Die Vorbereitung einer neuen Epoche

Eine sehr anspruchsvolle Vorbereitungszeit liegt hinter mir, wird aber auch noch reflektiert und weitergeführt: Ich habe mich in den letzten Wochen intensiv mit dem Erzählstoff der nordischen Götter- und Heldensagen auseinandergesetzt, mit Runen, dem Stabreim und Flechtbändern. Im Vorfeld war ich wenig vertraut mit diesem großen Thema.

Warum nordische Mythologie? Auf die innere Stärke kommt es jetzt an!

Bei allem, was man als (Waldorf-)Lehrende tut, sollte man genau wissen, warum genau dies jetzt ansteht, d.h. welchen Nutzen die Kinder in ihrem aktuellen Entwicklungsalter davon haben. Die Waldorfpädagogik ist darauf ausgerichtet, die kindliche Entwicklung zu unterstützen und damit weitere Lernvoraussetzungen zu schaffen. Dabei geht es in Klasse 4 verstärkt um die eigene Willensbildung, das Erleben und Wahrnehmen der eigenen – inneren und äußeren – Stärke, die Herausbildung der Persönlichkeit.

Die nordischen Sagen lassen ein rauhes, kraftvolles Schaffen erleben. Ganz neue, gewaltige und gleichsam faszinierende innere Bilder entstehen bei den Erzählungen. Die Stabreim-Übungen erfordern anhaltende Körperspannung und koordinierte Bewegung, dazu eine deutliche, laute Aussprache.

Wir singen das Lied „Yggdrasil“ und erleben wiederum eine „nordische Stimmung“, hören und üben die schwedische Aussprache, die so ganz anders ist als unsere bekannten Sprachen. Es ist so viel Energie im Raum.

Die Geschichte zur Entstehung der Runen ist magisch. Und ebenso geheimnisvoll die Zeichen. Wir lernen eine Geheimschrift!

All das stärkt die innere Sicherheit der Kinder und damit ihre Tat- und Willenskraft. Die anderen Unterrichtsinhalte werden in diesem Schuljahr ebenso komplexer und erfordern genau dies. Die Auseinandersetzung mit mehrschrittigen Rechenverfahren im großen Zahlenraum, die Bruchrechnung, Grammatik- und Rechtschreibregeln bewusst anwenden, Zeitformen erschließen und so viel mehr.

Vorbereitung am Schreibtisch?

Auch. Aber nicht nur. Ich musste die Stimmung zunächst bei mir selbst erleben: Ich habe das Lied gesungen, auf Klavier und Gitarre gespielt, verschiedene Bücher gelesen, die inneren Bilder wirken lassen. Ich habe gemalt, Stabreim geübt. Im Kollegium nachgefragt, mich korrigieren lassen, habe weiter an mir gearbeitet. Mir diese Epoche errungen. Denn mit nordischer Mythologie hatte ich mich bislang wenig befasst.

Welche Schritte braucht es, eine Epoche zu planen?

Dies hier gilt natürlich für alle Epochen, war aber mal wieder besonders intensiv für mich bei dieser.

  • Mit dem Rhythmischen Teil anfangen, sich selbst einstimmen: Lieder, Rezitationen, Bewegungen üben. Bei mir zumindest findet der erste Zugang über künstlerische Übungen statt.
  • Die Inhalte weiter erschließen. Auch hinterfragen: Stehe ich dahinter? Kann ich mit Überzeugung und Sicherheit alle Inhalte vermitteln? Insbesondere mit den Runen musste ich mich klar auseinandersetzen.
  • Literatur, Literatur. Lesen, lesen, lesen. Die eigenen inneren Bilder erleben und schärfen. Genau das finden, das zu mir passt, mit dem ich arbeiten kann.
  • Epochenhefte, Mappen usw. vorbereiten – so, wie die Kinder es erarbeiten sollen. Den Arbeitsaufwand selbst zu erleben, ist ebenso wichtig.
  • Den Klassenraum passend dekorieren, ein Tafelbild malen.

Nach dem Startschuss

Der Anfang ist zu meiner großen Freude und Erleichterung gelungen, das Interesse der Kinder geweckt. Nun gilt es, dies zu bewahren und zu vertiefen. Jeden Tag auf`s Neue.

Lehrerin als Lernende

Die Kinder erleben dabei eben auch mich als „ewig Lernende“. Gerade in dieser Epoche spüren sie, dass ich nicht in die Klasse gehe und „mal eben“ erzähle und zeige, was ich schon eh lange weiß und kann. Auch dass ich diesen Stoff für mich errungen habe, wirkt noch einmal besonders auf die Kinder. Lehrer:innen dürfen nicht nur, sondern sollten unbedingt auch als Lernende ein Vorbild sein.

Die Einmaleinsreihen mit Fingerübungen

Fingerübungen fördern feinmotorisches Geschick und Konzentration. Man kann sie im Klassenraum gut am Platz machen und dabei finden die Kinder sehr gut zur Ruhe und bleiben ganz bei sich.

Ich habe eine Zeitlang die verschiedenen Übungen erst nach und nach angeleitet und die Kinder für sich ausprobieren lassen. Mit der Zeit gelang es dann, dazu zu sprechen.

In der letzten Rechenepoche haben wir dann anstelle der bisherigen Bohnensäckchenübungen unsere Einmaleinsreihen mit Fingerübungen begleitet.

