Eine besondere Epoche in der Planung

Eines meiner liebsten Blogthemen ist immer wieder, dass der Waldorflehrplan besondere Epochen für besondere kindliche Entwicklungsschritte bereithält. Es begeistert mich sehr, wie wir die Kinder dadurch unterstützen und begleiten können. Eine dieser ganz besonderen Epochen steht für meine Klasse auch in Kürze wieder an. Diesmal ist es das Thema „Hausbau“.

Vom groben Plan….

Ich habe diese Epoche im Kopf. Ich weiß, warum ich sie unterrichte. Und ich weiß, wie ich sie für meine Klasse umsetzen werde. Seit Monaten freue ich mich sehr darauf. Doch diese Epoche ist nur für Präsenzunterricht geeignet, ich brauche die Kinder vor Ort dazu.

Es war und ist ein Zittern und Bangen. Noch vor gut 3 Wochen lag der Corona-Inzidenzwert am Schulstandort bei über 300, besonders in den letzten Tagen ist er aber rapide gefallen. Und damit kann ich endlich weiter planen: Unsere Hausbau-Epoche ist zum Greifen nah.

…zur genauen Ausarbeitung

Klar ist: Es wird Unterricht im Wechselmodell, also jedes Kind hat im täglichen Wechsel Präsenz- und Distanzunterricht. Das muss ich berücksichtigen.

Ich vertiefe für mich noch einmal ganz gründlich den pädagogischen Hintergrund, den Wendepunkt im Leben eines Kindes im 9. Lebensjahr: Der Umzug im „eigenen Haus“, ein inneres „Umgestalten“ vollzieht sich beim Kind: Körperlich, seelisch und geistig. Ich denke intensiv an jedes einzelne Kind und sehe es vor mir (wunderbarer Nebeneffekt: Bei dieser Übung schneien wieder neue Zeugnissprüche rein).

Ich plane, wie wir gemeinsam künstlerisch herangehen können und suche einen schönen Spruch, den wir zusammen sprechen können. Leider dürfen wir ja nicht singen und flöten. Ein Spiel für den rhythmischen Teil, zum gemeinsamen Einstimmen, das suche ich auch.

Inhaltlich geht es um die Gewerke des Hausbaus. Hier wird gelesen, geschrieben, gezeichnet. Die Dokumentation wird eher im Homeschooling stattfinden, nach erster Anleitung in der Schule.

Jedes Kind soll vor Ort in der Schule den individuellen Raum bekommen, sein persönliches Traumhaus zu planen und in der Klasse als Modell zu bauen. Hier sind der Kreativität und Schaffensfreude keine Grenzen gesetzt, eine großes Gefühl von Selbstwirksamkeit – in der aktuellen Lage so unendlich wichtig. Und es ist wichtig, dass diese Häuser in der Schule gebaut werden. Denn die Kinder sollen sich auch untereinander im Tun wahrnehmen.

Und in Gemeinschaft schaffen wir auch noch etwas für die Schulgemeinschaft: Im Schulgarten gibt es eine gemeinsame Bauzeit. Hier zählt jede helfende Hand. Wir wollen zusammen ein Hühnergehege bauen, vor unserem Lehmofen eine kleine Fläche pflastern und außerdem einen schönen Festplatz herrichten. Gemeinschaftsgefühl – der zweite große Mangel der letzten Zeit.

Jetzt heißt es: Daumen drücken!

Ehrlich gesagt, ich hatte in letzter Zeit so oft das Gefühl, dass besonders die schönen Seiten meines Berufs so derart ausgebremst werden. Ich habe wirklich sehr darauf gewartet, dass es endlich vor Ort weitergehen kann mit den Kindern. Jetzt ist der Schuljahresendspurt vor Ort zum Greifen nah. Mit der ersehnten Epoche.

Ich werde berichten.

Hinweis: Auf dem Bild ist die Zeitschrift „Vorhang Auf“ zum Thema „Hausbau zu sehen. Dies ist eine unaufgeforderte und unbezahlte Werbung, da Empfehlung. Ich habe das Heft selbst gekauft.

