Praktisches Lernen und Entwicklungsschritte meistern – das ist die Hausbauepoche in Klasse 3

Dieser Artikel enthält auch Inspirationen für Nicht-Waldorffamilien! Bitte bis zum Ende lesen. Wisst ihr, was gerade an Waldorfschulen passiert? Nach Ostern bauen die meisten Kinder der dritten Klasse Häuser. Zum Ende eines Schuljahres, das von einem großen Entwicklungsschritt geprägt war, fließt zusammen, was zuvor gemeinsam erlernt wurde und ein großer Schritt ins echte Leben ist.

Angefangen bei der Schöpfungsgeschichte. Dann: Wie man mit Maßen, Gewichten und Geld rechnet, wie man sorgfältig plant und zeichnet – und dann sowohl die Vorstellung von einem eigenen Häuschen, als auch ein gemeinsames Bauprojekt mit der ganzen Klasse auf die Beine stellt. Das alles mit einer Hingabe, die ich jedes Mal aufs Neue liebe.

Hier die Erinnerung an die Hausbau-Epoche meiner (jetzt 8.) Klasse.

Hausbauepoche. Allein das Wort macht mir Freude.

Ich erinnere mich so gern daran: Die Hausbauepoche meiner 3. Klasse. Die Kinder – so tatkräftig, konzentriert und ernsthaft bei der Sache. Da wurde gemessen und gezeichnet, da wurden Grundrisse entwickelt, Fachwerk skizziert, Dachstühle konstruiert. Und plötzlich war Mathematik kein abstraktes Fach mehr, sondern etwas, das ein Zuhause bauen kann. Und mehr.

Was mich an der Hausbauepoche immer wieder so berührt: Sie greift etwas ganz Tiefes auf, das wiederum mit dem großen Entwicklungsschritt („Rubikon“) von der Mit-Welt hin zur Um-Welt zusammenhängt. Das Ur-Bedürfnis des Menschen, sich einen Platz in der Welt zu schaffen. Einen Raum, der schützt. Einen Ort, der Sicherheit bedeutet. Die Kinder spüren das – auch wenn sie es vielleicht nicht in Worte fassen können. Aber schaut man ihnen beim Bau ihrer kleinen Häuser zu, sieht man es in ihren Gesichtern.

Noch mehr Hintergrundwissen und -fühlen

Wenn du verstehen möchtest, warum gerade diese Epoche in dieser Klasse kommt, warum der Waldorflehrplan so aufgebaut ist:

In meinem Buch „Waldorf inside“ nehme ich dich mit hinter die Kulissen. Nicht nur theoretisch, sondern als ehrlicher, lebensnaher Einblick in das, was diese Pädagogik im Kern ausmacht. Was sie kann. Was sie bewegt. Warum ich auch nach über 15 Jahren und mit Blick auf meine eigenen (inzwischen erwachsenen) Kindern dankbar bin, einen Zugang zu dieser Pädagogik gefunden zu haben. Bestellen beim Verlag  Bestellen bei Thalia Bestellen bei Amazon

Oder ein eigenes Hausbau-Projekt bei dir zu Hause

Weil Hausbauepoche ansteckend ist 🙂 Man kennt es: Die Kinder kommen nach Hause – und wollen weiter bauen. Richtig bauen. Genau das richtige Buch dafür ist „Wir bauen jetzt ein Haus“ – ein wunderbar handfestes Kinderbuch, das den Bauprozess lebendig und begreifbar macht. Perfekt für alle kleinen (und großen) Baumeister! Bestellen bei Thalia, Bestellen bei Amazon.

Und für die ganz Ambitionierten: Ein echtes Klettergerüst im Garten!

Jetzt kommt mein absoluter Geheimtipp für alle Familien mit Garten und Kindern, die echte kleine Macher sind (diese Entdeckung ließ mich übrigens erst diesen Blogartikel neu schreiben):

Ein echter Zimmermann zeigt euch Schritt für Schritt, wie ihr euer eigenes Klettergerüst mit Stelzenhaus baut. Dies ist eine professionelle, bewährte Anleitung. Verständlich aufbereitet, sodass es wirklich gelingt. Holz, Hammer, Herz und am Ende ein Abenteuerparadies, das eure Kinder den ganzen Sommer beschäftigt hält. Und zu dem sie sagen können: Das haben WIR selbst gebaut. Wenn ihr mich fragt: Das ist das Schönste, was ihr nach einer Hausbauepoche gemeinsam tun könnt.

Handwerk und künstlerisches Schaffen im zweiten Jahrsiebt

Im Rahmen unserer Themenreihe „Das zweite Jahrsiebt“ ist dieser Gastbeitrag über die künstlerischen Fächer an der Waldorfschule entstanden. Die Autorinnen sind Wiebke Vos (Text) und Felicitas Bannatz (Bilder).

