Neurodivergenz, Lernschwäche & Co: Wann macht eine Diagnose wirklich Sinn?

Soll mein Kind einen Stempel bekommen?“ – „Welche Antworten und Hilfen liefert denn überhaupt eine Diagnose?“ Diese Fragen begegnet mir immer wieder.

Bei einem Kind besteht der Verdacht auf ADHS. Ein anderes liest auch nach langer Förderung nur mühsam. Ein Jugendlicher kommt in sozialen Situationen immer wieder an seine Grenzen und es steht Autismus im Raum. Ein Grundschulkind versteht mathematische Zusammenhänge erstaunlich gut, scheitert aber immer wieder an grundlegenden Rechenoperationen.Und irgendwann steht sie im Raum: 

Die Frage nach einer Diagnose.

Da steht vielleicht ADHS, Legasthenie, Dyskalkulie oder Autismus im Raum. Manche Eltern wünschen sich endlich Klarheit. Andere zögern.

Sie möchten ihrem Kind keinen Stempel aufdrücken. Sie fürchten, dass Lehrkräfte anschließend nur noch die Diagnose sehen. Dass Erwartungen sinken. Dass aus ihrem neugierigen, kreativen, sensiblen, manchmal herausfordernden Kind plötzlich „das ADHS-Kind“, „der Autist“ oder „die Legasthenikerin“ wird.
Diese Sorge ist verständlich. Deshalb lohnt es sich, eine andere Frage zu stellen:

Wozu soll eine Diagnose eigentlich dienen?

Eine Diagnose verändert nicht das Kind

Das ist vielleicht der wichtigste Gedanke zuerst.
Ein Kind bekommt nicht durch eine Diagnose ADHS. Es wird durch einen Befund nicht autistisch. Und eine diagnostizierte Lese-Rechtschreibstörung verursacht nicht die Schwierigkeiten, die das Kind beim Lesen und Schreiben erlebt. All das war vorher schon da und hat sicherlich viele Rätsel aufgegeben. Was sich also verändert, ist zunächst nur:

Wir haben mehr Informationen.

Und diese Informationen können helfen, Erleben und Verhalten anders einzuordnen. Vielleicht wird aus: „Du musst dich einfach besser konzentrieren“ oder „Reiß dich endlich zusammen“ die Frage:

„Was hilft dir dabei, deine Aufmerksamkeit besser zu steuern?“

Aus „Du hast doch gestern noch gewusst, wie man das schreibt“ wird: „Was macht das Abspeichern und Abrufen von Rechtschreibung für dich so schwierig?“

Und aus „Warum sonderst du dich ab und spielst in der Pause nicht mit den anderen“ wird vielleicht: „Wie erlebst du eigentlich diese Pause mit all den Menschen, Geräuschen und unausgesprochenen sozialen Regeln?“

Das Kind ist dasselbe. Aber der Blick kann ein anderer werden.

Diagnostik kann zum Verstehen beitragen

Insbesondere, wenn neuroinklusives Lernen noch in weiter Ferne liegt. Kinder, die nicht in die üblichen Erwartungen passen, bekommen leider häufig nicht erst durch die Diagnose einen „Stempel“, sondern schon lange davor Etiketten.

Faul. Unkonzentriert. Unmotiviert. Chaotisch. Empfindlich. Schwierig. Verträumt. Unhöflich. Nicht belastbar. Und das ist sicherlich nur ein kleiner Ausschnitt.

Vielleicht sollten wir deshalb die Diskussion um das „Etikett Diagnose“ noch einmal anders betrachten. Denn die Alternative zu einer Diagnose ist nicht automatisch ein Leben ohne Zuschreibungen.mManchmal ist es ein Leben mit den falschen Zuschreibungen. Eine gute Diagnostik kann helfen, Vermutungen durch fundiertere Erklärungen zu ersetzen (auch deshalb bin ich tendenziell für Spät-Diagnosen auch im Erwachsenenalter, wenn der Leidensdruck evt. gar nicht mehr soooo riesig ist).

Eine Diagnose kann dem Kind helfen, sich selbst zu verstehen

Vielleicht ist das sogar ihre wichtigste Funktion. Kinder beobachten und vergleichen sich. Sie merken meist sehr früh, wenn ihnen Dinge schwerfallen, die andere scheinbar mühelos schaffen: Warum können die anderen einfach anfangen und ich nicht? Warum kann ich einen Text zehnmal lesen und weiß hinterher trotzdem kaum, was darin stand? Warum macht mich dieser Klassenraum so unglaublich müde? Warum bekomme ich Panik, wenn sich Pläne plötzlich ändern? Warum verstehe ich Mathe eigentlich und verrechne mich trotzdem ständig bei den einfachsten Dingen? Warum brauche ich nach der Schule zwei Stunden, in denen mich niemand ansprechen darf?

Fehlt eine Erklärung, suchen Kinder sich selbst eine. Und diese fällt nicht immer freundlich aus.

„Ich bin dumm.“ „Ich kann das einfach nicht.“ „Mir fällt alles schwer.“ „Die anderen schaffen alles leichter.“

Eine Diagnose kann eine andere Geschichte ermöglichen: Mein Gehirn verarbeitet bestimmte Dinge anders. Nicht besser oder schlechter, sondern anders. Daran ändert auch eine Diagnose nichts. Aber Erleben bekommt einen Zusammenhang.

Eine Diagnose kann zeigen, wo Unterstützung ansetzen sollte

Nicht jedes Kind, das Schwierigkeiten beim Lesen hat, hat eine Lese-Rechtschreibstörung. Nicht jedes verträumte Kind hat ADHS. Nicht jedes Kind, das Rückzug braucht, ist autistisch. Und nicht hinter jedem Problem mit Mathematik steckt Dyskalkulie. Genau deshalb ist sorgfältige Diagnostik wichtig. Sie soll nicht möglichst schnell eine Schublade finden. Sie soll genauer hinschauen.

Was beobachten wir eigentlich?

Seit wann besteht es?

In welchen Situationen tritt es auf?

Wie stark beeinträchtigt es das Kind?

Welche anderen Erklärungen kommen infrage?

Welche Stärken und Ressourcen bringt dieses Kind mit?

Gute Diagnostik beendet Beobachtung deshalb nicht. Sie macht sie aber genauer.

Eine Diagnose kann Zugänge eröffnen.

Und dann gibt es da noch eine sehr pragmatische Ebene. Eine Diagnose kann – abhängig vom individuellen Bedarf und den jeweiligen schul- und sozialrechtlichen Voraussetzungen – wichtig sein, wenn Unterstützung beantragt oder begründet werden soll.

