Die kleine Schulstunde am Aufnahmetag

Ein Gastbeitrag zur Aufnahme an der Waldorfschule von Frauke Beckers.

Was erwartet euer Kind am Tag der Aufnahme an der Waldorfschule?

Nachdem ihr die Anmeldung für euer Kind an der Waldorfschule eurer Wahl ausgefüllt habt und nachdem ihr die Schule bei öffentlichen Veranstaltungen besucht, über Waldorfpädagogik recherchiert und Gespräche mit anderen Eltern und Mitarbeitern der Schule geführt habt, werdet ihr eines Tages von der Schule zum Tag der Aufnahme eingeladen.

Nun fragt ihr euch:

Was passiert an diesem Tag?

Wie bereiten wir unser Kind am besten darauf vor?

Mein Tipp:

Erzählt eurem Vorschulkind, dass es an diesem Tag mit anderen Kindern im gleichen Alter Schulkind an einer richtigen Schule mit einer echten Lehrerin spielen darf. Dann lasst euer Kind einfach es selbst sein.

Für euer Kind kann es – je nach Schule – eine Untersuchung durch die/den anthroposophische/n Schulärztin/-arzt geben mit verschiedenen Fragen/Übungen/Untersuchungen zur kindlichen Entwicklung mit dem Ziel, die körperliche Schulreife festzustellen. 

Dann gibt es zur Betrachtung der emotionalen und sozialen Schulfähigkeit in der Regel ein Unterrichtssetting in einer Kleingruppe, auch genannt: Die kleine Schulstunde. 

Was euer Kind dabei in etwa erwartet, zeige ich euch in den Bildern.

Es unterscheidet sich natürlich immer von Lehrperson zu Lehrperson und von Schule zu Schule. Auf jeden Fall wird alles spielerisch und altersgemäß in einen schönen Gesamtrahmen gepackt.

Ich wünsche eurem Königskind einen wunderschönen Probeschultag mit viel freudiger Aufregung, neuen Bekanntschaften und positivem Schulzauber🪄🌻!

– Frauke Beckers; Klassenlehrerin und Autorin bei wachsmalbloeckchen.de –

Als Lehrerin im Aufnahmegremium habe ich schon viele Vorschulkinder empfangen dürfen. Zu Beginn betraten die Kinder oft etwas zögerlich den Raum und entlassen durfte ich sie 40 Minuten später jedes Mal wieder mit leuchtenden Augen, scheinbar ein großes Stück gewachsen und mit einem fröhlichen „Auf Wiedersehen, Frau Beckers“. Bei den Eltern sprudelte dann förmlich aus ihnen heraus, was sie heute alles Tolles in der Schule gelernt haben😍

Entwicklung und Reife durch Spiel

Am heutigen Tag unserer Themenwoche „Aufnahme an der Waldorfschule“ geht es um die Spielreife. Hier hat Kathrin Schuster von @beziehungskunst.weimar (Instagram) die wichtigen Entwicklungsschritte in den ersten Lebensjahren dargestellt und aus anthroposophischer Sicht beleuchtet. Ich möchte einmal dazustellen, welche Möglichkeiten ein spielerisch-künstlerischer Ansatz bietet, den Übergang vom Kindergarten in die Schule zu gestalten.

Kinder im ersten Jahrsiebt

Hier hat Kathrin auch sehr die innere Haltung, mit denen wir Kindern begegnen sowie passend dazu die drei wichtigen Entwicklungsstufen – das Gehen-, Sprechen- und Denkenlernen -herausgestellt. Ich mag sehr ihr Zitat „Das Kind spielt sich durch die frühe Kindheit“. Dazu braucht es für sich eine Umgebung, die Ruhe, Versorgung, einen verlässlichen und rhythmischen Tagesablauf sowie Sinneserfahrungen bietet. Kinder verarbeiten Erlebtes oder Gesehenes aus dem Inneren heraus durch ihr Spiel.

