Praktisches Lernen und Entwicklungsschritte meistern – das ist die Hausbauepoche in Klasse 3

Dieser Artikel enthält auch Inspirationen für Nicht-Waldorffamilien! Bitte bis zum Ende lesen. Wisst ihr, was gerade an Waldorfschulen passiert? Nach Ostern bauen die meisten Kinder der dritten Klasse Häuser. Zum Ende eines Schuljahres, das von einem großen Entwicklungsschritt geprägt war, fließt zusammen, was zuvor gemeinsam erlernt wurde und ein großer Schritt ins echte Leben ist.

Angefangen bei der Schöpfungsgeschichte. Dann: Wie man mit Maßen, Gewichten und Geld rechnet, wie man sorgfältig plant und zeichnet – und dann sowohl die Vorstellung von einem eigenen Häuschen, als auch ein gemeinsames Bauprojekt mit der ganzen Klasse auf die Beine stellt. Das alles mit einer Hingabe, die ich jedes Mal aufs Neue liebe.

Hier die Erinnerung an die Hausbau-Epoche meiner (jetzt 8.) Klasse.

Hausbauepoche. Allein das Wort macht mir Freude.

Ich erinnere mich so gern daran: Die Hausbauepoche meiner 3. Klasse. Die Kinder – so tatkräftig, konzentriert und ernsthaft bei der Sache. Da wurde gemessen und gezeichnet, da wurden Grundrisse entwickelt, Fachwerk skizziert, Dachstühle konstruiert. Und plötzlich war Mathematik kein abstraktes Fach mehr, sondern etwas, das ein Zuhause bauen kann. Und mehr.

Was mich an der Hausbauepoche immer wieder so berührt: Sie greift etwas ganz Tiefes auf, das wiederum mit dem großen Entwicklungsschritt („Rubikon“) von der Mit-Welt hin zur Um-Welt zusammenhängt. Das Ur-Bedürfnis des Menschen, sich einen Platz in der Welt zu schaffen. Einen Raum, der schützt. Einen Ort, der Sicherheit bedeutet. Die Kinder spüren das – auch wenn sie es vielleicht nicht in Worte fassen können. Aber schaut man ihnen beim Bau ihrer kleinen Häuser zu, sieht man es in ihren Gesichtern.

Noch mehr Hintergrundwissen und -fühlen

Wenn du verstehen möchtest, warum gerade diese Epoche in dieser Klasse kommt, warum der Waldorflehrplan so aufgebaut ist:

In meinem Buch „Waldorf inside“ nehme ich dich mit hinter die Kulissen. Nicht nur theoretisch, sondern als ehrlicher, lebensnaher Einblick in das, was diese Pädagogik im Kern ausmacht. Was sie kann. Was sie bewegt. Warum ich auch nach über 15 Jahren und mit Blick auf meine eigenen (inzwischen erwachsenen) Kindern dankbar bin, einen Zugang zu dieser Pädagogik gefunden zu haben. Bestellen beim Verlag  Bestellen bei Thalia Bestellen bei Amazon

Oder ein eigenes Hausbau-Projekt bei dir zu Hause

Weil Hausbauepoche ansteckend ist 🙂 Man kennt es: Die Kinder kommen nach Hause – und wollen weiter bauen. Richtig bauen. Genau das richtige Buch dafür ist „Wir bauen jetzt ein Haus“ – ein wunderbar handfestes Kinderbuch, das den Bauprozess lebendig und begreifbar macht. Perfekt für alle kleinen (und großen) Baumeister! Bestellen bei Thalia, Bestellen bei Amazon.

Und für die ganz Ambitionierten: Ein echtes Klettergerüst im Garten!

Jetzt kommt mein absoluter Geheimtipp für alle Familien mit Garten und Kindern, die echte kleine Macher sind (diese Entdeckung ließ mich übrigens erst diesen Blogartikel neu schreiben):

Ein echter Zimmermann zeigt euch Schritt für Schritt, wie ihr euer eigenes Klettergerüst mit Stelzenhaus baut. Dies ist eine professionelle, bewährte Anleitung. Verständlich aufbereitet, sodass es wirklich gelingt. Holz, Hammer, Herz und am Ende ein Abenteuerparadies, das eure Kinder den ganzen Sommer beschäftigt hält. Und zu dem sie sagen können: Das haben WIR selbst gebaut. Wenn ihr mich fragt: Das ist das Schönste, was ihr nach einer Hausbauepoche gemeinsam tun könnt.

