Plänchen im Wind

Ich ja vom Typ her ein echtes Zwillingssternzeichen und sehr sehr flexibel. Ich kann mich mit Unvorhergesehenem recht schnell arrangieren, dann auch meist problemlos umorganisieren und andere Wege gehen, wenn es sein muss. Doch dieser Zickzack-Kurs unserer NRW-Schulpolitik ist auch für mich inzwischen ziemlich anstrengend.

Früher war es so….

Die Zwillings-Lehrerin plante Unterricht für 30 Kinder in Präsenz und musste sich zwischen viel zu vielen Ideen entscheiden. Das war nicht immer leicht. Dann gab es aber einen schönen Plan für einen Unterrichtstag. Der wurde nach einigem Hin und Her für perfekt befunden. Der Unterricht fand statt. Manchmal brauchte man Plan B für den Fall, dass vielleicht etwas draußen nicht machbar war, im Fall von schlechtem Wetter. Das war´s.

Seit einem Jahr….

geht es nicht mehr darum, sich für die schönsten Ideen zu entscheiden. Vielmehr werden Ideen sortiert in „homeschoolingpraktikabel“ und „geht-nur-in-Präsenz“. Dann wird der allerallerschönste Präsenzunterricht hoffnungsvoll geplant, die Distanzideen schwirren aber noch herum und haben dabei ihre volle Berechtigung.

Es entscheidet…

zwischen den Varianten dann aber nicht mehr die Lehrerin, sondern die Lehrerin verfolgt gebannt anhand ihrer Nachrichten-Apps, ob sich in den Medien irgendein Hinweis ergibt, welche Unterrichtspläne nun verwirklicht werden dürfen.

Das Orakel

Man ahnt natürlich bereits einige Zeit vorher, worauf es hinauslaufen könnte und arbeitet Plan B weiter aus, Plan A bleibt aber als „Plan des Herzens“ wie ein Anker bestehen.

Die Analyse

Man hört Virologen, Spahn, Merkel und ahnt: Es könnte auf Homeschooling oder Wechselunterricht hinauslaufen. Im Fall von Präsenz könnte es weniger Unterrichtszeit netto werden, denn es müssen vor dem Unterricht mehr als 60 Hände gewaschen, Tische desinfiziert oder im schlimmsten Fall unter meiner Aufsicht Tests durchgeführt werden (Letzteres habe ich zum Glück noch nicht erlebt). Also abgespeckter Plan A oder Plan B oder was?

Das Überraschungspaket aus NRW

Ein „Bundestrend“ heißt aber auch noch lange nicht, dass NRW mitzieht. Da möchte sich noch jemand abheben, etwas Innovatives tun, gern auch mal gegen den Bundestrend. Dieser jemand, das könnte Frau Schulministerin Gebauer sein, die FDP-Duftmarken setzen oder eben Ministerpräsident Laschet, der als möglicher Kanzlerkandidat im ganzen Land von sich reden machen möchte. Da ist also eine gewisse….. – Unberechenbarkeit.

Wettlauf mit der Zeit

Wie oft, wie oft, wurde am Freitagnachmittag dann vom Schulministerium endlich bekanntgegeben, wie es ab Montag laufen soll?! So kurzfristige, schwere Einschnitte in unser Schulleben. Seit über einem Jahr machen das die Kinder, ihre Familien und wir Lehrer mit. Und es gibt keine Alternative. Nur immer Plan A und Plan B in verschiedenen Varianten.

Plan B zweite Wahl?

Ja, na klar! Denn wir wollen Präsenz, jeden Tag, mit allen Kindern, ohne Auflagen. Es gibt also noch nicht einmal einen uneingeschränkten Plan A. Aber genau deswegen steht auch fest: Dieser abgespeckte Plan A und dieser saure Apfel Plan B – sie müssen beide maximal gut für die Kinder werden, trotz aller Umstände. Ich koste es inzwischen richtig aus, die Kinder vor Ort zu haben. Ich will sie motivieren und lernbereit halten, mit vielen schönen Dingen. Doch noch wichtiger sind die Routinen, die das Gefühl von Sicherheit und Zuversicht geben. Denn Sicherheit, die fehlt seit über einem Jahr.

