieder nach Spanien in den Urlaub.“

Wer ist wer?

Die Auflösung ist nicht schwer, da die Darstellung recht überspitzt war. Kind 1 erzählt freudig, spricht pausenlos und kommt – wie man im Ruhrgebiet so schön sagt – von Höcksken auf Stöcksken. Hier kommt das sanguinische Temperament deutlich zum Vorschein.

Kind 2 ist erkennbar aktiv und erzählt gern von seinen Abenteuern und Heldengeschichten. Das tun Choleriker sehr gern.

Kind 3 hört hervorragend zu, äußert sich selbst aber nur selten: Daran erkennt man auch Phlegmatiker. Doch meldet sich ein Phlegmatike zu Wort, erfahren wir tiefgründige, facettenreiche und auch fantasievolle Geschichten.

Kind 4 sinnt derweil noch immer über das Leid des Regenwurms nach und erzählt erst einmal nichts von sich selbst – eine melancholische Eigenschaft, die sich hier zeigt. Dass der Wurm fast mit dem Spaten erwischt wurde, beschäftigt das Kind nachhaltig.

Wer braucht was?

Die wirklich spannende Frage, wer hier was braucht, zeigt sich ebenso deutlich. Und warum ein Erzählkreis eine gute Gelegenheit dazu ist.

Sangunische Kinder brauchen nicht nur Zuhörer, sondern aufrichtige Zuwendung, sie lernen im Übrigen besonders in Beziehung – je warmherziger diese ist, desto besser. Einem sangunischen Kind lässt sich nichts eintrichtern und es muss manchmal seinen Gedanken freien Lauf lassen können. Da kann der kurze Moment im Erzählkreis, bei dem viele zuhören, schon ein kleiner Balsam für die Seele sein.

Choleriker wünschen sich Achtung und Wertschätzung. Und genau das wollen sie ihrer Bezugsperson auch entgegenbringen. Geraten sie an einen Lehrer mit ruhiger Autorität und klarer Linie, lernen sie am besten.

Phlegmatische Kinder hingegen brauchen ein vielseitiges und anregendes Umfeld. Auch wenn man ihnen es oft nicht ansieht: In der Ruhe liegt die Kraft und eine äußere Vielfalt wirkt sich positiv auf das Lernverhalten und die Entwicklung von phlegmatischen Kindern aus.

Auf melancholische Kinder hingegen wirken Lebenserfahrung und Geschichten aus dem Leben, die auch die Schattenseiten nicht auslassen. Sie sind oft „Kümmerer“ und nehmen Anteil. Wenn sie spüren, dass ein*e Mitschüler*in oder ein*e Lehrer*in auch schon Leid und Krisen durchgestanden hat oder durchsteht, ist ihre Antennen besonders wachsam.

Auf die Lehrer kommt es an

Die Mischung macht`s. Rudolf Steiner wünschte sich von Waldorflehrern, dass sie selbst stark an der Harmonisierung ihrer „Temperamentsmischung“ arbeiten, um auf jede der vier Arten die Kinder anzusprechen. Das Prinzip „Erziehung ist Selbsterziehung“ steht hier also im Vordergrund. Das wäre die Arbeit der Lehrperson an sich selbst.

Die Temperamente (1)

Ein großes Thema in der Waldorfpädagogik ist die Temperamentenlehre. Es geht um Kenntnisse und Erkenntnisse der vier wesentlichen Gemütslagen des Menschen: Sanguinisch, melancholisch, cholerisch, phlegmatisch.

In jedem von uns stecken alle vier Temperamente – die Mischung ist individuell und ändert sich im Laufe des Lebens.

Warum schaut man auf das kindliche Temperament?

Gerade auch in den ersten Klassen spielt das Erkennen und die Pflege des kindlichen Temperaments eine größere Rolle für uns Lehrer. Sie hilft uns, die Kinder besser zu verstehen und sie in der richtigen Weise anzusprechen. Letztendlich ist das Erkennen der Temperamente eine weitere Hilfe, zu einer ganzheitlichen Sicht auf das Kind zu kommen. Es mit seinen Begabungen und individuellen Entwicklungsaufgaben in der geeigneten Weise zu fördern.

Jedes Temperament bringt also auch eine gewisse Lern- und Arbeitsweise mit sich, die wir auch berücksichtigen können. So ist Vieles möglich.

