Die ersten Zeugnissprüche für Klasse 4

Ich bin eingetaucht in Klasse 4. Wo werden die Kinder im Laufe der nächsten Monate stehen? Welche Epochen liegen vor uns? Ich habe mich auch erinnert an das 4. Schuljahr meiner eigenen Kinder. Und in dieser Stimmung kamen mir nach einigen Tagen die ersten Zeugnissprüche in den Sinn.

Was mich wieder besonders berührt, ist die sich verändernde Stimmung, die sich dann auch in den Sprüchen zeigt. Sie entsteht auch irgendwie bei mir, durch die Beschäftigung mit dem 4. Schuljahr und natürlich mit den Kindern und ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten. So muss ich gar nicht weiter darüber nachdenken, ob ein Spruch, der mir gerade eingefallen ist, auch gefühlsmäßig in die 4. Klasse oder zu den Kindern passt.

Auf dem Weg ins 4. Schuljahr

Hier ist einer der neuen Zeugnissprüche:

Heut´ flechte ich ein buntes Band,
die Fäden führ´ ich hin und her.

leg´ es mir sorgsam um die Hand
– doch lieber geb´ ich`s für Dich her
und flechte noch so eines für mich.

Denn so ein Band als Dein und Mein
wird Zeichen unserer Freundschaft sein.

Mehr davon…

Es werden langsam immer mehr Sprüche und sie sind teilweise so anders als noch im letzten Jahr. Die Kinder haben einige Schritte gemacht.

Einzelkinder

Jedes Erstgeborene ist zumindest eine Zeitlang einziges Kind seiner Eltern, manche bleiben es ihr Leben lang und wachsen als Einzelkind auf. Wie beeinflusst dies die Persönlichkeit oder Biografie?

Zunächst einmal sei gesagt, dass es unzählige Faktoren und Einflüsse gibt – sei es angeboren, umfeldbedingt, konstitutionell uvm. Die meisten unserer Neigungen und Talente haben ihren Ursprung tief im Unterbewusstsein und sind äußerst schicksalhaft. Auch der Platz innerhalb der Familie, den ein kleiner Mensch mit seiner Geburt bekommt, gehört dazu. Und von diesem Platz aus wächst in der weiteren Zeit das Verhalten dieses Menschen innerhalb der Gemeinschaft.

Ein und Alles

Einzelkind zu sein bedeutet, die Eltern exklusiv für sich zu haben. Einzelkinder sind der Mittelpunkt ihrer Eltern – und ihrerseits auch eng an die Eltern gebunden (Anmerkung: „Eltern“ sei an dieser Stelle mit der sozialen Rolle der ersten Bezugsperson gleichgesetzt – selbstverständlich schließe ich kein Familienbild aus!). Selbst, wenn es im unmittelbaren Umfeld des Kindes zahlreiche Kinder- und Spielkontakte gibt, um dem Kind viele Gemeinschafts- und soziale Kontakte zu ermöglichen: In der Nachbarschaft, bewusst gewählte Spielgruppen, Kita, Cousins/Cousinen usw. – am Ende des Tages kehrt ein Einzelkind in sein Elternhaus zurück und dort lebt dann wieder das besonders enge Eltern-Kind-Verhältnis. Das ist ein großer Unterschied zu Geschwisterkindern und zeigt gleichermaßen, wie enorm prägend in diesem Fall auch die Elternrollen sind.

In Geschwisterkonstellationen mit mehreren Kindern übernehmen nicht selten Geschwisterkinder auch Aufgaben für ihre Geschwister, die üblicherweise „Elternaufgaben“ sind: Kranken- und Säuglingspflege, Haushaltsaufgaben und Vieles mehr. Hierdurch entstehen innerhalb der Familie vielfältige Bindungs- und Anknüpfungspunkte der verschiedenen Familienmitglieder untereinander und hier liegt mitunter ein großer Unterschied zu Einzelkindern.

Sind Einzelkinder einsamer?

Auch neuere Studien kommen nicht zu dem Ergebnis, dass Einzelkinder grundsätzlich einsamer sind als Geschwisterkinder, denn gerade heutzutage entscheiden sich viele Eltern bewusst dafür, nur ein einziges Kind zu bekommen und sorgen dementsprechend auch ihrerseits für viele Spiel- und Freizeitkontakte. Sie genießen es bewusst, ihr Kind als Lebensmittelpunkt zu haben und das spüren die Kinder durch ihre große Zuwendung.