Kopf hoch, Krönchen richten

Genau jetzt, seit einem Jahr und in diesem Moment, bin ich froh, als Waldorflehrerin nicht zeitnah eine Empfehlung für weiterführenden Schulen aussprechen zu müssen – denn meine Lieben bleiben noch 5 Jahre bei mir. Das sind 5 Jahre, in denen wir viele gemeinsame Momente sicherlich noch einmal anders wahrnehmen und genießen werden.

Und ich bin froh, die meisten Freiheiten zu haben, die man im Lehrerberuf haben kann. Und spätestens, als ich die ersten Zeugnissprüche für das kommende 4. Schuljahr schreiben durfte, wusste ich: Trotz aller Umstände bin auch ich als Klassenlehrerin doch noch voll in der Spur und mit meiner Klasse eng verbunden. Und das ist keine planbare Kopfsache. Auf dass das Waldorfkrönchen weiterhin sitzt…..

Strukturierungshilfen bei Homeschooling und Hausaufgaben

In der Schule helfe ich den Kindern, ihre Arbeitsmaterialien zu strukturieren. Meist brauche ich meine Klasse schon gar nicht mehr daran zu erinnern, dass schon zu Stundenbeginn alles auf dem Tisch liegt, was man brauchen wird. Im Distanzlernen organisieren die Eltern die Arbeitszeit zu Hause – und zwar so, wie es im jeweiligen Zuhause am besten passt.

Jetzt kommt das „Wechselmodell“

Ab dem 22. Februar wird meine Klasse im „Wechselmodell“ unterrichtet. Das bedeutet, dass sie in zwei Gruppen geteilt wird und jede Gruppe alle zwei Tage Präsenzunterricht bekommt. Dieser Wechsel von Präsenz- zum Distanzlernen ist neu und auch etwas herausfordernd, was die Struktur der Arbeitsunterlagen angeht. Wie schnell wird einmal etwas vergessen oder verlegt.

Drei Strukturierungshilfen

3 Tipps, um die Arbeit im Wechselmodell im Blick zu behalten.

Ich habe mir eine Strukturierungshilfe überlegt, mit der sich hoffentlich gut arbeiten lässt. Der Grundgedanke ist, die Aufgaben nach Material zu vorzusortieren. Da sich Tornister oftmals zu kleinen, unübersichtlichen Umzugskisten entwickeln und die Arbeitsmaterialien mal in der Schule, mal zu Hause gebraucht werden, habe ich die Idee, dass es zu Hause eine „Arbeitskiste“ gibt, in die man alle Arbeitsmaterialien der jeweiligen Epoche (Unterrichtseinheit) legt. Diese Kiste sollten Eltern und Kinder gemeinsam packen. Hier kann eine kleine Packliste helfen.

1. Die „Arbeitskiste“ zu Hause

Es hat sich nämlich gezeigt, dass die „theoretische Hausaufgabenübersicht“ in Form von Hausaufgabenheftchen doch teilweise mehr in der Theorie bleibt als sie sollte. Also: In der Kiste ist genau das Material – und nichts anderes – was für die Arbeit gebraucht wird: Lieblingsplüschtiere, Sammelkarten, Glitzerstifte usw. dürfen dann also nicht hinein. So bleibt es übersichtlich und die „Arbeit“ an der Sache wird herausgestellt.

Den Arbeitstag nach Material sortieren

Für den Arbeitstag zu Hause braucht man die „Sternchenliste“ und das Hausaufgabenheft bzw. das zweite Blatt meiner Download-Listen, das die Arbeitsaufgaben nach Material sortieren hilft. Die „Sternchenliste“ zeigt dann kleinschrittig die Arbeit des Tages im jeweiligen Heft an, mit Pausen dazwischen. So ist klar: Die Arbeit ist nicht unendlich lang. Es gibt eine greifbare Pause und ein sichtbares Häkchen, wenn ich den jetzigen Schritt beende. Ist eine Sache erledigt, wird sie dann direkt abgehakt und auch unten auf dem Weg zum Sternchen angekreuzt.

2. Kleinschrittiges, übersichtliches Vorgehen

Je kleinschrittiger und „greifbarer“ der Arbeitsablauf also ist, desto besser. Dies zur Gewohnheit zu machen, hilft insbesondere auch Kindern, die eher unkonzentriert sind. Die „Sternchenliste“ zeigt nicht nur den Arbeitsfortschritt an, sondern hilft auch, den Tornister für den Präsenzunterricht am nächsten Tag wieder zu packen.