Wer ist was? Eine literarische Übersicht

Heinrich Peitmann hat die vier Gemütslagen, von denen jeder Mensch etwas in sich trägt, in einem wunderbaren Gedicht zusammengefasst:

Die Vier Temperamente und der Stein im Weg

Leicht springt über den Stein der
Sanguiniker, keck und mit Anmut
stolpert er trotzdem darob, macht er
sich wenig daraus

Grimmig stößt ihn beiseit´ des
Cholerikers kräftiger Fußtritt
und sein funkelndes Aug´ freut sich
des guten Erfolgs

Kommt das Phlegma daher, so hemmt
es gemäßigt die Schritte:
„Gehst du mir nicht aus dem Weg,
gehe ich eben herum.“

Aber grübelnd vor ihm bleibt der
Melancholischer stehen,
unzufried´nen Gesichts über sein
ewiges Pech.

Die Welt ist gut, schön und wahr (4)

Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen.

Gotthold Ephraim Lessing

Das dritte Jahrsiebt

Um den 12. Geburtstag herum setzt die Pubertät ein, wir sind mitten in der sechsten Klasse oder am Anfang der siebten Klasse. Es sind die letzten Jahre der Klassenlehrerzeit und man muss den Heranwachsenden bereits mit Blick auf den nächsten Entwicklungsschritt – der Suche nach der Wahrheit –  begegnen. 

Wahrheit und Urteil

Mit dem Einsetzen der Pubertät findet nicht nur der körperliche Umbau zum Erwachsenen statt. Es beginnt wieder eine Suche – die Suche nach der Wahrheit, die dem Bedürfnis nach einem eigenen Urteil entspricht. Die Urteilsreife tritt ein. Erfahrungen liefern Erkenntnisse, der junge Mensch will die Welt verstehen, ihre Gesetzmäßigkeiten und das für ihn Richtige denken und tun. Dabei wird auch viel polarisiert und Extremes ausprobiert. „Die Welt ist wahr“ ist die Stimmung und der Motor, das Richtige zu wollen. Dieses Wollen treibt weitere besondere Suchen im eigenen Leben an: Die Suche nach der wahren Liebe, nach wahren Freundschaften und nach den Geheimnissen der Welt. 

Eine weitere Trennung vollzieht sich

Auch die bisherigen Vorbilder werden geprüft: Wie wahr seid ihr denn eigentlich? Es offenbaren sich Schwächen. Nicht nur die Eltern, sondern auch vertraute, bis dato quasi bedingungslos geliebte Lehrer werden nun genau beobachtet und hinterfragt. Eine neue Trennung setzt ein, die seelische Trennung von den Eltern und Bezugspersonen, vollzieht sich mehr und mehr. Auch entsteht dadurch häufig ein neues Gefühl von Einsamkeit und eine Sehnsucht nach neuen Vorbildern und Idealen.

So reagiert der Waldorflehrplan

Die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und das Streben nach Unabhängigkeit wird stärker. Der Unterricht an den Waldorfschulen bekommt jetzt eine besondere Gliederung: Ein Phänomen oder eine Tatsache wird an die Schüler herangetragen, was meist zunächst ein Gefühl auslöst. Am Folgetag erst wird dann das Erlebte, Neue wiederum aufgegriffen und zu einem sachlichen Urteil bzw. einer Schlussfolgerung oder Begriffsbildung geführt. Die Schülerinnen und Schüler erfahren zudem im Unterricht von den unterschiedlichsten Biografien und Lebensleistungen. 

Dieses Vorgehen, das selbständige Erlangen von Erkenntnissen, das Kennenlernen neuer Ideale, beflügelt die Jugendlichen sehr.

Bis nach dem 21. Lebensjahr das „Ich“ vollständig ausgereift ist, sind viele Entwicklungsaufgaben wichtig.

Fragen zum zweiten Jahrsiebt

Wann und wie wurden die körperlichen Veränderungen bemerkt und erlebt?

Gibt es einen Hang zu Rauchen, Alkohol oder anderen Rauschmitteln?

Zeigen sich Depressionen, Wutausbrüche oder sind physische Krankheiten entstanden?

Wie kräftig ist der/die Jugendliche? Welche Sportarten werden ausgeübt oder neu entdeckt?

Welche neuen Interessenschwerpunkte und Berufswünsche entwickeln sich?

Welche Ideale gibt es? 

Wie lässt sich der Freundeskreis beschreiben? 

Gibt es mindestens eine Vertrauensperson?

Die Welt ist gut, schön und wahr (3)

Das zweite Jahrsiebt

„Warum gibt es den Klassenlehrer für so viele Jahre? Offenbar wollen die Kinder in den Tiefen ihrer Seele während eines großen Lebensabschnittes kontinuierlich wahrgenommen, in ihrer Entwicklung gesehen werden (…). Im Bewusstsein des Klassenlehrers fließt zusammen, was das Kind in diesen sieben bis acht Jahren erlebt. Er bildet eine seelisch-ätherische Hülle um das Kind.“

aus: Röh/Thomas (Hg) – Unterricht gestalten – Verlag am Goethanum
Die drei Urbedürfnisse der kindlichen Entwicklung: Die Suche nach dem Guten, dem Schönen und der Wahrheit.

