Yoga, Mond und Rubikon

Über den besonderen Entwicklungsschritt von Kindern im 9./10. Lebensjahr, die Bedeutung neuer Rituale und das Buch „Yoga, Mond & Sterne“

Wenn wir Waldörfler vom „Rubikon“ sprechen, meinen wir einen besonderen Entwicklungsschritt, der altersmäßig im 3. Schuljahr beginnt und seinem Namen einer Legende zu verdanken hat: Als Cäsar mit seinem Heer den Grenzfluss Rubikon überquerte – und es von diesem Zeitpunkt an kein Zurück mehr gab.

Eine Grenze und kein Zurück mehr

Auch ich erinnere mich an diesen Moment, beim Blick in den Spiegel meiner Oma, als mir schlagartig klar war: Dieses Spiegelbild zeigt nur mein Äußeres, meine Gedanken, meine innere Welt, die ist nur für mich. Da kann niemand hineinschauen. Eine Grenze zwischen Innen und Außen war von nun an gezogen. Das Gefühl von „Ich bin eins mit der Welt“, das noch im 1. und 2. Schuljahr existiert, verschwindet meist sehr plötzlich. Das erschreckt manche Kinder, andere hingegen finden es auch schön, etwas ganz Eigenes zu haben und sind beflügelt davon.

Ist bei Kindern dieser Entwicklungsschritt erfolgt, spüren sie also erstmals ganz deutlich, dass es eine eigene, innere Welt gibt, die dem Äußeren verborgen ist. Oftmals entsteht unbewusst dieses Gefühl von „Es gibt kein Zurück mehr“ auch bei ihnen und das kann – nicht muss – die eine oder andere Krisenstimmung hervorrufen. Auslöser können dabei auch einfache Situationen sein, die wir Erwachsenen vielleicht gar nicht so stark wahrnehmen. Beim Kind kommt aber an: „Ich werde nicht verstanden“ oder: „Nur ich kann mich verstehen. Ich bin einsam.“

So geht es auch Maitri, der Hauptakteurin in dem Kinderyogabuch „Yoga, Mond & Sterne“ von meiner Schwester, Dr. Daniela Heidtmann. Sie fühlt sich im Alltagstrubel ihrer Familie nicht gesehen und zieht sich bockig zurück. Eine Situation, die wir alle kennen und die wir als Leser*innen dieses Buches nun einmal auch als Zuschauer mit anderen Augen sehen dürfen.

Neue Rituale, neue Sicherheit

Die Phase dieses Entwicklungsschrittes ist ja überhaupt auch eine anstrengende Zeit. Die äußere Welt wird immer spannender, sie muss entdeckt und verstanden werden! Die Kinder wenden sich tagsüber mehr und mehr der Außenwelt zu, entwickeln Interesse für die Themen der Welt. Müde vom Tag mit so vielen Eindrücken und Gefühlen, brauchen sie dann besonders abends den sicheren Halt der Familie. Meist kommen dann auch die Erwachsenen nach einem langen Arbeitstag ebenso zur Ruhe und können die Qualität der gemeinsam verbrachten Zeit und Bindung auch ihrerseits genießen.

Hier helfen neue und alte Rituale. Viele Rituale und Spiele, die bis dahin alltägliche Begleiter waren, entstammen noch der früheren Zeit, als es noch kein Innen und Außen gab . Das fühlt sich plötzlich so „für Kleine“ an. Man kann aber dennoch an ihnen anknüpfen, sie neu entdecken und ausbauen, etwa das Goldtröpfchenritual zu einer entspannenden Rückenmassage werden lassen oder auch einen ganz neuen, gemeinsamen Tagesabschluss finden.

Maitri und ihre Eltern gestalten ein neues Abendritual – und das ist auch für den Leser sehr inspirierend und zu empfehlen. Es gibt Yogaspiele, Yogageschichten, das Goldtröpfchenritual, eine Traumreise, Eltern-Meditation und mehr. Viele schöne Routinen werden gezeigt, die sowohl für Eltern, als auch für die Kinder eine Quelle der Erholung sein können.

Rubikon als Grundstein der Pubertät

Auch wenn dieser Entwicklungsschritt keineswegs schon etwas mit der Pubertät zu tun hat – hormonell ist nämlich noch nicht viel Veränderung da – ist es wichtig zu wissen, dass Rituale, die im Rubikon begonnen werden, vom Kind bis in die Pubertät hinein angenommen werden. Bereits ein bis zwei Jahre später lassen sich solche Rituale kaum noch aufbauen.

Denkt man an seine eigene Kinderheit zurück, hat man oft viele Erinnerungen an dieses Alter: Selbst kleine Begegnungen prägen das Kind in dieser Zeit und dessen Vorstellung von seiner Zukunft. Menschen und ihre Biografien dienen als Vorbild, vermeintliche Kleinigkeiten können das Kind nachhaltig stärken oder enttäuschen. Es ist daher auch Aufgabe von uns Erwachsenen, einerseits dafür sensibel zu sein, andererseits aber auch Impulse, Ermutigungen und Herausforderungen zu bieten. Es ist ganz und gar nicht dienlich, den Kindern alles abzunehmen. Sie brauchen jetzt besonders das Gefühl von Selbstwirksamkeit – und die Möglichkeit, all ihre Fähigkeiten und Erfahrungen auf analoge Weise ausreifen zu lassen.

Yoga, Mond & Sterne mit der Klasse

Das Buch Yoga, Mond & Sterne ist die Geschichte von Maitri, die in einer Rubikonkrise steckt und von ihrer Mutter auf liebevolle Weise wieder aufgefangen wird. Dabei bauen die beiden ein schönes Abendritual mit der ganzen Familie auf, das Sicherheit gibt und stärkt. Ich habe mit meiner Klasse bereits einige Yogaspiele aus diesem Buch durchgeführt – es funktioniert also auch mit festen Gruppen. Da ich die Kinder ja meinerseits ebenso als Bezugsperson begleite, möchte ich auch bestimmte kleine Rituale neu einführen oder ausbauen. Meine Klasse ist bereits sehr vertraut mit den Asanas, die manchmal zu Beginn oder Ende der Spielturnen-Stunde oder auch im rhythmischen Teil des Epochenunterrichtes spielerisch vorkommen. Das Goldtröpfchenöl steht in der Klasse bereit, um die Hände nach dem Händewaschen zu pflegen. Es gibt auch mini Ölfläschchen in unserer Geburtstagsschatzkiste. Diese werden dann gern auch mit nach Hause genommen. Zu besonderen Anlässen gibt es auch einmal eine Fantasiereise, die ich dann mit Klangschalen begleite. Die Kinder äußern inzwischen selbst, wie wohltuend diese Elemente der Entspannung sind oder fragen an manchen Tagen danach.