Eine Schwierigkeit in Bezug auf Einsamkeit ist für Einzelkinder neuerdings die Isolation im Rahmen der Coronakrise. Ohne kindliche Spielkontakte zu Hause bleiben zu müssen – gerade, wenn es viele Freundschaften in Schule und KiTa gibt – kann nochmal schwerer sein, als sich mit Geschwistern zu Hause zu arrangieren.

Die Qualität von sozialen Erfahrungen und Prägungen

Im engen Kreis der Familie findet eine soziale Prägung statt, die doch noch etwas abweicht von Kontakterfahrungen in Gruppen und Einrichtungen – hier wird mehr untereinander ausprobiert, es gibt mehr unbeaufsichtigte Momente und es wird von Seiten der Kinder meist auch mehr untereinander reguliert. Beispiel Geschwisterstreit: Wenn Eltern bei Konflikten gleichzeitig die Eltern aller Beteiligten sind, wird anders geurteilt und Konsequenzen gezogen, als wenn mehrere „Eltern-Parteien“ mitmischen. Wer Geschwister hat, hat meist auch mal unter ihnen gelitten: Ist enorm geärgert worden, hat auch mal körperlich Auseinandersetzungen erlebt, sich von den Eltern besonders unverstanden oder ungerecht behandelt gefühlt… Innerhalb der Familie sind diese emotionalen Eindrücke und Enttäuschungen weitaus größer als bei Konflikten, die in Einrichtungen entstehen, wo Erzieher*innen (hoffentlich) mehr professionell als emotional agieren und gleich mehrere Eltern in ein reflektierendes Gespräch mit einbeziehen.
Andererseits können Geschwister auch Verbündete sein: Besonders gute Beschützer, Verbündete auch gegen die eigenen Eltern und mehr. Einzelkinder haben zu Hause weder Verbündete noch Konkurrenten.

Bewusstsein der Kinder- und Elternrolle

Ob jemand 1 , 2, 5 oder keine Geschwister hat – das lässt sich von den Kindern nicht steuern, sie werden in ihre Familie hineingeboren. In gewisser Weise prägt es sie aber.
Die Bedeutung der Elternrolle dabei und die Auseinandersetzung mit ihr, ist nicht selten ein zentraler Schlüssel bei Biografiefragen von Einzelkindern.

Erstgeborene

Das Thema Geschwister ist sensibel, schicksalhaft und sehr individuell. Man kann es nur qualitativ, vom Einzelfall aus, vertieft betrachten und bei Verallgemeinerungen von den Dingen ausgehen, die wirklich alle Geschwisterposititionen gemeinsam haben. Doch schon, wenn man sich Allgemeines bewusst macht, bekommt man einen zusätzlichen Blickwinkel, sowohl bei der Betrachtung der eigenen Rolle innerhalb der Familie, als auch beim Blick auf die eigenen und die anvertrauten Kinder.

Erstgeborene machen Familie

Erstgeborene – egal, ob sie Einzelkind bleiben oder ihnen noch weitere Geschwisterkinder nachfolgen – haben etwas Großes gemeinsam: Sie stellen das Leben ihrer Eltern tiefgreifend auf den Kopf. Sie machen aus einem Paar oder auch Single eine Familie. Das Leben ihrer Eltern wird durch sie völlig verändert. Dabei spielt es keine Rolle, ob man jahrelang sehnsüchtig auf die Schwangerschaft gewartet hat oder sich „außerplanmäßig“ in dem neuen Leben wiederfindet.

Viele Paare fühlen sich durch ihr Kind noch tiefer miteinander verbunden und erreichen in ihrer Liebe eine neue Stufe. Das Kind wird zu einer neuen Brücke, wie Jirina Prekop in ihrem Buch „Erstgeborene“ so schön bildlich beschreibt. Es gibt aber auch Paare, die sich durch ihre Elternrolle als Partner mit der Zeit aus den Augen verlieren, mit dem Kind zwischen sich eine „Trennwand“ errichten. Es wirkt polarisierend.

Die neue Rolle als Mutter, Vater oder Eltern will also gut vorbereitet sein und die Paarbeziehung immer wieder neu bewusst gemacht werden.

Erstgeborene organisieren das Leben neu

Meist ändern sich Berufstätigkeiten, Wohnsituationen und auch Beziehungen neu. Man lernt andere junge Familien kennen, kinderlose Freunde trifft man mit der Zeit doch eher seltener. Oftmals wird bei den neuen Eltern das Band zu ihrer Ursprungsfamilie nochmals enger. Im Mittelpunkt des Lebens steht jetzt ein kleiner Mensch, der heranwächst und in den nächsten Jahren geliebt, behütet und glücklich aufwachsen soll.