Mit dem Zahnwechsel erfolgt der Übergang ins zweite Jahrsiebt, die Stimmung und das Urbedürfnis „Die Welt ist schön“ werden geweckt. Im zweiten Jahrsiebt steht die seelisch-geistige Reifung im Mittelpunkt. Es entwickelt sich eine Art „Innenleben“.

Jetzt wird das Kind ein Schulkind – und ein*e Lehrer*in tritt sein Leben

In diesem Alter nimmt die Fähigkeit der Kinder zu, aus den bisher gewonnenen Erfahrungen eigene Vorstellungen zu bilden, sich gezielt zu erinnern und die Aufmerksamkeit willentlich auf etwas zu konzentrieren. Das eigene, innere Gefühl wird zu einer Art „Antenne“ für alles, was in der Welt geschieht. Beim Kind entsteht das Bedürfnis, das Schöne zu erleben, das Schöne auf der Welt zu suchen und sich auf positive Weise mit ihr zu verbinden. Die Welt beobachten, das Schöne zu finden, selbst Schönes zu gestalten. Es gibt viel zu entdecken, zu lernen und auszuprobieren!

In dieser Zeit und dieser Stimmung bewegt sich hauptsächlich die Klassenlehrerzeit an der Waldorfschule. Als wichtige Bezugsperson und „geliebte Autorität“ trägt der Klassenlehrer oder die Klassenlehrerin in gut erzählten Geschichten und schönen Gedichten, wohlklingenden Liedern und harmonischen Bildern viel Ästhetisches an die Kinder heran. Doch natürlich werden die Kinder auch selbst aktiv und wirksam.

Eine Beziehung zur Welt schaffen

Es steht also in dieser Zeit alles, was in der Welt erlebt wird, im direkten Verhältnis zum Menschen. Dies ist deshalb so wichtig, weil die Natur einfach kein „äußeres Objekt“ ist, sondern erst die Beziehung des Kindes zur Welt aufbaut. Durch diese Verbundenheit wird ein Gefühl der Verantwortung angelegt und im besten Fall fürs ganze Leben gefestigt. 

Die Mitte der Kindheit und die Waldorfpädagogik

Wir sind also in der Mitte der Kindheit. Die Freude an der künstlerischen Darstellung ist jetzt ebenso groß wie das Beobachten und Erkennen der Prozesse und Phänomene der Welt. Die Waldorfpädagogik antwortet mit Theaterspiel, selbst gestalteten Epochenheften, Bildern und eigenen Zeichnungen. Wenn beispielsweise  in der 5. Klasse die erste Pflanzenkunde stattfindet, wird nicht etwa ein Sachtext zu einzelnen Pflanzen gelesen und Pflanzenteile schematisch „abgearbeitet“. Im Sinne der Phänomenologie wird etwa ein Löwenzahn ausgegraben und genau diese Pflanze nicht nur angefasst, sondern auch gründlich angeschaut, anschließend von der Wurzel bis zur Blüte so genau wie möglich gezeichnet. Dabei werden Details entdeckt und es entstehen Fragen. Diese führen dann Schritt für Schritt zum Wissen. Erst am Ende werden dann auch die Einzelteile der Pflanzen benannt. Dem gelernten Wissen wird so eine Lebendigkeit verliehen, ein Gesamtzusammenhang und eine weit reichende Verbundenheit.

Fragen zum zweiten Jahrsiebt

Wann begann der Zahnwechsel?

Wie waren die Einschulung und die Erfahrung der Schulanfangszeit?

Geht das Kind gern zur Schule?

Hat das Kind ein gutes Gedächtnis?

Wie ist die Beziehung zum/zur Klassenlehrer*in?

Wie gestaltet sich die Beziehung zur Klasse und den Mitschülern?

Was macht das Kind in seiner Freizeit und in den Ferien?

Welche guten Gewohnheiten gibt es zu Hause und in der Schule?

Welche Pflichten übernimmt das Kind?

Welche Normen und Werte bzw. Religiosität gibt es im Elternhaus?

Mehr zu dieser Reihe

Der YouTube-Film zu den Jahrsiebten

Teil 1 der Reihe

Teil 2: Die Welt ist gut

weiterlesen: Die Welt ist wahr

Die Welt ist gut, schön und wahr (2)

Das erste Jahrsiebt

Im ersten Jahrsiebt öffnet sich das Kind mit Andacht der Welt: Es bewundert das Kleine, eine Blume, einen Käfer, aber ebenso den Erwachsenen, den es nachahmt.