Die Mitte der Kindheit

Nachdem sich die große Aufregung um den neuen Lebensabschnitt „Schulkind“ gelegt, die Kinder ihre ersten Schuljahre gemeistert haben und weiter herangereift sind, tritt ab dem dritten Schuljahr bald eine große neue Veränderung ein, die im vierten Schuljahr vollendet wird: So wie Caesar den Rubikon überschritt und keine Rückkehr mehr möglich war, beenden die Kinder einen ersten Abschnitt ihrer Kindheit unwiederbringlich.

Eine nahezu plötzliche Veränderung

Oft geschieht es rasch: Ein Kind, das immer so fröhlich gespielt hat, wirkt auf einmal ernst und in sich gekehrt. Auch der Blick hat sich verändert. Wir werden genau angesehen, fast geprüft. Die natürliche Nachahmung verschwindet, die Dinge werden nicht mehr einfach so hingenommen. Fragen entstehen, das Gerechtigkeitsgefühl erstarkt, es wird hinterfragt, was vorher selbstverständlich war. Gefühle geraten ins Schwanken.

Diese plötzliche Veränderung zieht einen neuen Prozess nach sich, auf den sich Eltern einstellen sollten.

Was ist geschehen?

So wie im dritten Lebensjahr das Bewusstsein für die eigene Persönlichkeit erwacht und die Kinder anfangen, zu sich selbst „Ich“ zu sagen, erwacht jetzt das gefühlsmäßige Erleben der eigenen Persönlichkeit, des eigenen Schicksals. Aus dem fröhlichen Hier und Jetzt wird ein fragendes „warum bin gerade ich genau hier?“ und „wo komme ich her?“ Das führt auch dazu, dass die Kinder sich manchmal unverstanden fühlen und verletzlicher sind.

Neue Situationen

Manche Kinder hinterfragen bei kleineren Streitigkeiten in der Familie mitunter ihr Zuhause, wollen weglaufen, packen sogar schon ihren Koffer. Andere wollen alles über ihre Schwangerschaft und Geburt wissen oder äußern die Frage, ob sie adoptiert sind. Sie betrachten sich ausgiebig im Spiegel und bemerken: Das bin ich – und doch wieder nicht.

Neben Kindern in Krisenstimmung gibt es aber auch nicht wenige Kinder, die in diesem Abschnitt, der Mitte der Kindheit, ganz neue Lebensenergie verspüren und eine große Tatkraft und Entdeckerfreude entwickeln. Dies passt dann auch zu dem größeren Wachstumsschub, der sich in diesem Alter vollzieht.

Veränderte Bedürfnisse und die Antwort der Waldorfpädagogik

Diese Veränderung der Kindheit führt auch zu veränderten Bedürfnissen. Die Kinder benötigen jetzt

  • eine noch intensivere Gesprächskultur mit Erwachsenen, die ihnen aufrichtiges Interesse entgegenbringen und mit ganzem Ohr zuhören.
  • eine Fehlerkultur, die nicht angstbehaftet ist, sondern die aus Fehlern einen Erkenntnisgewinn zieht.
  • Erwachsene, die Versprechen halten und die ebenso darauf achten, dass auch die Kinder sich an Verabredungen halten.
  • viel künstlerische Betätigung und kreative Entfaltung. Oft ist dies ein guter Zeitpunkt, um ein neues Instrument zu lernen.
  • Naturerlebnisse, Entdeckung der Pflanzen, Pflege der Tierliebe. Die Kinder entwickeln einen neuen Blick in die Welt!
  • Die eigenen Kräfte spüren: Das Alter ist ideal, um neue Sportarten und Freizeitaktivitäten zu entdecken.
  • Freundschaften pflegen: Jetzt bekommen Freundschaften eine neue Tiefe und Wichtigkeit. Wessen Freund:in bin ich? Mit wem kann oder möchte ich gern befreundet sein? Dazu brauchen die Kinder Gelegenheit, unverplante Zeit miteinander zu verbringen.

An der Waldorfschule plant der/die Klassenlehrer:in nun Epochen, die inhaltlich an diesen Bedürfnissen anschließen. Hier einige Klassiker: Die Ackerbauepoche – wieviel Arbeit an der Erde und der Ernte stecken in unserem Brot? Bruchrechnen – die ganzen Zahlen gehen zu Bruch und werden auf neue Art entdeckt. Heimatkunde – mein Zuhause, meine Stadt, meine Region. Erste Grammatik – unsere Sprache wird erforscht.

Was folgt nach der Mitte der Kindheit?