Und wieder ein neues Lernpaket

Wir müssen weiter zu Hause bleiben. Der Abstand zur Schule wird immer größer, das Lernen zu Hause, ohne die Gemeinschaft, immer eintöniger. Jedes neue Lernpaket ist für die Kinder eine willkommene Abwechslung, hat auch für mich seine eigenen Herausforderungen: Die Verbundenheit zwischen den Kindern, der Schule und mir erhalten, die Herzen erreichen, dazu Lernfortschritte ermöglichen.

Diese Woche war `s wieder schwer

Diese Woche lief wieder dieses schräge Parallelprogramm: Die letzten Epochentage im Fach Mathematik mussten in Distanz an die Kinder herangetragen werden, gleichzeitig liefen die Vorbereitungen für das neue Lernpaket. Und das ist eine große Herausforderung und ziemlicher Kraftakt. Auch wenn das vielleicht von außen betrachtet nicht so erkennbar ist.

Ich muss mich vorab selbst irgendwie auf die neue Epoche einstimmen und mich innerlich mit ihr und den Kindern dabei verbinden. Das große Ziel ist es, die Kinder in der Ferne Kinder zu erreichen, ohne eben unmittelbar ihre Reaktionen dabei mitzubekommen. Und das für jeden einzelnen vor uns liegenden Unterrichtstag, für alle Kinder der Klasse. Jetzt schon. Während noch die letzten Tage der Vorgängerepoche laufen. Denn das Material muss ja nicht nur erstellt werden, sondern auch rechtzeitig beim Kind ankommen. Das ist also auf vielen Ebenen schon recht anstrengend und natürlich durch eine gewisse Ungewissheit, die einen dauerhaft begleitet und nicht planbar ist, auch nicht so richtig zufriedenstellend.

Formenzeichnen in Distanz – das neue Lernpaket

Gerade Formenzeichnen lebt vom gemeinsamen Tun, ist als Unterrichtsfach anspruchsvoll, dabei aber nicht intellektuell. Hier habe ich bereits darüber berichtet. Die Formen sollen bei den Kindern als Geste ankommen. Sie wirken weit im Seelischen. Das ist eine große Hürde, die man im Distanzunterricht nehmen muss.

Ich habe daher den Kindern auf einer Übersicht viele ihnen bekannte Wege aufgezeigt, sich sinnlich und bewegend mit den gegebenen Formen auseinanderzusetzen. Da jedes Kind einen anderen Zugang findet und andere Gegebenheiten zu Hause hat, darf jeden Tag aus einer langen Reihe von Ideen gewählt werden, wie man an die jeweilige Form des Tages herangehen will.

Im Paket befinden sich daher auch: Ein von den Kindern in der Handwerkerepoche selbst gesponnener Faden, von mir hergestellter kinetischer Sand, der nach unserem „Goldtröpfchen“ duftet (zum Rezept) und zwei Stückchen Kreide, um Formen in Groß aufzumalen, z.B. auf die Hauseinfahrt oder den Hauseingang (auf groß gemalte Formen kann man balancieren oder hinkeln).

Außerdem ist ein kleines Geheimnis enthalten, eine Muttertagsbastelei. Basteln für den Muttertag ist in der Schule immer sehr beliebt, kleine Geschenke herzustellen, ist generell ein Highlight. Die Kinder machen ihren Eltern so gern eine Freude. Das fällt dann wenigstens nicht ganz aus – und die Mütter sind meist so eingebunden ins Homeschooling, dass eine kleine Aufmerksamkeit auf jeden Fall auch ganz wichtig ist.

Manchmal ist Präsenz durch nichts zu ersetzen

So sieht`s aus. Kopfthemen lassen sich im Großen und Ganzen recht gut aus der Distanz unterrichten. Herzthemen sind schon schon etwas schwieriger und brauchen viel Feingefühl – und das gemeinsame Handanlegen ist nicht zu ersetzen. Die Hausbauepoche, das Erfassen von Maßen und Gewichten – das fällt aus bis zur nächsten Präsenzphase, die hoffentlich bald möglich ist. Und dann wird jeder Schultag erst einmal ein kleines Fest…

Doch bis dahin gilt es, mit allen Familien in gutem Kontakt zu bleiben und gemeinsam diese schwierige Zeit zu überstehen.