Über das Buch

Das Buch ist im Asteya Verlag meiner Schwester erschienen, erhältlich in unserem Asteya Shop und überall, wo es Bücher gibt. Mit dem Kauf unterstützt Ihr auch direkt unsere weiteren Projekte. Yoga, Mond & Sterne hat ein Hardcover, kostet 19,90 € und mein persönliches Highlight sind auch die vielen Aquarellbilder, die von Teresa Heilmann einzeln handgemalt wurden. Alles in allem merkt man diesem Buch auf jeder Seite an, dass es ein absolutes Herzprojekt war und ist. Es sprüht vor liebevollen Details und schönen Rubikon-Impulsen. Man findet sich als großer und kleiner Leser darin wieder. Meine Empfehlung!

Der Vorführeffekt einmal anders

Eins ist klar: Als Lehrer*in ist man Vorbild. Und wenn man der Klasse etwas erklärt oder zeigt, zeigt man den Kindern gleichzeitig die nächste Herausforderung. …. Wie heißt es so schön: Wer wachsen will, muss sich strecken. Beim Arbeiten quasi die nächste Stufe erreichen. Eine Vertiefung, eine Steigerung des bisher Gelernten.

Aber was ist, wenn dieser Vorführeffekt nicht gelingt und die Lehrerin sich auch einmal selbst in besonderem Maße strecken muss? So heute geschehen.

Wenn das Vorbild einen Fehler macht,
kann auch dies sehr lehrreich sein.

Für das Unterrichtsfach Formenzeichnen hatte ich eine Siegelform vorbereitet und auch zu Hause geübt. So weit so gut, alles wie immer. Dann im Unterricht, an der Tafel, gelang mir die Zeichnung aber vor den Kindern nicht so wie beim Üben zu Hause. Das fing schon damit an, dass ich gar nicht wirklich den Mittelpunkt der Tafelseite erwischt hatte. Die Elemente um die Siegelmitte herum, sahen auch nicht gerade harmonisch aus. Was tun?

Ein etwas anderes Vorbild

Dann ist man also Vorbild der anderen Art. Die Kinder erleben live – und höchst interessiert – wie ihre Lehrerin nun darauf reagiert, dass das Zeichnen dieser Form diesmal bei ihr selbst nicht wie gewünscht geklappt hat. Und das ist keine Blamage vor den Kindern, sondern „that`s life“. Nicht immer läuft alles perfekt, auch wenn man vorbereitet ist. Ich bin also einige Schritte zurückgegangen, um die Form aus der Entfernung zu betrachten und habe den Kindern offen gesagt, dass ich nicht zufrieden mit meiner eigenen Arbeit bin. So wollte ich das nicht zeigen. Also entschied ich, die Tafel zu wischen noch einmal ganz von vorn anzufangen.

So haben die Kinder reagiert

Nein, es hat niemand gelacht oder irgendwelche Häme gezeigt. Im Gegenteil: Auch die Kinder haben auf ihre Heftseiten geschaut und mich natürlich genau beobachtet. Mein kritischer Blick dem Tafelbild gegenüber. Meine Äußerung: „Nein, so wollte ich Euch das nicht zeigen, das gefällt mir nicht.“ Bis hin zu der Entscheidung „ich fange noch einmal ganz von vorn an. Nämlich richtig in der Mitte.“ Das wiederum führte dazu, dass die meisten Kinder ihre eigene Form auch ein weiteres mal gezeichnet haben, es auch noch einmal besser versucht haben und dabei auch ganz akribisch bei der Sache waren. Wir hatten so heute eine lange, konzentrierte gemeinsame Arbeit und dabei eine schöne und vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre.

Was man heute lernen konnte:

Es ist nicht schlimm, wenn eine Aufgabe nicht auf Anhieb gelingt. Es wäre nur schlimm, wenn man nicht daran arbeitet oder weiter übt! So haben wir uns einmal besonders auf diese Weise gestreckt.

Kinderhände erleben lassen

Die Hände sind es, die das Glück schaffen und den Kummer vertreiben.

Aus Russland
Die Welt be-greifen

Be-greifen

Kinder be-greifen die Welt! Das erste Tor zur Welt ist unser Mund. Hierüber nehmen Säuglinge erstmals etwas aus der äußeren Welt wahr. Doch schon bald beginnen Babies, gezielt auch mit ihren Händen zu tasten, fühlen, greifen und mehr. Alles wird angefasst, in die Hand genommen. So entstehen durch die verschiedensten Materialien an den unterschiedlichsten Gegenständen sehr vielfältige Sinneserfahrungen.

Nach und nach entwickeln Kinder so ein Gefühl für ihre Hände und setzen sie immer gezielter ein. Bis zur Einschulung sollten Kinder sicher einen Stift führen, mit der Schere etwas ausschneiden können, Schnürsenkel binden, viele Fingerspiele kennenlernen und dabei

  1. erfahren, dass ihre Hände sehr nützlich sind und
  2. beim Tätigsein mit ihren Händen sehr sicher sein

Eine sichere Handmotorik macht selbstbewusst

Gerade Unsicherheiten auf dem Gebiet der Handmotorik führen auch häufig zu Unsicherheiten im Selbstbewusstsein und zu Konzentrationsschwierigkeiten. Daher möchte ich hier einige Tipps geben, mit welchen kleinen Tricks man die lieben Kleinen auf diesem Gebiet fördern kann.

Konzentrationsmangel und Unruhe können mit der Handmotorik zusammenhängen

Die Arme und damit die Hände sind die einzigen Gliedmaßen, die frei jederzeit beweglich im Raum sind. Das ist natürlich sehr nützlich, verlangt aber auch eine Menge Steuerung.