Wichtig: Wir sprechen immer die Aufgaben mit. Also nicht 2 -4 -6 – 8…. sondern einmal zwei ist zwei. Zwei mal zwei ist vier. Drei mal zwei ist sechs….

Viel Spaß beim Üben und Ausprobieren!

So haben wir die Einmaleinsreihen mit Fingerübungen begleitet.

Die Welt ist gut, schön und wahr (3)

Das zweite Jahrsiebt

„Warum gibt es den Klassenlehrer für so viele Jahre? Offenbar wollen die Kinder in den Tiefen ihrer Seele während eines großen Lebensabschnittes kontinuierlich wahrgenommen, in ihrer Entwicklung gesehen werden (…). Im Bewusstsein des Klassenlehrers fließt zusammen, was das Kind in diesen sieben bis acht Jahren erlebt. Er bildet eine seelisch-ätherische Hülle um das Kind.“

aus: Röh/Thomas (Hg) – Unterricht gestalten – Verlag am Goethanum
Die drei Urbedürfnisse der kindlichen Entwicklung: Die Suche nach dem Guten, dem Schönen und der Wahrheit.

Mit dem Zahnwechsel erfolgt der Übergang ins zweite Jahrsiebt, die Stimmung und das Urbedürfnis „Die Welt ist schön“ werden geweckt. Im zweiten Jahrsiebt steht die seelisch-geistige Reifung im Mittelpunkt. Es entwickelt sich eine Art „Innenleben“.

Jetzt wird das Kind ein Schulkind – und ein*e Lehrer*in tritt sein Leben

In diesem Alter nimmt die Fähigkeit der Kinder zu, aus den bisher gewonnenen Erfahrungen eigene Vorstellungen zu bilden, sich gezielt zu erinnern und die Aufmerksamkeit willentlich auf etwas zu konzentrieren. Das eigene, innere Gefühl wird zu einer Art „Antenne“ für alles, was in der Welt geschieht. Beim Kind entsteht das Bedürfnis, das Schöne zu erleben, das Schöne auf der Welt zu suchen und sich auf positive Weise mit ihr zu verbinden. Die Welt beobachten, das Schöne zu finden, selbst Schönes zu gestalten. Es gibt viel zu entdecken, zu lernen und auszuprobieren!

In dieser Zeit und dieser Stimmung bewegt sich hauptsächlich die Klassenlehrerzeit an der Waldorfschule. Als wichtige Bezugsperson und „geliebte Autorität“ trägt der Klassenlehrer oder die Klassenlehrerin in gut erzählten Geschichten und schönen Gedichten, wohlklingenden Liedern und harmonischen Bildern viel Ästhetisches an die Kinder heran. Doch natürlich werden die Kinder auch selbst aktiv und wirksam.

Eine Beziehung zur Welt schaffen

Es steht also in dieser Zeit alles, was in der Welt erlebt wird, im direkten Verhältnis zum Menschen. Dies ist deshalb so wichtig, weil die Natur einfach kein „äußeres Objekt“ ist, sondern erst die Beziehung des Kindes zur Welt aufbaut. Durch diese Verbundenheit wird ein Gefühl der Verantwortung angelegt und im besten Fall fürs ganze Leben gefestigt. 

Die Mitte der Kindheit und die Waldorfpädagogik

Wir sind also in der Mitte der Kindheit. Die Freude an der künstlerischen Darstellung ist jetzt ebenso groß wie das Beobachten und Erkennen der Prozesse und Phänomene der Welt. Die Waldorfpädagogik antwortet mit Theaterspiel, selbst gestalteten Epochenheften, Bildern und eigenen Zeichnungen. Wenn beispielsweise  in der 5. Klasse die erste Pflanzenkunde stattfindet, wird nicht etwa ein Sachtext zu einzelnen Pflanzen gelesen und Pflanzenteile schematisch „abgearbeitet“. Im Sinne der Phänomenologie wird etwa ein Löwenzahn ausgegraben und genau diese Pflanze nicht nur angefasst, sondern auch gründlich angeschaut, anschließend von der Wurzel bis zur Blüte so genau wie möglich gezeichnet. Dabei werden Details entdeckt und es entstehen Fragen. Diese führen dann Schritt für Schritt zum Wissen. Erst am Ende werden dann auch die Einzelteile der Pflanzen benannt. Dem gelernten Wissen wird so eine Lebendigkeit verliehen, ein Gesamtzusammenhang und eine weit reichende Verbundenheit.

Fragen zum zweiten Jahrsiebt

Wann begann der Zahnwechsel?

Wie waren die Einschulung und die Erfahrung der Schulanfangszeit?

Geht das Kind gern zur Schule?

Hat das Kind ein gutes Gedächtnis?

Wie ist die Beziehung zum/zur Klassenlehrer*in?

Wie gestaltet sich die Beziehung zur Klasse und den Mitschülern?

Was macht das Kind in seiner Freizeit und in den Ferien?

Welche guten Gewohnheiten gibt es zu Hause und in der Schule?

Welche Pflichten übernimmt das Kind?

Welche Normen und Werte bzw. Religiosität gibt es im Elternhaus?

Mehr zu dieser Reihe

Der YouTube-Film zu den Jahrsiebten

Teil 1 der Reihe

Teil 2: Die Welt ist gut

weiterlesen: Die Welt ist wahr