Darum das Alte Testament als Erzählstoff in Klasse 3

Nach getaner Arbeit dürfen die Kinder zum Ende des Epochenunterrichts einmal ganz in Ruhe in den Erzählteil eintauchen. Der Erzählteil bringt Entspannung und sorgt als „Seelennahrung“ für innere Bilder. Zum altersgerechten Erzählstoff in Klasse 3 gehören die Geschichten des Alten Testaments.

Der sprachliche Aspekt des Erzählteils

Zunächst einmal möchte ich generell beschreiben, welcher sprachlicher Reichtum von den alten Erzählungen ausgehen: Ob Märchen, Fabeln, Altes Testament oder nordische Mythologie – die überlieferten Geschichten lassen die Kinder mit alten, ganz besonderen Sprachschätzen in Berührung kommen. Dabei wird nicht nur der Wortschatz erweitert, sondern das Erleben „schöner Sprache“ wirkt wohltuend im Seelischen und schafft auch in gewisser Weise eine Brücke in die Welt der Fantasie.

Erzählstoff braucht kein Lernziel zu erfüllen

Der Erzählteil trägt zwar auch Allgemeinwissen an die Kinder heran. Unumstritten gehören Märchen oder das alte Testament zur Allgemeinbildung, keine Frage. Doch es geht bei der Wahl des Erzählstoffes weniger um ein Lernziel als darum, die Kinder mit inneren Bildern zu versorgen, die ihrem Entwicklungsalter entsprechen und auf der seelischen Ebene fördern.

Der Rubikon und der Erzählstoff in Klasse 3

Um das 9. Lebensjahr herum vollziehen Kinder einen großen Entwicklungsschritt: Sie erleben sich erstmals nicht mehr als „Eins mit der Welt“, sondern nehmen bewusst eine „Um-Welt“ wahr. Die gewohnte „Mit-Welt“ gibt es nicht mehr, das Gefühlsleben ändert sich. Die Kinder können es nicht in Worte fassen, was da gerade mit ihnen passiert und doch kann es für ein kleines inneres Erdbeben sorgen: Es ist vergleichbar mit der „Rubikon“-Legende – von nun an gibt es kein Zurück mehr. Dieses neue Gefühl und die neu gewonnene Erkenntnis einer eigenen Grenze nach außen setzen oftmals große Kräfte und Tatendrang frei, lösen aber nicht selten auch ein Gefühl von Einsamkeit aus.

Mit diesem Entwicklungsschritt stellen die Kinder Fragen nach ihrer eigenen Herkunft, die der Menschen und der ganzen Welt. Mit den Geschichten aus dem Alten Testament, beginnend mit der Schöpfungsgeschichte, wird auf sehr feine Weise diese Gemütslage gespiegelt. Wie die Vertreibung aus dem Paradies wirkt der Rubikon. Der Mensch muss von nun an für sich selbst sorgen und lernt die Arbeit an der Erde kennen und lieben. Genau das greift der Waldorflehrplan auf. Mit dem Erzählstoff – der indirekt wirkt – fühlen sich die Kinder gesehen und verstanden.

Erzählteil auch im Homeschooling

Ich finde es gerade jetzt, während dieser langen Zeit des Distanzlernens, so wichtig, die Kinder auch mit dem passenden Erzählstoff zu erreichen. Daher gehört die Geschichte des Alten Testaments zum täglichen Homeschooling dazu.

Weiterer Erzählstoff

Ich erzähle nicht das ganze Schuljahr über die Geschichten des Alten Testaments, sondern lasse auch passende Lektüre der jüngeren Kinder- und Jugendliteratur einfließen. Astrid Lindgren bietet mit „Mio mein Mio“, „Die Brüder Löwenherz“ oder „Ronja Räubertochter“ ebenfalls wunderbare Rubikon-Lektüren. Auch Cornelia Funkes „Drachenreiter“, Uwe Timms „Zugmaus“ oder Michael Endes „Jim Knopf“ eigenen sich gut für das Alter – um nur einige zu nennen.

Buchempfehlung zum Alten Testament

Die folgenden Buchempfehlungen sind persönliche Empfehlungen, die ich hier unbeauftragt teile. Die genannten Bücher habe ich selbst gekauft.

„Das Alte Testament für Kinder“ – Verlag Urachhaus, dieses Buch ist mit wunderschönen, passenden Aquarellen gestaltet.