3. Ein minimalistischer Arbeitsplatz

In der Schule finden die Kinder in der Regel an ihrem Platz auch nur Tisch und Stuhl vor. Viel Platz für individuelle Dekoration ist nicht vorhanden (auch wenn es ab und zu mal vorkommt). Schreibtische in Kinderzimmern sind hingegen oftmals nett dekoriert oder schlicht und ergreifend auch mal vollgestellt. Drum herum die Spielumgebung, das lenkt ab. Daher finde ich es gut, wenn zumindest kleinere Kinder einen anderen Ort als ihr Zimmer zum Arbeitsplatz haben. Wählt man den Esstisch, sollte auch hier nichts weiter herumstehen. Bitte achtet darauf, dass die Kinderfüße Erdung haben bei der Arbeit. Ein Fußbänkchen kann helfen. Beachtet dazu auch diesen Blogartikel.

Ein Arbeitsplatz außerhalb der Spielumgebung versinkt dank der Arbeitskiste, die schnell gepackt und verstaut ist, nicht im Chaos. Und die Kiste hilft außerdem, alles Wichtige für den nächsten Schultag zu packen.

Wir wir seit einem Jahr das Beste aus der Situation machen, so werden wir hoffentlich auch das Wechselmodell packen!

Download der „Checklisten“ für Arbeitskiste und Arbeitstag:

Die Flamme nähren

Der Geist ist keine Scheune, die man füllt,
sondern eine Flamme, die man nährt.

Verfasser unbekannt

Genau dieser Spruch schwebte mir heute mehrfach durch den Kopf, als ich für meine Klasse das nächste Lernpaket fertiggstellt habe. Leider konnte ich bislang nicht herausfinden, wo er eigentlich herkommt. Es ist später Abend und nach tagelanger, stundenlager Kleinarbeit sind die Kopiervorlagen erstellt und dürfen morgen stundenlang den Schulkopierer heißlaufen lassen.
Es gibt neben der Epoche noch eine schöne Kreativaufgabe, freies Arbeiten und eine tägliche Achtsamkeitsübung. Bis das alles gestaltet ist, vergehen wirklich viele, viele Stunden. Zusätzlich zum täglichen YouTube Dreh.

Bitte nicht die Scheune füllen.

Die Flamme möchte ich nähren, deswegen bin ich ja Waldorflehrerin geworden. Wegen der Kreativität, der Freiheit beim Unterrichten und der langjährigen Beziehung zu den Kindern. Keine Frage, das ist gerade jetzt die größte Herausforderung beim Homeschooling. Wenn die Kinder viel weniger Inspiration von außen bekommen. Eine innere Verbindung zu Lerninhalten schaffen, ohne die vertraute Lerngruppe und die Lernatmosphäre drum herum. Die Chance auf eigenes Entdecken so gut es geht möglich machen, Lernfreude wecken.

Alles, was man Kindern fertig serviert, können sie nicht mehr selbst entdecken!

Also gilt es, aus der Entfernung so viel wie möglich von dem zu erspüren, das die Flamme nährt. Beziehung, Beziehung und außerdem noch Beziehung. Das ist das Wichtigste dabei. Auch die Eltern wirken daran mit. Dadurch, dass ich so viele Rückmeldungen von ihnen bekomme, kann ich mich gut auf die Kinder im Homeschooling einstellen. Es kostet dennoch viel Energie, diesen Distanzunterricht im Voraus auf so vielen Ebenen zu planen. Aber ich glaube, es ist machbar, den Kindern mehr zu bieten, als eine Sammlung von Aufgaben und Arbeitsblättern. Solange das so ist, ist es jede Mühe wert. Ich stelle in den nächsten Tage einmal genauer Teile aus dem Lernpaket vor.

Verspannte Finger beim Arbeiten

An der Waldorfschule arbeiten wir in den ersten Schuljahren
besonders viel mit Wachsstiften und -blöckchen.

Ein Problem bei Schreibarbeiten, gerade in den ersten Schuljahren, sind verspannte Finger beim Schreiben. Meist gehen sie mit einer „Krakelschrift“ einher und die Kinder äußern, dass ihnen die Finger oder Hände nach einiger Zeit wehtun.