Darum das Alte Testament als Erzählstoff in Klasse 3

Nach getaner Arbeit dürfen die Kinder zum Ende des Epochenunterrichts einmal ganz in Ruhe in den Erzählteil eintauchen. Der Erzählteil bringt Entspannung und sorgt als „Seelennahrung“ für innere Bilder. Zum altersgerechten Erzählstoff in Klasse 3 gehören die Geschichten des Alten Testaments.

Der sprachliche Aspekt des Erzählteils

Zunächst einmal möchte ich generell beschreiben, welcher sprachlicher Reichtum von den alten Erzählungen ausgehen: Ob Märchen, Fabeln, Altes Testament oder nordische Mythologie – die überlieferten Geschichten lassen die Kinder mit alten, ganz besonderen Sprachschätzen in Berührung kommen. Dabei wird nicht nur der Wortschatz erweitert, sondern das Erleben „schöner Sprache“ wirkt wohltuend im Seelischen und schafft auch in gewisser Weise eine Brücke in die Welt der Fantasie.

Erzählstoff braucht kein Lernziel zu erfüllen

Der Erzählteil trägt zwar auch Allgemeinwissen an die Kinder heran. Unumstritten gehören Märchen oder das alte Testament zur Allgemeinbildung, keine Frage. Doch es geht bei der Wahl des Erzählstoffes weniger um ein Lernziel als darum, die Kinder mit inneren Bildern zu versorgen, die ihrem Entwicklungsalter entsprechen und auf der seelischen Ebene fördern.

Der Rubikon und der Erzählstoff in Klasse 3

Um das 9. Lebensjahr herum vollziehen Kinder einen großen Entwicklungsschritt: Sie erleben sich erstmals nicht mehr als „Eins mit der Welt“, sondern nehmen bewusst eine „Um-Welt“ wahr. Die gewohnte „Mit-Welt“ gibt es nicht mehr, das Gefühlsleben ändert sich. Die Kinder können es nicht in Worte fassen, was da gerade mit ihnen passiert und doch kann es für ein kleines inneres Erdbeben sorgen: Es ist vergleichbar mit der „Rubikon“-Legende – von nun an gibt es kein Zurück mehr. Dieses neue Gefühl und die neu gewonnene Erkenntnis einer eigenen Grenze nach außen setzen oftmals große Kräfte und Tatendrang frei, lösen aber nicht selten auch ein Gefühl von Einsamkeit aus.

Mit diesem Entwicklungsschritt stellen die Kinder Fragen nach ihrer eigenen Herkunft, die der Menschen und der ganzen Welt. Mit den Geschichten aus dem Alten Testament, beginnend mit der Schöpfungsgeschichte, wird auf sehr feine Weise diese Gemütslage gespiegelt. Wie die Vertreibung aus dem Paradies wirkt der Rubikon. Der Mensch muss von nun an für sich selbst sorgen und lernt die Arbeit an der Erde kennen und lieben. Genau das greift der Waldorflehrplan auf. Mit dem Erzählstoff – der indirekt wirkt – fühlen sich die Kinder gesehen und verstanden.

Erzählteil auch im Homeschooling

Ich finde es gerade jetzt, während dieser langen Zeit des Distanzlernens, so wichtig, die Kinder auch mit dem passenden Erzählstoff zu erreichen. Daher gehört die Geschichte des Alten Testaments zum täglichen Homeschooling dazu.

Weiterer Erzählstoff

Ich erzähle nicht das ganze Schuljahr über die Geschichten des Alten Testaments, sondern lasse auch passende Lektüre der jüngeren Kinder- und Jugendliteratur einfließen. Astrid Lindgren bietet mit „Mio mein Mio“, „Die Brüder Löwenherz“ oder „Ronja Räubertochter“ ebenfalls wunderbare Rubikon-Lektüren. Auch Cornelia Funkes „Drachenreiter“, Uwe Timms „Zugmaus“ oder Michael Endes „Jim Knopf“ eigenen sich gut für das Alter – um nur einige zu nennen.

Buchempfehlung zum Alten Testament

Die folgenden Buchempfehlungen sind persönliche Empfehlungen, die ich hier unbeauftragt teile. Die genannten Bücher habe ich selbst gekauft.