„Und es ward Licht“ (Jakob Streit) – Von der Weltenschöpfung zur Arche Noah (Verlag Freies Geistesleben)

„Ziehet hin ins Gelobte Land“ (Jakob Streit) – Der Weg des Volkes Israel von Abrahams Berufung bis zu Davids Traum (Verlag Freies Geistesleben)

Hörempfehlung

Auch mit Dustin habe ich in unserem Podcast „Kaffee, Kreide, Morgenspruch“ über den Ablauf eines Epochenunterrichtes gesprochen und dabei den Erzählteil etwas beleuchtet:

Hier der Link

Wie alles begann

Da ist es passiert!

Ganz ehrlich: Wie wahrscheinlich ist es, einmal im Leben von einer Giraffe geknutscht zu werden? Und wie wahrscheinlich ist es, als Staatsschülerin ohne Bezug zum Waldorfumfeld, einmal Waldorflehrerin zu werden?

Nun Ja. Vor fast 25 Jahren überlegte ich fieberhaft, was ich nach dem Abi so machen könnte – und habe weder von der einen Sache, noch von der anderen im Entferntesten etwas geahnt. Doch beides ist eingetreten.

That`s Life!

Ist es nicht genial, dass das Leben jenseits der vorstellbaren Möglichkeiten passiert, ohne Plan? Zurück zum Anfang. Ich wusste schon sehr lange, dass ich gern mit Kindern arbeiten wollte. Schule gefiel mir als Arbeitsort grundsätzlich auch, aber so wie ich es selbst erlebt hatte, wünschte ich es mir nicht für meine eigene Lehrerrolle. Mir war damals schon klar, dass ich kein „Lehrplan-Service“ sein wollte, der irgendwie „von oben“ kommt, aber vielleicht gar nicht zu der Arbeit mit den Kindern passt.

Es folgten Praktika an einer Förderschule, einer heilpädagogischen Pflegeeinrichtung für Kinder und einer Grundschule. Da sah ich mich doch mehr im Bereich Schule. Am liebsten hätte ich Sondererziehung und Rehabilitation auf Lehramt studiert, doch ich bekam leider keinen Studienplatz. Andere Lehramtsstudiengänge überzeugten mich nicht.

Letztendlich studierte ich Germanistik und Sozialwissenschaften auf Magister (später Bachelor/Master) und begann, u.a. für eine Tageszeitung zu schreiben, was mir auch ausgesprochen gut gefallen hat. Deswegen blogge und schreibe ich heute noch so gerne!

Kein Weg ohne Abbiegung

Doch schon bald war ich wieder mitten im Thema „Alternative Pädagogik“ und der Waldorfweg begann, mit einem schönem Zwischenstopp bei Montessori – by the way.

Warum und wieso alles so kam, wie es kommen musste und ich familiär und beruflich voll ankommen konnte, darüber habe ich mit Dustin gesprochen, der auch Waldorflehrer, aber an einer anderen Schule, ist. Wir haben einen gemeinsamen Podcast „Kaffee, Kreide, Morgenspruch“ gestartet, wo wir uns – natürlich ganz subjektiv – über unser Waldorflehrerleben unterhalten. Dustin war übrigens auch Staatsschüler und hat auch einen sehr speziellen Weg in die Waldorfpädagogik gefunden.

Wir würden uns freuen, wenn Ihr mal bei uns reinhört. Ab Freitag überall, wo es Podcasts gibt!

Wir sind zwar keine Podcast-Profis, aber wir machen einfach
mal – könnte ja gut werden!

Das Jahr 2020

Am letzten Schultages im Jahr 2019 habe ich meine Klasse mit der Montessori Jahreskette überrascht. Wir wollten das neue Jahr 2020 mit einer „Jahresepoche“ beginnen und die Kette hatte nicht nur eine Perle für jeden einen Tag des neuen Jahres, sondern veranschaulichte auch farblich die Monate und Jahreszeiten.

Wir betrachteten also die Kette und überlegten uns viele schöne Dinge und Wünsche zu jeder Perle, jedem Tag, jeden Monat. Wir suchten und fanden die Geburtstage der Klasse, schauten auf anstehende Epochen…. Mit dieser Kette wurde gleich sehr viel Vorfreude verbunden.