Freude am Leben, Liebe zum Dasein, Kraft zur Arbeit, alles das erwächst für das ganze Leben aus der Pflege des Schönheits- und Kunstsinnes. Und das Verhältnis von Mensch zu Mensch, wie wird es veredelt, verschönt durch diesen Sinn …

R. Steiner in „Die Erziehung des Kindes“

Mit diesem Zitat wird die Aufgabe, die in der Waldorfpädagogik den künstlerisch-praktischen Fächern zugeschrieben ist, ersichtlich.

Das handwerkliche und künstlerische Arbeiten hat an der Waldorfschule den gleichen Stellenwert wie Naturwissenschaften, Deutsch oder die Sprachen. Malen und Zeichnen findet in der Unterstufe während des Hauptunterrichtes statt, wird aber auch in anderen Fächern wie Religion immer wieder aufgegriffen.

Handarbeit

Ab der ersten Klasse gibt es auch Handarbeitsunterricht. Die Schüler:innen lernen dort das Häkeln, Stricken und Sticken. Sie erstellen kleine Figuren und praktische Dinge wie Flötenbeutel, Ballnetze uvm.

Die Arbeit mit den Händen schult die Feinmotorik. Gleichzeitig wirkt sie sich positiv auf die Konzentration aus. Gleichzeitig trägt es zu einer gesunden Entwicklung des Gehirns bei: Je geschickter sich die Finger bewegen, desto lebendiger entfalten sich die Gedanken. Gleichzeitig erleben die Schüler:innen, wie sie selbst etwas herstellen.

Werkunterricht in der Mittel- und Oberstufe

In der Mittelstufe kommt der Werkunterricht dazu. Dieser wird oft parallel zum Handarbeitsunterricht gegeben. Die Kinder machen die Erfahrung, dass sie sich auf die Gegebenheiten des Materials einstellen müssen. Der jeweilige Werkstoff setzt den Schüler:innen eigene „Grenzen“, wodurch die Lehrenden gar nicht korrigierend eingreifen müssen. Während am Werkstück gearbeitet wird, findet Selbsterziehung und Willensschulung statt.

Auch in der Oberstufe werden weiterhin praktische Fächer unterrichtet. Hierbei steht zum einen das Begreifen des Materials im Fokus. Mögliche Aktivitäten sind: Kupfer treiben, schreinern, plastizieren, steinmetzen, Weiden flechten, Wolle spinnen, weben, schneidern, zeichnen und malen, Kartonage, Buchbinden. Andererseits sollen die Arbeiten von anderen wertgeschätzt werden. Manche Schüler:innen finden dabei sogar ihr „Lieblingsmaterial“, das sie ihr weiteres Leben als Künstler:in begleiten wird.

Gartenbau

Der Gartenbauunterricht führt ab der Mittelstufe über mehrere Jahre in die unterschiedlichen Gartenarbeiten ein. Hierbei steht immer der Anbau unterschiedlicher Obst- und Gemüsesorten im Zentrum der Arbeiten sowie die zugehörige Pflege. Natürlich werden die Arbeiten im Jahreslauf fortgesetzt und schaffen somit ein besseres Bewusstsein für die Jahreszeiten.

Bei uns an der Schule, wie an vielen anderen auch, müssen zudem Tiere versorgt, gefüttert un gehütet werden. In diesem Unterricht werden die grob- und feinmotorischen Fähigkeiten wiederum geschult.

Die wesentlichen Soft Skills der praktischen Fächer

von N.Mescher

Handarbeit ab Klasse 1: Sinnesschulung, motorische Fähigkeiten, Selbstwirksamkeit

Werkunterricht: Willensschulung und Sorgfalt. Die Arbeit am Werkstück muss stets planvoll und sorgsam geschehen. Fehler lassen sich kaum korrigieren – ist ein Stück Holz oder Stein abgeschlagen, ist der Werkstoff nicht mehr so, wie er vorher war.

Gartenbau: Alles zu seiner Zeit – Gartenplanung ist langfristig. Monatelang wird gepflegt, was reifen und Ernte bescheren soll. Ist Erntezeit, kann wiederum nicht aufgeschoben werden. Und auch der beste Garten ist der Natur und dem Wetter ausgeliefert.

Dies ist nur eine grobe Übersicht. Es werden noch viele weitere Fähigkeiten und Kompetenzen entwickelt!

Der neue Epochenplan ist fertig

Ein neues Schuljahr zu planen, ist jedes Jahr und immer wieder etwas ganz Besonderes. Das sind diese Momente, in denen man als Waldorflehrer:in die Freiheiten und Besonderheiten des Berufs besonders spürt, wie ich finde.