Zum Beispiel können Nachteilsausgleiche, spezifische Förderung, therapeutische Unterstützung oder weitere Hilfen relevant werden.

Dabei ist ein entscheidender Unterschied wichtig:

Ein Nachteilsausgleich ist nicht dazu da, einen Vorteil zu verschaffen.

Er soll Bedingungen so verändern, dass ein bestehender Nachteil nicht darüber entscheidet, ob ein Kind zeigen kann, was es eigentlich weiß und kann. Die Diagnose kann dabei eine Tür öffnen. Was das einzelne Kind hinter dieser Tür tatsächlich braucht, lässt sich jedoch nicht allein aus dem Namen der Diagnose ableiten.

Eine Diagnose verändert Fragen.

Auch Eltern und Pädagog können durch eine Diagnose etwas Entscheidendes gewinnen: Orientierung. Denn plötzlich lassen sich Situationen möglicherweise anders betrachten.
Das Kind verweigert nicht zwangsläufig. Vielleicht kann es gerade nicht beginnen.
Das Kind will nicht unbedingt seinen Willen durchsetzen. Vielleicht ist die Situation unvorhersehbar geworden.
Das Kind liest nicht deshalb langsam, weil es zu wenig geübt hat. Vielleicht braucht es eine ganz andere Form der Förderung.

Diagnostik kann damit eine Verschiebung ermöglichen:

weg von der Frage „Warum macht dieses Kind das?“

hin zu:

„Was passiert hier gerade – und was braucht dieses Kind?“

Also braucht am besten jedes Kind eine Diagnose?

Nein. Eine Diagnose ist kein Selbstzweck. Nicht jede Besonderheit braucht einen diagnostischen Namen. Nicht jedes Kind, das anders lernt, anders wahrnimmt oder andere Bedürfnisse hat, muss zwangsläufig diagnostiziert werden.

Die entscheidendere Frage könnte lauten: Könnte eine Diagnose diesem Kind gerade etwas geben? Beispielsweise dafür sorgen, dass ein bestehender Nachteil anders gehandhabt wird?

Zum Beispiel:

  • mehr Klarheit über anhaltende Schwierigkeiten,
  • ein besseres Verständnis des eigenen Erlebens,
  • eine Abgrenzung gegenüber anderen möglichen Ursachen,
  • gezieltere Förderung oder Behandlung,
  • Zugang zu notwendigen Unterstützungsmaßnahmen,
  • Entlastung von falschen Zuschreibungen,
  • oder eine Sprache für etwas, das das Kind längst erlebt.

Wenn die Antwort darauf Ja lautet, kann Diagnostik sehr wertvoll sein.

Wann sollten wir besonders aufmerksam sein?

Wenn ein Kind über längere Zeit deutlich leidet.
Wenn Schwierigkeiten trotz angemessener Unterstützung bestehen bleiben.
Wenn Schule unverhältnismäßig viel Kraft kostet.
Wenn das Selbstwertgefühl zunehmend leidet.
Wenn das Familienleben sich nicht mehr leicht anfühlt, weil Schule oder gar das Kind im negativen Fokus stehen.
Wenn ein Kind beginnt, sich selbst als dumm, faul, schwierig oder unfähig zu erleben.
Wenn immer neue Fördermaßnahmen ausprobiert werden, ohne wirklich zu verstehen, wo die Schwierigkeit liegt.

Oder wenn Erwachsene merken: Wir interpretieren sehr viel – aber eigentlich wissen wir noch zu wenig darüber, was hier passiert.

Dann kann Diagnostik ein sinnvoller nächster Schritt sein.

Eine Diagnose beschreibt niemals den ganzen Menschen!

Deshalb sollte nach einer Diagnose nicht weniger gefragt werden.
Sondern mehr:

  • Was hilft dir?
  • Was kostet dich Kraft?
  • Was gelingt dir besonders gut?
  • Wann wird es schwierig?
  • Was wünschst du dir von uns?
  • Was sollten wir über dich wissen?

Die entscheidende Frage ist nicht: Etikett ja oder nein, sondern „Hilft uns diese Diagnose dabei, dieses Kind besser zu verstehen – und hilft sie auch dem Kind dabei, sich selbst besser zu verstehen?

Wenn eine Diagnose Türen öffnet, Unterstützung ermöglicht, falsche Zuschreibungen korrigiert und einem Menschen Worte für das eigene Erleben gibt, kann sie unglaublich wertvoll sein.

Wenn sie dagegen zur Schublade wird, Erwartungen begrenzt und individuelles Hinschauen ersetzt, hat sie ihren Zweck verfehlt.

Denn am Ende sollte Diagnostik niemals dazu dienen, ein Kind passend einzuordnen.

Sie sollte uns dabei helfen, Unterstützung passender zu machen.

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Was ich aus 15 Jahren im Klassenzimmer mitnehme – Teil 3

Verhalten ist fast nie das eigentliche Problem.

Wenn wir über Verhalten sprechen, sprechen wir häufig über das, was sichtbar ist.

Das Kind stört. Der Jugendliche verweigert sich. Die Mutter wirkt gereizt. Der Vater zieht sich zurück. Die Lehrkraft ist ungeduldig.

Wir sehen das Verhalten. Aber wir sehen selten die Geschichte dahinter.

Im Laufe meiner Zeit ist mir mehr und mehr klar geworden: Verhalten ist selten der Anfang einer Geschichte. Es ist wie mit der sichtbaren Spitze des Eisbergs und dem, was unter der Oberfläche ist. Verhalten oft der sichtbare Teil einer verborgenen Geschichte.

Darunter liegen Dinge, die wir nicht sofort erkennen können: Überforderung, Angst, Erschöpfung, Unsicherheit, Schlafmangel.

Ein überlastetes Nervensystem. Nicht erfüllte Bedürfnisse. Manchmal auch Erfahrungen, die ein Mensch nie in Worte gefasst hat, weil diese einfach fehlten.

Deshalb lautet die eigentliche Frage nicht: „Wie bekomme ich dieses Verhalten weg? Sondern:

„Was versucht dieses Verhalten gerade zu schützen?“

Dieser Gedanke gilt nicht nur für Kinder

Das war für mich eine der größten Erkenntnisse. Das Fassen an die eigene Nase sozusagen. Verhalten ist keine „Kindersprache“. Es ist Menschensprache. Auch Erwachsene zeigen manchmal nach außen etwas, wofür ihnen innerlich die Worte fehlen.