Gerade bei Erstgeborenen sind zudem viele frisch gebackene Eltern noch unsicher und hinterfragen sich häufig – selbst, wenn sie in ihrer Familie zuvor bereits häufig mit Neugeborenen umgehen durften. Doch nun selbst in der Rolle seines Lebens zu sein, wirft manchmal die Frage auf: Mache ich alles richtig? Bin ich gut in meiner Elternrolle?

Was macht das mit den Erstgeborenen?

Erstgeborene haben ein enges Band mit den Erwachsenen um sie herum und ihre Eltern, mindestens die erste Zeit ihres Lebens, ganz für sich. Das ist prägend. Karl König zitiert in seinem Buch „Brüder und Schwestern“ die amerikanische Psychologin Margret Lautis, die in ihrer Studie darstellt, dass Erstgeborene die Erwachsenen mehr imitieren, ihre Nähe und Anerkennung suchen als Zweit- und Drittgeborene. Dies macht sie häufig zu kleinen „Denkern“, die die Nähe zu Erwachsenen genießen.

Und auch sie spüren, dass ihre Eltern mit ihnen viel Neuland in der Elternrolle betreten. Oft sehen sich die Erstgeborenen auch als „Vorkämpfer“. Sie haben als Erste die Frage aufgeworfen, wieviel Schokolade genascht werden darf. Haben als Erste verhandelt, wie lange man mit 16 ausgehen durfte und wann in den Ferien die Bettgehzeit ist.

Wie geht es weiter?

Das Erstgeborene ist auf der Welt. Bleibt es Einzelkind? Bekommt es Geschwister? Entsteht mit den Jahren vielleicht auch eine Patchworkfamilie?

Ihr merkt, die neue Reihe über „Geschwister“ ist nicht nur sehr spannend, sondern auch vielschichtig. Ich hoffe, dass ich mit den vorsichtig dargestellten allgemeinen Aussagen schon ein wenig eigene Vertiefung anstoßen konnte und freue mich auch über Eure Fragen und Kommentare.

Die längste Beziehung unseres Lebens

Ein Thema, das mich auch sehr fasziniert als „Schicksalsaufgabe“ ist das Thema Geschwister und Geschwisterfolge. Im Moment lese ich viel und gern dazu, als Waldorfpädagogin und auch Soziologin. Es ist meiner Meinung nach ein hoch interessantes, aber nicht sehr häufig beachtetes Thema. Ich möchte da wieder eine kleine Themenreihe starten, so nach und nach, mit der Zeit, wie ich es schaffe.

Meine Familie

Ich bin Jüngste von zwei Kindern. Meine Schwester ist fünfeinhalb Jahre älter als ich. Sie hat meine Ankunft also bewusst erlebt. Nach mir kamen keine weiteren Geschwister. Zweitgeborene zu sein, hat mich geprägt.

Ich selbst habe drei Kinder und damit die drei charakteristischen Rollen der Geschwisterfolge vergeben, mein eigener Zweitgeborener ist im Gegensatz zu mir ein „Sandwichkind“. Meine Kinder haben jeweils einen Altersunterschied von 3-4 Jahren.

Geschwisterfolge

Um einen Überblick über das Thema zu geben, möchte ich gern aus dem Klappentext des Buches „Brüder und Schwestern – Geschwisterfolge als Schicksal“, erschienen im Verlag Freies Geistesleben, zitieren:

Ein Erstgeborener hat andere Voraussetzungen für sein Verhältnis zu den ihm umgebenden Menschen als ein Zweitgeborener. Ein drittes Kind ist wieder verschieden (…) dann begann sich (…) allmählich ein Bild zu enthüllen, das eine erste Antwort auf viele offene Fragen zu geben schien.

Manches gemeinsam, manches verschieden

Wie auch bei anderen Ansätzen, etwa der Temperamentenlehre, kann man nun nicht automatisch von seiner Position als Geschwister- oder Einzelkind aus eine Erklärung für alles im Leben finden. Und doch ist ein Blick auf Geschwisterkonstellationen manchmal recht aufschlussreich.

Das Schicksalhafte an Geschwistern

In seine Rolle als Geschwister- oder Einzelkind wird man geboren, was diese eben äußerst schicksalhaft macht. Selbst, wenn man irgendwann im Leben getrennte Wege geht, man bleibt ein Leben lang Bruder / Schwester, es ist unabänderlich. Die tiefste und prägendste Nähe zu Menschen erfahren wir in den Jahren, in denen wir im „Nest“ unserer Familie heranwachsen. Hier erleben wir, dass Menschen für uns da sind. Und hier lernen wir auch erstmals, für andere da zu sein.

