Was ich aus 15 Jahren im Klassenzimmer mitnehme – Teil 3

Verhalten ist fast nie das eigentliche Problem.

Wenn wir über Verhalten sprechen, sprechen wir häufig über das, was sichtbar ist.

Das Kind stört. Der Jugendliche verweigert sich. Die Mutter wirkt gereizt. Der Vater zieht sich zurück. Die Lehrkraft ist ungeduldig.

Wir sehen das Verhalten. Aber wir sehen selten die Geschichte dahinter.

Im Laufe meiner Zeit ist mir mehr und mehr klar geworden: Verhalten ist selten der Anfang einer Geschichte. Es ist wie mit der sichtbaren Spitze des Eisbergs und dem, was unter der Oberfläche ist. Verhalten oft der sichtbare Teil einer verborgenen Geschichte.

Darunter liegen Dinge, die wir nicht sofort erkennen können: Überforderung, Angst, Erschöpfung, Unsicherheit, Schlafmangel.

Ein überlastetes Nervensystem. Nicht erfüllte Bedürfnisse. Manchmal auch Erfahrungen, die ein Mensch nie in Worte gefasst hat, weil diese einfach fehlten.

Deshalb lautet die eigentliche Frage nicht: „Wie bekomme ich dieses Verhalten weg? Sondern:

„Was versucht dieses Verhalten gerade zu schützen?“

Dieser Gedanke gilt nicht nur für Kinder

Das war für mich eine der größten Erkenntnisse. Das Fassen an die eigene Nase sozusagen. Verhalten ist keine „Kindersprache“. Es ist Menschensprache. Auch Erwachsene zeigen manchmal nach außen etwas, wofür ihnen innerlich die Worte fehlen.

Wer schon einmal über Wochen erschöpft war, kennt das vielleicht: Man reagiert gereizter. Man zieht sich zurück. Man vergisst Dinge. Man wird ungeduldig. Und das nicht, weil man ein anderer Mensch geworden ist. Sondern weil das Nervensystem längst versucht, in einem Dauer-Alarmzustand irgendwie durch den Alltag zu kommen.

Genau deshalb begegnen mir Eltern heute mit demselben Mitgefühl wie Kinder. Denn viele tragen Lasten, die von außen kaum sichtbar sind. Sie koordinieren Therapien. Organisieren Familienleben und Beruf. Versuchen, allen gerecht zu werden. Und machen sich gleichzeitig Sorgen, ob sie genug sind.

Manchmal zeigt sich all das nicht in Tränen. Sondern in einer kurzen Nachricht, in einem schroffen Ton. Oder darin, dass sie sich gar nicht mehr melden.

Verstehen heißt nicht, alles zu entschuldigen

Dieser Gedanke ist mir wichtig. Wenn wir Verhalten als Sprache verstehen, bedeutet das nicht, Grenzen aufzugeben. Kinder brauchen Orientierung. Erwachsene tragen Verantwortung. Konflikte dürfen angesprochen werden.

Aber wir können Grenzen setzen, ohne Menschen zu beschämen. Wir können Verantwortung einfordern, ohne den Blick für die Geschichte dahinter zu verlieren. Denn Verhalten zu verstehen heißt nicht, alles gutzuheißen. Es heißt, den Menschen hinter dem Verhalten nicht aus dem Blick zu verlieren.

Die Frage, die meinen Blick verändert hat

Es gibt eine Frage, die mich heute fast täglich begleitet. Nicht nur im Kontakt mit Kindern, sondern mit allen Menschen.

Eine Frage zum Schluss

Wann hast du zuletzt erlebt, dass jemand hinter dein Verhalten geschaut hat – statt es vorschnell zu bewerten?

Oder andersherum:

Wann hast du selbst erkannt, dass hinter dem Verhalten eines anderen Menschen etwas ganz anderes steckte, als du zunächst vermutet hattest?

Ein Satz, mehrere Ausgänge….

  • Ein Kind, das für Verhalten sanktioniert wird, lernt oft nicht, was es stattdessen braucht, sondern wie es sein Verhalten besser versteckt.
  • Ein Kind, das für Verhalten sanktioniert wird, lernt möglicherweise, dass seine Not keinen Platz hat.
  • Ein Kind, das nur für sein Verhalten sanktioniert wird, lernt selten die Ursache seines Verhaltens zu verstehen.
  • Ein Kind, das für Verhalten sanktioniert wird, lernt vielleicht Gehorsam, aber nicht unbedingt Selbstregulation.
  • Ein Kind, das für Verhalten sanktioniert wird, fragt sich oft nicht: „Was kann ich anders machen?“ sondern: „Was stimmt mit mir nicht?“
  • Ein Kind, das für Verhalten sanktioniert wird, braucht häufig nicht weniger oder mehr Grenzen, sondern schlicht mehr Verständnis für das, was hinter seinem Verhalten steckt.

Sanktionen verändern Verhalten. Verstehen verändert Menschen.

Was ich aus 15 Jahren im Klassenzimmer mitnehme, Teil 2: Lernen beginnt nicht mit Aufmerksamkeit. Sondern mit Zuversicht.

Wenn wir darüber sprechen, was Kinder zum Lernen brauchen, fallen meist dieselben Begriffe.

  • Konzentration.
  • Motivation.
  • Aufmerksamkeit.

Alles ganz klar wichtig. Und doch bin ich davon überzeugt, dass all diese Fähigkeiten auf etwas aufbauen, das wir oft unterschätzen oder als Basis übersehen:

Zuversicht

Dieses Gefühl, die innere Stimme, die da ganz liebevoll zuflüstert: „Ich schaffe das.“

Der Vertrauensvorschuss

Ich denke dabei an so viele Kinder, die nicht deshalb Schwierigkeiten hatten, weil sie etwas nicht lernen konnten. Sie hatten vielmehr Schwierigkeiten, weil sie längst davon überzeugt waren, dass sie es sowieso nicht schaffen würden.
Vielleicht hatten sie zu oft erlebt, dass sie scheiterten – was das Außen ihnen spiegelt.
Vielleicht wurden sie ständig mit anderen verglichen – ihr eigener Blick wurde wiederum von außen auf diejenigen gelenkt, die vielleicht etwas besser konnten.
Vielleicht glaubten sie deswegen längst, nicht gut genug zu sein, schon bevor sie etwas ausprobierten.