Wer schon einmal über Wochen erschöpft war, kennt das vielleicht: Man reagiert gereizter. Man zieht sich zurück. Man vergisst Dinge. Man wird ungeduldig. Und das nicht, weil man ein anderer Mensch geworden ist. Sondern weil das Nervensystem längst versucht, in einem Dauer-Alarmzustand irgendwie durch den Alltag zu kommen.

Genau deshalb begegnen mir Eltern heute mit demselben Mitgefühl wie Kinder. Denn viele tragen Lasten, die von außen kaum sichtbar sind. Sie koordinieren Therapien. Organisieren Familienleben und Beruf. Versuchen, allen gerecht zu werden. Und machen sich gleichzeitig Sorgen, ob sie genug sind.

Manchmal zeigt sich all das nicht in Tränen. Sondern in einer kurzen Nachricht, in einem schroffen Ton. Oder darin, dass sie sich gar nicht mehr melden.

Verstehen heißt nicht, alles zu entschuldigen

Dieser Gedanke ist mir wichtig. Wenn wir Verhalten als Sprache verstehen, bedeutet das nicht, Grenzen aufzugeben. Kinder brauchen Orientierung. Erwachsene tragen Verantwortung. Konflikte dürfen angesprochen werden.

Aber wir können Grenzen setzen, ohne Menschen zu beschämen. Wir können Verantwortung einfordern, ohne den Blick für die Geschichte dahinter zu verlieren. Denn Verhalten zu verstehen heißt nicht, alles gutzuheißen. Es heißt, den Menschen hinter dem Verhalten nicht aus dem Blick zu verlieren.

Die Frage, die meinen Blick verändert hat

Es gibt eine Frage, die mich heute fast täglich begleitet. Nicht nur im Kontakt mit Kindern, sondern mit allen Menschen.

Eine Frage zum Schluss

Wann hast du zuletzt erlebt, dass jemand hinter dein Verhalten geschaut hat – statt es vorschnell zu bewerten?

Oder andersherum:

Wann hast du selbst erkannt, dass hinter dem Verhalten eines anderen Menschen etwas ganz anderes steckte, als du zunächst vermutet hattest?

Ein Satz, mehrere Ausgänge….

  • Ein Kind, das für Verhalten sanktioniert wird, lernt oft nicht, was es stattdessen braucht, sondern wie es sein Verhalten besser versteckt.
  • Ein Kind, das für Verhalten sanktioniert wird, lernt möglicherweise, dass seine Not keinen Platz hat.
  • Ein Kind, das nur für sein Verhalten sanktioniert wird, lernt selten die Ursache seines Verhaltens zu verstehen.
  • Ein Kind, das für Verhalten sanktioniert wird, lernt vielleicht Gehorsam, aber nicht unbedingt Selbstregulation.
  • Ein Kind, das für Verhalten sanktioniert wird, fragt sich oft nicht: „Was kann ich anders machen?“ sondern: „Was stimmt mit mir nicht?“
  • Ein Kind, das für Verhalten sanktioniert wird, braucht häufig nicht weniger oder mehr Grenzen, sondern schlicht mehr Verständnis für das, was hinter seinem Verhalten steckt.

Sanktionen verändern Verhalten. Verstehen verändert Menschen.

PTBS bei Kindern: Was wir übersehen – und was wirklich hilft

Ein Artikel für Eltern, Lehrkräfte und alle, die Kindern nah sind.

Es gibt ein Bild, das viele von uns im Kopf haben, wenn wir an Trauma denken: ein Kind im Kinderheim. Ein Kind, das einen schweren Verkehrsunfall miterleben musste oder den Tod eines nahen Angehörigen. Ein Kind, das offensichtlich leidet. Doch dieses Bild ist unvollständig Denn Trauma sitzt auch in Klassenzimmern. In Schulbussen. Hinter unauffälligen Gesichtern von Kindern, die einfach „still“ sind, „nicht zuhören können“ oder „immer stören“. Kinder, bei denen niemand auf die Idee kommt zu fragen: Was trägst du gerade mit dir?

Was ist PTBS bei Kindern überhaupt?

Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entsteht, wenn ein Erlebnis die Verarbeitungskapazität eines Menschen deutlich übersteigt. Was für Erwachsene gilt, gilt für Kinder umso mehr, denn ihr Nervensystem ist noch in der Entwicklung, ihre Bewältigungsstrategien sind begrenzt, und sie sind von Erwachsenen abhängig, die sie manchmal selbst nicht schützen können.

Traumatische Erlebnisse im Kindesalter sind vielfältig: körperliche oder emotionale Misshandlung, Vernachlässigung, der Verlust einer Bezugsperson, häusliche Gewalt, Unfälle, aber auch chronischer Stress in einem dysfunktionalen Familienumfeld.

Wichtig zu wissen: PTBS bei Kindern sieht selten so aus, wie wir es erwarten.

Das unsichtbare Gesicht von Trauma

Kinder zeigen Trauma meist nicht mit Worten. Sie zeigen es mit Verhalten.

Und genau das wird so oft falsch verstanden.

Ein Kind, das im Unterricht nicht stillsitzen kann, wird schnell als ADHS-verdächtig eingestuft. Ein Kind, das sich verweigert, gilt als faul oder störrisch. Ein Kind, das ausrastet, als aggressiv. Ein Kind, das erschöpft und müde ist, als desinteressiert. Was dahinter stecken könnte? E

in Nervensystem, das im Dauerstress-Modus feststeckt.

Fachleute warnen ausdrücklich davor: Übererregungssymptome einer PTBS wie Konzentrationsprobleme, Reizbarkeit und Wutausbrüche werden bei Kindern regelmäßig als ADHS fehldiagnostiziert. Das bedeutet: Kinder werden für ein Problem behandelt, das gar nicht das eigentliche Problem ist. Und das eigentliche Problem bleibt unsichtbar.

Die Zahlen, die uns wachrütteln sollten

Trauma im Kindesalter ist kein seltenes Phänomen. Es ist erschreckend verbreitet. Eine repräsentative deutsche Studie (Deutsches Ärzteblatt, 2019) zeigt: Fast 44 % der deutschen Bevölkerung hat mindestens ein belastendes Kindheitserlebnis erlebt. Fast 9 % sogar vier oder mehr. Im Jahr 2022 meldeten deutsche Jugendämter über 62.000 Fälle von Kindeswohlgefährdung – und das ist nur, was sichtbar wurde. Die Dunkelziffer ist erheblich.

Und dann ist da noch die Gruppe der neurodivergenten Kinder mit ADHS, Autismus, Lernstörungen. Sie sind besonders gefährdet, denn ihr Nervensystem ist sensibler, ihre Reizschwelle niedriger, und Studien zeigen: Neurodivergenz gilt als Risikofaktor dafür, dass belastende Erlebnisse sich tiefer eingraben und eher zu PTBS führen.