Ab dem 12. Lebensjahr bemerkt man eine körperliche Schwere, begleitet von weiteren Wachstumsschüben. Die Vorpubertät setzt ein, die Hormonproduktion läuft. Die Kindheit neigt sich allmählich dem Ende zu. Nun ist es wichtig, dass wir in der Mitte der Kindheit viele gute Dinge angelegt haben, von denen die Kinder auf dem Weg zum Erwachsenwerden zehren können. Denn sie stehen bald auf eigenen Beinen.

Weitere Artikel auf dem Montagsblog zum Thema Rubikon und Mitte der Kindheit

Meine Elterninfos als YouTube Clip

Über die Rubikon-Geschichte „Yoga, Mond & Sterne“

Erzählstoff aus dem 3. Schuljahr der Waldorfschule

Das zweite Jahrsiebt

Eine besondere Epoche in der Planung

Eines meiner liebsten Blogthemen ist immer wieder, dass der Waldorflehrplan besondere Epochen für besondere kindliche Entwicklungsschritte bereithält. Es begeistert mich sehr, wie wir die Kinder dadurch unterstützen und begleiten können. Eine dieser ganz besonderen Epochen steht für meine Klasse auch in Kürze wieder an. Diesmal ist es das Thema „Hausbau“.

Vom groben Plan….

Ich habe diese Epoche im Kopf. Ich weiß, warum ich sie unterrichte. Und ich weiß, wie ich sie für meine Klasse umsetzen werde. Seit Monaten freue ich mich sehr darauf. Doch diese Epoche ist nur für Präsenzunterricht geeignet, ich brauche die Kinder vor Ort dazu.

Es war und ist ein Zittern und Bangen. Noch vor gut 3 Wochen lag der Corona-Inzidenzwert am Schulstandort bei über 300, besonders in den letzten Tagen ist er aber rapide gefallen. Und damit kann ich endlich weiter planen: Unsere Hausbau-Epoche ist zum Greifen nah.

…zur genauen Ausarbeitung

Klar ist: Es wird Unterricht im Wechselmodell, also jedes Kind hat im täglichen Wechsel Präsenz- und Distanzunterricht. Das muss ich berücksichtigen.

Ich vertiefe für mich noch einmal ganz gründlich den pädagogischen Hintergrund, den Wendepunkt im Leben eines Kindes im 9. Lebensjahr: Der Umzug im „eigenen Haus“, ein inneres „Umgestalten“ vollzieht sich beim Kind: Körperlich, seelisch und geistig. Ich denke intensiv an jedes einzelne Kind und sehe es vor mir (wunderbarer Nebeneffekt: Bei dieser Übung schneien wieder neue Zeugnissprüche rein).

Ich plane, wie wir gemeinsam künstlerisch herangehen können und suche einen schönen Spruch, den wir zusammen sprechen können. Leider dürfen wir ja nicht singen und flöten. Ein Spiel für den rhythmischen Teil, zum gemeinsamen Einstimmen, das suche ich auch.

Inhaltlich geht es um die Gewerke des Hausbaus. Hier wird gelesen, geschrieben, gezeichnet. Die Dokumentation wird eher im Homeschooling stattfinden, nach erster Anleitung in der Schule.

Jedes Kind soll vor Ort in der Schule den individuellen Raum bekommen, sein persönliches Traumhaus zu planen und in der Klasse als Modell zu bauen. Hier sind der Kreativität und Schaffensfreude keine Grenzen gesetzt, eine großes Gefühl von Selbstwirksamkeit – in der aktuellen Lage so unendlich wichtig. Und es ist wichtig, dass diese Häuser in der Schule gebaut werden. Denn die Kinder sollen sich auch untereinander im Tun wahrnehmen.

Und in Gemeinschaft schaffen wir auch noch etwas für die Schulgemeinschaft: Im Schulgarten gibt es eine gemeinsame Bauzeit. Hier zählt jede helfende Hand. Wir wollen zusammen ein Hühnergehege bauen, vor unserem Lehmofen eine kleine Fläche pflastern und außerdem einen schönen Festplatz herrichten. Gemeinschaftsgefühl – der zweite große Mangel der letzten Zeit.

Jetzt heißt es: Daumen drücken!

Ehrlich gesagt, ich hatte in letzter Zeit so oft das Gefühl, dass besonders die schönen Seiten meines Berufs so derart ausgebremst werden. Ich habe wirklich sehr darauf gewartet, dass es endlich vor Ort weitergehen kann mit den Kindern. Jetzt ist der Schuljahresendspurt vor Ort zum Greifen nah. Mit der ersehnten Epoche.

Ich werde berichten.