Kein Arbeitsblatt der Welt kann diesen inneren Satz einfach überschreiben. Deshalb beginnt Lernen für mich nicht mit einer Methode, sondern mit einem Menschen, der sagt:

„Ich glaube an dich. Ich weiß, dass du alles schaffen kannst.“

Und zwar nicht erst dann sagt, wenn ein Kind Erfolg hat. Sondern gerade dann, wenn es selbst noch keinen Grund dafür sieht.

Notiz an uns alle: Wir sind Schatzheber!

Dieses Bild begleitet mich schon lange. Ich glaube, wir Lehrenden sind in erster Linie keine Wissensvermittler. Wir sind Schatzheber. Unsere Aufgabe ist es nicht, Kinder mit Wissen zu füllen. Unsere Aufgabe ist es, die Schätze sichtbar zu machen, die bereits in ihnen liegen. Und das gelingt nur, wenn wir davon überzeugt sind, dass diese überhaupt existieren.

Niemand macht sich auf die Suche nach einem Schatz, wenn er glaubt, dass dort keiner zu finden ist.

Mehr Haltung als Methode

Methoden kann man lernen. Didaktik kann man studieren. Unterricht kann man planen und durchführen. Aber die Haltung, mit der wir einem Kind begegnen, entscheidet oft darüber, ob Lernen überhaupt möglich wird. Ein Kind spürt sehr genau, ob wir ihm etwas zutrauen. Oder ob wir es innerlich vielleicht schon längst aufgegeben haben.

Nicht nur in der Schule

Diese Erkenntnis begleitet mich heute weit über das Klassenzimmer hinaus. Denn sie gilt nicht nur für Kinder, sondern für alle Menschen. Auch wir Erwachsenen lernen leichter und wachsen über uns hinaus, wenn wir uns sicher fühlen. Eben nicht permanent bewertet werden. Ja, uns auch ausprobieren dürfen in unserem Feld, ohne Fehlergemecker.

Vielleicht brauchen wir alle, unabhängig vom Alter, immer wieder Menschen, die uns einen Vertrauensvorschuss schenken. Menschen, die den Schatz sehen, bevor wir ihn selbst erkennen. Und vielleicht beginnt genau dort Entwicklung. Nicht mit Aufmerksamkeit, sondern mit Zuversicht.

Was ich aus 15 Jahren im Klassenzimmer mitnehme – Teil 1: Kinder vergessen vielleicht Inhalte. Aber nie, wie sie sich bei dir gefühlt haben.

Vor 15 Jahren betrat ich mein erstes Klassenzimmer. Damals dachte ich, meine Aufgabe wäre klar: Meine erste eigene Klasse zu einer Gruppe formen, gemeinsam Lernziele erreichen, Kinder auf das spätere Leben auch alltagspraktisch vorzubereiten. Heute, nach 15 Jahren als Lehrerin, weiß ich, dass das nur ein verhältnismäßig kleiner Teil meiner Arbeit war.

Die eigentliche Aufgabe spielte sich oft zwischen den Unterrichtsstunden ab. Sie begann in einem Blick. In einer Begrüßung an der Klassenzimmertür. In einem aufmerksamen Zuhören, mit echtem Interesse an dem, was ein Kind zu sagen hat. Oder in der Entscheidung, ein Verhalten nicht vorschnell zu bewerten, sondern erst verstehen zu wollen. Als eigene Sprache.

Was Kinder wirklich mitnehmen

Manchmal ist der Beruf zum Mäusemelken: Wie oft hat man schon darüber gesprochen, dasss Brüche zuerst gleichnamig gemacht werden müssen, damit man sie addieren oder subtrahieren kann? Dass Nomen wirklich immer groß geschrieben werden.

Manchmal sind auch vermeintlich wichtige Inhalte nicht (mehr) abrufbar Aber ich bin überzeugt, besonders nach vielen Gesprächen mit Ehemaligen, dass viele sich noch daran erinnern, wie sie sich in meinem Unterricht gefühlt haben.

  • Ob sie sich sicher fühlten.
  • Ob sie sich etwas zutrauten.
  • Ob Fehler erlaubt waren.
  • Ob sie gesehen wurden mit allem, was sie als ganzen Menschen ausmachte.

Denn Lernen beginnt nicht erst im Kopf. Es beginnt dort, wo ein Mensch das Gefühl hat: „Hier bin ich willkommen und sicher.“

Mein Blick hat sich geschärft.

In den letzten Jahren hat sich nicht nur Schule verändert. Auch mein Blick auf Kinder hat sich verändert. Ich habe immer mehr verstanden, dass Kinder die Welt auf ganz unterschiedliche, feine Weise wahrnehmen. Dass dieselbe Situation für das eine Kind völlig selbstverständlich sein kann und für ein anderes eine enorme Anstrengung bedeutet. Nicht nur fachlich gesehen.

Ich habe gelernt, Verhalten nicht nur als Handlung zu sehen, die man mehr oder weniger plant oder für die man sich entscheidet. Die unerwünscht ist oder erwünscht. Regelkonform oder nicht. Sondern Verhalten ist Ausdruck, Kommunikation. Und immer auch Sprache eines Nervensystems.

Mit der Zeit habe ich begonnen, andere Fragen zu stellen. Nicht mehr:

„Warum macht das Kind das?

sondern: „Was möchte das Kind sagen? Wofür hat es gerade keine Worte?“

Beziehungen eingehen ist kein Extra oder gar unprofessionell

In der Pädagogik sprechen wir oft über Methoden. Über Konzepte. Über Förderpläne. Über Unterricht. All das ist selbstverständlich sehr wichtig.

Aber ich glaube, wir unterschätzen manchmal das Fundament, auf dem all das überhaupt erst möglich wird: Beziehung. Kinder brauchen keine perfekten Erwachsene. Sie brauchen Erwachsene, bei denen sie sich sicher fühlen und die ein authentisches Vorbild sind. Menschen, die ihnen zutrauen, zu wachsen. Menschen, die auch in schwierigen Momenten den Menschen hinter dem Verhalten sehen.