Gleichzeitig haben über 53 % aller Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung mindestens eine psychiatrische Begleiterkrankung. Angststörungen, Depressionen, PTBS – alles auf einmal, in einem kleinen Körper, der morgens in die Schule muss.

Warum wir es so oft verpassen

Es gibt einen Satz, der in der Traumapädagogik immer wieder auftaucht:

Nicht: Was stimmt mit dir nicht? Sondern: Was ist dir passiert?“

Dieser Perspektivwechsel klingt klein. Er ist es keineswegs.

Denn unser Schulsystem – ja unser gesellschaftliches System insgesamt – ist auf Sichtbarkeit ausgelegt. Gebrochene Arme werden behandelt. Traurigkeit, die man sieht, bekommt Mitgefühl. Aber ein Kind, das innerlich kämpft und äußerlich stört? Das bekommt oft vorschnell Sanktionen.

Neurodivergente Kinder werden dabei besonders oft übersehen. Viele von ihnen lernen früh das sogenannte Masking — sie passen sich an, verbergen ihr wahres Erleben, funktionieren nach außen. Bis sie es nicht mehr können. Bis sich ihre Fassade in Erschöpfung, Angst oder Ausbrüchen entlädt.

Das ist kein Versagen des Kindes. Es ist das Ergebnis einer Umgebung, die keinen Raum für Andersartigkeit gelassen hat. Und leider ist es oft so, dass Lehrkräfte (in meinen Augen) schon in ihrer Ausbildung viel zu wenig geschult werden im Bereich der Traumapädagogik und Neurodivergenz.

Du musst kein Therapeut sein. Aber du kannst eine sichere Person sein.

Das reicht oft weiter, als wir denken.

Für Lehrkräfte und Pädagog:innen:

  • Struktur ist Fürsorge. Ein vorhersehbarer Tagesablauf, ein Tagesplan an der Tafel, immer dasselbe Morgenritual – das gibt einem dysregulierten Nervensystem Halt (Link zu. meinem Kartenset „30 Übergänge und Rituale in der Grundschule“)
  • Rückzug ermöglichen. Ein vereinbarter ruhiger Ort, den ein Kind aufsuchen darf, wenn es nicht mehr kann: ohne Strafe, ohne Beschämung.
  • Die Sprache ändern. „Was brauchst du gerade?“ statt „Warum machst du das?“ öffnet Türen, die anklagende Fragen schließen. Wirklich!
  • Beziehung ist Schutzfaktor Nummer eins. Ein kurzer echter Kontakt täglich… ein Lächeln, ein kurzes Gespräch – das kann für ein Kind mit unsicherer Bindungserfahrung bedeutsamer sein als jede pädagogische Maßnahme.

Für Eltern:

  • Glaub deinem Kind, auch wenn du es nicht verstehst. „Ich glaube dir, dass es schwer ist“ ist ein mächtiger Satz. Du kannst die Gefühle zwar nicht abnehmen (das wäre auch nicht im Interesse des Kindes!), aber co-regulieren.
  • Suche dir selbst Unterstützung. Eltern von traumatisierten oder neurodivergenten Kindern tragen viel. Du kannst nicht aus einem leeren Tank geben. Mein unkompliziertes Coaching-Angebot für akuten Bedarf.
  • Rede mit der Schule – aber bereite dich vor. Bring konkrete Beobachtungen mit. Nicht Diagnosen oder gar Anschuldigungen, sondern: „Ich bemerke, dass mein Kind morgens sehr angespannt ist. Was beobachten Sie?“
  • Fachliche Hilfe ist kein Versagen. Traumafokussierte Kinderpsychotherapie wirkt. Frühzeitig angesetzt, kann sie enorm viel verändern.

Ein kleines Wort zum Schluss

Kinder, die Trauma tragen, brauchen keine Disziplin. Sie brauchen Sicherheit.

Sie brauchen Erwachsene, die nicht wegsehen, wenn es unbequem wird. Die fragen, statt zu urteilen. Die Verhalten als Sprache lesen – als den einzigen Weg, den ein Kind hat, um zu sagen: Ich brauche Hilfe.

PTBS bei Kindern ist real. Sie ist sogar häufig. Und sie ist unsichtbar – bis jemand anfängt, anders hinzuschauen.

Du kannst dieser jemand sein.

Autistische Kinder in der Kita begleiten – zwischen Inklusion, Masking und echter Unterstützung

Vor kurzem wurde ich vom Bananenblau Verlag sehr ausgiebig interviewt zu meinem Herzthema Autismus. Auf Instagram wurde das Wesentliche in Slides zusammengefasst. Auf meinem Blog gibt´ s natürlich das ganze Interview – und ein SAVE THE DATE am Ende des Artikels.

Autistische Kinder in der Kita zu begleiten bedeutet, genau hinzuschauen und zwischen Unterstützung, Anpassungsdruck und echter Inklusion zu unterscheiden. In diesem Interview spricht Bananenblau mit Nadine Mescher über die Begleitung autistischer Kinder in der Kita. Im Mittelpunkt stehen Fragen aus dem pädagogischen Alltag: Wie erkennen wir Bedürfnisse richtig, wo beginnt Anpassungsdruck, und wie kann echte Inklusion im Kita-Kontext gelingen?

Autistische Mädchen wirken oft durch Masking unauffällig. Wie erkennt man, dass ein Kind möglicherweise im Autismus-Spektrum ist?

Schüchternheit kann mit zunehmender Vertrautheit nachlassen, bei autistischen Kindern bleibt die kognitive Anstrengung jedoch meist konstant, sie wird lediglich kompensiert. Im Spiel fällt oft auf, dass ein Kind weniger spontan und kreativ agiert, sondern andere Kinder genau beobachtet und deren Verhalten „einstudiert“. Häufig zeigen sich intensive Spezialinteressen, die sich in wiederkehrenden Themen oder gleichbleibenden Spielmustern äußern. Zudem kommt es durch sensorische Überreizung nicht selten zu einem plötzlichen Rückzugsbedürfnis aus Spielsituationen.

Ein besonders wichtiges Signal: Viele Eltern berichten, dass ihr Kind in der Kita unauffällig wirkt, zu Hause jedoch regelmäßig erschöpft ist – mit Weinen oder Wutausbrüchen als Ausdruck der Überforderung.

Gibt es Tipps für Pädagogen ohne heilpädagogische Ausbildung?