Hinweis: Auf dem Bild ist die Zeitschrift „Vorhang Auf“ zum Thema „Hausbau zu sehen. Dies ist eine unaufgeforderte und unbezahlte Werbung, da Empfehlung. Ich habe das Heft selbst gekauft.

Darum das Alte Testament als Erzählstoff in Klasse 3

Nach getaner Arbeit dürfen die Kinder zum Ende des Epochenunterrichts einmal ganz in Ruhe in den Erzählteil eintauchen. Der Erzählteil bringt Entspannung und sorgt als „Seelennahrung“ für innere Bilder. Zum altersgerechten Erzählstoff in Klasse 3 gehören die Geschichten des Alten Testaments.

Der sprachliche Aspekt des Erzählteils

Zunächst einmal möchte ich generell beschreiben, welcher sprachlicher Reichtum von den alten Erzählungen ausgehen: Ob Märchen, Fabeln, Altes Testament oder nordische Mythologie – die überlieferten Geschichten lassen die Kinder mit alten, ganz besonderen Sprachschätzen in Berührung kommen. Dabei wird nicht nur der Wortschatz erweitert, sondern das Erleben „schöner Sprache“ wirkt wohltuend im Seelischen und schafft auch in gewisser Weise eine Brücke in die Welt der Fantasie.

Erzählstoff braucht kein Lernziel zu erfüllen

Der Erzählteil trägt zwar auch Allgemeinwissen an die Kinder heran. Unumstritten gehören Märchen oder das alte Testament zur Allgemeinbildung, keine Frage. Doch es geht bei der Wahl des Erzählstoffes weniger um ein Lernziel als darum, die Kinder mit inneren Bildern zu versorgen, die ihrem Entwicklungsalter entsprechen und auf der seelischen Ebene fördern.

Der Rubikon und der Erzählstoff in Klasse 3

Um das 9. Lebensjahr herum vollziehen Kinder einen großen Entwicklungsschritt: Sie erleben sich erstmals nicht mehr als „Eins mit der Welt“, sondern nehmen bewusst eine „Um-Welt“ wahr. Die gewohnte „Mit-Welt“ gibt es nicht mehr, das Gefühlsleben ändert sich. Die Kinder können es nicht in Worte fassen, was da gerade mit ihnen passiert und doch kann es für ein kleines inneres Erdbeben sorgen: Es ist vergleichbar mit der „Rubikon“-Legende – von nun an gibt es kein Zurück mehr. Dieses neue Gefühl und die neu gewonnene Erkenntnis einer eigenen Grenze nach außen setzen oftmals große Kräfte und Tatendrang frei, lösen aber nicht selten auch ein Gefühl von Einsamkeit aus.

Mit diesem Entwicklungsschritt stellen die Kinder Fragen nach ihrer eigenen Herkunft, die der Menschen und der ganzen Welt. Mit den Geschichten aus dem Alten Testament, beginnend mit der Schöpfungsgeschichte, wird auf sehr feine Weise diese Gemütslage gespiegelt. Wie die Vertreibung aus dem Paradies wirkt der Rubikon. Der Mensch muss von nun an für sich selbst sorgen und lernt die Arbeit an der Erde kennen und lieben. Genau das greift der Waldorflehrplan auf. Mit dem Erzählstoff – der indirekt wirkt – fühlen sich die Kinder gesehen und verstanden.

Erzählteil auch im Homeschooling

Ich finde es gerade jetzt, während dieser langen Zeit des Distanzlernens, so wichtig, die Kinder auch mit dem passenden Erzählstoff zu erreichen. Daher gehört die Geschichte des Alten Testaments zum täglichen Homeschooling dazu.

Weiterer Erzählstoff

Ich erzähle nicht das ganze Schuljahr über die Geschichten des Alten Testaments, sondern lasse auch passende Lektüre der jüngeren Kinder- und Jugendliteratur einfließen. Astrid Lindgren bietet mit „Mio mein Mio“, „Die Brüder Löwenherz“ oder „Ronja Räubertochter“ ebenfalls wunderbare Rubikon-Lektüren. Auch Cornelia Funkes „Drachenreiter“, Uwe Timms „Zugmaus“ oder Michael Endes „Jim Knopf“ eigenen sich gut für das Alter – um nur einige zu nennen.

Buchempfehlung zum Alten Testament

Die folgenden Buchempfehlungen sind persönliche Empfehlungen, die ich hier unbeauftragt teile. Die genannten Bücher habe ich selbst gekauft.

„Das Alte Testament für Kinder“ – Verlag Urachhaus, dieses Buch ist mit wunderschönen, passenden Aquarellen gestaltet.