Drei Tipps zur Förderung der Handmotorik

Tipp 1: Viel Erdung bei freier Handbewegung

Bei allen Arbeiten am Tisch oder bei Fingerspielen ist es sinnvoll, dass die Füße fest auf dem Boden stehen. Auf einem zu großen Stuhl hängen sie sonst auch noch „in der Luft“ und sorgen für Ablenkung der Handbewegung und Verlust der Konzentration. Meine Klasse steht meist bei Fingerspielen und wenn ich sehe, dass Kinder bei der Arbeit beispielsweise auf einem Stuhl knien, spreche ich sie an, sich auf den Stuhl zu setzen. Tisch und Stuhl müssen zur Körpergröße des Kindes passen!

Tipp 2: Die eine Hand muss tun, die andere ruhen.

Gerade beim Malen oder Schreiben fällt es Kinder oft nicht leicht, sich nur auf die eine Hand zu konzentrieren. Wohin mit der anderen Hand? Kann sie schon das Heft oder Papier halten und ruhig darauf liegen oder wirkt das Kind abgelenkt und fängt immer wieder an, mit beiden Händen herumzuspielen? Dann sollte mit der zweiten Hand unbedingt etwas gehalten werden. Einen Handschmeichler aus weich abgerundetem Stein oder Holz in der ruhenden Hand zu halten, kann da sehr helfen!

Tipp 3: Es im Alltag den Händen nicht zu leicht machen

  • Beim Händewaschen ein Stück Seife anstelle von Flüssigseife verwenden
  • Mit Wachsmal- oder Buntstiften malen anstelle von Filzstiften
  • Kneten am besten mit Knetbienenwachs anstelle von künstlich weich gemachter Kinderknete
  • Schnürsenkel binden statt Klettverschlüsse schließen
  • Hose mit Knopf statt Gummizug anziehen
  • Hände pflegen mit Goldtröpfchenöl
  • Lebenspraktisches erfahren: Im Haushalt mithelfen (Waschbecken putzen, Kuchen rühren …), Handarbeiten beginnen (Strickschneck, flechten…), musizieren (Glockenspiel, Rassel, Kinderharfe…)

So klingt die Märchenwelt

Augen schließen, innere Bilder erleben, angenehme Klänge hören – so lässt es sich eintauchen in die Welt der Märchen, Sagen und Legenden.

Mein Projekt für die Herbstferien war der Beginn eines Märchen-Podcasts für Kinder – Märchen mit Klang erzählt.

Im Tonstudio mit „Aurelino“ – der Keim einer Idee

Eins und eins….

Ich erzähle in der Schule gern den besonderen Erzählstoff des Schuljahres – Märchen, Legenden, Sagen – mit Klangbegleitung. Mit entspannenden Klängen lässt es sich gleich besser eintauchen in das Reich der Fantasie.

Und ich höre gern zwischendurch Podcasts, das habe ich in der Coronazeit zu Hause angefangen und mich dabei auch für technische Dinge drum herum interessiert. Mit meinem Sohn habe ich für das Homeschooling ja in dieser Zeit auch schon den YouTube-Kanal „Waldorflehrerin“ angefangen.

Für unser Projekt „Der Klang der Sonnenstrahlen“ war ich dann Anfang Juni 2020 erstmals selbst in einem Tonstudio, wo ich alle Instrumente eingespielt habe. Das war dann wohl der Funke, der das Feuer entfacht hat bzw. den Wunsch, mehr Geschichten mit Klängen für alle zugänglich zu machen und selbst zu produzieren.

Im Rahmen meiner Weiterbildung als Gesundheitspädagogin habe ich mich auch viel mit Entspannungspädagogik befasst und dabei auch begonnen, selbst kleine Fantasiereisen zu schreiben.

All das durfte einige Zeit reifen, als Wunsch weiter wachsen und jetzt in den Herbstferien habe ich – das war dann wohl mein persönlicher Urlaub – meinen Podcast „Märchen mit Klang“ begonnen. Natürlich habe ich zu Hause kein professionelles Tonstudio und kann keine eigene Produktion à la „Klang der Sonnenstrahlen“ auf die Beine stellen. Und doch bin ich sehr zufrieden und glücklich mit meinem neuen kleinen Podcast-Projekt. Vor dem Hintergrund der aktuellen Coronazahlen ist es auch wieder noch ein kleiner Vorrat an „Erzählteil“, falls man einmal zu Hause bleiben muss. Homeschooling sollte ja nicht nur aus einem Sammelsurium von Arbeitsblättern bestehen, aber das ist jetzt ein anderes Thema.

Ein bisschen Seelenfutter in dieser Zeit….

Das soll es sein, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Beim live Vorlesen erlebe ich es hautnah, wie die Kinder zur Ruhe kommen und in die Geschichten eintauchen.

Einige Eltern meiner Klasse haben mir berichtet, dass die Kinder meinen YouTube Kanal während des Homeschoolings auch sehr mochten, weil sie da endlich mal wieder meine Stimme hören konnten. Doch ich hoffe, dass es nicht nur bei den Kindern wirkt, die mich kennen. Es gibt so viele Hörspiele, die voll sind mit künstlichen Soundeffekten und Stimmengewirr. Da ist ein ruhig erzähltes Märchen, begleitet mit Klängen besonderer Instrumente, ein kleines Kontrastprogramm für alle kleinen und auch großen Menschen 🙂

On Air

Die erste Folge des Podcasts ist „Die Bienenkönigin“, unser Einschulungsmärchen. Das weckt natürlich nochmal ganz besondere Erinnerungen. Klanglich wird es begleitet vom Windspiel Koshi Terra und der kleinen Kalimba B5 von Hokema (schaut gern unter http://www.asteya-shop.de nach den Instrumenten oder wendet Euch an mich bei Fragen).

Als Montagskind schicke ich ab jetzt jeden Montag eine neue Folge raus, einmal im Monat kommt dann auch noch eine selbst geschriebene Fantasiegeschichte hinzu, die Ihr auch hier im Blog als Text im pdf-Format herunterladen könnt.

Ich habe dazu in einem Blog eine Podcast-Seite mit Player eingerichtet, der Podcast ist aber auch auf allen gängigen Podcast-Plattformen zu finden: Apple, Spotify, Deezer, Podcast Republic usw.

Ich freue mich sehr, wenn Ihr ihn abonniert und mir ein paar Sternchen hinterlasst. Herzlichen Dank!

Gedanken zum Thema Inklusion

Danke, liebe Aktion Mensch, für dieses schöne T-Shirt!