Die Geschwisterfolge und die eigene Position ist ein individueller, sehr aufschlussreicher Baustein unserer eigenen Biografie. Auch wenn man auf das Verhalten von Kindern blickt und dieses verstehen will, kann die Position in der Familie den einen oder anderen Hinweis geben.

Literatur zum Thema von Karl König, Jirina Prekop und Michaela Glöckler.

Das Epochenheft, ein Schatz der Schulzeit

Ich habe heute via Instagram eine Nachricht bekommen mit der Frage, was es eigentlich genau mit dem Epochenheft auf sich hat. Gute Frage! Und so wie ich es gerade wahrnehme, ein sehr aktuelles Thema. Denn leider hat sich die Idee des Epochenheftes im Homeschooling und beim Distanzlernen immer weiter Richtung „Arbeitsheft“ verschoben. Das beobachte nicht nur ich. Also ein guter Zeitpunkt, einmal genau auf das Epochenheft zu schauen.

Liebevoll mit der Arbeit verbunden: Jedes Epochenheft wird ein kleines Meisterwerk!
Hier ist ein Kind meiner Familie bei der Arbeit.

Hefte gibt es viele

Na klar, an jeder Schule gibt es viele verschiedene Hefte. Das Epochenheft scheint mir aber eine Spezialität der Waldorfschule zu sein.

Arbeitsheft, Vorschreibheft & Co.

Diese Hefte kennen wir wohl alle. Wenn geübt wird, wenn vorformuliert wird, wenn notiert wird. Dann werden oft Hefte mit Linien und Kästchen verwendet, die reihenweise vollgeschrieben werden. Dort stehen die Übungsaufgaben. Hier ist der Ort, um Inhalte vorzubereiten, Lernstoff zu festigen, zu rechnen, Schriften auszuprobieren usw.

Das Epochenheft als Nachschlagewerk

Anders als an Regelschulen, gibt es zu den Unterrichtsepochen des Klassenlehrers meist kein Lehrbuch, an dem sich die Kinder orientieren – sie schreiben es nämlich selbst und das ist das Epochenheft. Somit ist ein vollständiges Epochenheft ein gelungenes Nachschlagewerk, das über den Zeitraum der Epoche zusehends wächst und die Inhalte der Epoche ordentlich dokumentiert.

Aufbau des Epochenheftes

Das Epochenheft beginnt mit einem Inhaltsverzeichnis. Daher wird die erste Seite meistens freigelassen. Alle weiteren Seiten werden nummeriert. Es entstehen Kapitel und Unterkapitel. Die Beiträge des Epochenheftes bekommen auch ein entsprechendes „Layout“ aus Überschrift, Text – gegebenenfalls mit Zwischenüberschriften – und Bildern, am besten selbst gezeichnet.

Am Ende der Epoche werden dann die Kapitel und Unterkapitel im Inhaltsverzeichnis zusammengetragen – und fertig ist das Nachschlagewerk der Epoche, die Kinder haben ihr eigenes Lehrbuch geschrieben.

Von der weißen Seite zum „Layout“

Die meisten Epochenhefte bestehen aus weißen, unlinierten Seiten. Die Kinder lernen, diese zu strukturieren. So wird meist mit dem Wachsblöckchen zunächst ein Rähmchen gezogen, um nicht zu weit auf den Rand zu schreiben (Orientierung auf der Seite). Schon früh arbeiten die Kinder auch mit Linienblättern. Sorgfalt ist oberstes Gebot.

Meist gehört zu jedem Text ein Bild, das gezeichnet oder gemalt werden muss. Die künstlerische Arbeit wirkt dabei im Seelischen, die Kinder verbinden sich weit mit dem Lernstoff.

Das sorgfältige Arbeiten mit Liebe zum Detail ist mehr als bloßes Niederschreiben und Einkleben. Es ist eine vielseitige, gründliche Arbeit. Das Epochenheft erfährt dadurch eine hohe Wertschätzung.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Lose Blätter soll es nicht geben. Hat man etwas abgeschrieben und braucht die Vorlage nicht mehr, so kann die Vorlage aussortiert werden. Gehört ein Arbeitsblatt, Foto etc. ins Heft, so wird es an passender Stelle eingeklebt. Ist es zu groß, schneidet oder faltet man es ordentlich zurecht. Übersichtlichkeit ist wichtig, um sich in dem Nachschlagewerk auch später noch zurechtzufinden.