Warum ich nach 15 Jahre gehe

Immer wieder werde ich gefragt, warum ich mich entschieden habe, den Lehrerberuf zu verlassen. Die ehrliche Antwort lautet: Nicht, weil ich ihn nicht mehr liebe. Ganz im Gegenteil. Diese 15 Jahre haben mich geprägt. Sie haben mir gezeigt, wie viel Gestaltungskraft Pädagoginnen und Pädagogen jeden Tag besitzen.

Aber sie haben mir auch gezeigt, dass die Herausforderungen längst nicht mehr nur im Klassenzimmer liegen. Familien stehen unter enormem Druck. Lehrkräfte ebenso. Pädagogische Fachkräfte arbeiten täglich an ihrer Belastungsgrenze.

Und immer mehr Menschen fragen sich, wie Lernen, Entwicklung und Zusammenleben gelingen können, gerade dann, wenn Menschen die Welt unterschiedlich wahrnehmen.

Ich möchte daher diese Fragen künftig nicht mehr nur in einem Klassenzimmer bewegen. Ich möchte sie gemeinsam mit Eltern, Fachkräften, und allen, die Räume gestalten, weiterdenken. Also: Meine Räume werden größer.

Der Anfang von etwas Neuem

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis, die ich aus 15 Jahren mitnehme:
Kinder vergessen vielleicht manche Inhalte. Aber sie vergessen selten, wie sie sich bei dir gefühlt haben.

Genau deshalb glaube ich heute mehr denn je, dass wir Räume schaffen müssen, in denen Menschen sich sicher fühlen. Innere Räume und äußere Räume.

Räume, die Entwicklung nicht erzwingen, sondern ermöglichen. Genau daraus entsteht gerade mein Projekt NeuroSafeSpace. Und genau darüber möchte ich in den kommenden Wochen mehr erzählen.

Lasst uns in den Austausch gehen

Was ist eine Begegnung aus deiner Schulzeit, an die du dich bis heute erinnerst? War es ein Satz, ein Mensch oder einfach das Gefühl, gesehen worden zu sein? Ich freue mich darauf, deine Gedanken in den Kommentaren zu lesen.

PTBS bei Kindern: Was wir übersehen – und was wirklich hilft

Ein Artikel für Eltern, Lehrkräfte und alle, die Kindern nah sind.

Es gibt ein Bild, das viele von uns im Kopf haben, wenn wir an Trauma denken: ein Kind im Kinderheim. Ein Kind, das einen schweren Verkehrsunfall miterleben musste oder den Tod eines nahen Angehörigen. Ein Kind, das offensichtlich leidet. Doch dieses Bild ist unvollständig Denn Trauma sitzt auch in Klassenzimmern. In Schulbussen. Hinter unauffälligen Gesichtern von Kindern, die einfach „still“ sind, „nicht zuhören können“ oder „immer stören“. Kinder, bei denen niemand auf die Idee kommt zu fragen: Was trägst du gerade mit dir?

Was ist PTBS bei Kindern überhaupt?

Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entsteht, wenn ein Erlebnis die Verarbeitungskapazität eines Menschen deutlich übersteigt. Was für Erwachsene gilt, gilt für Kinder umso mehr, denn ihr Nervensystem ist noch in der Entwicklung, ihre Bewältigungsstrategien sind begrenzt, und sie sind von Erwachsenen abhängig, die sie manchmal selbst nicht schützen können.

Traumatische Erlebnisse im Kindesalter sind vielfältig: körperliche oder emotionale Misshandlung, Vernachlässigung, der Verlust einer Bezugsperson, häusliche Gewalt, Unfälle, aber auch chronischer Stress in einem dysfunktionalen Familienumfeld.

Wichtig zu wissen: PTBS bei Kindern sieht selten so aus, wie wir es erwarten.

Das unsichtbare Gesicht von Trauma

Kinder zeigen Trauma meist nicht mit Worten. Sie zeigen es mit Verhalten.

Und genau das wird so oft falsch verstanden.

Ein Kind, das im Unterricht nicht stillsitzen kann, wird schnell als ADHS-verdächtig eingestuft. Ein Kind, das sich verweigert, gilt als faul oder störrisch. Ein Kind, das ausrastet, als aggressiv. Ein Kind, das erschöpft und müde ist, als desinteressiert. Was dahinter stecken könnte? E

in Nervensystem, das im Dauerstress-Modus feststeckt.

Fachleute warnen ausdrücklich davor: Übererregungssymptome einer PTBS wie Konzentrationsprobleme, Reizbarkeit und Wutausbrüche werden bei Kindern regelmäßig als ADHS fehldiagnostiziert. Das bedeutet: Kinder werden für ein Problem behandelt, das gar nicht das eigentliche Problem ist. Und das eigentliche Problem bleibt unsichtbar.

Die Zahlen, die uns wachrütteln sollten

Trauma im Kindesalter ist kein seltenes Phänomen. Es ist erschreckend verbreitet. Eine repräsentative deutsche Studie (Deutsches Ärzteblatt, 2019) zeigt: Fast 44 % der deutschen Bevölkerung hat mindestens ein belastendes Kindheitserlebnis erlebt. Fast 9 % sogar vier oder mehr. Im Jahr 2022 meldeten deutsche Jugendämter über 62.000 Fälle von Kindeswohlgefährdung – und das ist nur, was sichtbar wurde. Die Dunkelziffer ist erheblich.

Und dann ist da noch die Gruppe der neurodivergenten Kinder mit ADHS, Autismus, Lernstörungen. Sie sind besonders gefährdet, denn ihr Nervensystem ist sensibler, ihre Reizschwelle niedriger, und Studien zeigen: Neurodivergenz gilt als Risikofaktor dafür, dass belastende Erlebnisse sich tiefer eingraben und eher zu PTBS führen.

Gleichzeitig haben über 53 % aller Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung mindestens eine psychiatrische Begleiterkrankung. Angststörungen, Depressionen, PTBS – alles auf einmal, in einem kleinen Körper, der morgens in die Schule muss.