Woran kann das liegen?

  • Die Hände und Finger verfügen über zahlreiche kleine Muskeln, die auch trainiert werden sollten.
  • Ist die Feinmotorik insgesamt gut geschult?
  • Es kann am Schreibgerät liegen: Liegt es griffig in der Hand?
  • Die ganze Körperhaltung sollte beim Schreiben gerade und entspannt sein.
  • Es können natürlich auch einfach Ermüdungserscheinungen sein, wenn das Arbeiten zu lange gedauert hat.

Was sind Lösungen?

  • Nicht umsonst gibt es an der Waldorfschule zunächst Wachsblöckchen und -stifte. Beim Malen und Schreiben mit Wachsstiften werden die Finger und Hände gekräftigt.
  • Kleine Fingerspiele, -übungen und natürlich Arbeiten des alltäglichen Lebens wie Obst schneiden, Brote schmieren, das Waschbecken putzen, stricken, häkeln usw. trainieren Feinmotorik und kräftigen ebenfalls.
  • Man sollte einen Stift nicht danach als Schreibgerät auswählen, ob er die Lieblingsfarbe oder ein bestimmtes Motiv aufgedruckt hat, sondern danach, wie griffig er in der Hand liegt. Für den Anfang gilt: Je dicker, desto besser. Zu dünne Bleistifte eignen sich nicht für Schreibanfänger, evt. hilft aber eine Griffhilfe, die man über den Stift zieht. Dies sollte aber unbedingt getestet und nicht blind gekauft werden.
  • Gerade jetzt im Homeschooling sitzen die Kinder häufig einmal am Küchentisch samt Küchenstuhl. Es wäre aber wichtig, dass es zumindest ein Fußbänkchen gibt, auf dem beim Schreiben die Füße gestellt bequem gestellt werden können. Auch sollte die Tischkante nicht zu hoch sein.
  • Und es gilt: Auf Pausen achten, zwischendurch die Hände schonen und generell verschiedene Tätigkeiten mit ihnen verrichten, um nicht zu einseitig zu sein.

Kleine, interessante Ballspiele

Fünf kleine Spiele mit dem Igelball habe ich hier für Euch: Sie funktionieren natürlich auch mit anderen Bällen, z.B. einem Tennisball. Allerdings haben Igelbälle die Eigenschaft, dass sie als Massageball die Handreflexzonen stimulieren, entspannen und auch „griffig“ sind. Man bekommt sie auch im Lockdown für kleines Geld, in jeder Drogerie.

Ich denke mir eine Zahl

Ein Spiel aus der Schule – auch im Homeschooling

Dieses Spiel hat es aus der Schule ins Homeschooling geschafft, denn es lässt sich leicht über Video zeigen. Es funktioniert so:

Man überlegt sich eine Zahl und dann gibt man Hinweise, um sie zu beschreiben.

  • Zwischen welchen Zahlen liegt sie
  • ist sie zwei- oder dreistellig (oder mehr….)
  • ist sie gerade / ungerade
  • … was eben Zahlen so für Eigenschaften haben können und mit den Kindern bereits besprochen wurde.

Wichtig: Man beschreibt einen Zahlenraum („die Zahl liegt zwischen 30 und 40“), d.h. es kommen mehrere richtige Antworten in Frage, aber nur eine kann der „Glückstreffer“ sein. Man braucht für dieses Spiel also nicht nur ein Zahlenverständnis, sondern auch eine Portion Glück. Letzteres macht dieses Spiel als Einstiegsübung in der Schule so interessant – nicht nur für die Kinder.

  • Viele Kinder können drangenommen werden, um ihre Antwort zu sagen – dabei wird es nicht langweilig.
  • Die Kinder kommen nicht in die Situation, sich irgendwie aneinander zu messen, sondern freuen sich eher darüber, wer nun bei der Auflösung ein Glückspilz war. Das ist entlastend, wenn Ergebnisse oder Vermutungen vor der ganzen Klasse gesagt werden.
  • Dadurch steigt die Beteiligung und auch zurückhaltende Kinder melden sich hier gern.
  • Eine falsche Antwort trifft die Kinder also nicht so hart (DAS mathematische Problem überhaupt: Es gibt ja sonst nur richtig oder falsch, nichts dazwischen. Fehler führen schnell zu Entmutigung)
  • Ich kann anhand der Antworten sehr gut sehen, wie das mathematische Verständnis der Kinder gereift ist, es ist also auch ein wenig „Diagnostik“.