Verschiedene Arbeitsmaterialien geben Struktur

Bei mir in Klasse 3 sind für eine ordentliche Heftführung und -gestaltung inzwischen im Einsatz:

  • Wachsblöckchen für die Rähmchen der Seiten
  • Wachsmalstifte für Bilder, die Geschichten oder Erlebnisse widerspiegeln
  • Bleistift und Buntstifte für exakte Zeichnungen
  • Linienblatt zum Schreiben
  • Füller zum Schreiben
  • Lineal, um die Überschrift oder andere wichtige Textstellen zu unterstreichen, ggf. etwas durchzustreichen.
  • Kleber, um evt. auch einmal etwas einzukleben.

Der sichere Umgang mit den verschiedenen Materialien ist schon ein ziemliches „Management“, das von Anfang an angelegt und geübt werden muss. Letztendlich lernen die Kinder nicht nur den Umgang und Einsatz der Arbeitsmaterialien, sondern kommen auch von einer leeren, weißen Seite zu einem übersichtlich strukturierten Heftbeitrag in Wort und Bild.

Struktur auch für andere Bereiche

Eine Heftseite zu strukturieren und die Arbeitsmittel passend einzusetzen, ist auch auf andere Bereiche übertragbar: Es geht schließlich immer darum, die Dinge und Themen für sich zu ergreifen, indem man sie eingrenzt und einteilt (nicht nur physisch), also erst überlegt, dann planvoll umsetzt.

Durchhalten üben

Oftmals ist das leere Heft, der Beginn einer Epoche, ein wahrer Neustart. Die Kinder nehmen sich meist vor, dass dieses Heft das Schönste aller Zeiten wird. Ihr bestes Heft überhaupt. Ist das Heft dann nicht mehr so neu, lässt der Elan schonmal nach. Doch das Durchhalten zahlt sich aus: Ein gelungenes, vollständiges Nachschlagewerk ist schon eine kleine Trophäe.

Der besondere Wert

Es ist nicht nur der Erinnerungswert und die „Trophäe“, das eigene Nachschlagewerk geschaffen zu haben. Ich glaube, es ist im Gegensatz zu einem reinen „Arbeitsheft“, wie ich es zu Beginn dieses Artikels beschrieben habe, ein kleines Meisterwerk für sich.

Ein Epochenheft wird auch aufbewahrt wie ein kleiner Schatz, die Arbeits- und Vorschreibhefte meistens nicht. Da ich nun selbst schon größere Kinder habe, ist eine „Schulzeitreise“ anhand der Epochenhefte eine so wundervolle Erinnerung und Dokumentation von Lernfortschritten, für die ich sehr dankbar bin. Auch die Kinder können sehen, was sie schon alles gelernt und geschafft haben.

Das habe ich gelernt! Bilanz des Schuljahres

Ich sammle die Epochenhefte meiner Klasse über das gesamte Schuljahr hinweg. Am Ende des Schuljahres bekommen die Familien dann eine große Mappe mit allen gesammelten Epochenheften. So kann man am Schuljahresende darin schwelgen, sich in einem Jahresrückblick erinnern – und genau sehen, was sich von Beginn bis Ende eines Schuljahres so alles entwickelt hat. Eine wirklich schöne Erinnerung, ein lebendiges Erleben des Lernens und Erinnerungen fürs Leben.

Kinderhände – Morgenritual

Nach dem beruhigenden, entspannenden Abendritual und der hoffentlich gut verlaufenen Nacht ist es Zeit für den ersten Gruß des Tages, eine weckende Handberührung. Gerade kleine Schlafmützen können so sanft, aber immer wacher, in den Tag starten.

Es darf duften

Man muss nicht unbedingt auch wieder ein Öl mit Duft versetzen. Ein Diffuser am Morgen wirkt auch wahre Wunder. Ätherischer Duft in Kombination mit gerade verlaufenden, ausstreichenden Bewegungen wecken sanft auf.

Welche Öle sind aufweckend?

Hier greift man am besten zu Zitrusölen (Grapefruit, Limette, Mandarine, Orange, Zitrone), aber auch Melisse hat eine aufweckende Wirkung. Noch ein Tipp: Geranie und Muskatellersalbei wirken ermutigend. Wenn Dein Kind also eine Portion Mut braucht, um fit in den Tag zu starten, ist eine Mischung aus diesen Düften hilfreich.