Das T-Shirt wurde 100 mal verschickt, ich habe auch eines bekommen. Das freut mich sehr, denn ich möchte Inklusion von Herzen gern möglich machen. Kleine, aber feine rechtliche Einschränkung: Ich bin keine Förderlehrerin und habe auch keine*n Förderlehrer*in im Schulalltag an meiner Seite. Aber wenn es mir mein vorgegebener Rahmen möglich macht, bin ich für Inklusion jederzeit bereit. Ich habe viele Fort- und Weiterbildungen gemacht – Lerntherapie, inklusiv unterrichten, AD(H)S-Beraterin. Das alles macht mich zwar nicht zur Förderlehrerin, weitet aber zumindest den Blick.

Jeder Mensch hat etwas, das er gut kann

Das ist in einer Schulklasse deutlich wahrzunehmen. Ja, es gibt Unterschiede. Manchmal auch große. Das eine Kind kann besser lesen, das nächste ist ein*e tolle*r Maler*in, ein anderes Kind wächst mehrsprachig auf, dann kommt der Blitzrechner und dann wieder ein Kind, das sich durch große Hilfsbereitschaft auszeichnet und für andere stets zur Stelle ist. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Es ist schön, die verschiedenen Qualitäten aneinander wahrzunehmen. Jeder hat etwas, das er gut kann! Je mehr Vielfalt, desto besser, oder? Die Welt ist schließlich groß und bunt.

Worauf es ankommt

So wie jeder Mensch seine individuellen Qualitäten hat, braucht er einen Ort, an dem er all dies gut entwickeln kann. Unser Tagesablauf lässt viel Raum für gemeinsames Tun und Arbeiten. Lernen mit Kopf, Herz und Hand, das ist unser Programm. Neben lesen, schreiben und rechnen werkeln wir auch viel im Klassenverband, lernen in Bewegung, sind oft draußen. Da kann man viel lernen, von sich zeigen, andere beobachten, mitmachen. Wir sind eine große Klasse. Im Klassenraum gibt es aber keine besonderen Bereiche für Auszeiten und dergleichen. Wir müssen uns manchmal auch aushalten und dabei Konflikte miteinander lösen. Ein einziger Schultag bei uns liefert so viele Eindrücke, die jedes Kind anschließend für sich zu verarbeiten hat.

Der tägliche Anker bin ich als Klassenlehrerin, ich bin jeden Tag da und gebe dem Schultag, der Epoche, dem ganzen Schuljahr eine Struktur und bin somit eine feste Bezugsperson für die Kinder. In dieser starken Position muss und will ich allen mir anvertrauten Kindern gerecht werden. Manchmal brauche ich dabei auch Hilfe, in Form von kollegialen Gesprächen, beratenden Experten, die ein Kind außerschulisch fördern. Oder in Form von anderen Helfern vor Ort – Integrationskräften. Mindestens so wichtig ist der vertrauensvolle Dialog mit den Eltern. Es ist also alles ein sehr komplexes Zusammenspiel, das sich finden und wachsen muss, um eine schöne und gedeihliche Schulzeit möglich zu machen. Gemeinsam kann man viel erreichen.

Erfahrungswerte?

Inklusion ist ein fortlaufender und auch sehr individueller Prozess. Ich lerne auch jeden Tag von den Kindern dazu. Ich habe bis jetzt viele tolle Entwicklungen bei Schüler*innen gesehen und war froh, dass ich etwas für sie tun konnte. Ich musste aber auch schon mal einsehen, dass ich an Schulalltag doch nicht das bieten konnte, was ein Kind brauchte. Meine Klasse, ich als Klassenlehrerin allein, kann sicherlich auch nicht immer jede Aufgabe stemmen. Man sollte aber stets das einzelne Kind im Blick haben.

Was ich mir wünsche, zum Thema Inklusion

Je mehr Angebote, desto besser. Inklusion ist grundsätzlich eine Frage der Haltung und sollte daher auf vielen, am besten auf allen Schultern getragen werden, damit wir vielfältigste Möglichkeiten für Kinder schaffen können, sich zu begegnen, miteinander aufzuwachsen und sich dabei gut zu entwickeln. Jedes Kind sollte seinen Ort finden, an dem es gut aufwachsen kann. Packen wir` s an!

#ÖkoChallengeWoche: Ich mache mit

Viele kleine Leute in vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.

aus Afrika

Im Alltag bewusst und nachhaltig zu handeln, ist eine private Entscheidung, die ich mehr oder weniger nach außen trage. Ich meine damit nicht, dass ich jede*n zu einer nachhaltigeren Lebensweise bekehren muss und will. Ich meine, dass man mir eine gewisse Veränderung ansieht und dass der Wille, diesen Weg zu gehen, nach außen strahlt, ohne dass ich mehr dazu erklären oder sagen muss.

Der Weg zu einer ökologischen Lebensweise ist ein Prozess mit gewissem Vorbildcharakter, denn man kann an mir sehen, dass ich an mir arbeite und dadurch Dinge verändere. Eine Prozess, dessen Anfang ich nicht mehr genau kenne und der garantiert kein Ende findet. Vieles entwickelt sich und ich nehme es an. Neues kommt hinzu, Altes wird verändert oder weggelassen.

Hier in meinem Blog und auf Instagram spreche ich darüber, denn ich teile auch Inhalte nach außen. Die #ÖkoChallengeWoche ist noch einmal eine besondere Aktion dazu,

Über die #ÖkoChallengeWoche

Bei Instagram gehöre ich einer Community an, dem ÖkoLoop, bei der es um genau diesen Veränderungsprozess geht. Man teilt Inhalte, holt sich wiederum Ideen von anderen und kann so Schritt für Schritt einen nachhaltigen, ökologischen Weg gehen.

Im Oktober wollen wir allen zeigen, wie einfach ein nachhaltiges Leben ist! 🌼🍂 Wir gehen dabei mit einem guten Beispiel voran und wollen motivieren und inspirieren.

Ob ÖkoLoop-Mitglied oder nicht, ob ÖkoProfi oder ÖkoAnfänger*in, im Rahmen unserer #ÖkoChallengeWoche sind alle herzlich eingeladen, bei unserer spannenden Aktion teilzunehmen! 🌈 und jeden Tag einen Beitrag zu einem bestimmten Thema zu posten. Bei mir wird es diesen großen Bericht im Blog geben, den ich über einen etwas längeren Zeitraum zu den Themen überarbeite. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und hoffe, dass sich für Dich auch die eine oder andere Inspiration findet.