Warum wir es so oft verpassen

Es gibt einen Satz, der in der Traumapädagogik immer wieder auftaucht:

Nicht: Was stimmt mit dir nicht? Sondern: Was ist dir passiert?“

Dieser Perspektivwechsel klingt klein. Er ist es keineswegs.

Denn unser Schulsystem – ja unser gesellschaftliches System insgesamt – ist auf Sichtbarkeit ausgelegt. Gebrochene Arme werden behandelt. Traurigkeit, die man sieht, bekommt Mitgefühl. Aber ein Kind, das innerlich kämpft und äußerlich stört? Das bekommt oft vorschnell Sanktionen.

Neurodivergente Kinder werden dabei besonders oft übersehen. Viele von ihnen lernen früh das sogenannte Masking — sie passen sich an, verbergen ihr wahres Erleben, funktionieren nach außen. Bis sie es nicht mehr können. Bis sich ihre Fassade in Erschöpfung, Angst oder Ausbrüchen entlädt.

Das ist kein Versagen des Kindes. Es ist das Ergebnis einer Umgebung, die keinen Raum für Andersartigkeit gelassen hat. Und leider ist es oft so, dass Lehrkräfte (in meinen Augen) schon in ihrer Ausbildung viel zu wenig geschult werden im Bereich der Traumapädagogik und Neurodivergenz.

Du musst kein Therapeut sein. Aber du kannst eine sichere Person sein.

Das reicht oft weiter, als wir denken.

Für Lehrkräfte und Pädagog:innen:

  • Struktur ist Fürsorge. Ein vorhersehbarer Tagesablauf, ein Tagesplan an der Tafel, immer dasselbe Morgenritual – das gibt einem dysregulierten Nervensystem Halt (Link zu. meinem Kartenset „30 Übergänge und Rituale in der Grundschule“)
  • Rückzug ermöglichen. Ein vereinbarter ruhiger Ort, den ein Kind aufsuchen darf, wenn es nicht mehr kann: ohne Strafe, ohne Beschämung.
  • Die Sprache ändern. „Was brauchst du gerade?“ statt „Warum machst du das?“ öffnet Türen, die anklagende Fragen schließen. Wirklich!
  • Beziehung ist Schutzfaktor Nummer eins. Ein kurzer echter Kontakt täglich… ein Lächeln, ein kurzes Gespräch – das kann für ein Kind mit unsicherer Bindungserfahrung bedeutsamer sein als jede pädagogische Maßnahme.

Für Eltern:

  • Glaub deinem Kind, auch wenn du es nicht verstehst. „Ich glaube dir, dass es schwer ist“ ist ein mächtiger Satz. Du kannst die Gefühle zwar nicht abnehmen (das wäre auch nicht im Interesse des Kindes!), aber co-regulieren.
  • Suche dir selbst Unterstützung. Eltern von traumatisierten oder neurodivergenten Kindern tragen viel. Du kannst nicht aus einem leeren Tank geben. Mein unkompliziertes Coaching-Angebot für akuten Bedarf.
  • Rede mit der Schule – aber bereite dich vor. Bring konkrete Beobachtungen mit. Nicht Diagnosen oder gar Anschuldigungen, sondern: „Ich bemerke, dass mein Kind morgens sehr angespannt ist. Was beobachten Sie?“
  • Fachliche Hilfe ist kein Versagen. Traumafokussierte Kinderpsychotherapie wirkt. Frühzeitig angesetzt, kann sie enorm viel verändern.

Ein kleines Wort zum Schluss

Kinder, die Trauma tragen, brauchen keine Disziplin. Sie brauchen Sicherheit.

Sie brauchen Erwachsene, die nicht wegsehen, wenn es unbequem wird. Die fragen, statt zu urteilen. Die Verhalten als Sprache lesen – als den einzigen Weg, den ein Kind hat, um zu sagen: Ich brauche Hilfe.

PTBS bei Kindern ist real. Sie ist sogar häufig. Und sie ist unsichtbar – bis jemand anfängt, anders hinzuschauen.

Du kannst dieser jemand sein.

Autistische Kinder in der Kita begleiten – zwischen Inklusion, Masking und echter Unterstützung

Vor kurzem wurde ich vom Bananenblau Verlag sehr ausgiebig interviewt zu meinem Herzthema Autismus. Auf Instagram wurde das Wesentliche in Slides zusammengefasst. Auf meinem Blog gibt´ s natürlich das ganze Interview – und ein SAVE THE DATE am Ende des Artikels.

Autistische Kinder in der Kita zu begleiten bedeutet, genau hinzuschauen und zwischen Unterstützung, Anpassungsdruck und echter Inklusion zu unterscheiden. In diesem Interview spricht Bananenblau mit Nadine Mescher über die Begleitung autistischer Kinder in der Kita. Im Mittelpunkt stehen Fragen aus dem pädagogischen Alltag: Wie erkennen wir Bedürfnisse richtig, wo beginnt Anpassungsdruck, und wie kann echte Inklusion im Kita-Kontext gelingen?

Autistische Mädchen wirken oft durch Masking unauffällig. Wie erkennt man, dass ein Kind möglicherweise im Autismus-Spektrum ist?

Schüchternheit kann mit zunehmender Vertrautheit nachlassen, bei autistischen Kindern bleibt die kognitive Anstrengung jedoch meist konstant, sie wird lediglich kompensiert. Im Spiel fällt oft auf, dass ein Kind weniger spontan und kreativ agiert, sondern andere Kinder genau beobachtet und deren Verhalten „einstudiert“. Häufig zeigen sich intensive Spezialinteressen, die sich in wiederkehrenden Themen oder gleichbleibenden Spielmustern äußern. Zudem kommt es durch sensorische Überreizung nicht selten zu einem plötzlichen Rückzugsbedürfnis aus Spielsituationen.

Ein besonders wichtiges Signal: Viele Eltern berichten, dass ihr Kind in der Kita unauffällig wirkt, zu Hause jedoch regelmäßig erschöpft ist – mit Weinen oder Wutausbrüchen als Ausdruck der Überforderung.

Gibt es Tipps für Pädagogen ohne heilpädagogische Ausbildung?