Die erste Berührung des Tages

Zunächst wird wieder die ganze Hand liebevoll umhüllt und so der erste sanfte Kontakt des Tages hergestellt. Die folgenden, ausstreichenden Bewegungen finden dann erst mit der ganzen Hand statt, außen und innen, dann mit den einzelnen Fingern.

Den Namen nennen

Zum liebevollen Wecken gehört auch, den Namen des Kindes zu nennen. Ein allgemeines „Guten Morgen“ ist nicht so weckend wie den eigenen Namen zu hören.

Guten Morgen, liebe*r_______
das wird ein schöner Tag.


Und dazu auch ein oder zwei schöne und positive Dinge sagen, die anstehen.

Es wartet ein schönes Frühstück auf Dich.
Gleich siehst Du Deine Freunde wieder.
In der Schule kannst Du zeigen, ….
Nach der Schule besuchen wir….


Eine Übung auch für uns Erwachsene

Einmal kurz innehalten, an den Tagesablauf aus Sicht des Kindes denken und sich in die Kleinen hineinversetzen, das ist wichtig. Wie oft denken wir an unsere ganzen To Dos und wie das Kind dort mit hinein organisiert wird. Doch wie ist die andere Seite, die des Kindes? Wo ist der Raum für bewusste Momente mit der Familie?

Ich hoffe, Ihr konntet für Euren Start in den Tag eine Inspiration finden.

Kinderhände – Abendritual

Kinderhände be-greifen, gehen in Kontakt, lernen und zeigen unermüdlich Gesten. In den Händen steckt so viel: Sie erleben vielfache Sinneserfahrungen und in den kleinen Handflächen liegt der Ich-Punkt. Schenken wir Kinderhänden Zuwendung und Pflege. Ich möchte Euch gern zwei kleine Rituale für Kinderhände vorstellen, heute das erste.

Pflegen, halten, beruhigen

Zur guten Nacht noch einmal die Hände halten. Mit Goldtröpfchenöl. Zwei Wege für ein Abendritual:

Mit älteren Kindern auf den Tag blicken

Am Bett des Kindes, erst die eine, dann die andere Hand halten, Wärme und pflegendes Öl spenden. Die eigene Hand mit dem Öl „vorwärmen“, die Kinderhand halten und gemeinsam den Tag Revue passieren lassen. Kreisende Bewegungen führen dabei zur Ruhe. Das kleine Abendgespräch mit einem positiven Gedanken abschließen: Etwas, das besonders schön war oder etwas, auf das wir uns am nächsten Tag freuen.

Ein Sprüchlein für jüngere Kinder

Auch hier wird das Öl zunächst auf die schützende Hand gegeben und gewärmt.
Dann werden dazu kleine Verslein gesprochen:

Der runde Mond glänzt silberhelle,
Sternlein stehen ihm zur Stelle.
Still und leise leuchtet er,
wie ein Schatz im Sternenmeer.
Freuet sich ganz still und leise,
schaut herab auf seine Weise.
Schickt ein Träumlein gleich zu dir,
runder Mond, wir danken dir.



Ich wünsche Euch und Euren Lieben viel Freude mit dem kleinen Goldtröpfchen-Ritual am Abend.

Literatur dazu: „Rhythmische Einreibungen“ ( Monika Fingado, Natura Verlag)

Märchen, Märchen….

Ein Märchen, zwei Welten – und ganz viel für die Seele

Märchen versprühen einen ganz besonderen Zauber, den wir alle kennen und in uns aufnehmen. Was ist eigentlich das Besondere an den Märchen? Warum sind sie so gut für die Seele? Oder sind sie es doch nicht, sondern eher brutal? Ich hoffe, ich kann hier einen kleinen Einblick geben. Übrigens sind Märchen nicht nur Balsam für Kinderseelen.

Es war einmal….

Mit diesem Satz beginnt die ganze Magie. Für Kinder bedeutet dies: Als die Welt noch nicht die Welt war, die ich kenne. Lange Zeit, bevor ich lebte. Das ist übrigens auch der Zauber, den Großeltern weitertragen mit Geschichten von früher, aus ihrer Kindheit, die ja in Kinderaugen sooo lange her ist. Doch Märchen schaffen darüber hinaus weitere seelische Verbindungen zum Kind.

Reich an Bildern und doch sparsam mit Details

Die erzählte Welt der Märchen ist so ganz anders, es leben Wesen in ihr, die wir nicht kennen. An Orten, Schlössern, Zauberwäldern oder im Verborgenen, geheimnisvoll fremd. Und doch wissen wir nicht, wie genau die Akteure oder die Umgebungen genau aussehen. Ist der Dummling blond oder dunkelhaarig, klein und dünn oder größer und stämmig? Das steht nirgends geschrieben.