„Und es ward Licht“ (Jakob Streit) – Von der Weltenschöpfung zur Arche Noah (Verlag Freies Geistesleben)

„Ziehet hin ins Gelobte Land“ (Jakob Streit) – Der Weg des Volkes Israel von Abrahams Berufung bis zu Davids Traum (Verlag Freies Geistesleben)

Hörempfehlung

Auch mit Dustin habe ich in unserem Podcast „Kaffee, Kreide, Morgenspruch“ über den Ablauf eines Epochenunterrichtes gesprochen und dabei den Erzählteil etwas beleuchtet:

Hier der Link

Schmieden in Klasse 3

Feuer lodert in der Schmiede
zu des starken Meisters Liede
„Feuer“, singt er, „diene mir. 
Ich, dein Herr, gebiet‘ es dir!“

„Deine Wege will ich weisen.
Schmieden sollst du mir das Eisen,
dass ich‘s mit des Hammers Schlag
hart und biegsam schmieden mag!“

„Feuer diene, Feuer schaffe,
schmieden will ich lichte Waffe!“
Also singt der starke Schmied.
Feuer, Flamme, Funke sprüht.

(Martin Tittmann)

Ihr merkt es – ich bin noch immer ganz ergriffen vom Schmieden heutemorgen. Die Zeiten könnten ja unvorhersehbarer und unsicherer nicht sein, was ja ebenso und vielleicht sogar noch mehr auf die Kinder wirkt. Und auf einmal kann man selbst etwas schaffen und nicht nur „irgendwas“: Man kann das starke, feste Eisen biegen, formen, zurechthämmern. Richtig schwere Werkzeuge einsetzen und an die Grenzen der körperlichen Kräfte gehen, sich selbst spüren und besonders auch die Kräfte des eigenen Willens. Wenn ich will, dann kann ich – denn Schmieden muss man WOLLEN wie kaum eine andere Tätigkeit und mit Schmieden kann man Großes schaffen. Der Eisenklang dazu wirkt stärkend und klärend. Auch die sprühenden Funken, der Geruch des Rauches, zischendes, dampfendes Wasser – es sind viele Sinneserlebnisse dabei.

Ich bin also total froh, dass ich Kindern meiner Klasse heute und morgen dieses Erlebnis bescheren konnte und kann. Was für eine Kraftquelle in dieser Zeit. Die Handwerker Epoche in Klasse 3 – es war nie wichtiger, sie zu haben. Jedenfalls fühlt es sich so an.

By the way: Unser Schmied

Nein, wir konnten coronabedingt keine Schmiede besuchen und nein, unsere Schule hat keine „richtige“ eigene Schmiede, sondern „nur“ eine Esse und einen Ambos, die wir im Schulgarten aufgebaut haben. Aaaber: Wir haben großartigen Hausmeister, der Schlosser ist. Ohne ihn wäre das alles gar nicht möglich gewesen. Er schafft es immer wieder, auch mit kleinen Mitteln viel zu bewirken und hat als Schmied seine Rolle mal wieder perfekt ausgeführt. Es war ein ganz tolles Erlebnis für die Kinder (und für mich)!

Thema „Unser Geld“ in Klasse 3

Die Kinder durchleben im Laufe des 3. Schuljahres einen großen Entwicklungsschritt, bildlich als „Rubikon“ bezeichnet (mehr dazu hier). Dabei geht es einen großen Schritt nach vorn in die Welt. Dies löst oft auch innerlich eine große Gefühlskrise aus, der man besonders mit lebenspraktischen Dingen begegnen sollte. Alles, was ins selbständige Leben, ins Leben der Großen führt, weckt nun besonderes Interesse. Das Gefühl, die Welt mehr und mehr zu verstehen, ist für die Kinder in diesem Alter sehr beflügelnd. So ist auch das Thema „Umgang mit Geld“ ein echter Klassiker. Genau dieses Thema beginnt jetzt in meiner 3. Klasse. Und hier möchte ich einmal zeigen, wie ich es greife. Mir ist es sehr wichtig, dass es nicht zu materialistisch behandelt wird.