Die Themen der Woche

Montag: Mein Weg zum Öko-Leben
Dienstag: Nachhaltig im Badezimmer
Mittwoch: Nachhaltig in der Küche
Donnerstag: Nachhaltig essen
Freitag: Nachhaltiger Kleiderschrank
Samstag: Nachhaltig Feste feiern
Sonntag: Meine Öko-Inspirationen

Montag: Mein Weg zum Öko-Leben

So lange ich mich zurück erinnere, war das Thema Umweltschutz in meiner Familie präsent und meine Aufmerksam irgendwie darauf gerichtet. Es hat sich dennoch über die Jahre Eingies entwickelt. Als ich über das Thema „Mein Weg zum Öko-Leben“ nachdachte, war mein erster Gedanke: „Heute schaffe ich mehr. Die Kinder sind größer, ich mache zu Hause viel mehr selbst.“ Aber das stimmt so nicht. Auch wenn ich früher kein Waschmittel usw. selbst gemacht habe, ging es ökologisch zu. Meine Kinder hatten Stoffwindeln und Feuchttücher gab es nur unterwegs. Zu Hause gab es schließlich Wasser und Handtücher. Second Hand war mir auch immer sehr willkommen und da gibt es noch viele Beispiele zum Thema Nachhaltigkeit, die manchmal fast unbemerkt sind. Und genau das ist ja auch die eigentliche Botschaft: Viele kleine Dinge, viele kleine Schritte bedarf es für mehr Nachhaltigkeit im Leben. Ich habe mir daher überlegt, auf genau diese vielen Kleinigkeiten einzugehen, die als Aufwand im normalen Alltag kaum spürbar sind, aber doch ihre Wirkung zeigen.

Dienstag: Nachhaltig im Badezimmer

Weniger ist mehr: Wieviel Plastik spart man, wenn man ein Stück Seife statt Flüssigseife verwendet. Wenn man in der Dusche ein Seifensäckchen nutzt, statt Shampoo- und Duschgelflaschen. Wenn man statt Wattepads auf gehäkelte Baumwollpads zurückgreift. Wenn Zahnbürste, Nagelbürste & Co. aus nachhaltigem Bambus sind – das ist übrigens von Natur aus antibakteriell und ein sehr schnell nachwachsender Rohstoff. Und dann noch mein Tipp für Badreiniger: Einfach Apfelsinen- oder Zitronenschalen aufbewahren, mit Tafelessig übergießen und ein paar Tage ziehen lassen. Essig Essenz sollte übrigens verdünnt werden, 1:4. Das war´ s schon. Fertig ist der Badreiniger, spart jede Menge Plastik, Chemie im Grundwasser und auch Geld.

Mittwoch und Donnerstag: Nachhaltig in der Küche, nachhaltig essen

Diese beiden Themen hängen ja doch irgendwie zusammen. Alles, was in der Küche ist und zubereitet wird, muss irgendwie dahin kommen und aufbewahrt werden. Hier kommt es also auch auf den ökologischen Fußabdruck an. Der Bioapfel ist nicht sinnvoll, wenn er mit dem Schiff aus Neuseeland kommt und ich ihn mit dem Auto vom Supermarkt abhole. Also hier meine Liste mit sieben kleinen Dingen, auf die man achten sollte und die man mit der Zeit gut in seine Abläufe integrieren kann:

  • Kaufe regional
  • Kaufe möglichst unverpackt oder zumindest ohne Plastikverpackung
  • Fahre mit dem Fahrrad zum Supermarkt oder gehe zu Fuß, Bewegung ist sowieso gesünder
  • Führe eine Einkaufsliste, so dass sich die Fahrten zum Einkaufen reduzieren und effektiv genutzt werden.
  • Lagere Deine Vorräte in Vorratsgläsern anstelle von Plastikdosen
  • Verzichte auf Lebensmittel, die in der Fabrik hergestellt wurden und aus mehr als 2 Zutaten bestehen. Heißt: Stelle Vieles selbst her.
  • Thema Schulfrühstück: Wie oft knistern die Bäckertüten beim gemeinsamen Frühstück in der Schule und es kommen belegte Brötchen zum Vorschein, die auf dem Schulweg schnell gekauft wurden. Das ist nicht nur teuer, sondern auch gar nicht nötig. Wenn es morgens zu stressig ist, für die ganze Bande einzeln das Schulfrühstück herzurichten, kann man auch das gemeinsame Abendessen dazu nutzen, schon Brote zu schmieren – warum nicht gemeinsam – und Frischkost zu schneiden. In einer guten Brotdrose (Blechdosen sind da hervorragend) und aufbewahrt im Kühlschrank ist das Frühstück auch am nächsten Morgen noch ganz frisch.

Ein Schaf und seine Wolle – Rosina

Auf Instagram habe ich kürzlich erst von meinem letzten Besuch bei Schaf Rosina berichtet. Rosinas kleine Herde hat die Reste vom Saftpressen mit meiner Klasse bekommen (der ganze Bericht über unsere Ackerbauepoche folgt noch). Es haben mich seitdem einige Fragen erreicht und ich möchte bei der Gelegenheit gern noch einmal mehr über das „Rosinaprojekt“ berichten, dazu auch Downloads zur Verfügung stellen.

Zu Besuch bei Rosina und ihrer Herde

Die Idee: Lesen und mittun

Auch wenn ich nicht wirklich zur Fraktion Handarbeit gehöre, genieße ich sehr die Wollwerkstatt von Rosinas Besitzerin, die ich auch privat gut kenne und die in meiner Klasse i-Kraft ist. Sie führt Groß und Klein auf liebevolle und naturverbundene Weise an die Schafwolle heran – von der frischen Schur bis zur Verarbeitung der Wolle – Waschen, kämmen, kardieren, verspinnen, färben, filzen und mehr. Und: Sie hat in ihrer Herde dieses ganz besondere Schaf 🙂 Das Charakterschaf mit dem schwarzen Fleck an der Seite, der aussieht wie eine Rosine. Also genug Stoff für ein Kinderbuch zum Mitmachen!

Das Familienprojekt

Meine Schwester Dr. Daniela Heidtmann und ich haben unser gemeinsames Asteya-Projekt, entstanden aus der Gründung von Danielas Asteya Verlag und unserer gemeinsamen Leidenschaft für Geschichten zum Mitmachen. Somit ist Daniela für Rosinas Wolle Lektorin, Co-Autorin und Verlegerin. Die Bücher und das Asteya-Projekt sind also vor allem ein leidenschaftliches Herzprojekt zweier Schwestern.

