PDA – wenn Anforderung Angst macht

… und warum das Wort „Systemsprenger:in“ mehr über das System, als über ein Kind aussagt.

In den letzten Jahren taucht ein Wort immer häufiger auf, wenn Kinder nicht „funktionieren“: Systemsprenger. Es klingt schwerwiegend. Nahezu endgültig. Und es trifft meist diejenigen, die ohnehin schon kämpfen, nämlich Kinder, die nicht laut um Hilfe bitten können, sondern mit ihrem Verhalten „schreien“. Besonders häufig wird dieses Etikett Kindern gegeben, die ein Autismus-Profil mit PDA haben.

Was ist PDA?

PDA steht für Pathological Demand Avoidance oder – zunehmend bevorzugt – Persistent Drive for Autonomy. Es beschreibt ein Autismus-Profil, bei dem Anforderungen Gefühle auslösen, die als existenzielle Bedrohung erlebt werden. Dabei geht es also nicht um „Nicht-Wollen“, fehlende Erziehung oder Trotz. Es geht um Angst.

Für PDA-Autist:innen können selbst kleinste Erwartungen überwältigend sein. Hier einige Beispiele:

  • Wenn morgens die Jacke angezogen werden muss. Es ist Routine, eigentlich keine große Sache. Doch wenn der Moment gekommen ist, fühlt er sich an wie pure Verzweiflung. Etwas Unvorhersehbares droht, nachdem dann das Haus verlassen wird. Manchmal wird sogleich gegen das Anziehen gekämpft, manchmal funktioniert es am Anfang – bis plötzlich der Zusammenbruch kommt. Jeden Morgen.
  • „Ich freue mich auf meinen Geburtstag / einen Klassenausflug / unseren Urlaub.“ Solange ein Ereignis, das als schön empfunden wird, noch in der Ferne liegt, kann es durchaus auch für Vorfreude sorgen. Wenn es aber heißt: Es geht JETZT los, erscheint explosionsartig ein Überwältigungsgefühl vor dem, was kommt.
  • In der Schule: Es beginnt für alle Kinder der Klasse eine Eigenarbeitszeit. Wirklich? Nicht für das PDA-Kind. Es beginnt erst gar nicht, beschäftigt sich anderweitig mit einer (für es) sicheren Sache oder lenkt bewusst andere Kinder ab, auch durch Clownerie.

Was steckt dahinter?

Das Nervensystem reagiert bei kleinsten Anlässen und Veränderungen, als stünde Gefahr im Raum. Kampf, Flucht oder Erstarren setzen ein – nicht bewusst, nicht steuerbar. Kinder mit PDA vermeiden Anforderungen reflexhaft, um ihre innere Sicherheit zu bewahren.
Dabei möchten sie eigentlich kooperieren, dazugehören, „richtig“ sein – können es aber in dem Moment nicht.

Was von außen manipulativ oder frech wirkt, ist in Wirklichkeit eine Überlebensstrategie.

Wenn Systeme Druck ausüben

Unsere Systeme – Schule, Kita, Jugendhilfe usw. – sind auf Anpassung, Planbarkeit und Gehorsam ausgelegt.
PDA hingegen braucht:

  • Beziehung statt Kontrolle
  • Wahlmöglichkeiten
  • Sicherheit statt Konsequenzen

Wenn ein Kind diese Anpassung nicht leisten kann, wird es schnell als „schwierig“, „nicht tragbar“ oder eben als Systemsprenger bezeichnet.

Doch hier lohnt ein Innehalten.

Wer sprengt hier eigentlich was?

Zuallererst möchte ich betonen, dass der Begriff „systemsprengend“ keinen wissenschaftlichen Hintergrund hat, sondern meist von Medien oder umgangssprachlich verwendet wird. Dabei lässt er zunächst vermuten, das Kind sei das Problem. Allerdings zeigt das Verhalten bei genauerer Betrachtung etwas Anderes: Das System ist nicht passend. Kinder mit PDA sprengen also kein System . Sie passen schlicht nicht in starre Strukturen, die ihre neurologischen Grenzen ignorieren.
Ein System, das nicht alle Menschen einschließt, ist in sich begrenzt.

Sprache schafft Wirklichkeit – Worte formen unsere Haltung

Bezeichnen wir also ein Kind als „Systemsprenger:in“, dann vermittelt dies

  • Bedrohung (für das System) statt Bedürfnis
  • Störung statt Signal
  • Versagen statt Überforderung

Das Kind selbst hört:

„Mit mir stimmt etwas nicht.“
„Ich bin zu viel.“
„Ich passe nirgendwo rein.“

Gerade neurodivergente Kinder und ihre Familien tragen diese Botschaften oft ein Leben lang. Das ist stigmatisierend und verletzend.

Welches (Schulklassen-)System trägt denn Kinder mit PDA Autismus?

Wenn ein Kind immer wieder scheitert, lohnt sich die Frage: Was wäre, wenn nicht das Kind sich ändern müsste, sondern unser Blick? Denn Kinder mit PDAe Autismus brauchen:

  • Erwachsene, die Beziehung leben und dabei Raum geben für emotionale Regulation
  • Strukturen und Arbeitsweisen, die flexibel sind
  • Klassenräume, in denen Autonomie möglich ist
  • Verständnis für die Angst hinter dem Verhalten

Was kannst du in Elternrolle tun, wenn die Schule aufgibt?

Wenn die Lehrkräfte keine Kapazität haben, ihr System zu ändern oder dies auch nicht wollen – akzeptiere es. Du kannst es von außen nicht umkrempeln. Suche eine Lehrkraft, die PDA-erfahren ist und lass dich gern auch bei der Suche beraten.

Was kannst du als Lehrkraft tun, wenn ein Kind dein System sprengt und dich an deine Grenze bringt?

Prüfe deine Verbindung zu dem Kind und – ganz wichtig – deine Ressourcen. Spiele mit offenen Karten. Möchtest du etwas verändern? Auch ich kann dich beraten und unterstützen. Frage gern unverbindlich an:

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