Meine Schüler*innen in Klasse 4

In wenigen Tagen startet unser viertes Schuljahr und ich habe bereits viele schöne Pläne geschmiedet. Mit den Schuljahren 4 und 5 beginnt die „mittlere Klassenlehrerzeit“. Der große Entwicklungssprung aus Klasse 3 ist geschafft bzw. wird ganz bald abgeschlossen. Die Kinder brauchen Bestätigung und Ermutigung bei der Vollendung. Jetzt geht es richtig los: Viertklässler*innen sind Weltentdecker!

Wir sind also in der Mitte der Kindheit und auch in der Mitte der Klassenlehrerzeit angekommen. Jetzt wird die Welt noch einmal ganz anders geblickt, ergriffen und auch hinterfragt. Es entwickelt sich ein noch tieferes Interesse und Verständnis für die Themen der Welt und auch für andere Menschen. Daher besteht gleichermaßen ein weiteres großes Thema: Freundschaften und Beziehungen.

Am letzten Schultag in Klasse 3 versprühten die neuen Zeugnissprüche bereits ein wenig von der Atmosphäre in Klasse 4 und es war zu merken: Die Kinder sind bereit. So wurde auch recht vehement in unserer letzten Gesprächsrunde schon der Wunsch geäußert, mal wieder zusammen wegzufahren oder sogar „Urlaub“ zu machen. Daher hoffe ich sehr, dass unsere allererste, kleine Klassenfahrt bald wie geplant stattfinden darf.

Viel Neues in Klasse 4

Ja, die Kinder spüren selbst, wie groß sie schon geworden sind und ihr Weltinteresse wird weiter geweckt: Die Themen der vierten Klasse könnten daher nicht vielfältiger und schöner sein. Von der ersten Himmelskunde, über Naturkunde bis zur Heimatkunde (NRW und meine Stadt) werden die Kinder viele Gelegenheiten bekommen, ihre Um-Welt zu entdecken.

Der Horizont vergrößert sich auch im Fach Mathematik: Der Zahlenraum wird einerseits bis zu einer Million ausgeweitet und zum kleinen Einmaleins kommt das große Einmaleins hinzu. Andererseits werden Zahlen und Mengen aber auch noch winzig klein, kleiner als 1, denn die Bruchrechnung wird ebenfalls eingeführt.

Unsere Sprachschätze werden erforscht: Grammatikalische Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten der Rechtschreibung erfasst, Synonyme gesucht, „Teekesselchen“ gespielt, Zungenbrecher gesprochen, Stabreim gesprochen und bewegt.

Auch Soziales wird erlebt und reflektiert: Vom Teamtraining bis zur freiwilligen Ausbildung zur/m Streitschlichter*in steht Vieles auf dem Plan.

Alles im Unterricht sollte anregend, interessant, aufweckend, abenteuerlich, empfindsam, mitleiderregend, eben Miterleben werden. Dann erst wird das Gegenüber dem Kind auch vertraut“

Claus-Peter Röh in „Unterricht gestalten“, 4. Auflage, Verlag am Goetheanum 2015

Startklar

Ich bin startklar und freue mich optimistisch auf alles, was kommt. Und das Beste ist: Wir werden auch nach dem vierten Schuljahr auf all diesen Dingen als Gemeinschaft aufbauen können und keine getrennten Wege gehen.

Eine besondere Epoche in der Planung

Eines meiner liebsten Blogthemen ist immer wieder, dass der Waldorflehrplan besondere Epochen für besondere kindliche Entwicklungsschritte bereithält. Es begeistert mich sehr, wie wir die Kinder dadurch unterstützen und begleiten können. Eine dieser ganz besonderen Epochen steht für meine Klasse auch in Kürze wieder an. Diesmal ist es das Thema „Hausbau“.

Vom groben Plan….

Ich habe diese Epoche im Kopf. Ich weiß, warum ich sie unterrichte. Und ich weiß, wie ich sie für meine Klasse umsetzen werde. Seit Monaten freue ich mich sehr darauf. Doch diese Epoche ist nur für Präsenzunterricht geeignet, ich brauche die Kinder vor Ort dazu.