Probiert es aus, es funktioniert in allen Zahlenräumen und Altersklassen!

Waldorf Homeschooling, die Zweite

Wir brauchen langen Atem. Seit 9 Monaten ist Schule nicht mehr so, wie sie früher war. Nach einer langen ersten Homeschoolingzeit, die uns mehr oder weniger kalt erwischt hat, kamen Phasen des gruppenweisen, wechselnden Distanz-/Präsenzunterrichtes und eingeschränkten Präsenzunterrichtes. Jetzt ist es bekanntlich wieder so, dass alle Kinder von zu Hause aus unterrichtet werden. Wir haben Erfahrungen gesammelt, wir bleiben flexibel, wir machen das Beste daraus – auch wenn es fordert. Die Kinder haben nur diese Kindheit und nur diese Schulzeit. Da ist ein Jahr eine lange Zeit und sollte deshalb trotz allem so positiv und freudig sein wie Kinder es verdienen.

Wenn die Entscheidung fällt…. geht`s los

Am Dienstag haben die Ministerpäsidenten mit Kanzlerin Merkel getagt, am Mittwoch haben wir lange gewartet, wie es nun konkret für unser Bundesland NRW laufen wird. Dann stand fest: Die ganze Klasse bleibt zu Hause und zwar bis zum 31.1. Das sind 3 Wochen Unterrichtszeit. Mittwochabend: Überlegen und entscheiden, was für meine 3. Klasse im Homeschooling geeignet ist, Epoche im Distanzunterricht konzipieren. Dazwischen: Dreikönigskuchen backen, mit der Familie die Mandel suchen und eine Spielezeit einlegen – ganz so, wie vom König gewünscht. Donnerstag: Material heraussuchen und zusammenstellen. Freitag: Lernpakete erstellen, „eintüten“ und mit Verteilung beginnen. Samstag: Drehbuch für YouTube-Begleitung fertig. Planung rhythmischer Teil, Erzählteil kann Podcast sein. Auf geht`s!

Warum nochmal YouTube?

Ich könnte selbstverständlich jede Erklärung zu den Materialien auch verschriftlichen, doch dies würde von den Eltern verlangen, dass sie viel zu lesen haben, um es wiederum ihren Kindern anschließend zu erklären, größtenteils noch selbst im Homeoffice. Auch wenn alle Aufgabentypen bereits bekannt sind, brauchen die Kinder für den Einstieg Erinnerungshilfen. Per Video spreche ich die Kinder in gewohnter Weise an, so wie es bereits angelegt ist. Die Eltern können entscheiden, ob sie ihre Kinder dies selbst ansehen lassen oder es anschauen und wiedergeben. Es ist aber allemal nicht so anstrengend und aufwändig wie „lesen und übersetzen“. Das tägliche Video dauert nur wenige Minuten und viele Elternhäuser haben rückgemeldet, dass die Kinder es sehr mochten, meine Stimme zu hören -> Lernen mit Beziehung. So durfte im Frühjahr jedes Kind meine Videos schauen und das führte mich jetzt zum Homeschooling mit Hund….

Das Lernpaket für Kopf, Herz und Hand

Rechnen ist Kopfsache. Kopfsache? Nun ja, es wird in dieser Epoche gerechnet und dabei auch viel wiederholt: Das Einmaleins ist eine zentrale Grundlage für den Mathematikunterricht. Es ist in unserem Lernpaket jeden Tag dabei, mit Aufgaben Querbeet, auch Division und eine Vertiefung in Richtung gemeinsame Vielfache, gemeinsame Teiler, Einmaleins mit Zehnern oder Hundertern.

Mit dem vertrauten Montessorimaterial wird nochmals gründlich der Übergang zu den halbschriftlichen Rechenverfahren durchgenommen. Dieses Thema haben wir im letzten Schuljahr coronabedingt schon nicht geschafft und als es dieses Jahr an der Reihe war, musste die Epoche abgebrochen werden, da von 28 Kindern 18 in Quarantäne kamen. Wo knüpft man da an?