Vorbereitung: Wir brauchen eine Aufbewahrung

Die Kinder bekommen „Rechengeld“ und das sollte – ebenso, wie echtes Geld – gut aufbewahrt werden, damit es nicht verloren gehen kann. Ich habe daher die Kinder gebeten, ein altes Portemonaie auszurangieren, einen Umschlag zu falten oder sogar ein neues Portemonaie zu basteln. Als Anregung gab es die Upcycling Idee. Mir war es zum Einstieg in diese Epoche – auch im Sinne eines Nachhaltigkeitsgedankens – wichtig, dass man eben nicht alles gleich kaufen muss, was man gerade an materiellen Dingen braucht. Oftmals gibt es Second Hand oder eben die Möglichkeit des Upcyclings. Das Thema „Wir brauchen eine Aufbewahrung“ diente daher nicht nur der Vorbereitung zur Sorgfalt mit dem Material, sondern auch indirekt der Erfahrung, dass man gar nicht alles neu kaufen muss (wir Waldörfler arbeiten gern indirekt, weil es das Herz eher berührt).

Unser Geld allgemein

Welches 8- oder 9-jährige Kinder hat schon einmal alle Geldscheine aus nächster Nähe gesehen? Die Münzen und Scheine also zunächst genau betrachtet, auch gemalt und in diesem Zuge zunächst auch verschiedene Geldbeträge gelegt, vom Cent zum Euro. Wie sind Preisschilder zu lesen? Wieviel Cent sind 5 Euro usw. Dies führt dann zu Sachaufgaben: Wieviel muss ich bezahlen? Wofür reicht das Geld? Wieviel Wechselgeld bekomme ich zurück?

Weitere Schreibanlässe

Inhaltlich folgen auch Anregungen wie: Geld stellt nicht nur meine Versorgung sicher, sondern kann auch Gutes tun- was bedeutet „spenden“, Umgang mit Taschengeld und – besonders wichtig – Dinge, die man für kein Geld der Welt kaufen kann. Auch deshalb gibt es parallel als kleine Achtsamkeitsübung das Miniheft für die Woche voller kleiner Glücksmomente.

Dieses Thema wird im Präsenzunterricht vertieft und abgeschlossen. Ob es nach dem Lockdown-Ende am 14.2. schon geschehen kann, bleibt abzuwarten.

Zahldarstellung und Mengenerfassung

Wiederholung und Homeschooling

Viele Eltern haben es vor einer gefühlten Ewigkeit auf einem Live-Elternabend schon von mir gehört und gesehen. Ich möchte das Thema Zahldarstellung und Mengenerfassung hier noch einmal zur allgemeinen Information auffrischen.

In Klasse 1

Ein Verständnis für Zahldarstellungen und Mengenerfassung ist der Grundstein der Mathematik. Wir haben Mengen in Klasse 1 gern mit kleinen Steinchen dargestellt, wobei wir dann 10 in einem Säckchen gebündelt haben. Die Säckchen nannten wir die Zehner, einzelne Steine die Einer. So ließ es sich im Zahlenraum bis 20 gut arbeiten. Außerdem hatten die Kinder eine 20-er Kette dabei. Hier waren 20 Perlen aufgefädelt, wobei jeweils 10 oder 5 eine andere Farbe hatten. Auch dies galt der Mengenerfassung „auf einen Blick“.

Klasse 2

Als wir in Klasse 2 den Zahlenraum auf 100 erweiterten, wurde die Kette viel länger. Aus 10er Gliedern setzte sie sich zusammen und war ein schöner Übergang in die Vergrößerung des Zahlenraumes. Zehn 10er Glieder bildeten die <a href="http://<a href="https://tinyurl.com/2htjhgyr">Montessori Lernwelten DEHunderterkette. Hinzu kam jetzt das Montessorimaterial aus <a href="http://<a href="https://tinyurl.com/2gxgslpk">Montessori Lernwelten DEEinerwürfeln, Zehnerstäben und Hundertertafeln. In der Klasse habe ich ein solches Set und jedes Kind hat auch dazu eine Vorlage zum Ausschneiden bekommen. Es wurde zusätzlich mit dem Hunderterfeld gerechnet, das ja auch wiederum an die Hundertertafel des Materials anknüpft.

Ich habe hier noch einmal den Bastelbogen zum Download:

Wenn man es auf Tonpapier klebt oder laminiert, ist es langlebiger.

Klasse 3

Das System wird bis 1000 vertieft. Hier ein kleiner Filmclip, wie man nun, im dritten Schuljahr, die Zahlen bis 1000 darstellt.

Be-Greifen

Es ist für die Kinder immens wichtig, die Mengen nicht nur gesehen, sondern auch als Menge gefühlt, in den Händen gehalten zu haben! Daher dieser ganze Aufwand des Materials und letztendlich der Materialmenge. Keine App kann dieses Lernen mit allen Sinnen ersetzen.

Ich wünsche daher viel Spaß beim Üben und Legen!