Gudrun Burkhard

Bei der Geburt ist in der Regel schon alles, was sich später entwickeln muss, bereits angelegt.  Die Kinder bringen es selbst zur Ausreifung, d.h. sie müssen also im Sinne einer Erziehung zur Freiheit von Anfang an ihr Leben selbst ergreifen. Dabei werden sie durch bestimmte Anregungen von außen unterstützt. Es ist besonders förderlich, wenn die Allerkleinsten eine kindgerechte Umgebung mit menschlicher, liebevoller Unterstützung erfahren. Aufmerksame, hilfreiche Erwachsene, die zuverlässige Wegbegleiter sind.

Die Welt ist gut

Nach der Geburt bis etwa im Alter von sieben Jahren lebt das Kind in der Stimmung „Die Welt ist gut.“ Was bedeutet das? Das Kind ergreift in dieser Zeit durch Nachahmung seine Umgebung, erprobt und schult dabei auch den eigenen Körper. Es kommt an in der Welt. Es lernt, sich aufzurichten, zu gehen, zu sprechen und zu denken. In dieser Zeit kommt es besonders auf uns als Vorbild an, denn ein Kind erkennt oder wertet nicht, ob es ein gutes oder schlechtes Vorbild erlebt. Jedes Vorbild wird voll angenommmen und eben für „gut“ befunden. „Die Welt ist gut“ ist ein tiefes Bedürfnis, ein Urbedürfnis. Ein Kind lebt und überlebt in der Annahme, dass alles so wie es gerade ist, einfach richtig und gut sein muss. Darum bringt es als innere Stimmung und Haltung mit: Die Welt ist gut. Sonst würde es schließlich keinen Sinn machen, die Welt zu entdecken, nachzuahmen und für sich zu adaptieren! 

Fragen zum ersten Jahrsiebt

Nicht nur mit Blick auf die eigenen oder anvertrauten Kinder kann es ein guter Impuls sein, an dieser Stelle auf bestimmte Leitfragen zu schauen, die Voraussetzungen ins Bewusstsein zu holen, unter denen sich Kinder entwickeln. Auch für die eigene Biografie kann eine solche Reflexion über bestimmte Fragestellungen aufschlussreich sein, etwa

Wie wurde das Kind empfangen? Wunschkind, unverhoffte Schwangerschaft, Zweifel und Sorgen in der Schwangerschaft?

Wie verlief die Geburt bzw. was ist darüber bekannt? Termingerecht, schnell oder langwierig, Komplikationen, medizinische Eingriffe dabei oder danach?

Wie lebte das familiäre Umfeld? Gab es Haus, Wohnung, Garten? Eigenes Zimmer oder gemeinsam mit Geschwistern etc. Wie war die Umgebung – Land oder Stadt? Medienkonsum? Sinnesreize?

Gab es Krankheiten in der Familie?

Wie ist oder war der menschliche Umkreis? Zusammenleben, Familie, Umzüge, außerfamiliäre Bezugspersonen wie KiTa, Gruppen etc.

Diese Fragen dienen als Impuls und erheben als biografische Schlüsselfragen keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es kann hilfreich sein, Notizen zu machen, sich mit anderen auszutauschen und dabei weitere Fragen zu entwickeln.

Mehr zu dieser Reihe

Der YouTube-Film zu den Jahrsiebten

Teil 1 der Reihe

Teil 3: Die Welt ist schön

Teil 4: Die Welt ist wahr

Die Schöpfung als Kunstwerk

Über unsere künstlerische Arbeit zum Schuljahresbeginn und die Idee, mit sehr viel Kunst das Schuljahr zu beginnen. Das ist seelisches Erleben und außerdem war jetzt deutlich zu spüren: Es ist wieder richtig SCHULE

Die Kinder konnten sich 5 Monate nicht als ganze Klasse erleben

Was hat während der Zeit des Lockdowns gefehlt? Genau das, was kein Homeschooling der Welt jemals ersetzen kann: Das Miteinander, das gegenseitige Wahrnehmen und die besondere künstlerische Arbeit, die es so nur in der Schule gibt: Das Aquarellmalen nass-in-nass, das Weben, das gemeinsame Lauschen und Spielen von besonderen Klanginstrumenten. Dabei die anderen Kinder erleben, voneinander lernen, sich miteinander austauschen. Und gerade das künstlerische Element wirkt stark im Seelischen. Ein Kind lernt nicht vom Blatt oder Bildschirm – es ist die Begegnung, das Vorbild der lieben Lehrperson und die Gemeinschaft mit anderen Kindern, die das Lernen fördert.