Für Erzieher*innen ist es oft überraschend, wenn Eltern berichten, dass das Kind zu Hause regelmäßig zusammenbricht. Umgekehrt erleben Erzieher*innen ein Kind in der Kita als herausfordernd, während die Eltern es zu Hause als unauffällig beschreiben.

Es ist daher sinnvoll, gezielt nachzufragen, wie sich das Kind in anderen Gruppensituationen verhält, zum Beispiel auf Festen oder in Vereinen. Der Vergleich verschiedener Settings hilft dabei, besser einzuschätzen, wie das Kind in unterschiedlichen Kontexten zurechtkommt. 

Wie helfen wir autistischen Kindern in der Kita?

Es ist wichtig, den Kindern zu vermitteln: Du bist gut, so wie du bist. Unterschiedlichkeit darf sein. Statt autistische Kinder von außen anzupassen, etwa durch Training von Blickkontakt oder das Imitieren von Smalltalk, sollte ihre individuelle Art der Wahrnehmung und Kommunikation anerkannt werden.

Wenn alle Kinder im Grunde von klein auf lernen, dass verschiedene Arten zu denken, zu fühlen und zu sein in Ordnung sind, entsteht mehr Verständnis füreinander. So kann langfristig ein wertschätzender Umgang zwischen neurotypischen und neurodivergenten Menschen gefördert werden.

Ein soziales Miteinander muss gelernt werden. Aber wie unterscheidet man soziale Unterstützung vom Trainieren von Masking?

Es ist wichtig zu differenzieren: Dienen Maßnahmen, wie Blickkontakt halten, dem Kind oder eher der Umgebung? Wenn solche Anforderungen vor allem dazu dienen, dass das Kind „funktioniert“, es dabei jedoch Stress oder Erschöpfung erlebt, kann das ein Hinweis auf zu viel Masking sein. In diesem Fall sollte geprüft werden, ob eine inklusivere Umgebung geschaffen werden kann. Aus meiner Erfahrung nähern sich Kinder leichter einander an, wenn Erwachsene nicht stark steuernd oder eingreifend von außen regulieren, sondern Begegnungen wohlwollend begleiten.

Wichtig ist, dass Kinder, die bestimmte soziale Signale nicht intuitiv zeigen (z. B. Blickkontakt), lernen dürfen, dass es diese gibt und dass sie im Alltag wahrgenommen werden, ohne sie jedoch zu erzwingen oder als Mangel zu bewerten.

Gerade Mädchen haben oft den Wunsch, als freundlich erlebt zu werden. Es ist schön, wenn sie das zeigen möchten. Wenn es jedoch viel Kraft kostet, ist es ebenso in Ordnung, es nicht zu tun.

Autistische Kinder haben oft weniger soziale Interessen und sind in ihrer eigenen Welt zufrieden. Doch wie erkennt man eine Ausgrenzung bei den autistischen Kindern?

Ein ausgegrenztes Kind beobachtet meistens die anderen am Rand und versucht, die soziale Situation zu verstehen und einen Zugang zur Gruppe zu finden. Sollte keine Brücke zwischen den Kindern gebaut werden können, erleben autistische Kinder häufig Ausgrenzung, auch ohne dass es einen konkreten Anlass gibt. Andere Kinder haben oft ein Gespür dafür, dass das Kind nicht „dazugehört“, und ziehen sich zurück. Ein autistischen Kind versteht in solchen Situationen häufig nicht, warum es plötzlich allein ist.

Wenn ein Kind weniger als früher an Gruppensituationen teilnimmt, kann das ein Hinweis auf Ausgrenzung sein. Ein ausgegrenztes Kind kann langfristig beginnen, sich selbst abzuwerten. Bei massiver Ausgrenzung können psychosomatische Symptome auftreten.

Wie baut man denn eine Brücke zwischen autistischen und neurotypischen Kindern?

Autismus bedeutet nicht nur Schwierigkeiten, sondern bringt auch enorm viele Stärken mit sich. Für Pädagog*innen ist es wichtig, diese Stärken zu erkennen, anzuerkennen und bewusst in die Gruppe einzubringen, zum Beispiel Spiele auszudenken, bei denen autistische Kinder ihre Fähigkeiten gut einbringen können.


Autistische Kinder erleben viel häufiger Ausgrenzung, Ablehnung und negative Bewertungen durch ihre Umgebung. Können wir sie besser davor bewahren oder vorbereiten?

Wir können Kinder nicht vor allem schützen, aber wir können ihre Resilienz stärken und für sie da sein. Dabei sollte nicht die Angst vor Ablehnung verstärkt werden. Es geht nicht darum, Ablehnung vorherzusagen, sondern das Kind darin zu bestärken, dass die Reaktionen anderer Menschen oft mehr über deren eigene Grenzen aussagen als über den eigenen Wert. Kinder sollten lernen, ihre eigenen Grenzen zu äußern, bevor Situationen eskalieren. Das gibt Vorhersehbarkeit und Sicherheit, ohne Angst zu spüren. Pädagog*innen können – je nach Entwicklungsstand des Kindes – unterstützend vermitteln, wie Kommunikation auf unterschiedliche Weise funktionieren kann. Voraussetzung ist eine gesicherte Diagnose, wobei häufig auch beratende Stellen wie Autismus-Zentren einbezogen werden. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit im Team ist wichtig.

Aus meiner Erfahrung gibt es zum Glück oft nicht nur ein autistisches Kind in meiner Gruppe. Da kann hilfreich sein, autistische Kinder miteinander in Kontakt zu bringen, da sie sich häufig auf eine besondere Weise verstehen.

Wie bereiten wir Kinder auf eine Welt vor, die derzeit leider noch nicht so inklusiv ist, wie wir es uns wünschen?