Diese Mischung aus „ganz anderer Welt“ und Sparsamkeit der Details lässt so viel Raum für Fantasie – und die Verbindung zur eigenen Person.

Eine Brücke zwischen zwei Welten

Jedes Märchen hat Gut und Böse, seine Aufgaben, die bewältigt werden müssen und natürlich seine Helden. Kinder verbinden sich mit dem Guten, den Helden, und wenn diese in der Beschreibung weniger ausgearbeitet sind, füllen sie dies mit ihren eigenen Stärken.

Andersherum fühlen sie auch die Ängste, Einsamkeit und Not der Protagonisten, die ja meist große Aufgaben bewältigen müssen, manchmal auf Leben und Tod. Hier wird vermittelt: Sei die Aufgabe auch noch so groß, sie kann geschafft werden. Am Ende wird alles gut.

Dieser indirekte, entfernte Zugang wirkt stärkend im Seelischen.

Sind Märchen brutal?

Häufig wird geäußert, Märchen seien für Kinder doch zu brutal. Dazu sei gesagt, dass es kein Märchen gibt, das gewaltsame Handlungen näher beschreibt. Wenn Rumpelstilzchen sich entzwei reißt, fließt im Märchen kein Blut und Rumpelstilzchen selbst ist auch kein vertrautes Wesen, das unser Mitleid tief erregt. Ebenso ist der Wolf kein Sympathieträger, der die Großmutter oder die Geißlein gefressen hat und dem danach der Bauch aufgeschnitten wird. Den Bauch kann man übrigens aufschneiden, Steine hineinlegen und dann wieder wieder zunähen. Dann erwacht das Tier aus seinem Schlaf…

Wir Erwachsenen haben grausame Szenen vielleicht schon mit allen Details in Büchern gelesen oder in Filmen geschaut und sehen dadurch die Gewalt weitaus blutiger und brutaler vor unserem inneren Auge. Kinder haben jedoch keine weitere Vorstellung davon. Das sollte man bedenken.

Sollte ich ein Märchen vorlesen, umformulieren oder frei erzählen?

Die Sprache und das Sprechen von Märchen ist eine Kunst, der Wortschatz und die Formulierungen aus vergangenen Zeiten strahlen schon aus, dass diese Welt weit weg ist. Wenn wir uns zudem an den genauen Wortlaut halten – der meist auch schöne Rhythmen und Sprachmelodien mitbringt – schafft dies eine große Vertrautheit beim Kind.

Märchen sollte man immer wieder vorlesen, die Wiederholung schafft nicht nur ein liebevolles Ritual, sondern eben auch das beruhigende Eintauchen in ein vertrautes Bild. Genau dies ist nicht gegeben, wenn man frei heraus vorträgt. Auch das Umformulieren bringt möglicherweise Details hinzu, die im Seelischen wieder anders wirken als die ursprüngliche Geschichte. Daher halte ich mich beim Märchenerzählen immer an den Originaltext. In Klasse 1 wird dieser auch oftmals auswendig gelernt, um die Kinder beim Erzählen anschauen zu können.

Doch vorsicht: Das Erzählen sollte ruhig vor sich gehen und auch nicht von großer Mimik und Gestik begleitet werden. Wer all zu sehr betont, „färbt“ die Geschichte wieder mit eigenen Bildern, die bei uns Erwachsenen ja – wie gesagt – deutlich weiter ausgereift sind und bei Kindern dann eine unbehagliche Stimmung erzeugen können. Insbesondere wenn eine Bezugsperson Gefühle von Grusel und Angst transportiert.

Märchen mit Klang

In meinem Podcast erzähle ich die Märchen im Originaltext und wenig betont. Zwischendurch lasse ich Klänge natürlicher Instrumente einfließen. Dies hilft beim konzentrierten Zuhören.

Ich wünsche eine schöne, erholsame Märchenzeit für die Seele.

Montag ist Märchenmontag!

Literaturtipp: „Die Märchenleiter“ von Arnica Esterl, Verlag Freies Geistesleben.