Jeder Schöpfungstag durfte erklingen

Am ersten Unterrichtstag sprach die Klasse darüber, was eigentlich der Mensch alles durch sein Schaffen auf diese Welt gebracht hat. Die Kinder stellten sich eine Welt vor ohne die Dinge, die von Menschenhand entstanden sind. Es entwickelte sich ein sehr lebhaftes Unterrichtsgespräch darüber, wie es dann heute auf der Erde aussehen würde. Es fiel den Kindern gar nicht schwer, sich eine Natur ohne Bauwerke, Lärm und sonstigen künstlichen Dingen vorzustellen. Sie sahen die unberührte Natur gleich deutlich vor ihrem inneren Auge. Fast wie von selbst kam dann die Frage auf, wie denn die unberührte Welt mit den Pflanzen, Steinen und Tieren denn eigentlich entstanden sein konnte. So war das Unterrichtsgespräch auf den Urbeginn gelenkt. Davon wurde den Kindern dann erzählt und dies mit in die Nacht genommen.

Am zweiten Unterrichtstag ging es los mit der künstlerischen Arbeit. Die in den ersten Schuljahren gesammelten Klangerfahrungen halfen sehr. Die Finsternis sollte durch den Klang eines Gongs entstehen. Man war sich schnell einig, der Kupfergong sollte es sein und viele Kinder meldeten sich, um ihn einmal spielen zu dürfen. Dabei war man schon innerlich mit der Schöpfungsgeschichte verbunden: Obwohl der Umgang mit dem Instrument nicht durch bestimmte Vorgaben eingeschränkt war, spielte kein einziges Kind den doch recht imposanten Gong unangemessen laut oder lang. 

Das Tätigwerden der Engel Gottes wurde durch das Spiel von Koshi Klangspielen begleitet, Gottes Geist und Herz ertönte in Form der Herz-Klangschale. An diesem Unterrichtstag war ein guter Grundstein für die weitere gemeinsame Arbeit gelegt. Es wurde vom ersten Schöpfungstag erzählt und dieses innere Bild wieder mit durch die Nacht genommen.

So vertieften wir mit jedem Schöpfungstag mehr und mehr unsere Arbeit. Das klanglische Zusammenspiel entwickelte sich intuitiv und sehr harmonisch. Das Erlebnis des Einhörens, der Wechsel zwischen Stille und Klang, sorgte erkennbar für eine ruhige und ausgeglichene Stimmung in der Klasse. Die ungewöhnlichsten Instrumente waren im Einsatz: Neben den Klangschalen, dem Carillon von Choroi und den Koshi Klangspielen gab es eine Schale mit Steinchen, eine Klangschale voll Wasser, ein Muschelwindspiel, Schwingstäbe aus Bronze, ein Windspiel aus Nüssen, eine Primleier, verschiedene Rasseln, Glöckchen und mehr.

So wie in der täglichen Erzählung die Schöpfung immer reicher wurde, entwickelten sich auch die Klänge. Kein Tag der Schöpfungsgeschichte klang gleich – und doch war jedesmal zu hören, wie aus der geistigen Welt die finstere Welt mehr und mehr belebt wurde. Bereits nach wenigen Unterrichtstagen war dann zu beobachten, dass die Kinder ein sehr feines Empfinden dafür hatten, welches Instrument wann besonders passend erklingen konnte. Und man begann außerdem, „seinen“ Klang zu finden. Der Klang, der für einen selbst besonders wirksam war.

Nachdem wir dann die sechs Schöpfungstage gemeinsam zum Erklingen brachten, wiederholten wir dies an den folgenden Tagen. Mit den Tieren kam Gott dem Menschen schon sehr nah und alles, was Gott bis dahin erschaffen hatte, fand sich auch im Menschen wieder. Jetzt war es an der Zeit, den „Menschen“ in seiner Vielfalt erklingen zu lassen. Dabei aufeinander zu hören und selbst zu empfinden, wann ein Klang an der Reihe ist, entwickelte sich zu einer wahren Hörkunst. Stille zuzulassen. Während anfangs nur sehr zaghaft einzelne Instrumente erklungen waren, kam es zunehmend auch zu einem Zusammenspiel, das aber durchgehend angenehm zu hören war. Wie die Kinder mit der Zeit Klänge sehr passend miteinander kombinierten, überraschte und faszinierte gleichermaßen. So waren die Fische im Wasser ein Zusammenspiel aus einer kleinen Klangschale und der Wasserschale. Und dann kann es nicht verwundern, dass am Ende der Mensch auch klanglich aus allem zusammengewebt war und die Kinder dies so darstellten. 