Es geht zunächst weit zurück, damit auch die rechenschwachen Kinder sicher ins Boot kommen. Und damit es nicht langweilig für die Stärkeren wird, ist das Herz gefragt.

Unser „Klassenhund“ Idefix rechnet diesmal in den Videos aktiv mit. Und dass er dabei ist und wie er es anstellt, macht es allemal interessant. Dies motiviert die Kinder auch auf Distanz. Jedes Kind der Klasse kennt Idefix. Ist schon mit dem Gassi gegangen, hat ihn gestreichelt, Leckerchen gegeben oder ein Pfötchen als Gruß von ihm bekommen. Im ersten Schuljahr hat er uns bei der Einführung der Buchstaben das X gebracht. Er wird so sehr gemocht wie das Schaf Rosina, mit dessen Wolle wir im Dezember so schöne Dinge aus dem Wollhandwerk kennengelernt haben.

Auch das praktische Tun gehört ins Homeschooling, Lernen mit Hand. So gibt es kleine Logikaufgaben, die nicht nur „Gehirnjogging“ sind, sondern auch motorisches Geschickt fordern und fördern. Außerdem hat jedes Kind einen Kalender bekommen, 12 Mandalas gilt es zu gestalten, für jeden Monat eines. Es wird ein Geburtstagskalender kreativ gestaltet, am Ende die Geburtstage aller Kinder und mir eingetragen. Somit bleibt auch der gedankliche Bezug zur Klassengemeinschaft.

Nun hoffe ich, von Mittwoch bis Freitag einen Weg gefunden zu haben, die Kinder gut zu erreichen – ohne dass es für die Familien eine zu große zusätzliche Belastung wird. Und eben so, wie ich es mir als Waldorflehrerin wünsche. Es bleibt spannend.

Wenn die Schule wieder öffnet….

…stehen diese 5 Dinge auf dem Plan

Ich werde meiner Klasse begegnen wie vor der Schließung: Positiv zugewandt, zuversichtlich, unterstützend, anteilnehmend. Die Kinder waren lange Zeit nicht in der Schule und werden ihre Klasse nicht so vorfinden wie sie am Tag der Schließung war. Das wird aufregend und beeindruckend sein. Doch ich möchte so viel von dem bewahren, was eine liebevolle Lernatmosphäre braucht. Trotz vieler neuer Sicherheitsvorkehrungen.

1. Zeit für gute Gewohnheiten: Wir werden uns mit dem Morgenspruch begrüßen, ein neues Ankommensritual einführen (Hände waschen und mit Zauberöl pflegen) und wir hören endlich wieder unsere Zeugnissprüche. Viele Gelegenheiten gibt es dazu ja ohnehin nicht mehr in diesem Schuljahr.

2. Zeit für die Gemeinschaft: Wir werden einen ausführlichen Morgenkreis haben, wo viel erzählt, gezeigt und wieder voneinander wahrgenommen werden kann.

3. Zeit für Spiel und Bewegung: Das geht auch mit Abstand. Kleine Yogaübugen am Platz, Fingerspiele, Ratespiele und mehr.

4. Zeit für Künstlerisches: Abhängig vom Wetter werden wir Aquarellmalen, Plastizieren oder etwas Schönes basteln.

5. Zeit für die Unterrichtsthemen und für`s Erzählen: Homeschooling geht ja weiter. Live und vor Ort können die Kinder zeigen, was sie erarbeitet haben und ich kann bei der Gelegenheit auch eine Geschichte erzählen, die thematisch an das Homeschooling anschließt.

Schule als Softskill

Kunst, Bewegung, Miteinander – nichts anderes wird an diesen wenigen Tagen, die uns bis zu den Sommerferien noch verbleiben, auf dem Plan stehen. Ganz viel Seelenfutter, Freude, Wertschätzung. Ich sehe es so, dass die aktuelle Situation besonders für die Kinder äußerst belastend ist – auch wenn ich natürlich voll verstehe und unterstütze, dass wir gesundheitlich vorbelastete Menschen unbedingt schützen müssen. Machen wir es bestmöglich für die Kinder. Durch die wenigen Tage, die wir noch miteinander haben werden bis zu den Sommerferien wird das Homeschooling ja kontinuierlich durchlaufen. Zu Hause kann man weiter an seinem Heft arbeiten, die Schule ist in diesen Zeiten ein Softskill !