Von rechts nach links: Meine Schwester, ein weiteres Wolltier und ich

Damit ist auch die Frage beantwortet, in wie weit ich neben meiner Lehrertätigkeit Reichtümer anhäufe – ähem, welche Reichtümer..? Durch den kleinen Asteya Shop wollen wir einen Teil der Produktionskosten refinanzieren und passende Artikel anbieten, die ökologisch und fair hergestellt wurden. Das Buch ist übrigens klimaneutral und in Deutschland gedruckt. Und sollten Überschüsse entstehen, gilt unser Asteya-Prinzip, dass gute Zwecke mit profitieren werden.

Für meine Klasse

Zurück zu Rosina. Ich habe das Buch auch ganz besonders für die Kinder meiner Klasse geschrieben. Es sollte wie eine Fabel geschrieben sein und somit gut ins zweite Schuljahr passen, begleitend dazu viele Übungen für die Sinne in Form der Wollwerkstatt, mit Flötenliedern und mehr. Corona kam dazwischen. Nun sind wir bereits im dritten Schuljahr – das macht aber nichts, weil die Wollwerkstatt immer noch sehr passend für die Kinder ist. Und das nicht nur für die Sinnespflege. Schließlich stehen die alten Handwerke und Urberufe thematisch im Mittelpunkt der dritten Klasse. Also ist das Wollhandwerk weiterhin ganz hervorragend für meine Klasse geeignet und wir können uns auch noch anhand des Büchleins mit den Wortarten befassen.
Lena Fischer, Waldorflehrerin und freie Künstlerin aus Mannheim, hat übrigens die schönen Aquarellbilder zu der Geschichte gemalt. Das soll nicht unerwähnt bleiben!

Downloads für Euch

Ich stelle hier kostenlos einige Downloads zur Verfügung, für alle, die das Buch schon haben und damit arbeiten wollen. Wer das Buch noch nicht hat, kann einen Eindruck bekommen über den Blick ins Buch. Ich freue mich über Eure Rückmeldungen und Berichte dazu. Lieben Dank!

Michaeli 2020

Momentan gilt auch für alle Jahresfeste: Kreativität ist gefragt! Michaeli steht vor der Tür und ich denke mir gerade Spiele und Aktionen aus, die unter den derzeitigen Rahmenbedingungen möglich sind und uns einen schönen, erlebnisreichen Tag bescheren. Dieser Blogartikel hat daher diesmal Werkstattcharakter und wird immer mal wieder überarbeitet bzw. ergänzt. Über Eure Anregungen freue ich mich sehr!

Prüfung: Auf den Fußspuren des Drachens

In einer Art Schnitzeljagd muss das Versteck des Drachen gefunden werden. Er hinterlässt Fußspuren (werden von mir aus grünem Tonpapier gebastelt). Jede Fußspur steht für eine Drachen-Unart. Wenn alle Fußspuren gesammelt sind, müssen die Kinder eine gute Tat finden, die der Unart also etwas entgegen setzt. Das wird dann auf die Rückseite der Fußspur geschrieben und wenn nach dem gemeinsamen Klassengespräch alle Fußspuren in etwas Gutes umgewandelt sind, gilt der Drache als besiegt.

Drachenbesiegerfrühstück

In Zusammenarbeit mit den Eltern soll es etwas Schönes geben, das alle genießen können – auch wenn man nicht gemeinsam backen oder ein Buffet aufbauen darf. Ich hoffe, dass es Eltern gibt, die uns Schwerter backen und in einzelne Frühstückstüten verpacken oder kleine Obstspenden mitgeben. Hierzu werde ich vorab auf unserem Elternabend eine Umfrage starten und bin auch gespannt auf die Ideen der Eltern.

Mein Lichtschwert

Jedes Kind bekommt ein Blatt und malt ein Schwert darauf. Auf die Klinge des Schwertes wird geschrieben, was man sich für sich selbst als starken Mutmacher wünscht. Das Blatt darf als Erinnerung behalten, muss aber nicht allen gezeigt werden. Wer sein Lichtschwert gefunden hat, bekommt eine Wunderkerze. Diese wird draußen auf dem Schulhof entzündet und hochgehalten bis sie abgebrannt ist. So soll die Kraft des Lichtschwertes wirken….

Die Waage des Guten

Wir suchen das Gute in unseren Mitschülern. Vor jedem Kind liegt ein Stein und Mitschüler können sich melden und sagen, was eine besonders gute Eigenschaft dieses Kindes ist. Dann wird der Stein auf eine Waage gelegt. In der anderen Waagschale liegt ein großer, schwerer Stein, der für schlechte Gedanken und Taten steht. Die Klasse erlebt dann, wie ihre vielen guten Eigenschaften schwerer wiegen und zudem darf sich jedes Kind gesehen und wertgeschätzt fühlen.

Mutstein und Klassenlicht

Jedes Kind gestaltet für sich einen Mutstein und bekommt zudem etwas Knetwachs. Es malt den Stein für eine mutige Eigenschaft und formt dazu den Knetwachs, der auf eine große Klassenkerze geknetet wird. So behält es seinen Stein und die Eigenschaft stärkt außerdem auf der Kerze die Klassengemeinschaft. Die Kerze wird in der dunklen Jahreszeit morgens entzündet, auf elektrisches Licht morgens verzichtet, so dass die Kinder den natürlichen Weg in die dunkle Jahreszeit erleben können.

To be continued

Vielleicht stehen hier bald noch mehr Ideen und Spiele, ich habe auch eine Umfrage auf Instagram gestartet. Die Michaeligeschichte, die durch den Schultag führt, wird noch online gestellt.

Die Schöpfung als Kunstwerk

Über unsere künstlerische Arbeit zum Schuljahresbeginn und die Idee, mit sehr viel Kunst das Schuljahr zu beginnen. Das ist seelisches Erleben und außerdem war jetzt deutlich zu spüren: Es ist wieder richtig SCHULE

Die Kinder konnten sich 5 Monate nicht als ganze Klasse erleben

Was hat während der Zeit des Lockdowns gefehlt? Genau das, was kein Homeschooling der Welt jemals ersetzen kann: Das Miteinander, das gegenseitige Wahrnehmen und die besondere künstlerische Arbeit, die es so nur in der Schule gibt: Das Aquarellmalen nass-in-nass, das Weben, das gemeinsame Lauschen und Spielen von besonderen Klanginstrumenten. Dabei die anderen Kinder erleben, voneinander lernen, sich miteinander austauschen. Und gerade das künstlerische Element wirkt stark im Seelischen. Ein Kind lernt nicht vom Blatt oder Bildschirm – es ist die Begegnung, das Vorbild der lieben Lehrperson und die Gemeinschaft mit anderen Kindern, die das Lernen fördert.