Aquarellmalen

Auch die Aquarellbilder wurden immer reicher. Wir begannen mit dunklen Blautönen, dann kamen erst Gelb (Licht) und Rot (Feuer) dazu. Die unterschiedlichsten Tiere wurden mit Wachsmalstiften vorgemalt und als das „Paradies“ am Ende aquarelliert wurde, erhielt jedes Kind die drei Grundfarben und mischte für sein Bild passend die Vielfalt der Farben.

So hatte jedes Kind einen künstlerischen Zugang über das Hören, Farberleben und die eigene Selbstwirksamkeit.

Ein Auge Gottes am Ende der Epoche

Die Kinder haben gelernt, dass der Mensch nach der Vertreibung aus dem Paradies auf Erden selbst tätig werden musste. Und dass die Nähe zu Gott immer wieder durch Kunstwerke gesucht und gefunden wurde. Das „Auge Gottes“, ein Brauch südamerikanischer Urvölker (gefunden in der Zeitschrift „Vorhang auf“), ihren Kindern ein Symbol des göttlichen Schutzes mit auf den Weg zu geben, wurde am letzten Epochentag gebastelt. Dazu legt man zwei Holzstäbchen über kreuz und verwebt drum herum bunte Wollstücke. Die Enden der vier Holzspieße wurden mit Knetwachs in den Farben der vier Elemente modelliert.

Menschenkundlicher Hintergrund

Beim Übergang vom 9. zum 10. Lebensjahr geschieht bekanntlich bei den Kindern mit dem Rubikon ein weiterer Entwicklungsschritt, bei dem sie sich plötzlich nicht mehr inmitten ihrer Umwelt empfinden und eng mit ihr verwoben sind. Die Nachahmungskräfte des ersten Jahrsiebts bilden sich zurück. Die Kinder beginnen in diesem Zuge, die Welt um sich herum von nun an äußerlich, objektiv zu betrachten. Häufig wird dieser Schritt als endgültiger Verlust des vorherigen „Paradieszustands“ bezeichnet – was für eine Parallele zur Schöpfungsgeschichte.

Die Kinder werden also vom Nachahmer zum Selbstaktiven. Dem natürlichen Drang der Nachahmung folgen jetzt andere Kräfte, die eigene Wahl- und Entscheidungsfreiheiten ermöglichen.

Und so war es für die dritte Klasse ein guter Zeitpunkt, auch ihre bisherigen Klangerfahrungen in selbstwirksame, selbstbestimmte Klangerlebnisse umzuwandeln. Die Farben selbst zu mischen. Das Auge Gottes selbst zu gestalten. Wir werden tätig. Wir packen an. Der Auftakt ist gemacht.

Die Welt ist schön, wahr und gut

Das pädagogische Handeln in unseren Waldorfkindergärten und -schulen ist geprägt von den drei Urbedürfnissen – dem Guten, dem Schönen, dem Wahren. Eine Herausforderung in der heutigen Zeit, der man bewusst begegnen sollte.

Seit 10 Tagen läuft bei uns in NRW der Schulbetrieb wieder – mit den strengsten Regelungen bundesweit. Weder unsere schulleitenden Gremien noch wir Lehrer können uns aussuchen, ob wir die Verordnungen so annehmen wollen. Auch als freie Schule nicht. Wir müssen sie umsetzen, wenn wir unser Schulhaus für Präsenzunterricht öffnen.

Maskenpflicht, Abstandsregeln, Hygienemaßnahmen. Die Sorgen sind groß. Nicht zuletzt um das Bild und die Atmosphäre, die ja die drei Urbedürfnisse erlebbar machen sollen. Die große Frage in diesen Tagen ist: Was macht es mit uns und unseren Kindern, diese Regeln mit ihren Einschränkungen einhalten zu müssen.

So ist es in meiner Klasse

Die Kinder kamen freudig zurück in die Schule. Sie sind erkennbar gut von ihren Eltern auf die schulische Situation vorbereitet worden. Ich habe bislang weder sehr ängstliche noch zu unvorsichtige Kinder erlebt. Alle geben sich viel Mühe, in dieser Situation gut mitzumachen und die Stimmung ist insgesamt noch von der großen Wiedersehensfreude nach der langen Zeit des Lockdowns und rollierenden Schulbetriebs geprägt. Dadurch, dass die Drittklässler an ihren Plätzen den Mundschutz abnehmen dürfen und das Sprechen nicht beeinträchtigt ist, wird auch viel von den Kindern in der Klasse erzählt und mein Unterricht ist mit all seinen Gesprächen und Übungen doch sehr lebendig.