„Das Alte Testament für Kinder“ – Verlag Urachhaus, dieses Buch ist mit wunderschönen, passenden Aquarellen gestaltet.

„Und es ward Licht“ (Jakob Streit) – Von der Weltenschöpfung zur Arche Noah (Verlag Freies Geistesleben)

„Ziehet hin ins Gelobte Land“ (Jakob Streit) – Der Weg des Volkes Israel von Abrahams Berufung bis zu Davids Traum (Verlag Freies Geistesleben)

Hörempfehlung

Auch mit Dustin habe ich in unserem Podcast „Kaffee, Kreide, Morgenspruch“ über den Ablauf eines Epochenunterrichtes gesprochen und dabei den Erzählteil etwas beleuchtet:

Hier der Link

Das Dezimalsystem zum Basteln und Be-greifen

Es ist eine einfach Bastelei mit großer Wirkung: Das Dezimalsystem wird mit Hilfe von Eisstielen gebastelt und dargestellt. Hier erfahrt Ihr, was zu beachten ist und bekommt die Vorlage als Download.

Hunderter – Zehner – Einer: Diese Grundlage braucht es

In der Stellenwerttafel stehen an jeder Stelle – bei den Einern, Zehnern und Hundertern – die Zahlen von 1 – 9. Ab „10“ erhält die nächst größere Stelle 1 dazu.

Es ist wichtig, dass den Kindern bewusst ist, welche Mengen hinter den dargestellten Zahlen stehen. Dazu habe ich monatelang mit Montessori- bzw. Dienesmaterial gearbeitet und die halbschriftlichen Rechenverfahren darstellend begleitet. Zehnerüberschreitung hieß dabei auch „Einwechseln“. Beispiel: 5 Einer + 6 Einer = 11 Einer –> 1 Zehner + 1 Einer

Der Übergang zum halbschriftlichen Rechnen

Mit der Eisstiel-Bastelei sollte nun der Übergang zum halbschriftlichen Rechenverfahren gelingen. So haben wir die Stiele, die den Stellenwert darstellen sollten, gestaltet:

  • Die Einer in der „Einerfarbe“ dargestellt, dazu das Punktsymbol der Einer
  • Die Zehner in der bekannten „Zehnerfarbe“ geschrieben, dazu das Strichsymbol der Zehner
  • Die Hunderter wiederum in der „Hunderterfarbe“ geschrieben, dazu das Quadrat als Hundertersymbol

Erste Schritte mit dem „Eisstielrechner“

Als Erstes wurden verschiedene Zahlen gesagt und dann dargestellt. Hier kam es darauf an, „Zahlendreher“ wie 46 statt 64 zu vermeiden und natürlich die Ziffern an den richtigen Stellen anzuzeigen (Hunderter, Zehner oder Einer).

Verwendung zur Überprüfung der Ergebnisse

So wie im halbschriftlichen Rechenverfahren schrittweise auf die Hunderter, Zehner und Einer geachtet wurde, so wurden diese je nach Aufgabe, Stelle für Stelle, auch auf dem „Eisstielrechner“ weitergeschoben. Hier war es mir wichtig, dass erst halbschriftlich gerechnet, dann mit den Eisstielen „überprüft“ wurde. So wurde die Verbindung zwischen den Mengen und den jeweiligen Stellenwerten hergestellt.

Aus der Überprüfung ergibt sich ein „Trick“

Im dritten Schritt haben sicherlich viele Kinder bald gemerkt, dass man mit der „Überprüfung“ wesentlich schneller rechnen konnte als mit der ausführlichen Dokumentation der Rechenschritte. Leider habe ich diesen Aha-Moment beim Distanzlernen nicht unmittelbar mitbekommen. Doch die Berichte aus den Familien zeigten, dass er stattgefunden hatte.

Aus diesem „Trick“ der Überprüfung entstand dann das schriftliche Rechnen. So konnte ich den Kindern zeigen, dass man die Zahlen der Aufgaben einfach stellengerecht untereinanderschreiben und verrechnen muss – so wie es mit den Eisstielen geschieht.