Für Erzieher*innen ist es oft überraschend, wenn Eltern berichten, dass das Kind zu Hause regelmäßig zusammenbricht. Umgekehrt erleben Erzieher*innen ein Kind in der Kita als herausfordernd, während die Eltern es zu Hause als unauffällig beschreiben.

Es ist daher sinnvoll, gezielt nachzufragen, wie sich das Kind in anderen Gruppensituationen verhält, zum Beispiel auf Festen oder in Vereinen. Der Vergleich verschiedener Settings hilft dabei, besser einzuschätzen, wie das Kind in unterschiedlichen Kontexten zurechtkommt. 

Wie helfen wir autistischen Kindern in der Kita?

Es ist wichtig, den Kindern zu vermitteln: Du bist gut, so wie du bist. Unterschiedlichkeit darf sein. Statt autistische Kinder von außen anzupassen, etwa durch Training von Blickkontakt oder das Imitieren von Smalltalk, sollte ihre individuelle Art der Wahrnehmung und Kommunikation anerkannt werden.

Wenn alle Kinder im Grunde von klein auf lernen, dass verschiedene Arten zu denken, zu fühlen und zu sein in Ordnung sind, entsteht mehr Verständnis füreinander. So kann langfristig ein wertschätzender Umgang zwischen neurotypischen und neurodivergenten Menschen gefördert werden.

Ein soziales Miteinander muss gelernt werden. Aber wie unterscheidet man soziale Unterstützung vom Trainieren von Masking?

Es ist wichtig zu differenzieren: Dienen Maßnahmen, wie Blickkontakt halten, dem Kind oder eher der Umgebung? Wenn solche Anforderungen vor allem dazu dienen, dass das Kind „funktioniert“, es dabei jedoch Stress oder Erschöpfung erlebt, kann das ein Hinweis auf zu viel Masking sein. In diesem Fall sollte geprüft werden, ob eine inklusivere Umgebung geschaffen werden kann. Aus meiner Erfahrung nähern sich Kinder leichter einander an, wenn Erwachsene nicht stark steuernd oder eingreifend von außen regulieren, sondern Begegnungen wohlwollend begleiten.

Wichtig ist, dass Kinder, die bestimmte soziale Signale nicht intuitiv zeigen (z. B. Blickkontakt), lernen dürfen, dass es diese gibt und dass sie im Alltag wahrgenommen werden, ohne sie jedoch zu erzwingen oder als Mangel zu bewerten.

Gerade Mädchen haben oft den Wunsch, als freundlich erlebt zu werden. Es ist schön, wenn sie das zeigen möchten. Wenn es jedoch viel Kraft kostet, ist es ebenso in Ordnung, es nicht zu tun.

Autistische Kinder haben oft weniger soziale Interessen und sind in ihrer eigenen Welt zufrieden. Doch wie erkennt man eine Ausgrenzung bei den autistischen Kindern?

Ein ausgegrenztes Kind beobachtet meistens die anderen am Rand und versucht, die soziale Situation zu verstehen und einen Zugang zur Gruppe zu finden. Sollte keine Brücke zwischen den Kindern gebaut werden können, erleben autistische Kinder häufig Ausgrenzung, auch ohne dass es einen konkreten Anlass gibt. Andere Kinder haben oft ein Gespür dafür, dass das Kind nicht „dazugehört“, und ziehen sich zurück. Ein autistischen Kind versteht in solchen Situationen häufig nicht, warum es plötzlich allein ist.

Wenn ein Kind weniger als früher an Gruppensituationen teilnimmt, kann das ein Hinweis auf Ausgrenzung sein. Ein ausgegrenztes Kind kann langfristig beginnen, sich selbst abzuwerten. Bei massiver Ausgrenzung können psychosomatische Symptome auftreten.

Wie baut man denn eine Brücke zwischen autistischen und neurotypischen Kindern?

Autismus bedeutet nicht nur Schwierigkeiten, sondern bringt auch enorm viele Stärken mit sich. Für Pädagog*innen ist es wichtig, diese Stärken zu erkennen, anzuerkennen und bewusst in die Gruppe einzubringen, zum Beispiel Spiele auszudenken, bei denen autistische Kinder ihre Fähigkeiten gut einbringen können.


Autistische Kinder erleben viel häufiger Ausgrenzung, Ablehnung und negative Bewertungen durch ihre Umgebung. Können wir sie besser davor bewahren oder vorbereiten?

Wir können Kinder nicht vor allem schützen, aber wir können ihre Resilienz stärken und für sie da sein. Dabei sollte nicht die Angst vor Ablehnung verstärkt werden. Es geht nicht darum, Ablehnung vorherzusagen, sondern das Kind darin zu bestärken, dass die Reaktionen anderer Menschen oft mehr über deren eigene Grenzen aussagen als über den eigenen Wert. Kinder sollten lernen, ihre eigenen Grenzen zu äußern, bevor Situationen eskalieren. Das gibt Vorhersehbarkeit und Sicherheit, ohne Angst zu spüren. Pädagog*innen können – je nach Entwicklungsstand des Kindes – unterstützend vermitteln, wie Kommunikation auf unterschiedliche Weise funktionieren kann. Voraussetzung ist eine gesicherte Diagnose, wobei häufig auch beratende Stellen wie Autismus-Zentren einbezogen werden. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit im Team ist wichtig.

Aus meiner Erfahrung gibt es zum Glück oft nicht nur ein autistisches Kind in meiner Gruppe. Da kann hilfreich sein, autistische Kinder miteinander in Kontakt zu bringen, da sie sich häufig auf eine besondere Weise verstehen.

Wie bereiten wir Kinder auf eine Welt vor, die derzeit leider noch nicht so inklusiv ist, wie wir es uns wünschen?

Die Kita ist gerade eine gut geschützte Übungsumgebung. Hier können Kinder lernen, ihre eigenen Grenzen und Bedürfnisse wahrzunehmen und zu äußern, zum Beispiel: „Es ist mir zu laut.“, „Ich brauche eine Pause.“, „Ich brauche Ruhe.“ oder „Ich brauche Gehörschutz.“ Es ist wichtig, jedem Kind zu vermitteln, dass es ein Recht auf Erholung hat, wenn die Welt laut oder chaotisch ist. In meiner Erfahrung kann es hilfreich sein, wenn zum Beispiel in der Gruppe Gehörschutz für alle Kinder verfügbar ist. So entsteht keine besondere Erklärungsnotwendigkeit, und alle Kinder haben grundsätzlich jederzeit die Möglichkeit, ihn zu nutzen.