Feste Plätze, viel Warterei

Dadurch, dass die Kinder ihre festen Plätze bekommen und nicht wie sonst helfend durch den Raum wirbeln können, ist einige Wartezeit im täglichen Ablauf vorprogrammiert. Alle Instrumente im rhythmischen Teil verteile ich selbst, ganz zu schweigen von den Handtüchern, Malbrettern, Malkitteln, Farben, Wassergläsern usw. beim Aquarellmalen. Oder Arbeitsblätter. Zum Glück helfen die beiden Integrationskräfte sehr tatkräftig mit und wir drei sind inzwischen ein eingespieltes Team.

Ich überlege mir zudem meist einen kleinen Arbeitsauftrag für`s Warten, aber nicht immer funktioniert es, dass alle gleichermaßen bei der Sache und eben bei sich bleiben. Man hat sich ja auch noch immer viel zu erzählen… Am einfachsten ist es, wenn morgens die Instrumente kommen. Dann heißt es: Jeder darf leise seine Klänge ausprobieren und wir lauschen gemeinsam. Dadurch, dass jedes Kind einen Klang – seinen Klang – bekommt, entspannt sich Vieles.

Wir schauen auf das, was wir dürfen!

Ich bin sehr bemüht darum, einerseits auf die Einhaltung der Regeln gründlich zu achten, andererseits mich und die Kinder aber nicht auf die Verbote, sondern darauf zu fokussieren, was wir noch alles Schönes machen können – und das ist zum Glück gar nicht so wenig.

Positiv bleiben – in der Schule und zu Hause.

Mindestens 10 schöne Dinge im Fokus

  • Wir können endlich wieder alle zusammen sein
  • Wir malen viele schöne Bilder
  • Wir erzählen uns täglich von unseren Erlebnissen und hören Geschichten
  • Wir spielen und lauschen jeden Tag wundervollen Klanginstrumenten
  • Wenn wir draußen Spielturnen haben, können wir im großen Kreis schöne Laufspiele machen, Seilchen springen, eine Yogazeit haben oder Hinkelspiele spielen
  • Wir handwerke(l)n so Einiges
  • Viele Kinder frühstücken auch gern im Freien
  • Auch an unserem Platz können wir zumindest kleinere Bewegungen machen: Fuß- und Fingerspiele oder Rhythmusübungen
  • Wir lachen auch jeden Tag miteinander, das ist sowieso das Beste 🙂
  • Überhaupt erleben wir uns als Gemeinschaft und nehmen Anteil aneinander

Positiv und authentisch bleiben

So hoffe ich sehr, dass wir diese positive Grundstimmung erhalten können und ich bin mir sicher, die Kinder haben ohnehin längst verstanden, dass diese neuen strengen Regeln nicht auf meinem Mist gewachsen sind. Es steht ihnen nicht plötzlich Lehrerin Oberstreng gegenüber, sondern noch immer ihre Lehrerin, in der gewohnten und vertrauten Beziehung, mit aufrichtigem Interesse an ihnen.

So möchte ich es schaffen, die drei Urbedürfnisse weiterhin im Mittelpunkt meiner Arbeit zu haben – und nicht die Coronaregeln von außen.

Der erste Schultag…

So schnell vergehen Sommerferien. Das neue Schuljahr begann für uns Lehrer*innen mit vielen Dingen, die beachtet werden mussten: Nachdem NRW vor den Ferien ja vorgeprescht ist mit zahlreichen Lockerungen, sind wir nun das Bundesland mit den schärfsten Coronaregeln an Schulen. Es gibt daher ein überarbeitetes Hygienekonzept mit vielen neuen Kleinigkeiten im Unterrichtsablauf, Einschränkungen von Unterrichtsaktivitäten wie Singen, chorisch Sprechen und Flöten oder dem bewegten Klassenzimmer. Das hat weite Einschnitte in die waldorfüblichen Abläufe und verlangt viel Kreativität.

Hauptsache positiv denken 🙂

Ich kann für meinen Fall nur sagen, ich war zwar sehr angespannt, ob ich auch an alles denke. Gleichzeitig habe ich mich aber auch unheimlich darauf gefreut, nach 5 (!) Monaten meine Klasse wieder als ganze, gemeinschaftliche Gruppe in Empfang nehmen zu dürfen. Und diese Freude überwog eindeutig – auch bei den Kindern. Ich hatte auch das Gefühl, dass die Kinder heute sehr gerne kamen und die Eltern ihnen mit auf den Weg gegeben hatten: Es wird ein schöner Tag. Und so spiegelte die Atmosphäre wider: Hier besteht eine sehr vertrauensvolle Basis, auf allen Seiten. Wie so etwas beflügelt! Gerade in Zeiten wie diesen.