Doch dann kam Vieles anders

Das Leben passiert, während wir Pläne schmieden – ein oft zitierter Satz. Doch für 2020 trifft er ganz klar und deutlich zu. Plötzlich musste ich mir überlegen, wie man eine 2. Klasse im Homeschooling, auf Distanz, unterrichtet. Wenn man bedenkt, dass Waldorfpädagogik über Beziehung funktioniert, ist Distanz ja alles andere als förderlich. Doch es gelang, mit den meisten Familien in gutem Kontakt zu bleiben. Über unsere App und auch einzelne Treffen auf Distanz kam es zu einem guten Austausch. Unser Hund Idefix hatte viele Gassi-Kilometer mit Kindern meiner Klasse am anderen Ende der Leine! Unser Terminkalender war oft sehr voll mit Verabredungen zum Spaziergang – zwar mit etwas Abstand, aber dennoch Zeit füreinander, zum Zuhören und Erzählen, sich wieder wahrnehmen. Wie waren doch die Kinder gewachsen!

Ich selbst habe hunderte Kilometer mit dem Rad hinter mir. Mein Mann hatte Routen für uns ausgetüftelt, um das Lernmaterial zu verteilen. Und manchmal konnte man dem einen oder anderen Kind aus der Entfernung auch einmal durchs Fenster zuwinken.

Über YouTube konnte ich selbst zeigen, wie und was gearbeitet werden soll, so dass die Eltern nicht selbst vor der Herausforderungen standen, wie sie die verteilten Arbeitsmaterialien nun an ihre Kinder herantragen sollten.

Kurz: Viele neue Wege mussten gefunden und gegangen werden, um miteinander in Kontakt zu bleiben.

Das Wiedersehen nach 5 Monaten

Im August war es dann so weit: Nach 5 Monaten war die Klasse wieder als Gemeinschaft zusammen. Das war rückblickend eine sehr intensive, schöne Zeit mit tollen Epochen. Endlich wieder Klänge, Geschichten, Aquarellmalen – die Schöpfungsgeschichte war geprägt von großer Wiedersehens- und Lernfreude. Dies war sogar in der Erziehungskunst nachzulesen.

Unsere Ackerbauepoche ist mit Sicherheit ausufernder geworden, weil auch ich es in vollen Zügen genossen habe, mit den Kindern die vielen schönen Gartenaktionen zu erleben. Mir fällt auch auch heute nichts ein, was da noch gefehlt hätte. Nun wurden also Dinge, die sonst selbstverständlich waren, noch einmal bewusster wahrgenommen – auf beiden Seiten übrigens.

Nach den Herbstferien

Die Zeit nach den Herbstferien zeigte dann, dass nun nach viel praktischer Arbeit und künstlerischem Erleben mehr Kopfarbeit anstand: Rechnen und erste Grammatik standen auf dem Plan, unterbrochen von einer Quarantänezeit, in der wir das Formenzeichnen vorzogen.

Als sich dann noch über den „Lockdown light“ abzeichnete, dass es eng werden könnte mit der Epochenplanung zum Jahresende, haben wir die Epoche zu den Wortarten mit „Rosinas Wolle“ durchgenommen und noch gemeinsam unsere weihnachtliche Wollwerkstatt genossen. Gerade, als jedes Kind seinen kleinen Moosgarten mit selbst gefilztem Schaf fertiggestellt hatte, wurde der nächste Lockdown angekündigt. Die gemeinsame Weihnachtsfeier musste verschoben werden. Das Thema Wortarten wird uns noch weiter beschäftigen.

Jetzt sind Weihnachtsferien

Ruhig wie nie, noch immer im Lockdown. Wir müssen warten, wie es im Januar weitergeht. Trotzdem meine ich: 2021 kann kommen! Wir nehmen diese Herausforderung an und bleiben weiterhin positiv. Mein größter Wunsch für das neue Jahr: Positiv und kreativ mit den Gegebenheiten umgehen, Spaltung verhindern, aufeinander achten. Angst und Wut waren schon immer die schlechtesten Berater.

Ich wünsche allen Leser*innen einen erholsamen Jahreswechsel und viel Optimismus.

Die Temperamente (2) Im Erzählkreis

Eine gute, offene Arbeitsform, bei der Raum für jedes einzelne Kind ist, stellt der Erzählkreis dar. Dort wird nicht nur geübt, einander zuzuhören und selbst für alle hörbar, zusammenhängend und interessant zu erzählen. Auch verschiedene Gemütslagen werden hier bedient – und jedes Kind darf sich wahrgenommen fühlen. Am Beispiel des Erzählkreises möchte ich nun zeigen, was Kinder brauchen.

Im Erzählkreis ist für alle etwas dabei

Stellt die Sicht auf Temperamente eine „Schublade“ dar?