Es war und ist ein Zittern und Bangen. Noch vor gut 3 Wochen lag der Corona-Inzidenzwert am Schulstandort bei über 300, besonders in den letzten Tagen ist er aber rapide gefallen. Und damit kann ich endlich weiter planen: Unsere Hausbau-Epoche ist zum Greifen nah.

…zur genauen Ausarbeitung

Klar ist: Es wird Unterricht im Wechselmodell, also jedes Kind hat im täglichen Wechsel Präsenz- und Distanzunterricht. Das muss ich berücksichtigen.

Ich vertiefe für mich noch einmal ganz gründlich den pädagogischen Hintergrund, den Wendepunkt im Leben eines Kindes im 9. Lebensjahr: Der Umzug im „eigenen Haus“, ein inneres „Umgestalten“ vollzieht sich beim Kind: Körperlich, seelisch und geistig. Ich denke intensiv an jedes einzelne Kind und sehe es vor mir (wunderbarer Nebeneffekt: Bei dieser Übung schneien wieder neue Zeugnissprüche rein).

Ich plane, wie wir gemeinsam künstlerisch herangehen können und suche einen schönen Spruch, den wir zusammen sprechen können. Leider dürfen wir ja nicht singen und flöten. Ein Spiel für den rhythmischen Teil, zum gemeinsamen Einstimmen, das suche ich auch.

Inhaltlich geht es um die Gewerke des Hausbaus. Hier wird gelesen, geschrieben, gezeichnet. Die Dokumentation wird eher im Homeschooling stattfinden, nach erster Anleitung in der Schule.

Jedes Kind soll vor Ort in der Schule den individuellen Raum bekommen, sein persönliches Traumhaus zu planen und in der Klasse als Modell zu bauen. Hier sind der Kreativität und Schaffensfreude keine Grenzen gesetzt, eine großes Gefühl von Selbstwirksamkeit – in der aktuellen Lage so unendlich wichtig. Und es ist wichtig, dass diese Häuser in der Schule gebaut werden. Denn die Kinder sollen sich auch untereinander im Tun wahrnehmen.

Und in Gemeinschaft schaffen wir auch noch etwas für die Schulgemeinschaft: Im Schulgarten gibt es eine gemeinsame Bauzeit. Hier zählt jede helfende Hand. Wir wollen zusammen ein Hühnergehege bauen, vor unserem Lehmofen eine kleine Fläche pflastern und außerdem einen schönen Festplatz herrichten. Gemeinschaftsgefühl – der zweite große Mangel der letzten Zeit.

Jetzt heißt es: Daumen drücken!

Ehrlich gesagt, ich hatte in letzter Zeit so oft das Gefühl, dass besonders die schönen Seiten meines Berufs so derart ausgebremst werden. Ich habe wirklich sehr darauf gewartet, dass es endlich vor Ort weitergehen kann mit den Kindern. Jetzt ist der Schuljahresendspurt vor Ort zum Greifen nah. Mit der ersehnten Epoche.

Ich werde berichten.

Hinweis: Auf dem Bild ist die Zeitschrift „Vorhang Auf“ zum Thema „Hausbau zu sehen. Dies ist eine unaufgeforderte und unbezahlte Werbung, da Empfehlung. Ich habe das Heft selbst gekauft.

Auf ins 3. Schuljahr – Rubikon oder der nächste Entwicklungsschritt

Das 3. Schuljahr hat es in sich, denn die Kinder werden rund um ihren 9. Geburtstag einen großen und wichtigen Entwicklungsschritt machen und darauf reagiert die Waldorfpädagogik mit einigen Besonderheiten im Lehrplan. Da ich noch immer keinen Live-Elternabend mit meiner Elternschaft machen konnte, habe ich zur Information dieses Video erstellt, das bestimmt auch für den einen oder anderen interessant ist. Und ganz wichtig: Es handelt sich um einen kindlichen Entwicklungsschritt, in der Waldorfpädagogik „Rubikon“ genannt. Es hat noch nichts mit Pubertät oder Vorpubertät zu tun!

Ich wünsche viel Freude beim Zusehen und -hören 🙂