Aus meiner Perspektive werden auch Schulen in differenzierten Arbeitsphasen zunehmend offener dafür, solche Unterstützungsangebote im Alltag zu integrieren. Wenn Kinder von klein auf im Kita-Alltag lernen, sich wahrzunehmen und zu äußern, sich selbst sichere Rückzugsräume zu schaffen, ist das eine wichtige Grundlage für ihr späteres Leben – sowohl im Hinblick auf Selbstfürsorge als auch auf ein gelingendes Miteinander.

Das Interview führte Ying Song vom Banenenblau Verlag.

Save the date

Ich bin dieses Jahr als Sprecherin beim Spektakel von Wohnzimmer Neurodivers e.V. dabei.

Vom 1. bis 7. Juni gibt es für Vereinsmitglieder eine Early-Bird-Woche mit reduzierten Tickets für nur 10 Euro inklusive der Workshops und Aufzeichnungen.

Wer noch nicht Mitglied ist, kann es bis dahin werden – Mitgliedsbeitrag schon ab 24 Euro im Jahr.

Kein Tabu! Hörschutz in der Schule für alle Beteiligten

Schule ist oftmals keine ohrenfreundliche Sache und Stille längst kein Kriterium mehr für guten Unterricht – im Gegenteil. Lernen, das ist ein Miteinander und ein Füreinander. Wenn gemeinsam diskutiert, gebrainstormt und gelacht wird, braucht das Nervensystem Schutz, das Hören einen Filter.

In meiner Klasse gibt es Mickymäuse, aber natürlich nicht von Disney… wer es dezenter mag, sollte übrigens unbedingt weiterlesen.

In diesem Korb steht Hörschutz bereit und darf bei Bedarf jederzeit und ohne zu fragen aufgesetzt werden. Auch Sichtschutz liegt übrigens zur freien Verfügung bei Eigenarbeiten bereit. Doch zurück zur Akustik.

Während wir unsere Augen schnell schließen können, wenn wir geblendet werden, sind unsere Ohren doch ständig auf Empfang. Das ist nicht nur ein Thema bei hoher Sensititivität oder Autismus.

Hörschutz in der Schule ist Selbstfürsorge

Hintergrundgeräusche einzudämmen oder die allgemeine Lautstärke zu reduzieren, kann in der Pause ebenso angebracht sein wie beim gemeinsamen Flöten, Spielturnen oder bei Theater-WarmUps. Ob im bewegten Klassenzimmer oder bei Gruppenarbeiten – wenn ein Kind die Möglichkeit hat, einer lauten Akustik nicht dauerhaft ausgesetzt zu sein, lernt es: Ich kann für mich sorgen, ich muss eine solche Belastung nicht aushalten. Eine kleine, große Übung in Selbstfürsorge. Und wie sieht es bei mir als Lehrerin aus?

Bin ich eine schlechte Lehrerin, wenn ich Hörschutz trage?

Gebe ich durch das Tragen von Hörschutz das Zeichen „Ich möchte Euch nicht hören?“ Definitiv nein! Ich trage seit einiger Zeit Loop Hörschutz (selbst bezahlt, aber Affiliate Link zur Finanzierung des Blogs). Da ich langes Haar habe, ist er oft gar nicht zu sehen. Wenn ich einen Zopf trage, ist ein schöner goldener Ring am Ohr zu sehen, der auf den ersten Blick wie ein Accessoire wirkt.

„Was hast du da am Ohr?“

Das fragen die Kleinen manchmal. Ich antworte dann: „Das ist mein Hörschutz, wenn es hier mal zu laut wird. Aber ich verstehe dich natürlich trotzdem sehr gut.“ Das ist also keine ablehnende Haltung, sondern vielleicht sogar ein bisschen Vorbild in der Selbstfürsorge. Wenn wir Hörschutz so verstehen, kommt er heraus aus der Tabuzone.

„Mein Beruf schadet meinem Gehör.“

Diesen Satz würden sicherlich viele Erziehende und Lernende unterschreiben. Erst neulich las ich auf Instagram von einer Kollegin, die ihren Job gekündigt hatte, einer der Gründe sei die permanente Lautstärke gewesen. Das darf nicht sein! Aber auch die lieben Kleinen sind dauerhaft dieser stressigen Geräuschkulisse ausgesetzt, der sie sich kaum entziehen können. Hörschutz als Selbstfürsorge und zur eigenständigen Regulation bei Stress und einem überreizten Nervensystem, das sollte selbstverständlich sein und werden.

So sieht mein Hörschutz übrigens aus,

Sie passen für jedes Ohr perfekt und haben einen kleinen Knopf, mit dem man die Intensität der Geräuschunterdrückung flexibel einstellen kann. Zur Aufbewahrung habe ich ein kleines Case am Schlüsselbund.

Hilfe, die Einschulung naht

Wenn man in den letzten Ferientagen durch die Innenstädte des Landes bummelt, stehen alle Zeichen auf Schulstart. Überall winken kleine Geschenke, fröhliche Karten und Erinnerungsstücke. Die Botschaft: Hurra, ENDLICH ein Schulkind. Gefühle wie Zweifel, Ängstlichkeit oder überwältigendes Lampenfieber haben in der äußeren Wahrnehmung keinen Platz. Dabei betrifft genau das nicht wenige Familien.

Denn Einschulung ist ein neuer Lebensabschnitt. Neue Menschen. Neue Abläufe. Neue Regeln. Neue Räume, in denen man sich orientieren muss. Lärm. Eine Klingel, die die Abläufe steuert. So ein Einschnitt darf durchaus gemischte und auch große Gefühle auslösen!

Trauern erlaubt.

Wenn Dein Kind ein gesundes, glückliches Schulkind werden soll, braucht es schon ganz zu Beginn der neuen, langen Reise eine behutsame Begleitung. Das gilt ganz besonders für hoch sensible oder neurodivergente Kinder.

Dass der Kindergarten mit Freunden und Erziehenden zurückgelassen werden muss, darf betrauert werden.

Dass die Nachmittage jetzt auch mit Erledigungen für die Schule gefüllt sind und ein Stück ihrer Unbeschwertheit verlieren, darf betrauert werden.

Der Blick nach vorn – ein Übergang

Versprich Deinem Kind nicht, dass die Schule auf jeden Fall und gleich von der ersten Minute an supertoll und es alles meistern wird, sondern versprich ihm, an seiner Seite zu sein. Versprich und halte Bindung. Sorge für neue, schöne Rituale. Erkenne alle Gefühle an, die da sind. Auch die schweren. Denn fest steht: Wenn wir die schweren Gefühle zulassen, werden sie leichter. Verdrängen wir sie, werden sie schwerer.