Ebenso wie das Gedicht im ersten Teil wird hier einzeln auf jedes der vier Temperamente geschaut. Dies bedeutet aber keinesfalls, dass sich ein deutlich sanguinisches Kind in allen Lebenslagen sanguinisch zeigt. Es ist an dieser Stelle überaus wichtig, im Blick zu behalten, dass in jedem Menschen alle vier Gemütslagen wirken, zu verschiedenen Anteilen. Bei Kindern zeigen sich mal zwei, mal ein Temperament etwas deutlicher. Das bedeutet aber nicht: Schublade auf – Temperament in Stein gemeißelt, Verhalten x ist zu Erwarten. Ganz im Gegenteil. Mit einem umsichtigen Blick auf das Kind können wir dazu beitragen, dass ein Kind mit seinem Temperament gut zurecht kommt oder es auch harmonisiert.

Der Erzählkreis – Szenen einer Schulklasse 🙂

Im fiktiven Klassenzimmer sitzt man morgens im Kreis zusammen. Einige Kinder haben schon länger im Schulhaus gewartet – die Eltern mussten früh zur Arbeit und haben ihre Sprösslinge schnell abgeliefert – , andere Kinder haben lange Zeit im Bus gesessen und wieder andere eine größere Strecke mit dem Fahrrad hinter sich gebracht. Zwei Kinder kommen verspätet und völlig außer Atem in die Klasse, ein anderes Kind muss schnell noch einen Schluck Wasser trinken. Und jetzt sitzen alle beisammen und müssen sich an diesem neuen Schultag erst einmal richtig wahrnehmen.

Die Lehrerin begrüßt die Kinder und schickt dann bald den Erzählstein auf die Reise. So kommt jedes Kind an die Reihe, darf erzählen, wie es den gestrigen Tag verbracht hat oder was es heute noch vor hat.

Kind 1 erzählt ohne Punkt und Komma, was in den Sinn kommt: „Wir haben gestern erst meinen Bruder zum Gitarrenunterricht gebracht und dann war ich mit Mama ein Eis essen. Auch letztes Jahr in Spanien gab es so eine tolle Eisdiele und ich habe immer Erdbeer, Zitrone und Schokolade gegessen, das war besonders lecker. Und außerdem war ich nicht nur in Spanien, auch schon einmal in Italien und wenn ich das nächste mal bei Oma bin, wollen wir ins Kino gehen.“ Auf die Frage der Lehrerin, ob Kind 1 den Erzählstein nun weitergeben möchte, nickt es und gibt freudig den Stein an Kind 2 weiter.

Kind 2 berichtet: „Ich habe gestern in unserem Garten einen Regenwurm gerettet. Das war knapp! Denn sonst hätte Papa ihn beim Umgraben mit dem Spaten erwischt. Ich habe überhaupt den ganzen Nachmittag mitgeholfen im Garten. Später war ich noch beim Turnen und habe zwei Flickflaks hintereinander geschafft.“

Kind 3 hat interessiert zugehört, möchte heute aber – wie so oft – selbst nichts sagen und gibt den Stein wiederum interessiert weiter.

Kind 4 ist jetzt an der Reihe, schaut aber noch immer zu Kind 2 und fragt mit dem Stein in der Hand: „Geht es denn dem Regenwurm jetzt gut?“

Da meldet sich Kind 1 schnipsend. Da es ja schon an der Reihe war und der Erzählstein von Kind zu Kind wandert, fragt die Lehrerin: „Ist es etwas Dringendes?“ Kind 1: „Ja, nächstes Jahr fahren wir wieder nach Spanien in den Urlaub.“

Wer ist wer?

Die Auflösung ist nicht schwer, da die Darstellung recht überspitzt war. Kind 1 erzählt freudig, spricht pausenlos und kommt – wie man im Ruhrgebiet so schön sagt – von Höcksken auf Stöcksken. Hier kommt das sanguinische Temperament deutlich zum Vorschein.

Kind 2 ist erkennbar aktiv und erzählt gern von seinen Abenteuern und Heldengeschichten. Das tun Choleriker sehr gern.

Kind 3 hört hervorragend zu, äußert sich selbst aber nur selten: Daran erkennt man auch Phlegmatiker. Doch meldet sich ein Phlegmatike zu Wort, erfahren wir tiefgründige, facettenreiche und auch fantasievolle Geschichten.

Kind 4 sinnt derweil noch immer über das Leid des Regenwurms nach und erzählt erst einmal nichts von sich selbst – eine melancholische Eigenschaft, die sich hier zeigt. Dass der Wurm fast mit dem Spaten erwischt wurde, beschäftigt das Kind nachhaltig.