Jeder Schöpfungstag durfte erklingen

Am ersten Unterrichtstag sprach die Klasse darüber, was eigentlich der Mensch alles durch sein Schaffen auf diese Welt gebracht hat. Die Kinder stellten sich eine Welt vor ohne die Dinge, die von Menschenhand entstanden sind. Es entwickelte sich ein sehr lebhaftes Unterrichtsgespräch darüber, wie es dann heute auf der Erde aussehen würde. Es fiel den Kindern gar nicht schwer, sich eine Natur ohne Bauwerke, Lärm und sonstigen künstlichen Dingen vorzustellen. Sie sahen die unberührte Natur gleich deutlich vor ihrem inneren Auge. Fast wie von selbst kam dann die Frage auf, wie denn die unberührte Welt mit den Pflanzen, Steinen und Tieren denn eigentlich entstanden sein konnte. So war das Unterrichtsgespräch auf den Urbeginn gelenkt. Davon wurde den Kindern dann erzählt und dies mit in die Nacht genommen.

Am zweiten Unterrichtstag ging es los mit der künstlerischen Arbeit. Die in den ersten Schuljahren gesammelten Klangerfahrungen halfen sehr. Die Finsternis sollte durch den Klang eines Gongs entstehen. Man war sich schnell einig, der Kupfergong sollte es sein und viele Kinder meldeten sich, um ihn einmal spielen zu dürfen. Dabei war man schon innerlich mit der Schöpfungsgeschichte verbunden: Obwohl der Umgang mit dem Instrument nicht durch bestimmte Vorgaben eingeschränkt war, spielte kein einziges Kind den doch recht imposanten Gong unangemessen laut oder lang. 

Das Tätigwerden der Engel Gottes wurde durch das Spiel von Koshi Klangspielen begleitet, Gottes Geist und Herz ertönte in Form der Herz-Klangschale. An diesem Unterrichtstag war ein guter Grundstein für die weitere gemeinsame Arbeit gelegt. Es wurde vom ersten Schöpfungstag erzählt und dieses innere Bild wieder mit durch die Nacht genommen.

So vertieften wir mit jedem Schöpfungstag mehr und mehr unsere Arbeit. Das klanglische Zusammenspiel entwickelte sich intuitiv und sehr harmonisch. Das Erlebnis des Einhörens, der Wechsel zwischen Stille und Klang, sorgte erkennbar für eine ruhige und ausgeglichene Stimmung in der Klasse. Die ungewöhnlichsten Instrumente waren im Einsatz: Neben den Klangschalen, dem Carillon von Choroi und den Koshi Klangspielen gab es eine Schale mit Steinchen, eine Klangschale voll Wasser, ein Muschelwindspiel, Schwingstäbe aus Bronze, ein Windspiel aus Nüssen, eine Primleier, verschiedene Rasseln, Glöckchen und mehr.

So wie in der täglichen Erzählung die Schöpfung immer reicher wurde, entwickelten sich auch die Klänge. Kein Tag der Schöpfungsgeschichte klang gleich – und doch war jedesmal zu hören, wie aus der geistigen Welt die finstere Welt mehr und mehr belebt wurde. Bereits nach wenigen Unterrichtstagen war dann zu beobachten, dass die Kinder ein sehr feines Empfinden dafür hatten, welches Instrument wann besonders passend erklingen konnte. Und man begann außerdem, „seinen“ Klang zu finden. Der Klang, der für einen selbst besonders wirksam war.

Nachdem wir dann die sechs Schöpfungstage gemeinsam zum Erklingen brachten, wiederholten wir dies an den folgenden Tagen. Mit den Tieren kam Gott dem Menschen schon sehr nah und alles, was Gott bis dahin erschaffen hatte, fand sich auch im Menschen wieder. Jetzt war es an der Zeit, den „Menschen“ in seiner Vielfalt erklingen zu lassen. Dabei aufeinander zu hören und selbst zu empfinden, wann ein Klang an der Reihe ist, entwickelte sich zu einer wahren Hörkunst. Stille zuzulassen. Während anfangs nur sehr zaghaft einzelne Instrumente erklungen waren, kam es zunehmend auch zu einem Zusammenspiel, das aber durchgehend angenehm zu hören war. Wie die Kinder mit der Zeit Klänge sehr passend miteinander kombinierten, überraschte und faszinierte gleichermaßen. So waren die Fische im Wasser ein Zusammenspiel aus einer kleinen Klangschale und der Wasserschale. Und dann kann es nicht verwundern, dass am Ende der Mensch auch klanglich aus allem zusammengewebt war und die Kinder dies so darstellten. 

Aquarellmalen

Auch die Aquarellbilder wurden immer reicher. Wir begannen mit dunklen Blautönen, dann kamen erst Gelb (Licht) und Rot (Feuer) dazu. Die unterschiedlichsten Tiere wurden mit Wachsmalstiften vorgemalt und als das „Paradies“ am Ende aquarelliert wurde, erhielt jedes Kind die drei Grundfarben und mischte für sein Bild passend die Vielfalt der Farben.

So hatte jedes Kind einen künstlerischen Zugang über das Hören, Farberleben und die eigene Selbstwirksamkeit.

Ein Auge Gottes am Ende der Epoche

Die Kinder haben gelernt, dass der Mensch nach der Vertreibung aus dem Paradies auf Erden selbst tätig werden musste. Und dass die Nähe zu Gott immer wieder durch Kunstwerke gesucht und gefunden wurde. Das „Auge Gottes“, ein Brauch südamerikanischer Urvölker (gefunden in der Zeitschrift „Vorhang auf“), ihren Kindern ein Symbol des göttlichen Schutzes mit auf den Weg zu geben, wurde am letzten Epochentag gebastelt. Dazu legt man zwei Holzstäbchen über kreuz und verwebt drum herum bunte Wollstücke. Die Enden der vier Holzspieße wurden mit Knetwachs in den Farben der vier Elemente modelliert.