Hinweis: Ich habe eine Kooperation mit Montessori Lernwelten und würde mich sehr freuen, wenn Ihr Material über diese Links bestellt: Ganz herzlichen Dank!

5 Logicals für die Weihnachtszeit

Logicals sind überaus beliebte kleine Rätsel, die durch geschicktes Kombinieren von Informationen gelöst werden. Ich habe gerade welche für die Weihnachtszeit geschrieben, die ich u.a. auch in Vertretungsstunden einsetzen möchte.

Was ist noch wichtig zu wissen?

Man muss Sinn entnehmend lesen können, das ist die Grundvoraussetzung. Hat man es z.B. in einer Vertretungsstunde auch mit Kindern zu tun, denen dies noch nicht sicher gelingt, kann man erste Logicals auch vorlesen und besprechen. Dann müssen die Kinder gut zuhören und sich die Informationen merken. Anschließend wird an der Tafel festgehalten, welche Hinweise zum Ergebnis führen.

Strukturiertes Vorgehen

Meine Klasse fängt gerade erst an, mit Logicals zu arbeiten. Daher habe ich eine tabellarische Struktur vorgegeben. Mit der Zeit gelingt es den Kindern aber auch selbständig, sich Informationen zu notieren und diese auch zu sortieren. Somit fördern Logicals auch eine strukturierte Arbeitsweise.

Hier ist mein kostenloser Download für Euch:

Ich wünsche viel Spaß beim Lösen!

Formenzeichnen: Der Weg ist das Ziel

Eine Annäherung

Das Formenzeichnen ist ein Unterrichtsfach, das man am besten verstehen kann, wenn man es selbst einmal erlebt hat, da es allein mit Vorstellungskraft nicht ganz einfach nachzuvollziehen ist. Ich versuche es heute trotzdem einmal. Vielleicht entsteht ja dabei ein erster Eindruck der zahlreichen Qualitäten.

Ich bin heute ein großer Fan dieses Unterrichtsfaches, musste mir das Formenzeichnen in der Waldorflehrerausbildung aber durchaus auch schwer erringen, als ehemalige Staatsschülerin, die auf diesem Gebiet kaum gefördert wurde. Umso mehr freue ich mich, dass meine eigenen Kinder und meine Schüler*innen dieses besondere Schätzchen kennenlernen und an ihm wachsen dürfen.

Mehr als „nur“ Motorikübungen

Die entstehenden Formen sind nicht nur Übungen zur motorischen Förderung, z.B. der Vorbereitung des Schreibens. Da das Zeichnen einer Form geistig anspruchsvoll, aber frei von Intellekt ist, und dabei spürbar im Seelischen wirkt, stoßen manche großen und auch schon kleine „verkopfte“ Menschen durchaus gelegentlich an ihre Grenzen. Hier eine allgemeine Beschreibung mit einer genaueren Erklärung der Bedeutung dieses Unterrichtsfaches für meine Drittklässler. Denn für die Eltern meiner Klasse ist dieser Blogbeitrag im Besonderen gedacht, mangels Elternabend zu dem Thema.

Die Spur der Bewegung, verwandt mit der Eurythmie

Formen entstehen durch Bewegung und werden zur Bewegung. Das geschieht einerseits im Eurythmieunterricht, wenn die Kinder eine Form im Raum darstellen und laufen – mal fließend zur Musik, mal im Rhythmus, aber immer ganz bei sich. Gemeinsam in Bewegung mit der Gruppe, muss ein Kind dann sowohl bei sich bleiben und trotzdem dabei auf die Bewegung der anderen achten. Was für eine Leistung: Einerseits Abgrenzung, andererseits ein Teil des Ganzen sein. Mit vollem Körpereinsatz werden Richtungs- und Geschwindigkeitsänderungen, Drehungen und Vieles mehr erlebt. Dieses Erleben und Darstellen einer Bewegung, einer Spur, erfordert ein „Formenfühlen“, Vorstellungskräfte für ein „Formenbewusstsein“ und das Übertragen dieses inneren Erfassens auf die äußere Bewegung. So ist es auch beim Formenzeichnen, als feinmotorisches Pendant.

Beim Formenzeichnen wird im Unterricht meist auch die jeweilige Form zunächst in die Luft gemalt – mit der Hand oder auch dem Fuß – oder anderweitig äußerlich dargestellt. Es zeigen sich dabei auch schon ein Formgefühl und die Ausprägung von Vorstellungskräften bei den Kindern. Beim Malen in der Luft folgen die Augen den Fingern oder Fußspitzen.