Wer braucht was?

Die wirklich spannende Frage, wer hier was braucht, zeigt sich ebenso deutlich. Und warum ein Erzählkreis eine gute Gelegenheit dazu ist.

Sangunische Kinder brauchen nicht nur Zuhörer, sondern aufrichtige Zuwendung, sie lernen im Übrigen besonders in Beziehung – je warmherziger diese ist, desto besser. Einem sangunischen Kind lässt sich nichts eintrichtern und es muss manchmal seinen Gedanken freien Lauf lassen können. Da kann der kurze Moment im Erzählkreis, bei dem viele zuhören, schon ein kleiner Balsam für die Seele sein.

Choleriker wünschen sich Achtung und Wertschätzung. Und genau das wollen sie ihrer Bezugsperson auch entgegenbringen. Geraten sie an einen Lehrer mit ruhiger Autorität und klarer Linie, lernen sie am besten.

Phlegmatische Kinder hingegen brauchen ein vielseitiges und anregendes Umfeld. Auch wenn man ihnen es oft nicht ansieht: In der Ruhe liegt die Kraft und eine äußere Vielfalt wirkt sich positiv auf das Lernverhalten und die Entwicklung von phlegmatischen Kindern aus.

Auf melancholische Kinder hingegen wirken Lebenserfahrung und Geschichten aus dem Leben, die auch die Schattenseiten nicht auslassen. Sie sind oft „Kümmerer“ und nehmen Anteil. Wenn sie spüren, dass ein*e Mitschüler*in oder ein*e Lehrer*in auch schon Leid und Krisen durchgestanden hat oder durchsteht, ist ihre Antennen besonders wachsam.

Auf die Lehrer kommt es an

Die Mischung macht`s. Rudolf Steiner wünschte sich von Waldorflehrern, dass sie selbst stark an der Harmonisierung ihrer „Temperamentsmischung“ arbeiten, um auf jede der vier Arten die Kinder anzusprechen. Das Prinzip „Erziehung ist Selbsterziehung“ steht hier also im Vordergrund. Das wäre die Arbeit der Lehrperson an sich selbst.

Die Temperamente (1)

Ein großes Thema in der Waldorfpädagogik ist die Temperamentenlehre. Es geht um Kenntnisse und Erkenntnisse der vier wesentlichen Gemütslagen des Menschen: Sanguinisch, melancholisch, cholerisch, phlegmatisch.

In jedem von uns stecken alle vier Temperamente – die Mischung ist individuell und ändert sich im Laufe des Lebens.

Warum schaut man auf das kindliche Temperament?

Gerade auch in den ersten Klassen spielt das Erkennen und die Pflege des kindlichen Temperaments eine größere Rolle für uns Lehrer. Sie hilft uns, die Kinder besser zu verstehen und sie in der richtigen Weise anzusprechen. Letztendlich ist das Erkennen der Temperamente eine weitere Hilfe, zu einer ganzheitlichen Sicht auf das Kind zu kommen. Es mit seinen Begabungen und individuellen Entwicklungsaufgaben in der geeigneten Weise zu fördern.

Jedes Temperament bringt also auch eine gewisse Lern- und Arbeitsweise mit sich, die wir auch berücksichtigen können. So ist Vieles möglich.

Wer ist was? Eine literarische Übersicht

Heinrich Peitmann hat die vier Gemütslagen, von denen jeder Mensch etwas in sich trägt, in einem wunderbaren Gedicht zusammengefasst:

Die Vier Temperamente und der Stein im Weg

Leicht springt über den Stein der
Sanguiniker, keck und mit Anmut
stolpert er trotzdem darob, macht er
sich wenig daraus

Grimmig stößt ihn beiseit´ des
Cholerikers kräftiger Fußtritt
und sein funkelndes Aug´ freut sich
des guten Erfolgs

Kommt das Phlegma daher, so hemmt
es gemäßigt die Schritte:
„Gehst du mir nicht aus dem Weg,
gehe ich eben herum.“

Aber grübelnd vor ihm bleibt der
Melancholischer stehen,
unzufried´nen Gesichts über sein
ewiges Pech.