Temperamente – immer wieder gern

Bei meiner ebenfalls bloggenden Kollegin aus Mülheim mit dem Blog Nestgezwitscher wurde bei Instagram der Themenwunsch „Temperamente“ geäußert. Da ich hierzu schon gebloggt und ebenfalls auf Instagram geschrieben habe, konnte ich Ziska kurzfristig einen Gastbeitrag zur Verfügung stellen. Hier ist er:

Die Waldorfpädagogik orientiert sich an der kindlichen Entwicklung. Als  Lehrer*innen schauen wir deshalb von vielen Seiten her auf jedes einzelne Kind. Ein wichtiger und hilfreicher Baustein, gerade in den unteren Klassen, ist dabei die Temperamentenlehre. Hier geht es um die vier Gemütslagen, die in jedem Menschen wirken, jedoch verschieden große Anteile haben: melancholisch, sanguinisch, phlegmatisch und cholerisch. 
Die melancholische Seite zeigt sich bei sehr sensiblen und mitfühlenden Kindern, ein größtenteils sanguinisches Kind ist wiederum  begeisterungsfähig, kreativ und gewinnt leicht Freundschaften. Das phlegmatische Temperament wirkt in gründlichen Beobachtern, die sich gern viele, weit reichende Gedanken machen und cholerische Kinder stecken voller Tatendrang und Abenteuerlust.

Die Mischung aus allen vier Temperamenten macht unsere Gemütslage aus.

Mit einem geschulten und umsichtigen Blick können wir Lehrer*innen und Erzieher*innen dazu 
beitragen, dass ein Kind mit seinen Temperamenten gut zurecht kommt oder es teilweise auch harmonisiert.

Weiterführende Blogbeiträge von mir: Die Temperamente mit allgemeinen Infos und Die Temperamente im Erzählkreis zur Veranschaulichung.

Viel Spaß!

Waldorf- und Montessoripädagogik haben ein gemeinsames Ziel

Welches Bild haben wir von Kindern und Kindheit?

Viele von Euch wissen, dass ich die Montessoripädagogik auch sehr schätze. Das Material hat seit Langem auch Einzug in meinen Unterricht gefunden. Es gibt zwar auch deutliche Unterschiede zwischen Waldorf und Montessori, doch das Ziel ist ein Gemeinsames:

Kinder zur Freiheit erziehen

Wenn man möchte, dass aus Kindern Erwachsene werden, die ihr Leben selbstbestimmt in die Hand nehmen, ein freies Urteil fällen können und authentisch ihren Weg gehen, muss man ihnen gegenüber eine Grundhaltung einnehmen, die signalisiert:

  • So, wie du bist, bist du gut
  • du kannst Vieles schaffen
  • Wenn du mich brauchst, bin ich da. Ich helfe Dir, es selbst zu tun.

Selbstwirksamkeit spüren

Beide pädagogische Ansätze setzen auf Selbstwirksamkeit. Wenn Kinder die Möglichkeiten bekommen, eigene praktische Erfahrungen zu machen und Dinge auch zu tun, die die Großen tun, setzt dies eine große Lernfreude und viele positive Kräfte frei. Wir müssen Kindern nicht erzählen, wie die Welt funktioniert, wie müssen sie selbst in ihr tätig werden lassen. Wer Gemüse schneiden und etwas schnitzen will, braucht ein scharfes Werkzeug. Was gefährlich erscheint, wird sorgsam angeleitet – Hilf mir, es selbst zu tun. Mit Bedacht, aber großem Zutrauen.

Das alltägliche Leben hat mehr Anreize als Spielzeug

Das alltägliche Leben ist eigentlich Sinnes- und Motorikschulung genug – und alles, was man hier schafft, wird gebraucht und hat einen Sinn. Kinder möchten so gern Teil davon sein und nicht passiv berieselt werden – schon gar nicht mit intellekturellen Dingen, bevor sie selbst ihre Fragen dazu entwickelt haben. Diese Haltung haben beide pädagogische Ansätze gemeinsam.

Doch es gibt auch Unterschiede.

An dieser Stelle spreche ich nur für mich. Was mir an der Waldorfpädagogik besser gefällt, ist der Umgang mit den kindlichen Nachahmungskräften, die Rolle von Lehrer*innen und Erzieher*innen als feste Bezugsperson und Vorbild – und nicht nur als „Begleiter*in“, die sich sonst meist stark zurücknehmen. Auch die rhythmischen Abläufe der Waldorfpädagogik und der Gemeinschaftssinn, gerade in der heutigen Zeit, haben mich überzeugt. Ich kann aber aus beiden Ansätzen viel Positives mitnehmen und verbinden, es sind eben keine schwarz-weiß-Sichtweisen, die sich gegenseitig ausschließen. Sicherlich werde ich auch weiterhin als Waldorfbloggerin Themen und Ideen der Montessoripädagogik mit aufgreifen und auch sehr gern Fragen beantworten.