Die Eröffnungsgeschichte

Ich hatte zum Einstimmen auf das neue Schuljahr eine Geschichte geschrieben, die zu dem passt, was in den nächsten Monaten auf die Kinder zukommt: 3. Klasse Waldorfschule, das heißt in besonderem Maße wachsen, sich entwickeln und die Dinge in die Hand nehmen. Lebenspraktisch werden. Einen Acker bestellen, ein Bauprojekt angehen, Handwerksberufe erleben. Rechnen, messen, wiegen, planen, gestalten, beobachten, beschreiben, erkennen.

Also ging es in meiner Geschichte darum, dass zwei Bauern einen schönen neuen Stall für ihre Tiere bauen möchten, dabei unterschiedliche Arbeitsweisen an den Tag legen und Erfahrungen sammeln. Die Geschichte könnt Ihr hier nachlesen.

Als ich die Geschichte vorlas, war es mucksmäuschenstill. Einer der wenigen Momente heute übrigens. Ansonsten hatte man sich natürlich viel zu erzählen und einigen fiel es schwer, sich daran zu erinnern, dass man bei der Arbeit auch einfach mal nur an die Arbeit denkt … Es sei ihnen verziehen, nach so langer Zeit der Trennung.

Die Dinge selbst in die Hand nehmen!

Für Kinder ist es wichtig – gerade in diesen Zeiten – selbstwirksam zu sein. Die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Und das ging heute schon damit los, dass jedes Kind seinen Stundenplan selbst aufgeschrieben hat. Wir haben besprochen, wie die Schultage in Zukunft aussehen werden und parallel dazu wurde schon mitgeschrieben. Die Klasse wird teilweise in zwei Gruppen unterrichtet, diese heißen in diesem Jahr übrigens die Bäcker und die Müller.

Was war noch zu tun? Viel Organisatorisches: Elternpost entgegen nehmen und austeilen, neue Busfahrkarten wurden verteilt, Zeugnisunterschriften geprüft und was man noch so erledigen muss.

Die Geburtstagskinder der Ferien wurden beschenkt und schön besungen – nein, besummt, denn Singen ist ja verboten. Aber schön summen geht ja auch. Und dann war es endlich so weit: Der erste Epochenunterricht der 3. Klasse stand an.

Die erste Epoche des neuen Schuljahres

Wir begannen mit dem Alten Testament und der Schöpfungsgeschichte. Es ging los mit dem großen Gong, einem schönen Gedicht und der Frage, was denn übrig bleibt, wenn man alles wegdenkt, was der Mensch selbst erschaffen hat. War das ein schönes, lebendiges Unterrichtsgespräch! Wie schön es ist, dass die Kinder sich doch noch ganz leicht eine solche, ursprüngliche Welt vorstellen können und dabei auch die kleinsten Tiere zu Wasser und zu Lande, den Wind, den Mond und selbst die kleinsten Kräuter nicht vergessen.

Anschließend habe ich vom Urbeginn erzählt und die Kinder haben passende Klänge gefunden. Als Gott die Welt noch in seinem Herzen und das Wort in seinen Gedanken trug, wurde die Herzklangschale gespielt. Die Engelsklänge der göttlichen Welt wurden von den Kindern eindeutig im Koshi-Klangspiel erkannt. Die Finsternis über der Urflut war im Gong zu erlauschen. Immer wieder haben die Kinder den Klängen im Nachgang der Geschichte gelauscht und durften auch am Platz das eine oder andere Instrument selbst spielen (natürlich mit Handdesinfektion vorab).

Morgen geht es weiter

Morgen wird weiter geklungen, gelauscht, erzählt und der Anfang der Welt aquarelliert. Viel Kunst, viel Seelennahrung, so soll es sein. Ein Mädchen fragte am Ende der Stunde noch mehrmals, ob ich nicht heute schon noch mehr erzählen könne. Es ist schön, wenn es passt.

Für morgen bin ich noch entspannter. Als ich die Kinder heute verabschiedet habe, fiel eine große Last von mir ab. Doch, es hat gut geklappt! Die Kinder haben sich auch bei aller Wiedersehensfreude ganz viel Mühe gegeben, alles richtig zu machen. Vom fröhlichen Wiedersehen, über die vielen Organisationsdinge bis zum Unterrichtseinstieg war es ein guter Neustart. Es wird. Nein, es wird gut!