Michaeli – so war´s

Lange gefiebert, vorbereitet, gefreut – und heute war endlich das Michaelifest in unserer Klasse. Die üblichen Mutproben und Spiele waren nicht unbedingt coronafreundlich, auch das gemeinsame Schwertbacken musste dieses Jahr ausfallen. Aber meine Klasse wäre nicht meine Klasse, wenn wir nicht trotzdem etwas mindestens vergleichbar Schönes auf die Beine gestellt hätten. Wir sind schon ein Dreamteam – die Kinder, die beiden Integrationskräfte und ich. Hier der Bericht, Bilder gibt es diesmal keine. Sie sind bei allen Beteiligten im Herzen 😉 Es hätte heute einfach nicht gepasst.

Im Schnitzeljagdalter und: Alle zusammen gegen den Drachen

Meine Geschichte mit dem Spiel, die Drachenspurensuche, kam sehr gut an. Hinter den Kulissen lief das so: Ich hatte die Fußabdrücke aus dunkelgrünem Tonpapier gebastelt und während ich zu Beginn der Stunde die Geschichte erzählte und wir uns bereit für den Weg machten, schwang sich die eine I-Kraft schon aufs Fahrrad und verteilte die Fußabdrücke, beschwert mit Kastanien, am Rand des Feldwegs. Was für ein Einsatz! Bereits kurz nachdem wir uns auf den Weg gemacht hatten, lief sie schon wieder mit uns mit.

Die Kinder hatten große Freude daran, die Fußspuren mit der „Drachenrache“ zu entdecken. Abgesehen davon, genossen alle den Spaziergang am Morgen. Zurück in der Klasse haben wir dann gemeinsam die Gemeinheiten, die auf den Fußspuren geschrieben waren, ganz schnell mit vielen guten Gedanken besiegt. Was für schöne Gedanken die Kinder hatten! Kleines Schmunzeln am Rande: Der Wut-Fußabdruck. Was kann man denn tun, wenn man spürt, dass man Wut in sich hat? Spontane Schülerantwort: „Entspannen mit Yoga.“ Das ist meine Klasse!! :-)) Passende Rubikon-Lektüre übrigens: Yoga, Mond und Sterne! (Buch von meiner Schwester)

Michaeli-Frühstück mal anders

Kein Buffet, kein gemeinsames Backen. Doch jeder hatte etwas Schönes dabei und wir konnten immerhin gemeinsam den fruchtig-feurigen Drachenglut-Tee trinken.

Die Kinder lieben es, wenn ich beim leisen Frühstück etwas vorlesen. Und eine Schülerin hatte noch einmal die Geschichte von Ritter Georg mitgebracht, die gern auch in diesem Jahr gehört wurde.

Die Waage des Guten – Jeder Einzelne als Teil des Guten

Wir schauten als nächstes, ob bei uns das Gute auch überwiegt 🙂 So lag bei jedem Kind ein kleiner Stein. Auf unserer Michaeli-Waage hingegen lag ein großer, schwerer Stein, der auch wiederum für schlechte Gedanken und Taten stand. Doch die vielen kleinen, guten Taten im Alltag der Klasse wogen schwerer! Jedes Kind durfte sich melden, um zu sagen, was ein anderes Kind an lieben Dingen getan hatte, so dass das Steinchen dann in die Waagschale auf der guten Seite gelegt werden konnte. Eine Komplimentedusche war das. Und es fiel überhaupt nicht schwer, etwas Positives über die Mitschüler zu sagen. Sehr oft wurde berichtet, wie Kinder in verschiedenen Situationen einander geholfen haben oder schön mit anderen spielten. Auch das gab ein gutes Gemeinschaftsgefühl und Anerkennung für jedes einzelne Kind.

Lichtschwert und kleine Mutprobe – Jedes Kind für sich

Zu guter Letzt hat jedes Kind sein Lichtschwert gestaltet und mit guten Wünschen gefüllt, ganz für sich allein. Wer sich traute, durfte draußen auf dem Sportplatz zu „Unüberwindlich starker Held“ eine Wunderkerze halten. So endete unser Tag und ich hoffe, die Kinder konnten viele schöne Eindrücke mit nach Hause nehmen.

Das nächste Jahresfest, das wir coronamäßig mit neuer Kreativität füllen werden, ist dann St. Martin. Seid gespannt

Die Welt ist gut, schön und wahr (3)

Das zweite Jahrsiebt

„Warum gibt es den Klassenlehrer für so viele Jahre? Offenbar wollen die Kinder in den Tiefen ihrer Seele während eines großen Lebensabschnittes kontinuierlich wahrgenommen, in ihrer Entwicklung gesehen werden (…). Im Bewusstsein des Klassenlehrers fließt zusammen, was das Kind in diesen sieben bis acht Jahren erlebt. Er bildet eine seelisch-ätherische Hülle um das Kind.“

aus: Röh/Thomas (Hg) – Unterricht gestalten – Verlag am Goethanum
Die drei Urbedürfnisse der kindlichen Entwicklung: Die Suche nach dem Guten, dem Schönen und der Wahrheit.