Homeschooling oder: Fliegen lernen im freien Fall, Teil 2

YouTube – ein neuer Weg im Homeschooling

Eltern berichteten mir also, wie sehr sich die Kleinen gefreut hatten, endlich meine Stimme wieder zu hören und etwas Vertrautes zu erleben. Mein erstes, freiwilliges YouTube-Angebot wurde sehr gut angenommen und bot auch für mich eine Möglichkeit, die Kinder direkt so anzusprechen, wie sie es von mir auch kennen.

Nachdem die Etappe bis zu den Osterferien geschafft war, erwartete ich mit Spannung eine politische Entscheidung über den Wiederbeginn des regulären Unterrichts. Und irgendwann war klar: Es wird auf lange, lange Sicht keinen Unterricht mehr geben, wie wir ihn bis dato im Klassenverband hatten. Wir müssen langfristiger denken, mit Homeschooling (-Anteilen). Umso wichtiger wird es sein, dass sich auch hier bei allen Beteiligten Routinen einstellen und eine Vorgehensweise entwickelt wird, mit der alle Familien gut zurechtkommen. Ich brauchte dafür unbedingt noch etwas Zeit bis zur heiß ersehnten „Franziskus-Epoche“, ein Highlight im 2. Schuljahr!

YouTube als täglicher Homeschooling-Begleiter

Nach den Osterferien ging es dann erst einmal los mit einer kleinen Schreib-Epoche. Um das Schreiben und die ersten Rechtschreibstrategien – jede Silbe hat einen „König“ (Vokal) und es gibt Hörwörter, Nachdenkwörter und Merkwörter – nochmals zu wiederholen, setzte ich Homeschooling-Material von Labbé ein (Miniwörterbücher – Werbung, da Namennennung, unbeauftragt und unbezahlt, aber eine Empfehlung). Diese konnte man einzeln und selbsterklärend bearbeiten: Jeden Tag zu einem Thema das Wörterbuch malen und basteln und die Wörter sorgsam ins Epochenheft übertragen.

Die Kinder und Eltern bekamen von mir die Wörterbuch-Kopien und Epochenhefte geliefert, dazu wieder ein Plan, was wann an der Reihe ist. Gleichzeitig zeigte ich täglich bei YouTube in einem kleinen Film, wie ich selbst auch die Wörter ins Epochenheft schrieb und brachte den Inhalt der Wörter und ihre Schreibweise auch in einen Sinnzusammenhang. Nach wenigen Tagen arbeiteten alle Kinder der Klasse parallel zum täglichen YouTube Film von mir. Ich versuchte, die Folgen so zu gestalten, dass es aus pädagogischer Sicht vertretbar war: Gleicher Aufbau einer jeden Folge, wenig wechselnde Bilder, direkte und liebevolle Ansprache.

Hilfreich für die Homeschooling-Routine

Die Kinder konnten sehr gut und sehr selbständig damit arbeiten. Zudem fühlten sie sich direkt von mir angesprochen – das ist natürlich so ganz anders, als wenn ich alles in Eltern-Emails erkläre und anschließend dann nur die Eltern in meinem Namen mit den Kindern sprechen und sie arbeiten lassen. So zogen schnell in alle Familien die YouTube-Minuten fest in den Tagesablauf ein. Das Gute ist ja auch, dass es zeitungebunden ist. Ich habe sogar gehört, dass Kinder auch ältere Folgen nochmal gern schauen. Bisher haben mir die Eltern ausnahmslos rückgemeldet, dass es sehr hilfreich und entlastend sei bei aller täglicher Anstrengung zu Hause, eigenem Homeoffice usw. Auch ich habe meinen festen Platz im Tagesablauf mit dem YouTube-Unterricht.

Digitale 2. Klasse: Gut reflektieren und hinterfragen!

Wenn aber so gar keine Kritik kommt, gerade beim Einsatz eines digatalen Mediums in dieser Altersklasse, bleibt es immer meine Hauptaufgabe, täglich und wöchentlich weiter selbst zu reflektieren und das, was ich da tue zu hinterfragen….