Die Kita ist gerade eine gut geschützte Übungsumgebung. Hier können Kinder lernen, ihre eigenen Grenzen und Bedürfnisse wahrzunehmen und zu äußern, zum Beispiel: „Es ist mir zu laut.“, „Ich brauche eine Pause.“, „Ich brauche Ruhe.“ oder „Ich brauche Gehörschutz.“ Es ist wichtig, jedem Kind zu vermitteln, dass es ein Recht auf Erholung hat, wenn die Welt laut oder chaotisch ist. In meiner Erfahrung kann es hilfreich sein, wenn zum Beispiel in der Gruppe Gehörschutz für alle Kinder verfügbar ist. So entsteht keine besondere Erklärungsnotwendigkeit, und alle Kinder haben grundsätzlich jederzeit die Möglichkeit, ihn zu nutzen.

Aus meiner Perspektive werden auch Schulen in differenzierten Arbeitsphasen zunehmend offener dafür, solche Unterstützungsangebote im Alltag zu integrieren. Wenn Kinder von klein auf im Kita-Alltag lernen, sich wahrzunehmen und zu äußern, sich selbst sichere Rückzugsräume zu schaffen, ist das eine wichtige Grundlage für ihr späteres Leben – sowohl im Hinblick auf Selbstfürsorge als auch auf ein gelingendes Miteinander.

Das Interview führte Ying Song vom Banenenblau Verlag.

Save the date

Ich bin dieses Jahr als Sprecherin beim Spektakel von Wohnzimmer Neurodivers e.V. dabei.

Vom 1. bis 7. Juni gibt es für Vereinsmitglieder eine Early-Bird-Woche mit reduzierten Tickets für nur 10 Euro inklusive der Workshops und Aufzeichnungen.

Wer noch nicht Mitglied ist, kann es bis dahin werden – Mitgliedsbeitrag schon ab 24 Euro im Jahr.

Praktisches Lernen und Entwicklungsschritte meistern – das ist die Hausbauepoche in Klasse 3

Dieser Artikel enthält auch Inspirationen für Nicht-Waldorffamilien! Bitte bis zum Ende lesen. Wisst ihr, was gerade an Waldorfschulen passiert? Nach Ostern bauen die meisten Kinder der dritten Klasse Häuser. Zum Ende eines Schuljahres, das von einem großen Entwicklungsschritt geprägt war, fließt zusammen, was zuvor gemeinsam erlernt wurde und ein großer Schritt ins echte Leben ist.

Angefangen bei der Schöpfungsgeschichte. Dann: Wie man mit Maßen, Gewichten und Geld rechnet, wie man sorgfältig plant und zeichnet – und dann sowohl die Vorstellung von einem eigenen Häuschen, als auch ein gemeinsames Bauprojekt mit der ganzen Klasse auf die Beine stellt. Das alles mit einer Hingabe, die ich jedes Mal aufs Neue liebe.

Hier die Erinnerung an die Hausbau-Epoche meiner (jetzt 8.) Klasse.

Hausbauepoche. Allein das Wort macht mir Freude.

Ich erinnere mich so gern daran: Die Hausbauepoche meiner 3. Klasse. Die Kinder – so tatkräftig, konzentriert und ernsthaft bei der Sache. Da wurde gemessen und gezeichnet, da wurden Grundrisse entwickelt, Fachwerk skizziert, Dachstühle konstruiert. Und plötzlich war Mathematik kein abstraktes Fach mehr, sondern etwas, das ein Zuhause bauen kann. Und mehr.

Was mich an der Hausbauepoche immer wieder so berührt: Sie greift etwas ganz Tiefes auf, das wiederum mit dem großen Entwicklungsschritt („Rubikon“) von der Mit-Welt hin zur Um-Welt zusammenhängt. Das Ur-Bedürfnis des Menschen, sich einen Platz in der Welt zu schaffen. Einen Raum, der schützt. Einen Ort, der Sicherheit bedeutet. Die Kinder spüren das – auch wenn sie es vielleicht nicht in Worte fassen können. Aber schaut man ihnen beim Bau ihrer kleinen Häuser zu, sieht man es in ihren Gesichtern.

Noch mehr Hintergrundwissen und -fühlen

Wenn du verstehen möchtest, warum gerade diese Epoche in dieser Klasse kommt, warum der Waldorflehrplan so aufgebaut ist:

In meinem Buch „Waldorf inside“ nehme ich dich mit hinter die Kulissen. Nicht nur theoretisch, sondern als ehrlicher, lebensnaher Einblick in das, was diese Pädagogik im Kern ausmacht. Was sie kann. Was sie bewegt. Warum ich auch nach über 15 Jahren und mit Blick auf meine eigenen (inzwischen erwachsenen) Kindern dankbar bin, einen Zugang zu dieser Pädagogik gefunden zu haben. Bestellen beim Verlag  Bestellen bei Thalia Bestellen bei Amazon

Oder ein eigenes Hausbau-Projekt bei dir zu Hause

Weil Hausbauepoche ansteckend ist 🙂 Man kennt es: Die Kinder kommen nach Hause – und wollen weiter bauen. Richtig bauen. Genau das richtige Buch dafür ist „Wir bauen jetzt ein Haus“ – ein wunderbar handfestes Kinderbuch, das den Bauprozess lebendig und begreifbar macht. Perfekt für alle kleinen (und großen) Baumeister! Bestellen bei Thalia, Bestellen bei Amazon.

Und für die ganz Ambitionierten: Ein echtes Klettergerüst im Garten!

Jetzt kommt mein absoluter Geheimtipp für alle Familien mit Garten und Kindern, die echte kleine Macher sind (diese Entdeckung ließ mich übrigens erst diesen Blogartikel neu schreiben):

Ein echter Zimmermann zeigt euch Schritt für Schritt, wie ihr euer eigenes Klettergerüst mit Stelzenhaus baut. Dies ist eine professionelle, bewährte Anleitung. Verständlich aufbereitet, sodass es wirklich gelingt. Holz, Hammer, Herz und am Ende ein Abenteuerparadies, das eure Kinder den ganzen Sommer beschäftigt hält. Und zu dem sie sagen können: Das haben WIR selbst gebaut. Wenn ihr mich fragt: Das ist das Schönste, was ihr nach einer Hausbauepoche gemeinsam tun könnt.