Erfreuliche Resonanz

Auf diesem Weg konnte ich selbst rechenschwache Kinder erreichen und den neuen Lernstoff aus der Distanz an sie heranführen. Ich freue mich so sehr darüber und deshalb möchte ich es hier teilen. Die Videoanleitung füge ich ein, ebenso die Schablone als Download.

Ich wünsche viel Freude und Erfolg mit der „Eisstielrechenmaschine“!

Montessori-Material: Immer 10 wollen miteinander gehen

Ein kleines Gedicht, das veranschaulichen soll: Einer machen kleine Schritte, Zehner schon etwas größere Sprünge und Hunderter kommen gut voran. Naja, beim Tausenderwürfel halten wir an – vorerst. In Klasse 4 warten dann die ganz großen Zahlen auf uns.

Es wanderten neun kleine Einer,
in Einerschritten durch den Wald.
Doch mit dem 10. wurde es heiter,
in Zehnersprüngen hüpften sie weiter.

Die Zehnerstange sprang flugs voran
und traf den nächsten Zehner bald.
Bald hüpften gleichsam neun der Stangen
gemeinsam durch den schönen Wald.

Kam ein zehnter Zehner und und wusste Rat:
„Besser voran kommen wir als Quadrat.“
Ein Hunderter ist 10 mal 10,
so wollen wir zusammen gehen.

Und auch die Hundert wurden mehr,
das freute alle Wanderer sehr.
Am Ende kamen die Hunderter an
und dann waren sie bald wieder 10.
Die blieben dann ganz fest zusammen
als Tausenderwürfel stehen.

Ein Würfel? Nicht, dass Ihr Euch wundert:
Tausend, das sind 10 mal 100.
Mit ihnen endet die Wanderung hier
und weiter geht`s in Klasse 4!

N.Mescher

10 Einer, das sind 10.
10 Zehner, das sind 100.
10 Hunderter sind 1000.

Hier noch einmal ein Blogartikel zu dem Montessorimaterial, mit Download.


Das Epochenheft, ein Schatz der Schulzeit

Ich habe heute via Instagram eine Nachricht bekommen mit der Frage, was es eigentlich genau mit dem Epochenheft auf sich hat. Gute Frage! Und so wie ich es gerade wahrnehme, ein sehr aktuelles Thema. Denn leider hat sich die Idee des Epochenheftes im Homeschooling und beim Distanzlernen immer weiter Richtung „Arbeitsheft“ verschoben. Das beobachte nicht nur ich. Also ein guter Zeitpunkt, einmal genau auf das Epochenheft zu schauen.

Liebevoll mit der Arbeit verbunden: Jedes Epochenheft wird ein kleines Meisterwerk!
Hier ist ein Kind meiner Familie bei der Arbeit.

Hefte gibt es viele

Na klar, an jeder Schule gibt es viele verschiedene Hefte. Das Epochenheft scheint mir aber eine Spezialität der Waldorfschule zu sein.

Arbeitsheft, Vorschreibheft & Co.

Diese Hefte kennen wir wohl alle. Wenn geübt wird, wenn vorformuliert wird, wenn notiert wird. Dann werden oft Hefte mit Linien und Kästchen verwendet, die reihenweise vollgeschrieben werden. Dort stehen die Übungsaufgaben. Hier ist der Ort, um Inhalte vorzubereiten, Lernstoff zu festigen, zu rechnen, Schriften auszuprobieren usw.

Das Epochenheft als Nachschlagewerk

Anders als an Regelschulen, gibt es zu den Unterrichtsepochen des Klassenlehrers meist kein Lehrbuch, an dem sich die Kinder orientieren – sie schreiben es nämlich selbst und das ist das Epochenheft. Somit ist ein vollständiges Epochenheft ein gelungenes Nachschlagewerk, das über den Zeitraum der Epoche zusehends wächst und die Inhalte der Epoche ordentlich dokumentiert.

Aufbau des Epochenheftes

Das Epochenheft beginnt mit einem Inhaltsverzeichnis. Daher wird die erste Seite meistens freigelassen. Alle weiteren Seiten werden nummeriert. Es entstehen Kapitel und Unterkapitel. Die Beiträge des Epochenheftes bekommen auch ein entsprechendes „Layout“ aus Überschrift, Text – gegebenenfalls mit Zwischenüberschriften – und Bildern, am besten selbst gezeichnet.