Mit dem Zahnwechsel erfolgt der Übergang ins zweite Jahrsiebt, die Stimmung und das Urbedürfnis „Die Welt ist schön“ werden geweckt. Im zweiten Jahrsiebt steht die seelisch-geistige Reifung im Mittelpunkt. Es entwickelt sich eine Art „Innenleben“.

Jetzt wird das Kind ein Schulkind – und ein*e Lehrer*in tritt sein Leben

In diesem Alter nimmt die Fähigkeit der Kinder zu, aus den bisher gewonnenen Erfahrungen eigene Vorstellungen zu bilden, sich gezielt zu erinnern und die Aufmerksamkeit willentlich auf etwas zu konzentrieren. Das eigene, innere Gefühl wird zu einer Art „Antenne“ für alles, was in der Welt geschieht. Beim Kind entsteht das Bedürfnis, das Schöne zu erleben, das Schöne auf der Welt zu suchen und sich auf positive Weise mit ihr zu verbinden. Die Welt beobachten, das Schöne zu finden, selbst Schönes zu gestalten. Es gibt viel zu entdecken, zu lernen und auszuprobieren!

In dieser Zeit und dieser Stimmung bewegt sich hauptsächlich die Klassenlehrerzeit an der Waldorfschule. Als wichtige Bezugsperson und „geliebte Autorität“ trägt der Klassenlehrer oder die Klassenlehrerin in gut erzählten Geschichten und schönen Gedichten, wohlklingenden Liedern und harmonischen Bildern viel Ästhetisches an die Kinder heran. Doch natürlich werden die Kinder auch selbst aktiv und wirksam.

Eine Beziehung zur Welt schaffen

Es steht also in dieser Zeit alles, was in der Welt erlebt wird, im direkten Verhältnis zum Menschen. Dies ist deshalb so wichtig, weil die Natur einfach kein „äußeres Objekt“ ist, sondern erst die Beziehung des Kindes zur Welt aufbaut. Durch diese Verbundenheit wird ein Gefühl der Verantwortung angelegt und im besten Fall fürs ganze Leben gefestigt. 

Die Mitte der Kindheit und die Waldorfpädagogik

Wir sind also in der Mitte der Kindheit. Die Freude an der künstlerischen Darstellung ist jetzt ebenso groß wie das Beobachten und Erkennen der Prozesse und Phänomene der Welt. Die Waldorfpädagogik antwortet mit Theaterspiel, selbst gestalteten Epochenheften, Bildern und eigenen Zeichnungen. Wenn beispielsweise  in der 5. Klasse die erste Pflanzenkunde stattfindet, wird nicht etwa ein Sachtext zu einzelnen Pflanzen gelesen und Pflanzenteile schematisch „abgearbeitet“. Im Sinne der Phänomenologie wird etwa ein Löwenzahn ausgegraben und genau diese Pflanze nicht nur angefasst, sondern auch gründlich angeschaut, anschließend von der Wurzel bis zur Blüte so genau wie möglich gezeichnet. Dabei werden Details entdeckt und es entstehen Fragen. Diese führen dann Schritt für Schritt zum Wissen. Erst am Ende werden dann auch die Einzelteile der Pflanzen benannt. Dem gelernten Wissen wird so eine Lebendigkeit verliehen, ein Gesamtzusammenhang und eine weit reichende Verbundenheit.

Fragen zum zweiten Jahrsiebt

Wann begann der Zahnwechsel?

Wie waren die Einschulung und die Erfahrung der Schulanfangszeit?

Geht das Kind gern zur Schule?

Hat das Kind ein gutes Gedächtnis?

Wie ist die Beziehung zum/zur Klassenlehrer*in?

Wie gestaltet sich die Beziehung zur Klasse und den Mitschülern?

Was macht das Kind in seiner Freizeit und in den Ferien?

Welche guten Gewohnheiten gibt es zu Hause und in der Schule?

Welche Pflichten übernimmt das Kind?

Welche Normen und Werte bzw. Religiosität gibt es im Elternhaus?