Ich habe mir Gedanken gemacht, wie man die Tage vor, während und nach der Einschulung mit schönen neuen Ritualen begleiten kann. Dabei entstanden ist:

Mein 10-Tage-Mini-Selbstlern-Kurs

Ich möchte Euch also etwas an die Hand geben (das ich vor 17 Jahren, bei der Einschulung meines ersten Kindes, auch gern gehabt hätte): 10 liebevolle Schritte für die 10 Tage rund um die Einschulung. Damit auch hochsensible Kinder (und ihre Eltern) einen sanften Schulstart haben können. Der Minikurs ist gefüllt mit liebevollen kleinen Gesten, Ideen und Ritualen, die Euch den Übergang mit Zuversicht gestalten lassen. Es geht dabei auch um Deine Schul-Gefühle, die Du ja ebenso mitbringst.

Zum Unkostenpreis von nur 9 € (für meine technischen Hilfsmittel) erhältst Du den Audiokurs, die pdfs zum Nachlesen und mein Gefühlskarten-Set, für das es auch schöne, spielerische Übungen gibt.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr den Minikurs nutzt, mir Feedback gebt oder auch anderen davon erzählt.

Feriengedanken

Die Sommerferien haben längst angefangen und ich habe mich erst einmal in mein Schneckenhaus verkrochen. Nun strecke ich meine Fühler wieder etwas heraus, mit Blick auf das neue Schuljahr. Ganz bewusst nehme ich mich zurück. Damit schaffe ich für meine dann 8. Klasse einen begleiteten Übergang in die Oberstufe. Gleichzeitig gehe ich eigene gesundheitliche Baustellen an und öffne Räume für Herzensthemen, die einen Raum außerhalb von Schule brauchen.

Ja, es gibt also viele Themen und Gedanken, an denen ich Euch natürlich weiter teilhaben lasse. Nach zwei Wochen Ferien bin ich tatsächlich noch immer etwas müde. Mit unserem kleinen Familienurlaub und etwas Abstand darf sich dies dann wandeln, hin zu neuer Energie.

Das nächste Schuljahr wird

besonders. Denn ich darf loslassen und dennoch Anteil haben.

Ganz neu wird sein

dass ich als Gesundheitspädagogin und Resilienztrainerin für Kinder Kurse mit Krankenkassenzuschuss geben werde. Damit kann ich einen neuen Raum aufmachen, einen Support bieten, der so im Schulalltag keinen Platz hat – besonders auch für

Neurodivergente und hochsensible Kinder

Diese haben ja ohnehin einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen, denn sie gehen sooo oft eine für andere unsichtbare Extrameile. Und diese Extrameile möchte ich sichtbar machen und auch in meiner Kurswelt mini Kurse für Eltern anbieten.

Meine Gedanken in Bezug auf die Zusammenarbeit mit Eltern

sind übrigens auch, dass ich ganz klar jederzeit auf liebende, mitfühlende Eltern stoße – zugleich aber auch auf deren „innere Schulkinder“. Versteht Ihr, wie ich das meine? Da gibt es nämlich manch alte Wunden oder Narben aus der eigenen Schulzeit und diese können durchaus noch eine Rolle spielen in der Schulzeit der eigenen Kinder. Hier möchte ich gern etwas weiter forschen, Ihr dürft mir gern auch Mails mit eigenen Erfahrungen schicken.

Von der Praxis zur Vision

Was sich dahinter verbirgt, erfahrt Ihr als nächstes! Also stay tuned.

Gelegenheit macht Pädagogik – oder: Der Fichtensirup

Stell Dir vor, es ist Jugendwaldeinsatz. Du fährst mit einem Trüppchen 13-jähriger in den Wald, um ihnen etwas über Forstwirtschaft, Artenvielfalt und Nachhaltigkeit beizubringen – und plötzlich stehst du da, etwa knöcheltief im Moos, mit klebrigen Fingern und einer Brotdose voll grünem Gold in der Hand. Pädagogik? Passiert im besten Falle ganz von selbst. Wenn man sie lässt.

So geschehen bei unserem letzten Jugendwaldeinsatz, mitten bei der Arbeit: die leuchtend hellgrünen Triebe der Fichten – Maiwipfel genannt – blitzten uns entgegen wie kleine grüne Waldlichter. Da nahm das Abenteuer seinen Lauf.

Wir pflückten also die zarten Triebe. Achtsam, nie zu viele von einem Baum, und nur die ganz jungen. Wer einmal mit Kindern im Wald unterwegs war, weiß: das ist gleichzeitig Meditation und Chaos. Und das Beste? Sie lernen dabei ganz viel und einfach so. Über Nachhaltigkeit. Über Verarbeitung. Über Wertschätzung. Und ja – auch über Geduld.

Denn Fichtensirup kocht man nicht mal eben schnell zusammen. Ich habe den ganzen Prozess immer mal wieder gefilmt, um später ein Reel daraus zu schneiden. Wie so oft: Die Kamera fängt zwischendurch kleine Ausschnitte der Arbeit ein. Am Ende habe ich das Video gemeinsam mit den Kids geschnitten und das Reel produziert, denn alle waren neugierig, wie es eigentlich hinter den Beiträgen meiner medialen Präsenz so aussieht.

Und weil so viele von euch gefragt haben, hier kommt mein ganz persönliches Rezept für Fichtensirup – wärmend im Winter, stärkend im Frühling, lecker sowieso.

Rezept für Montagskind – Fichtensirup

Lecker auf Joghurt, Müsli, im Tee oder auf Pfannkuchen, dazu besonders wirksam bei Erkältungen in der kühleren Jahreszeit.

Die Zutaten

  • 1 Liter Wasser
  • 2 Hände voll frische, junge Fichtentriebe (Maiwipfel)
  • 1 Bio-Zitrone (in dünne Scheiben geschnitten)
  • 300 g Rohrzucker
  • 2–3 EL Honig (je nach Geschmack)
  • 1 sauberes Gefäß, am besten mit Schraubdeckel

Die Zubereitung

  1. Die Fichtentriebe kurz in kaltem Wasser abspülen und gut abtropfen lassen
  2. Die gewaschenen Triebe mit Zitronenscheiben in einen Topf geben und mit Wasser bedecken
  3. Langsam erhitzen
  4. 1 – 2 Stunden köcheln lassen, immer wieder umrühren. Die Flüssigkeit wird dunkler und dicklicher.
  5. Nach dem Köcheln alles in einem feinen Sieb abgießen.
  6. Den Sud zurück in den Topf geben, den Zucker einrühren und nochmal langsam aufkochen, bis sich der Zucker aufgelöst hat. Je nach gewünschter Konsistenz kannst du den Sirup noch etwas einkochen lassen.
  7. Nach dem Abkühlen, bei einer Temperatur von ca. 40°, nach Geschmack Honig einrühren.