Am Ende der Epoche werden dann die Kapitel und Unterkapitel im Inhaltsverzeichnis zusammengetragen – und fertig ist das Nachschlagewerk der Epoche, die Kinder haben ihr eigenes Lehrbuch geschrieben.

Von der weißen Seite zum „Layout“

Die meisten Epochenhefte bestehen aus weißen, unlinierten Seiten. Die Kinder lernen, diese zu strukturieren. So wird meist mit dem Wachsblöckchen zunächst ein Rähmchen gezogen, um nicht zu weit auf den Rand zu schreiben (Orientierung auf der Seite). Schon früh arbeiten die Kinder auch mit Linienblättern. Sorgfalt ist oberstes Gebot.

Meist gehört zu jedem Text ein Bild, das gezeichnet oder gemalt werden muss. Die künstlerische Arbeit wirkt dabei im Seelischen, die Kinder verbinden sich weit mit dem Lernstoff.

Das sorgfältige Arbeiten mit Liebe zum Detail ist mehr als bloßes Niederschreiben und Einkleben. Es ist eine vielseitige, gründliche Arbeit. Das Epochenheft erfährt dadurch eine hohe Wertschätzung.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Lose Blätter soll es nicht geben. Hat man etwas abgeschrieben und braucht die Vorlage nicht mehr, so kann die Vorlage aussortiert werden. Gehört ein Arbeitsblatt, Foto etc. ins Heft, so wird es an passender Stelle eingeklebt. Ist es zu groß, schneidet oder faltet man es ordentlich zurecht. Übersichtlichkeit ist wichtig, um sich in dem Nachschlagewerk auch später noch zurechtzufinden.

Verschiedene Arbeitsmaterialien geben Struktur

Bei mir in Klasse 3 sind für eine ordentliche Heftführung und -gestaltung inzwischen im Einsatz:

  • Wachsblöckchen für die Rähmchen der Seiten
  • Wachsmalstifte für Bilder, die Geschichten oder Erlebnisse widerspiegeln
  • Bleistift und Buntstifte für exakte Zeichnungen
  • Linienblatt zum Schreiben
  • Füller zum Schreiben
  • Lineal, um die Überschrift oder andere wichtige Textstellen zu unterstreichen, ggf. etwas durchzustreichen.
  • Kleber, um evt. auch einmal etwas einzukleben.

Der sichere Umgang mit den verschiedenen Materialien ist schon ein ziemliches „Management“, das von Anfang an angelegt und geübt werden muss. Letztendlich lernen die Kinder nicht nur den Umgang und Einsatz der Arbeitsmaterialien, sondern kommen auch von einer leeren, weißen Seite zu einem übersichtlich strukturierten Heftbeitrag in Wort und Bild.

Struktur auch für andere Bereiche

Eine Heftseite zu strukturieren und die Arbeitsmittel passend einzusetzen, ist auch auf andere Bereiche übertragbar: Es geht schließlich immer darum, die Dinge und Themen für sich zu ergreifen, indem man sie eingrenzt und einteilt (nicht nur physisch), also erst überlegt, dann planvoll umsetzt.

Durchhalten üben

Oftmals ist das leere Heft, der Beginn einer Epoche, ein wahrer Neustart. Die Kinder nehmen sich meist vor, dass dieses Heft das Schönste aller Zeiten wird. Ihr bestes Heft überhaupt. Ist das Heft dann nicht mehr so neu, lässt der Elan schonmal nach. Doch das Durchhalten zahlt sich aus: Ein gelungenes, vollständiges Nachschlagewerk ist schon eine kleine Trophäe.

Der besondere Wert

Es ist nicht nur der Erinnerungswert und die „Trophäe“, das eigene Nachschlagewerk geschaffen zu haben. Ich glaube, es ist im Gegensatz zu einem reinen „Arbeitsheft“, wie ich es zu Beginn dieses Artikels beschrieben habe, ein kleines Meisterwerk für sich.