Mehr zu dieser Reihe

Der YouTube-Film zu den Jahrsiebten

Teil 1 der Reihe

Teil 2: Die Welt ist gut

weiterlesen: Die Welt ist wahr

Die Welt ist gut, schön und wahr (1)

Das Schöne bewundern
Das Wahre behüten
Das Edle verehren
Das Gute beschließen:

Es führet den Menschen
im Leben zu Zielen,
im Handeln zum Rechten,
im Fühlen zum Frieden,
im Denken zum Lichte
und lehrt ihn vertrauen

Auf göttliches Walten
in allem, was ist.
Im Weltenall,
im Seelengrund

Rudolf Steiner

Die ersten drei Jahrsiebte und ihre Entwicklungsaufgaben

Entwicklungsaufgaben – das Wort sagt bereits Einiges. Aufgaben bekommt man, man nimmt sie an, man geht sie aktiv an. Man wird nicht entwickelt, sondern man entwickelt sich. 

In der Waldorfpädagogik wird die Entwicklung von Heranwachsenden in drei Entwicklungsstufen von jeweils sieben Jahren gesehen, die ersten drei Jahrsiebte. Jedes Jahrsiebt ist von einer gewissen Stimmung geprägt und bringt ihre Aufgaben mit, die es zu bewältigen gilt.

Worauf es in dieser Zeit ankommt und welche Fragen auch für die eigene Biografie gestellt werden können, möchte ich mit meiner kleinen Reihe „Die Welt ist gut, schön und wahr“ vorstellen. Ich hoffe, ich kann dabei viele Impulse geben.

Mehr aus dieser Reihe

Weiterlesen: Das erste Jahrsiebt

Weiterlesen: Das zweite Jahrsiebt

Weiterlesen: Das dritte Jahrsiebt

Die ganze Reihe als YouTube Film wird auch noch hier, an dieser Stelle, erscheinen.

Instagram, YouTube, Bloggerin

Bloggerin? Bloggerin!

Ja, ich schreibe gern und immer schon. Kindergeschichten, Lange Elternbriefe – Fluch und Segen – , Zeugnissprüche und Vieles mehr. Und besonders jetzt, seit ich durch Corona viel zu Hause bin. Das Schreiben hat einen festen Platz in meinem Tagesablauf.

Mit Instagram fing es an

Nach der Schulschließung habe ich mich zunächst mehr auf Instagram umgeschaut und auch mehr eigene Beiträge geschrieben. Seit einigen Monaten habe ich dort meinen Account als Waldorflehrerin. Meiner Meinung nach ist Instagram als soziales Netzwerk wirklich empfehlenswert –  sehr inspirierend und der Umgang untereinander ist echt freundlich – in meinen Augen schon etwas Besonderes, wenn man nur virtuell miteinander umgeht. Dazu findet bei Instragram ein großer Austausch von Informationen und Ideen statt, was mich persönlich in den letzten Wochen so richtig gut an das Thema Homeschooling herangeführt hat. Sehr gerne habe ich auch eigene Beiträge zur Waldorfpädagogik geschrieben und mich immer weiter vernetzt.

Homeschooling mit YouTube

Ich bin Lehrerin einer 2. Klasse. Die Kinder lernen von mir, indem ich die Dinge zeige. Ich spreche vor, sie sprechen nach und sprechen mit. Wir spielen, singen, musizieren, überlegen und tun gemeinsam an unserem Thema – jeden Tag. Der Unterricht in diesem Alter ist so viel mehr als vor einem Aufgabenblatt zu sitzen! Und auch ein Aufgabenblatt ist für Kinder in dem Alter nicht unbedingt selbsterklärend. Da muss man schon einmal zeigen, wie man selbst an die Aufgabe herangeht.

Mit Hilfe meines 14-jährigen Sohnes habe ich daher mit YouTube angefangen. Zunächst habe ich Gedichte vorgesprochen und Flötenübungen gemacht. Jetzt ging die erste kleine Schreibepoche zur grundlegenden Rechtschreibstrategie „Hörwort, Nachdenkwort und Merkwort“ online. Und das gab so positive Rückmeldungen aus der Elternschaft, dass ich dies weiter verfolgen werden. 

Jetzt auch noch ein Blog

Einen Blog zu starten, erscheint mir ziemlich praktisch. Ich kann Material zum Download anbieten, Videos einbetten und noch etwas ausführlicher schreiben als auf Instagram – ich schreibe ja gerne. 

So kann mich mich weiter austauschen, vernetzen, Interessierten einen Einblick in die praktische Waldorfpädagogik und meine Arbeit als Klassenlehrerin geben und noch mehr.

Was daraus wird? Warten wir´s ab.

Euer Montagskind