Die Epochen und der Lehrplan

In der Waldorfpädagogik geht es darum, die kindliche Entwicklung zu fördern und den Kindern Antworten auf ihre vielfältigen Fragen an die Welt zu geben. Es geht also nicht darum, dass etwas unterrichtet wird, sondern auch wie und vor allem wann (in welchem Entwicklungsalter ist es passend?) Deshalb sind bei uns manche Themen und Fächer früher (Bruchrechnung, Fremdsprachen) und andere später (Einsatz von Medien, bestimmte Sachthemen, Einsatz von Geometriedreieck und Zirkel) an der Reihe im Vergleich zum staatlichen Schulsystem – und mitunter auch im Vergleich zu anderen Klassen.

Nun zu meiner Klasse. Die neuen Fünftklässler:innen stehen mit beiden Beinen fest im Leben und möchten alles um sich herum näher erforschen, vertiefenden Fragen nachgehen und Zusammenhänge ergründen. Sie haben ihre erste große Entwicklungskrise voll und ganz überwunden und verbinden sich mit vielen Inhalten. Die Pubertät ist zwar nicht mehr weit, aber eben auch noch nicht mit großen Wachstums- und Hormonschüben angekommen.

Eine schöne Zeit, die eine Vielfalt an Themen bietet, die sowohl das Verhältnis von Mensch und Umwelt, als auch die Menschentwicklung abbilden: Da wären die alten Kulturen, das antike Griechenland, die Welt der Pflanzen und Tiere, die Vielfalt Deutschlands und so viel mehr. Verschiedene Texte – Nacherzählungen, Sachtexte, die eigene Meinung – werden produziert, dabei Grammatik erforscht und die Rechtschreibung weiter geübt. Die Bruchrechnung wird umfassend erschlossen, die bisher erlernten Rechenverfahren dazu weiterhin geübt und gefestigt. Es gibt also viel zu entdecken und zu tun – und das hoffentlich mit ganz viel Lernfreude!

Beziehung und Kreativität

Vier Jahre habe ich mit meiner Klasse bereits verbracht. Zu meinem großen Bedauern sind diese Jahre unglaublich schnell verflogen und wir haben inzwischen „Klassenlehrer-Halbzeit“. Dass ich die Klasse als funktionierende Gruppe so gut kenne und weiß, was die Kinder für ihre nächsten Schritte brauchen und was ihnen gefällt, fließt natürlich voll und ganz in die Gestaltung des neuen Epochenplans ein. Mir ist bewusst, woran sie Freude haben und wie ich sie „mitnehmen“ kann. So bekommt der neue Plan dann auch einen ganz eigenen Schliff, der eben genau zu dieser Klasse passt.

Mit Blick auf die Unterlagen, die ich aus meiner letzten 5. Klasse aufbewahrt habe, spüre ich übrigens das, was gerade die aktuelle Klasse ausmacht, im Vergleich zur ehemaligen Klasse noch einmal besonders. Und es macht sehr zufrieden, genau darauf eingehen zu können. Einfach nur genial, dass ich diesen Freiraum nutzen und auch eigene Epochen passend konzeptionieren kann.

Startklar!

Die Sommerferien sind zum Glück 6 Wochen lang. Zeit, um das vergangene Schuljahr sacken zu lassen, Zeit zum Erholen, Zeit für neue Pläne. Viele Ideen habe ich gesammelt und wirken lassen – und jetzt, wo das neue Schuljahr vor der Tür steht, wird alles konkret.

Das Puzzle und die Reihenfolgen

Rein technisch muss man erst einmal schauen, wie viele Wochen zwischen den jeweiligen Ferien liegen und diese Zeit aufteilen in verschieden lange Epochen, so wie es am besten passt. Die Pflanzenkunde-Epoche zum Thema Frühblüher kann natürlich nur im Frühjahr stattfinden. Wollen wir draußen auf dem Sportplatz eine Olympiade veranstalten? Das Thema antikes Griechenland passt ohnehin gut in die Sommerzeit. Und so setzt sich das Puzzle „Epochenplan“ nach und nach zusammen.

Zum Auftakt des Schuljahres wird das Neue spürbar: Mit einem ganz neuen Themenbereich, einem neuen Arbeitsmittel oder einer neuen Lernmethode beginnt der Weg in die neue Klassenstufe. Es gilt, den Stoff sinnvoll aufzubauen, vor jeden Ferien einen schönen Abschnitt geschafft zu haben und froh auf das nächste Stück Weg zu blicken.

Doch noch ist aber alles geheim. Die ersten, die den Plan näher kennenlernen, werden meine Schüler:innen sein. Sie werden ihn dann mit nach Hause bringen und ihren Eltern von unseren Plänen berichten. Auf dem ersten Elternabend, der zeitnah stattfindet, erfahren die Eltern dann von mir Näheres zu den menschenkundlichen Hintergründen und warum genau das unser Epochenplan ist. Oftmals bekomme ich dann auch schon erste Rückmeldungen, was die Kinder zu Hause berichtet haben oder worauf sie sich schon an meisten freuen.

Ein neues Schuljahr steckt voller neuer Chancen, Herausforderungen und Überraschungen. Wir können es aktiv gestalten!

Montagskindblog