Ein Epochenheft wird auch aufbewahrt wie ein kleiner Schatz, die Arbeits- und Vorschreibhefte meistens nicht. Da ich nun selbst schon größere Kinder habe, ist eine „Schulzeitreise“ anhand der Epochenhefte eine so wundervolle Erinnerung und Dokumentation von Lernfortschritten, für die ich sehr dankbar bin. Auch die Kinder können sehen, was sie schon alles gelernt und geschafft haben.

Das habe ich gelernt! Bilanz des Schuljahres

Ich sammle die Epochenhefte meiner Klasse über das gesamte Schuljahr hinweg. Am Ende des Schuljahres bekommen die Familien dann eine große Mappe mit allen gesammelten Epochenheften. So kann man am Schuljahresende darin schwelgen, sich in einem Jahresrückblick erinnern – und genau sehen, was sich von Beginn bis Ende eines Schuljahres so alles entwickelt hat. Eine wirklich schöne Erinnerung, ein lebendiges Erleben des Lernens und Erinnerungen fürs Leben.

Die Qualität der Wortarten durch Fantasie erleben

In Klasse 3 werden die drei Wortarten Nomen (Namenwort), Verb (Tuwort) und Adjektiv (Wiewort/Eigenschaftswort) erstmals ins Bewusstsein der Kinder gehoben.

Mit dem Sprachenlernen hat das Kind sich die Logik, die in solchen Sprachen steckt, einverleibt. Sie bleibt ihm jedoch genau so unbewusst wie das füllige Spracherleben, das gerade eine bestimmte Mundart in ihm hervorruft. Nun gilt es, im Unterricht Spracherleben, Sprachlogik und Bewusstmachung beider in der richtigen Weise miteinander ins Spiel zu bringen.

Erika Dühnfort (Die Sprache als Kunstwerk, Verlag Freies Geistesleben)

Ich habe als Kind im Fach Deutsch große Schwierigkeiten mit dem Grammatikunterricht am Gymnasium gehabt, weil mir die Bewusstmachung der mir längst „einverleibten“ Logik quasi von oben mit Definitionen übergestulpt wurde. Dadurch konnte ich es nicht selbst ins Bewusstsein heben. Von daher ist es mir heute ein besonderes Anliegen, dass dies den Kindern meiner Klasse gelingt und sie darüber einen ersten Zugang zur Grammatik bekommen.

Auch dies geschieht bei mir im Unterricht mit einer kleinen Fantasiereise, die an drei aufeinander folgenden Tagen erzählt wird. Hierbei wird die Qualität der Wortarten zunächst durch das Gefühl berührt, das die inneren Bilder bei den Kindern auslösen. Später kann man dann mit ihnen darüber sprechen, wie sie die kleine Fantasiereise erlebt haben. Es ist erstaunlich, wie die Kinder berichten!

So funktioniert es: Man denkt sich eine Szene aus, am besten mit Tieren, da dies die Kinder sehr anspricht und berührt. Am ersten Tag wird diese durch Nomen beschrieben. Die Kinder empfinden eine Art Gegenüber. Die Szene füllt sich mit Dingen.

Am zweiten Tag kommen die Adjektive zu der nun schon bekannten Szene hinzu. Dadurch passiert etwas vor dem inneren Auge. Die hinzu gekommenen Eigenschaften verändern die Vorstellung, die die Kinder bisher von dem Nomen hatten und auch das macht innerlich etwas mit den Kindern.

Im dritten Schritt kommen die Verben zu den Nomen. Die Kinder sind so sehr mit ihrer Vorstellung verbunden, dass sie die Bewegung, die die Verben in die Szene bringen, innerlich mitgehen und diese wiederum erleben.

Hier drei Beispieltexte:

Direkt nach dieser kleinen Fantasiereise sollte man diese erst wirken und nachwirken lassen. Später kann man die Kinder fragen, ob sie einen Unterschied bei den Wörtern gespürt haben und dann über ein Gespräch dieser Sache auf den Grund gehen.