Fortsetzung folgt: Die Planung der Franziskus-Epoche mit Hilfe von YouTube

Homeschooling oder: Fliegen lernen im freien Fall – Teil 1

Unser letzter Morgenkreis für lange Zeit

Es war Freitag, der 13. März 2020. In den Tagen zuvor deutete sich schon an, dass es evt. zu Schulschließungen kommen könnte – was zu dem Zeitpunkt aber irgendwie auch so unwirklich schien. Als auch eine gewisse Corona-Sorge bei meinen Kleinen aufkeimte, war ich sehr bemüht, beruhigend mit der 2. Klasse umzugehen. In unserem letzten Morgenkreis fragten die Kinder unter anderem, wie gefährlich denn wohl „Corona“ sei, sorgten sich auch um ältere Lehrerinnen der Schule und fragten genauer nach, warum wir eigentlich seit einiger Zeit diesen „Coronagruß“ mit den Füßen beim Hereinkommen in den Klassenraum machten – anstelle des morgendlichen Handgebens.

Ansonsten war es ein Schultag wie jeder andere auch, die Spiele und Übungen rund um die 4er Reihe des kleinen Einmaleins hatten die Zeit wie im Flug vergehen lassen. Zum Abschied deutete ich aber an: „Es kann sein, dass wir uns am Montag vielleicht doch nicht sehen. Es schließen nämlich manche Schulen, damit die Menschen gesund bleiben. Wir müssen abwarten, was sein wird.“ So ging ich recht entspannt mit den Kleinen auseinander. Da ich es mir immer noch nicht vorstellen konnte, dass dies der letzte Schultag für eine lange Zeit sein sollte, dekorierte ich noch etwas den Jahreszeitentisch um. Eine Mutter kam für den wöchentlichen Putzdienst. Dann ging ich in die Aula, wo mein Sohn für das 8. Klass-Spiel probte und schaute, ob ich meinem Kollegen in dieser heißen Phase – kurz vor den Aufführungen – noch mit kleinen Dingen helfen konnte.

Die Meldung von der Schulschließung

Mittags saßen wir auf dem Rückweg von der Schule im Auto und im Radio hörten wir, dass bis zu den Osterferien alle Schulen in NRW geschlossen bleiben würden. An diesem Nachmittag setzte ich mich an den Schreibtisch und schrieb einen Wochenplan, wie meine Einmalseins-Epoche in dieser Zeit als Homeschooling weitergeführt werden konnte. Zum Glück hatte ich die ersten vier Reihen schon nach einem bestimmten Schema und im Dreischritt eingeführt, so dass dies zu Hause fortgesetzt werden konnte. Mit Tages- und Wochenplänen für die Zeit bis zu den Osterferien und die Bitte an die Eltern, mir Rückmeldungen aller Art zu geben und sehr gern Fragen zu stellen, hatte ich gefühlt einen großen Teil des Homeschoolings erst einmal sichergestellt. Nur blieb die Frage: Wie kann Homeschooling funktionieren, wenn doch das Lernen in der 2. Klasse von der Nachahmung geprägt ist??

Lernen mit Nachahmung und YouTube

Schon bald zeigte sich in den Elternmails und -telefonaten sehr deutlich, dass die Kinder besonders den rhythmischen Teil am Morgen vermissten. Nach einiger Überlegung richtete ich meinen YouTube-Kanal „Waldorflehrerin“ ein, wo ich drei Gedichte zum Mitsprechen, unser vertrautes Flötenritual und ein Lied zum Mitflöten anbot. Mein Gedanke zu dieser Zeit war: „Wenn jemand sein Kind nicht vor den Bildschirm setzen möchte, muss er das selbstverständlich nicht. Der YouTube-Kanal ist nur ein Angebot, eine Erinnerung für die Kinder an den rhythmischen Teil.“

So reagierten Eltern und Kinder

Nachdem die ersten Videos online gingen, kam es zu einer Resonanz, die ich nicht für möglich gehalten hatte. Schließlich ist ein digitales Angebot für Zweitklässler nicht gerade unkritisch zu betrachten. Eltern berichteten mir, wie sehr sich die Kleinen gefreut hatten, endlich meine Stimme wieder zu hören und etwas Vertrautes zu erleben. Mein YouTube-Angebot wurde sehr gut angenommen und bot auch für mich eine Möglichkeit, die Kinder direkt so anzusprechen, wie sie es von mir auch kennen.

Seitdem wachse ich hinein in das Thema: Digitales Homeschooling in der 2. Klasse. Fortsetzung folgt!