Ein lesenswerter Besuch in der Waldorfschule

Ich frage nicht nach „Waldorf“, denn dies ist für mich kein Adjektiv, das für irgendwelche Wahrnehmungen und Interpretationen steht. Ich frage nach Waldorfschule. Der Schulform, die ich selbst nicht besucht habe, für die ich mich aber als Unterrichtende und auch für meine Kinder entschieden habe.

Was ich tagtäglich über 15 Jahre erlebe und erlebt habe: Was ist die Essenz? Das, was diese Pädagogik ausmacht? Das, was ich dir gern mit auf den Weg geben möchte, wenn du mich fragst.

Eine Haltung dem werdenden Menschen gegenüber. Das, was trägt, um letztendlich Bildung ganzheitlich zu ermöglichen.

Ich habe mich also auf eine Reise zum Kern dessen gemacht, was ich an der Waldorfpädagogik so schätze, im Jahr 2026.

Und dieses Buch ist dabei entstanden, so lebensnah es mir möglich war. Ich freue mich, wenn du es liest und mir gern Feedback schreibst.

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Aus dem Resilienztraining: Das Haus der sieben Steine

Stell dir vor, die psychische Widerstandskraft deines Kindes ist wie ein Haus. Es schützt vor den Stürmen des Lebens – egal, ob es der verlorene Turnbeutel, der Streit mit der besten Freundin oder der Frust über die Hausaufgabe am Nachmittag ist. Als Eltern oder Pädagog:innen bauen wir dieses Haus nicht für unsere Kinder, sondern mit ihnen – wir reichen die Steine und entdecken gemeinsam, wie der Bau hält und trägt.

Hier sind die 7 Säulen der Resilienz (nach Reivich und Shatté), direkt übersetzt in den Alltag mit Kindern.

1. Akzeptanz: „Es ist, wie es ist“

Die Situation: Da klappt etwas nicht. Sei es eine Bastelanleitung oder die ersten Fahrversuche auf Rollschuhen.  Die Resilienz-Lektion: Anstatt sofort zu sagen „Ist doch nicht schlimm“, helfen wir dem Kind zu akzeptieren: „Ja, das ist jetzt echt ärgerlich. Da klappt es etwas nicht so wie gedacht.“ Nur wer lernt, dass unangenehme Gefühle zum Leben gehören, kann sie überwinden.

2. Optimismus: „Es wird wieder gut“

Die Situation: Ein Kind traut sich nicht auf das neue Klettergerüst. Die Resilienz-Lektion: Optimismus bedeutet nicht, alles durch die rosarote Brille zu sehen, sondern die Zuversicht zu haben: „Ich habe heute noch Angst, aber ich kann es morgen nochmal probieren.“ Wir stärken den Glauben an ein positives Ende.

3. Selbstwirksamkeit: „Ich kann etwas bewirken“

Die Situation: Die Wasserflasche läuft aus. Die Resilienz-Lektion: Nicht sofort zum Wischtuch greifen! Lass das Kind es selbst erledigen. Das Gefühl „Ich kann einen Fehler korrigieren“ ist das Fundament für ein starkes Selbstwertgefühl. Und: Jedesmal, wenn du eine Aufgabe übernimmst, die dein Kind selbst erledigen könnte, vermittelst du, dass du es sowieso besser kannst.

4. Eigenverantwortung: „Ich kann es selbst steuern“

Die Situation: „Die Hausaufgaben sind blöd, ich mache die nicht!“ Die Resilienz-Lektion: Wir begleiten das Kind dabei, aus der Schuldzuweisung („doofe Schule“) herauszutreten. „Was kannst du tun, damit du heute mit deinen Aufgaben schneller fertig wirst?“ Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, macht stark.

5. Netzwerkorientierung: „Ich bin nicht allein“

Die Situation: Streit mit einem befreundeten Kind. Die Resilienz-Lektion: Resiliente Kinder wissen, wen sie (selbst!) um Hilfe bitten können. Das zeigt: Hilfe annehmen ist keine Schwäche, sondern eine soziale Superkraft. Wer ist dein „Sicherheitsteam“?

6. Lösungsorientierung: „Was machen wir jetzt?“

Die Situation: Das Lieblings-Kuscheltier ist im Urlaubsdomizil liegen geblieben. Die Resilienz-Lektion: Erstes Trauern ist okay, dann folgt der Schwenk: „Wie lösen wir das? Sollen wir dort anrufen oder darf ein Ersatz-Tier einspringen?“ Der Fokus liegt auf der Lösung, nicht auf dem Problem.

7. Zukunftsorientierung: „Was kommt als Nächstes?“

Die Situation: Das Wochenende steht vor der Tür, die Freude ist groß. Die Resilienz-Lektion: Ziele setzen und Pläne machen. Kinder lernen hier, dass sie ihre Zukunft mitgestalten können. „Was ist das Schönste, was wir am Samstag machen wollen?“


Resilienz ist kein Zustand, den man „hat“, sondern ein Muskel, den wir täglich trainieren. So ein Haus wird nicht an einem Tag fertig gebaut – aber jeder kleine Moment mit deinem Kind ist dazu geeignet, einen neuen Stein zu setzen.

Kleiner Tipp von mir: Wähle dir für die nächsten Tage eine Säule aus (z. B. die Lösungsorientierung), auf die du bewusst achtest. Wenn das nächste Mal etwas schiefgeht, frage dein Kind nicht „Warum hast du das gemacht?“ oder „Wie konnte das passieren?“, sondern „Was ist dein Plan, wie wir das lösen?“

Bildung durch Beziehung: Insights aus zwei Podcastfolgen mit Prof. Iru Mun

In den letzten beiden Folgen des Podcasts „Von der Praxis zur Vision – was Kinder jetzt stärkt und später trägt“ entstand ein Gespräch zu dritt (wie immer mit Dustin und mir), das noch lange nachklingt. Unser Gast war Prof. Iru Mun, und es war uns eine große Freude, zwei Folgen zu produzieren, die zugleich so gehaltvoll, verdichtet und dabei so menschlich waren.

Dabei waren unsere Gespräche keine schnellen Antworten auf komplexe Fragen. Sie waren vielmehr Einladungen zum Innehalten, zum Weiterdenken – und vielleicht auch zum Umlernen oder Dazulernen.

Bildung braucht Beziehung!