Mehr zum ersten Jahrsiebt findet Ihr auch hier auf meinem Blog.

Wie gestaltet man einen Übergang zur Schule?

Das ist im Grunde die zentrale Herausforderung für einen gelungenen Schulanfang. Denn in der Schule wirken viele neue Inhalte von außen ein. Kathrin schlägt vor, dass Kindergärten und Schulen sich im Vorfeld mehr besuchen und austauschen sollten. Das wäre sicherlich hilfreich. In meinem Fall muss ich aber auch sagen, dass ich innerhalb meiner Klasse mehrere Kindergärten im Einzugsbereich hatte und es mir dazu als 8.Klass-Lehrerin im Vorfeld leider nur sehr begrenzt möglich war, in einen größeren Austausch zu kommen.

Dennoch ist es möglich, den Schulanfang so zu gestalten, dass das Spielerische mit Künstlerischem versehen und so äußere Vorgaben umgesetzt werden können.

Vom Spiel zur Kunst

Das Spielen ist für Kinder eine ersthafte Angelegenheit und damit kein Lustprinzip in der Form, wie wir Erwachsenen es erleben, wenn wir uns Zeit für eine Partie unseres liebsten Karten- oder Brettspiels nehmen. Kinder setzen sich im Spiel sehr ernsthaft mit ihrer Umwelt und ihren Vorbildern auseinander. In der Phase des Übergangs ist nun darauf zu achten, dass die Nachahmungskräfte einbezogen und sich das Spielen aus dem Inneren heraus auch kreativ, in künstlerischer Weise mit neuen Inhalten verbinden kann.

  • Wenn etwa gemeinschaftlich gebaut wird, bedarf es schon einiger äußerer Vorgaben, aber auch gleichzeitig eigener Ideen bei der Übernahme von Arbeiten. Dazu sind neben Geschicklichkeit auch das Treffen von Absprachen und die Zusammenarbeit mit anderen wichtige Lernfelder.
  • Bei Gruppenspielen werden Rollen wie Fänger, Verstecker usw. übernommen und auf eigene Weise ausgefüllt.
  • Noch mehr geschieht dies durch szenische Darstellungen bei kleinen Theaterspielen. Dabei werden auch Sprache, Sprechen und Gesten eingeübt und erarbeitet.
  • verschiedenste Bewegungsabläufe wie Schleichen, Hüpfen, Rennen, in die Hocke gehen, jemanden antippen usw. werden geübt und auf eigene Weise passend nach bestimmten Regeln und Signalen eingesetzt.
  • Beim Malen oder Plastizieren müssen zwar auch bestimmte Inhalte beachtet werden, es kommt jedoch auch wiederum eine größere Freiheit bei der inneren Betätigung hinzu.

Mit einem geschulten Blick für den Entwicklungsstand der Kinder lässt sich auf diese Weise ein Unterricht gestalten, der die Notwendigkeit und Ernsthaftigkeit des Spiels berücksichtigt, Freiraum für Kreativität lässt und gleichzeitig Inhalte an die Kinder heranführt. Die Anteile werden sich im Laufe der Zeit verändern, so wie es für die Kinder passend ist.

Das Spiel wirkt von innen nach außen,
Schule und Arbeitsaufträge von außen nach innen.

Nicht umsonst braucht es Erziehungskünstler.

Meine Erfahrungen und Gedanken

Ich fasse mich kurz: Wenn man Erstklass-Lehrer:in ist, sind viele neue, unbekannte Augenpaare auf einen gerichtet. Nicht wenige sind in freudiger Erwartung erster schöner Lernerfolge. Doch davon sollte man sich ein stückweit lösen, sich Zeit für die Kinder nehmen und die Ruhe bewahren.

Wenn man erst einmal mehr am Beziehungsaufbau, den guten Gewohnheiten und verlässlichen Routinen arbeitet, sind schon gute Lernvoraussetzungen geschaffen. Fließt das Künstlerische dazu ein, kann ein ruhiger Übergang gelingen.