Wenn ihr das Rezept ausprobiert, taggt mich gern oder schickt mir eure Ergebnisse. Ich liebe es zu sehen, wie aus spontanen Lernmomenten echte Schätze entstehen.

Viel Spaß beim Ausprobieren

Ein Huhn für Leonie: Über einen ganz besonderen Herzenswunsch

Danke an den Verlag WachsmalBlöckchen, dass ich dieses Buch lesen und rezensieren durfte. Danke an die Künstlerin Fee Badenius, die nicht nur eine tolle Liedermacherin, sondern auch Malerin und Geschichtenschreiberin ist. Und danke an Leonie, die einmal Fees Schülerin war (Fee ist nämlich auch Waldorflehrerin) und ihre Geschichte mit diesem Buch erzählt.

Ein Kind, ein Herzenswunsch

Wenn man selber Kinder hat, weiß man, dass es durchaus auch einmal Herzenswünsche gibt, die uns Erwachsenen – sagen wir mal – „ferner“ sind. So war es auch bei Leonie.

Zu ihrem 11. Geburtstag stehen weder Rollschuhe, noch ein schönes Buch, noch ein neues Springseil auf ihrer Wunschliste. Dafür gibt es aber den einen ganz besonderen Wunsch: Leonie möchte ein Ei ausbrüten und anschließend ein Hühnerküken großziehen.

Das (Lese-) Abenteuer beginnt

Mit einem Ei im Pullover, das Hühner-Paul aus einem Gelege geholt hat, kommt Leonie nach Hause. Sie weiß ganz genau, was zu tun ist, um das zarte Lebewesen zu schützen und zu verhindern, dass der Embryo nicht an der Schale festklebt. Und auch bei mir als Leserin steigt das große Gefühl des Hoffens und Daumendrückens: Leonie muss es einfach schaffen. Die Temperatur bei 38,2 Grad halten. die Luftfeuchtigkeit bei 60 %, das Ei regelmäßig drehen – und 21 Tage warten. Es entwickelt sich mein persönlicher Hühner-Krimi…

Das Buch ist auf eine ganz bezaubernde Art lehrreich und spannend. Küki im Kreise der Menschenfamilie, Kükis erster Regenwurm, Kükis erstes Sandband – Kükis erstes Ei.

Und was Küki auch noch mitbringt:

  • Glaube an Dich und Deinen Herzenswunsch
  • Gehe los, wenn Dein Herz Dich führt
  • Auch eine Familie, die nicht sofort begeistert ist, kann ihrem Herz folgen und an der richtigen Stelle Halt bieten.
  • Das Wesen eines jeden Tieres ist einzigartig, liebens- und schützenswert.

Küki in Deinem Osternest

Wenn Ihr Euch die Osterzeit mit einer ganz wundervollen Geschichte zum Vorlesen oder Selberlesen – inklusive zahlreicher schöner Illustrationen – versüßen wollt, dann sollte dieses Buch auf keinen Fall im Osternest fehlen.

Ganz große Herz-Empfehlung!

„Ein Huhn für Leonie“ im Shop von WachsMalBlöckchen

(kein Affiliatelink)

Zeugnissprüche für Zukunftgestaltende

Immer, wenn ich Zeugnissprüche schreibe, verbinde ich mich innerlich mit jedem Schüler und jeder Schülerin, bedenke ihre Lebensphase und -aufgaben während des anstehenden Schuljahres und sehe zugleich Bilder mit bestimmten Themen vor dem inneren Auge. It´s Magic! Doch wenn ich im Laufe des Schuljahres die Sprüche Woche für Woche höre, bekommen sie noch einmal mehr Bedeutung (das ist auch der Grund, warum jeder Spruch ein Unikat ist). Aktuell haben wir wilde Zeiten – und so kam mir der Gedanke, dass ich Euch gern einige Sprüche meiner aktuell siebten Klasse vorstellen möchte, die Mut machen und sich gerade jetzt auch sehr bedeutsam anfühlen.

Mosaik der Menschheit

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In einer Welt, so bunt und weit,
lebt Vielfalt, die uns stets erfeut.
Gleich einem Mosaik aus vielen Teilen,
worin wir uns so gern verweilen.

Talente, Träume, Hoffnung, Gaben,
die wir gemeinsam weiter tragen.
Es wächst der Mut und man versteht,
dass es im Leben um Vielfalt geht.

Vielfalt ist unser größter Schatz,
der uns verbindet, Platz an Platz.

Aotearoa

„Das Land der langen, weißen Wolke“
Aus unserer Sicht am Ende der Welt,
liegt Neuseeland, das uns erzählt:

Erschaffe Neues, bewahre Kultur,
erhalte unberührte Natur.
Schütze ein jedes besondere Tier,
Gemeinschaft und Frieden wohnen hier.

Im Bewusstsein, Raum und Zeit.
Schätze für die Ewigkeit.

Altes Wissen

Wer lernt, Geschichte zu durchschauen,
kann für die Zukunft Brücken bauen.
Wo früher großes Unrecht war,
dachten auch Menschen weise und klar,
standen ein für des Lebens Recht
und machten so die Zukunft echt.

Erfinder, Künstler, Denker:
Die wahren Zukunftslenker.
Sie zeigen uns, was möglich ist,
wenn Mensch mit Mut die Zukunft misst.

So ist`s  auch unsere Zukunftspflicht,
Freiheit zu wahren, in Frieden und Licht.

Leonardo da Vinci

Ein Geist so reich, ein Herz so klug.
Die Welt war für ihn ein großes Buch.
Das wollte er lesen und verstehen,
dabei weit in die Zukunft gehen.

Mit Augen, die die Welt durchdringen,
Gedanken, die forschend Neues erringen.

Da Vinci zeichnete durchdacht und genau,
von der Flugmaschine zum Körperbau.

Ein Denker, Künstler und Genie,
Zukunftsmensch voll Energie,
war seiner Zeit so weit voraus.

Entfesseltes Denken macht Zukunft aus!

Die Stimme erheben

In uns ruht eine ruhige Macht,
die freundlich lächelnd zu uns sagt:
„Erhebe mutig deine Stimme,
sie sei im Dunklen stets Dein Licht.“

Mit Worten kannst Du Brücken bauen,
Vertrauen, Hoffnung, Frieden säen.
Lass deine Stimme Leitstern sein,
um frei und aufrecht nur zu gehen.