Ein roter Faden, der sich durch beide Folgen zieht, ist das tiefe Verständnis von Bildung als Beziehungsgeschehen. Lernen ist eben keine bloße Wissensvermittlung, sondern etwas, das aus echten Begegnungen entsteht: Zwischen Erwachsenen und Kindern, unter Kindern, zwischen Welt und Mensch.

Es wurde wieder einmal deutlich, dass Kinder sich nicht an Methoden erinnern werden, wohl aber an Menschen. An Erwachsene, die ihnen mit Interesse, Wärme und echtem Zutrauen begegnet sind. Dieses Zutrauen – so wurde spürbar – ist keine pädagogische Technik, sondern eine innere Haltung.

Was Kinder wirklich stärkt

Besonders berührend war die Klarheit, die immer wieder zurück zum Wesentlichen fand:

  • Kinder brauchen verlässliche Beziehungen.
  • Sie brauchen Erwachsene, die präsent sind – nicht perfekt, aber ehrlich.
  • Sie brauchen Räume, in denen sie sich als wirksam erleben dürfen.

Stärkung entsteht nicht durch Optimierung, sondern durch Resonanz. Durch das Gefühl: Ich werde gesehen. Ich werde ernst genommen. Ich darf wachsen in meinem eigenen Tempo.

Hoch aktuell und doch auch gegen den Zeitgeist

Beide Podcastfolgen stehen in einem spannenden Kontrast zu vielen aktuellen Bildungsdebatten. Während noch immer Effizienz, Messbarkeit und frühe Leistungsorientierung dominieren, entwickelte sich unser Gespräch mit Iru Mun ruhig, fundiert und konsequent über Entwicklung, über Reifung und über das Vertrauen in kindliche Prozesse.

Gerade dadurch sind die Folgen so zeitgemäß. Sie erinnern daran, dass Zukunftsfähigkeit nicht aus Beschleunigung und Anpassung entsteht, sondern aus innerer Stabilität, aus Sinnbezug und aus der Erfahrung, Teil einer tragenden Gemeinschaft zu sein.

Unser Erfahrungsraum, die Waldorfpädagogik

Es wurde spürbar, dass es eben nicht um ein fertiges Konzept geht, sondern um einen lebendigen Erfahrungsraum. Einen Raum, in dem Fragen erlaubt sind. In dem Pädagog:innen selbst Lernende bleiben dürfen. Und in dem die Entwicklung des Kindes immer wieder neu in den Mittelpunkt des Interesses rückt. Solche Gespräche machen wirklich Mut, die Haltung der Waldorfpädagogik zu verstehen: offen, forschend und zutiefst menschenzugewandt.

Dankbarkeit und Nachhall

Diese beiden Podcastfolgen hinterlassen Dankbarkeit. Dafür, dass komplexe Zusammenhänge nicht vereinfacht, sondern gemeinsam achtsam entfaltet wurden. Dafür, dass pädagogische Arbeit in ihrer Tiefe gesehen wurde. Und dafür, dass deutlich wurde, wie sehr das, was Kinder heute erleben, ihr ganzes späteres Leben trägt.

Wenn Ihr Euch Zeit nehmt für diese Gespräche, werdet Ihr mit vielleicht weiteren Perspektiven und mit der Erinnerung daran belohnt, warum wir Kinder begleiten. Nämlich, um sie stark, verbunden und menschlich ins Leben zu entlassen. Für alle Zukunftsaufgaben, die da kommen werden.

Ein herzliches Dankeschön an Prof. Iru Mun!

Die Podcastfolgen findet Ihr überall, wo es Podcasts gibt oder direkt über die folgenden Links:

Teil 1: Was brauchen unsere neuen Lehrkräfte?

Teil 2: „Unsere Pädagogik trägt für die Zukunft alles in sich!“

Eine kleine Winterwichtel-Geschichte für Auszeit-Momente

Ich wünsche Euch allen frohe Feiertage! Die Advents- und Weihnachtszeit ist für Kinder eine ganz besondere Zeit – magisch, warm, voller Vorfreude. Und manchmal… auch ziemlich viel. Viel Besuch, viele Reize, viele Gefühle. Zwischen Geschenken, Plätzchen und Erwartung passiert es schnell, dass kleine Herzen ganz groß klopfen und alles ein bisschen zu aufregend wird.

Genau dafür habe ich eine kleine Winter-Geschichte geschrieben, die Ihr hier kostenlos downloaden könnt.

Worum geht es in der Geschichte?

Die Winterwichtel Smilla und Murgel wohnen ganz nah bei den Menschen. Sie lieben Kerzenschein, Spiele und den Duft aus dem Backofen – aber manchmal wird es ihnen einfach zu viel. Sowohl die Momente der Freude, als auch die kleinen und größeren Streitereien in dieser Zeit sind herausfordernd. Das darf so sein.
Also macht Smilla etwas ganz Wichtiges:
Sie nimmt sich einen kleinen Moment nur für sich.
Sie spürt ihre Füße auf dem Boden.
Sie wiegt sich und atmet tief.
Und erinnert sich: „Ich bin da. Ich bin sicher.“

Murgel wartet in dieser Zeit geduldig auf seine liebe Freundin und gemeinsam finden sie wieder freudig zurück in den Trubel – ganz ohne Stress, ganz ohne Eile.

Für wen ist die Geschichte gedacht?
Es geht darum, Möglichkeiten zu entdecken, das Nervensystem zu regulieren. Davon profitieren besonders

  • Kinder, die schnell überreizt sind
  • alle sensible Seelen und kleine Wirbelwinde
  • Familien, die Achtsamkeit im Alltag leben möchten
  • kuschelige Vorlese-Momente am Abend oder zwischendrin, um gemeinsam aufzutanken
  • gern auch Kitas & Schulen in der Winterzeit

Ein kleines Weihnachtsgeschenk für dich

Die Geschichte erinnert daran: Ruhe zu brauchen ist nichts, wofür wir uns entschuldigen müssen.
Sie ist ein Geschenk – an uns selbst und an alle, die wir lieb haben. Ich wünsche dir und deiner Familie eine schöne Weihnachtszeit.