Menschenkundlicher Hintergrund

Beim Übergang vom 9. zum 10. Lebensjahr geschieht bekanntlich bei den Kindern mit dem Rubikon ein weiterer Entwicklungsschritt, bei dem sie sich plötzlich nicht mehr inmitten ihrer Umwelt empfinden und eng mit ihr verwoben sind. Die Nachahmungskräfte des ersten Jahrsiebts bilden sich zurück. Die Kinder beginnen in diesem Zuge, die Welt um sich herum von nun an äußerlich, objektiv zu betrachten. Häufig wird dieser Schritt als endgültiger Verlust des vorherigen „Paradieszustands“ bezeichnet – was für eine Parallele zur Schöpfungsgeschichte.

Die Kinder werden also vom Nachahmer zum Selbstaktiven. Dem natürlichen Drang der Nachahmung folgen jetzt andere Kräfte, die eigene Wahl- und Entscheidungsfreiheiten ermöglichen.

Und so war es für die dritte Klasse ein guter Zeitpunkt, auch ihre bisherigen Klangerfahrungen in selbstwirksame, selbstbestimmte Klangerlebnisse umzuwandeln. Die Farben selbst zu mischen. Das Auge Gottes selbst zu gestalten. Wir werden tätig. Wir packen an. Der Auftakt ist gemacht.

Die Welt ist schön, wahr und gut

Das pädagogische Handeln in unseren Waldorfkindergärten und -schulen ist geprägt von den drei Urbedürfnissen – dem Guten, dem Schönen, dem Wahren. Eine Herausforderung in der heutigen Zeit, der man bewusst begegnen sollte.

Seit 10 Tagen läuft bei uns in NRW der Schulbetrieb wieder – mit den strengsten Regelungen bundesweit. Weder unsere schulleitenden Gremien noch wir Lehrer können uns aussuchen, ob wir die Verordnungen so annehmen wollen. Auch als freie Schule nicht. Wir müssen sie umsetzen, wenn wir unser Schulhaus für Präsenzunterricht öffnen.

Maskenpflicht, Abstandsregeln, Hygienemaßnahmen. Die Sorgen sind groß. Nicht zuletzt um das Bild und die Atmosphäre, die ja die drei Urbedürfnisse erlebbar machen sollen. Die große Frage in diesen Tagen ist: Was macht es mit uns und unseren Kindern, diese Regeln mit ihren Einschränkungen einhalten zu müssen.

So ist es in meiner Klasse

Die Kinder kamen freudig zurück in die Schule. Sie sind erkennbar gut von ihren Eltern auf die schulische Situation vorbereitet worden. Ich habe bislang weder sehr ängstliche noch zu unvorsichtige Kinder erlebt. Alle geben sich viel Mühe, in dieser Situation gut mitzumachen und die Stimmung ist insgesamt noch von der großen Wiedersehensfreude nach der langen Zeit des Lockdowns und rollierenden Schulbetriebs geprägt. Dadurch, dass die Drittklässler an ihren Plätzen den Mundschutz abnehmen dürfen und das Sprechen nicht beeinträchtigt ist, wird auch viel von den Kindern in der Klasse erzählt und mein Unterricht ist mit all seinen Gesprächen und Übungen doch sehr lebendig.

Feste Plätze, viel Warterei

Dadurch, dass die Kinder ihre festen Plätze bekommen und nicht wie sonst helfend durch den Raum wirbeln können, ist einige Wartezeit im täglichen Ablauf vorprogrammiert. Alle Instrumente im rhythmischen Teil verteile ich selbst, ganz zu schweigen von den Handtüchern, Malbrettern, Malkitteln, Farben, Wassergläsern usw. beim Aquarellmalen. Oder Arbeitsblätter. Zum Glück helfen die beiden Integrationskräfte sehr tatkräftig mit und wir drei sind inzwischen ein eingespieltes Team.

Ich überlege mir zudem meist einen kleinen Arbeitsauftrag für`s Warten, aber nicht immer funktioniert es, dass alle gleichermaßen bei der Sache und eben bei sich bleiben. Man hat sich ja auch noch immer viel zu erzählen… Am einfachsten ist es, wenn morgens die Instrumente kommen. Dann heißt es: Jeder darf leise seine Klänge ausprobieren und wir lauschen gemeinsam. Dadurch, dass jedes Kind einen Klang – seinen Klang – bekommt, entspannt sich Vieles.

Wir schauen auf das, was wir dürfen!

Ich bin sehr bemüht darum, einerseits auf die Einhaltung der Regeln gründlich zu achten, andererseits mich und die Kinder aber nicht auf die Verbote, sondern darauf zu fokussieren, was wir noch alles Schönes machen können – und das ist zum Glück gar nicht so wenig.

Positiv bleiben – in der Schule und zu Hause.

Mindestens 10 schöne Dinge im Fokus

  • Wir können endlich wieder alle zusammen sein
  • Wir malen viele schöne Bilder
  • Wir erzählen uns täglich von unseren Erlebnissen und hören Geschichten
  • Wir spielen und lauschen jeden Tag wundervollen Klanginstrumenten
  • Wenn wir draußen Spielturnen haben, können wir im großen Kreis schöne Laufspiele machen, Seilchen springen, eine Yogazeit haben oder Hinkelspiele spielen
  • Wir handwerke(l)n so Einiges
  • Viele Kinder frühstücken auch gern im Freien
  • Auch an unserem Platz können wir zumindest kleinere Bewegungen machen: Fuß- und Fingerspiele oder Rhythmusübungen
  • Wir lachen auch jeden Tag miteinander, das ist sowieso das Beste 🙂
  • Überhaupt erleben wir uns als Gemeinschaft und nehmen Anteil aneinander

Positiv und authentisch bleiben

So hoffe ich sehr, dass wir diese positive Grundstimmung erhalten können und ich bin mir sicher, die Kinder haben ohnehin längst verstanden, dass diese neuen strengen Regeln nicht auf meinem Mist gewachsen sind. Es steht ihnen nicht plötzlich Lehrerin Oberstreng gegenüber, sondern noch immer ihre Lehrerin, in der gewohnten und vertrauten Beziehung, mit aufrichtigem Interesse an ihnen.

So möchte ich es schaffen, die drei Urbedürfnisse weiterhin im Mittelpunkt meiner Arbeit zu haben – und nicht die Coronaregeln von außen.