Mehr über den „rhythmischen Teil“

Es erreichen mich immer wieder Fragen zum „rhythmischen Teil“ des Epochenunterrichtes. Für alle Interessierten und frisch gebackenen Waldorfeltern möchte ich daher einmal erklären, was es mit dem „rhythmischen Teil“ auf sich hat und was man so alles macht während dieser Phase des Unterrichts. Aus aktuellem Anlass teile ich auch meine Gedanken zum Thema „Rhythmischer Teil im Homeschooling“.

Bald ist das gemeinsame Musizieren hoffentlich wieder möglich.

Die ganzheitliche Förderung des Kindes

Als Waldorfpädagogen möchten wir die Kinder in ihrer gesunden Entwicklung unterstützen. Daher ist es auch ein wesentlicher Teil unserer Ausbildung, die Entwicklungsschritte im jeweiligen Lebensalter zu kennen und auch zu lernen, wie man sie fördert. Der ganzheitliche Blick richtet sich dabei sowohl auf die körperliche Entwicklung, als auch auf die geistige und seelische Entwicklung der uns anvertrauten Kinder.

Wir Klassenlehrer*innen verbringen in unserem Epochenunterricht jeden Morgen viel Zeit mit den Kindern, lernen jedes einzelne Kind dabei ganz genau kennen und wissen um den jeweiligen Entwicklungsstand. Dadurch haben wir die Möglichkeit, unseren Unterricht so zu gestalten, dass die drei genannten Entwicklungsbereiche bei den Kinder angesprochen werden. Außerdem entsteht Raum für die Gemeinschaft. So geschieht das soziale Miteinander eben nicht nur hauptsächlich in den Pausen auf dem Schulhof, sondern auch unter der Aufsicht der vertrauten Lehrperson. Die Kinder nehmen sich untereinander in den unterschiedlichsten Qualitäten wahr. Da wird ein*e gute*r Flötenspieler*in oder Maler*in ebenso wertgeschätzt wie ein*e schnelle*r Rechner*in oder Läufer*in. Eine wichtige Erkenntnis, die quasi von selbst geschieht: Jedes Kind hat etwas, das es besonders gut kann!

Die Gliederung des Epochenunterrichtes

Der Epochenunterricht, mancherorts auch „Hauptunterricht“ genannt, beginnt nach der täglichen Begrüßung mit dem rhythmischen Teil. Hier ist die Klasse gemeinsam künstlerisch und in Bewegung aktiv: Es wird im Chor gesungen, musiziert oder Gedichte werden rezitiert, meist mit begleitenden Gesten. Thematisch knüpft man an das jeweilige Unterrichtsfach der Epoche oder an den Jahreslauf an. In der Unterstufe ist dann auch noch viel Zeit für Finger- und Klatschspiele, Rhythmusspiele, Übungen zur Körpergeographie, Sinnesschulung und Vieles mehr. Der rhythmische Teil spendet Sicherheit und Kraft durch die tägliche Wiederholung, mit kleineren Varianten.

Dann wird ein spielerischer Übergang zur gedanklichen Arbeit geschafft: Im so genannten Arbeitsteil steht Kopfarbeit an: Lesen, schreiben, rechnen, betrachten, erinnern, vertiefen. Zuletzt folgt der Erzählteil. Durch das lebendige Erzählen geschieht ein inneres Erleben, das die seelische Ebene anspricht. Die Vorstellungskräfte werden geweckt, wenn die Kinder in das Reich der Märchen, Fabeln und Legenden eintauchen. Der jeweilige Erzählstoff wirkt stark im Seelischen. Unsere äußere Welt ist inzwischen so visuell, dass die Kinder heute viel damit befasst sind, diese zahlreichen äußeren Eindrücke innerlich zu verarbeiten, dass die eigenen, „altersgemäßen“ inneren Bilder weniger zur Entfaltung kommen. Der Raum für innere Bilder sollte daher bewusst geschaffen werden.

Rhythmischer Teil im Corona Homeschooling

Wenn Lehrer*innen ihren Schüler*innen während Schulschließungen auftragen, ihre Gedichte, Rhythmusspiele usw. auch zu Hause zu üben, hat dies also den Hintergrund, dass sie weiterhin ihre Klasse möglichst ganzheitlich fördern wollen – auch auf Distanz. Wobei natürlich nichts diese besondere, gemeinschaftliche Atmosphäre im Klassenraum ersetzen kann!

Von Schülerseite her habe ich da verschiedene Rückmeldungen bekommen. Es gibt Kinder, die sehr gern auch zu Hause die Übungen des rhythmischen Teils machen und sich dann aktiv an die schönen Momente in der Schule erinnern. Anderen kommt es zu Hause aber so seltsam vor, ganz allein diese Dinge zu sprechen, bewegen usw., dass sie damit nicht glücklich sind.

Daher möchte ich mit diesem Beitrag auch etwas sensibilisieren. Wenn die Kinder neben ihren Homeschoolingaufgaben zu Hause an der frischen Luft sind, Bewegung haben, ein Instrument spielen, malen usw. dann ist auch das Ziel erreicht. Wenn sich ein Familienmitglied findet, ein vertrautes Gedicht mitzusprechen, ist dies sicher die bessere Variante als es dem Kind allein zu überlassen. Aber mit ein wenig Aufmerksamkeit in Sinn und Zweck des rhythmischen Teils ist sicherlich das Meiste schon gewonnen.

So mache ich es

Ich ermuntere die Kinder, mir zu berichten: Einerseits, wie sie mit ihren Aufgaben zurechtgekommen sind, andererseits, was sie denn zu Hause künstlerisch arbeiten oder wie sie in Bewegung sind. Mehrere Kinder schickten mir Bilder vom Trampolin im Garten, einem Waldspaziergang, Geocaching, Stricken einer „Pferdeleine“, Malen usw. Auf meinem YouTube Kanal findet man als Anregung z.B. unseren Yogavers, kleine Flötenübungen, die Fingerbewegung der Einmaleinsreihen oder die Igelball-Übungen. Da jede Familie in dieser besonderen Zeit aber auch ihre besonderen Herausforderungen und Abläufe hat, möchte ich hier keine „Vorschriften“ machen. Zumal es sich zu Hause, wie gesagt, für die Kinder ganz anders anfühlt. Dass Bewegung und künstlerische Arbeit aber den gleichen Stellenwert wie die „Kopfarbeit“ des Tages haben, wissen die Kinder und ihre Familien. So hoffe ich, dass auch jeden Tag daran gedacht wird.

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