Im rückschauenden Gespräch kann man auch zur weiteren Verdeutlichung erst eine Reihe von Tieren nennen, die sehr unterschiedlich sind, klein wie groß: Elefant, Ameise, Flamingo, Biene, Löwe, Schmetterling. Diese erscheinen dann hintereinander vor dem inneren Auge, was den Kindern fast wie ein Zauber vorkommt. Für die Adjektive kann man sich dann ein Tier heraussuchen und ihm auch Adjektive geben, die sehr unterschiedlich sind: Der blaue Elefant, der graue Elefant, der riesige Elefant, der winzige Elefant. So spüren die Kinder, wie sich der Elefant vor dem inneren Auge verändert. Danach: Der Elefant badet, der Elefant frisst, der Elefant läuft, der Elefant freut sich, der Elefant sucht etwas…. Hier wird die Handlung wiederum innerlich vollzogen, eine Verbindung hergestellt zu dem zuvor eher abseits stehenden Nomen.

So haben wir die Wortarten erlebt und es braucht Zeit. Allmählich erst entsteht eine Ausdifferenzierung, die sich dann genau benennen lässt. Am Ende hat es die Grammatik vom Unbewussten ins Bewusste geschafft:

Grammatik bringt man nicht bei. Man hebt sie hervor!

Thema „Unser Geld“ in Klasse 3

Die Kinder durchleben im Laufe des 3. Schuljahres einen großen Entwicklungsschritt, bildlich als „Rubikon“ bezeichnet (mehr dazu hier). Dabei geht es einen großen Schritt nach vorn in die Welt. Dies löst oft auch innerlich eine große Gefühlskrise aus, der man besonders mit lebenspraktischen Dingen begegnen sollte. Alles, was ins selbständige Leben, ins Leben der Großen führt, weckt nun besonderes Interesse. Das Gefühl, die Welt mehr und mehr zu verstehen, ist für die Kinder in diesem Alter sehr beflügelnd. So ist auch das Thema „Umgang mit Geld“ ein echter Klassiker. Genau dieses Thema beginnt jetzt in meiner 3. Klasse. Und hier möchte ich einmal zeigen, wie ich es greife. Mir ist es sehr wichtig, dass es nicht zu materialistisch behandelt wird.

Vorbereitung: Wir brauchen eine Aufbewahrung

Die Kinder bekommen „Rechengeld“ und das sollte – ebenso, wie echtes Geld – gut aufbewahrt werden, damit es nicht verloren gehen kann. Ich habe daher die Kinder gebeten, ein altes Portemonaie auszurangieren, einen Umschlag zu falten oder sogar ein neues Portemonaie zu basteln. Als Anregung gab es die Upcycling Idee. Mir war es zum Einstieg in diese Epoche – auch im Sinne eines Nachhaltigkeitsgedankens – wichtig, dass man eben nicht alles gleich kaufen muss, was man gerade an materiellen Dingen braucht. Oftmals gibt es Second Hand oder eben die Möglichkeit des Upcyclings. Das Thema „Wir brauchen eine Aufbewahrung“ diente daher nicht nur der Vorbereitung zur Sorgfalt mit dem Material, sondern auch indirekt der Erfahrung, dass man gar nicht alles neu kaufen muss (wir Waldörfler arbeiten gern indirekt, weil es das Herz eher berührt).

Unser Geld allgemein

Welches 8- oder 9-jährige Kinder hat schon einmal alle Geldscheine aus nächster Nähe gesehen? Die Münzen und Scheine also zunächst genau betrachtet, auch gemalt und in diesem Zuge zunächst auch verschiedene Geldbeträge gelegt, vom Cent zum Euro. Wie sind Preisschilder zu lesen? Wieviel Cent sind 5 Euro usw. Dies führt dann zu Sachaufgaben: Wieviel muss ich bezahlen? Wofür reicht das Geld? Wieviel Wechselgeld bekomme ich zurück?

Weitere Schreibanlässe

Inhaltlich folgen auch Anregungen wie: Geld stellt nicht nur meine Versorgung sicher, sondern kann auch Gutes tun- was bedeutet „spenden“, Umgang mit Taschengeld und – besonders wichtig – Dinge, die man für kein Geld der Welt kaufen kann. Auch deshalb gibt es parallel als kleine Achtsamkeitsübung das Miniheft für die Woche voller kleiner Glücksmomente.

Dieses Thema wird im Präsenzunterricht vertieft und abgeschlossen. Ob es nach dem Lockdown-Ende am 14.2. schon geschehen kann, bleibt abzuwarten.