Spuren und Überspuren

Haben die Kinder die jeweilige Form erfasst, dürfen sie entweder einmal schon mit dem Finger auf dem Papier vorspuren oder gleich mit zunächst zarter Linienführung den Wachsmalstift oder das Blöckchen verwenden. Die Spur wird wiederholt. Beim „Überspuren“, der Wiederholung, festigt sich die Form, das Kind wird sicherer, die Spur immer harmonischer. Sie gestaltet sich so immer weiter aus. Daher ist es wichtig, dass das Ziehen der Form mit dem Blöckchen oder Wachsmalstift keine einmalige Angelegenheit ist, sondern eine wiederholende, dynmische und in sich wachsende Arbeit.

Im Unterricht arbeiten wir stets gemeinsam an unserer Form. Stellen sie zunächst „in der Luft“ oder im Raum dar. Ich bin anschließend auch eine Zeitlang an der Tafel, zeichne dort leicht vor, spure immer wieder nach. So erleben die Kinder, wie auch ich mir die jeweilige Form im Tafelformat erarbeite und mit Ruhe ausgestalte. Ich gebe nie eine perfekte Form vor, sondern ich lasse ebenso entstehen.

Das Formenzeichnen im Lehrplan der Unterstufe

Aus dem Formenzeichnen wird der spätere Geometrieunterricht entwickelt. Die innere formbildende Tätigkeit entwickelt sich bei Kindern als neue Fähigkeit um das 7. Lebensjahr herum bzw. mit dem Zahnwechsel. In der 1. Klasse geht es dann zunächst darum, die beiden Urformen, die Gerade und die Gebogene, in verschiedenen Varianten und Kombinationen zu erleben und zu erarbeiten. In Klasse 2 werden Symmetrien geübt, Balance und Gleichgewichtsgefühl, rechts und links, bewusst verinnerlicht. In der 3. Klasse steht nun ein neuer Entwicklungsschritt für die Kinder an, der ein neues Verhältnis von Innen- und Außenwelt aufbauen lernt. Mit dem Rubikon stehen die Kinder vor der Aufgabe, eine gewisse innere Einsamkeit mit äußeren Beziehungen in Einklang zu bringen. Auch hier hilft das Formenzeichnen weiter. Die Formen differenzieren ebenso ein „Innen“ und „Außen“ und zeigen dabei freie Symmetrien, auch Variationen des Äußeren. Die einzelnen Formenelemente stehen also in Beziehung zueinander. Richtungswechsel in der Spur stärken den Willen und die Aufmerksamkeit. Rahmen und Punkte setzen Grenzen.
In der vierten Klasse steht dann die Stärkung der Gedankenkraft im Mittelpunkt der gemeinsamen Arbeit, die mit Knotenformen und Flechtbändern unterstützt wird. Ab Klasse 5 geht das Formenzeichnen dann über in eine Freihandgeometrie, bei der auch schon erstes Fachvokabular verwendet wird. Ab Klasse 6 wird exakt mit Geometriedreieck und Zirkel gearbeitet und der übliche Geometrieunterricht – vom Fällen eines Lots über Dreieckskonstruktionen, Pythagoras usw. – begonnen.

Das Formenzeichnen in der anthroposophischen Heilpädagogik

Da das Formenzeichnen anregend für Körper, Seele und Geist ist, wird seine fördernde Wirkung in der Waldorfpädagogik nicht nur zur Harmonisierung der Temperamente, sondern auch im Bereich der Heilpädagogik sehr gern genutzt. Hier werden in anthroposophischen Therapien gezielt Übungen eingesetzt. Dies ist aber ein weiteres großes Thema….

Die Einmaleinsreihen mit Fingerübungen

Fingerübungen fördern feinmotorisches Geschick und Konzentration. Man kann sie im Klassenraum gut am Platz machen und dabei finden die Kinder sehr gut zur Ruhe und bleiben ganz bei sich.

Ich habe eine Zeitlang die verschiedenen Übungen erst nach und nach angeleitet und die Kinder für sich ausprobieren lassen. Mit der Zeit gelang es dann, dazu zu sprechen.

In der letzten Rechenepoche haben wir dann anstelle der bisherigen Bohnensäckchenübungen unsere Einmaleinsreihen mit Fingerübungen begleitet.

Wichtig: Wir sprechen immer die Aufgaben mit. Also nicht 2 -4 -6 – 8…. sondern einmal zwei ist zwei. Zwei mal zwei ist vier. Drei mal zwei ist sechs….

Viel Spaß beim Üben und Ausprobieren!

So haben wir die Einmaleinsreihen mit Fingerübungen begleitet.