Der Mäuserich Frederick und ich

Das hier ist ja auch so eine Art Tagebuch. Heute geht es mal um die große Vermissung. Ganz ehrlich: Manchmal komme ich mir vor wie Mäuserich Frederick – Gerade in diesem Schuljahr sind es die intensiven Momente der Präsenztage, die ich irgendwo tief im Herzen gesammelt habe und die mir aktuell wahre Kraftspender sind.

Die Schöpfungsgeschichte, die ganz lange, wundervolle Ackerbau-Epoche, unsere Rosina mit dem schönen Wollhandwerk, das Schmieden und Korbflechten und der Schornsteinfegerbesuch – all das scheint jetzt so eine Art „Lockdown-Vorrat“ zu sein wie die gesammelten Sonnenstrahlen und Farben, mit denen Frederick den grauen und dunklen Winter überstanden hat.

Ich hoffe sehr, dass auch die Kinder noch von diesen schönen Momenten zehren und bis dahin bleibe ich pädagogisch so kreativ wie möglich, damit unser unsichtbares Band nicht reißt.

Denn eins steht auch fest: Wenn wir Erwachsenen jetzt einbrechen, wird die Situation für die Kinder noch schwieriger.

Welches sind Eure Farben und Sonnenstrahlen?

Plänchen im Wind

Ich ja vom Typ her ein echtes Zwillingssternzeichen und sehr sehr flexibel. Ich kann mich mit Unvorhergesehenem recht schnell arrangieren, dann auch meist problemlos umorganisieren und andere Wege gehen, wenn es sein muss. Doch dieser Zickzack-Kurs unserer NRW-Schulpolitik ist auch für mich inzwischen ziemlich anstrengend.

Früher war es so….

Die Zwillings-Lehrerin plante Unterricht für 30 Kinder in Präsenz und musste sich zwischen viel zu vielen Ideen entscheiden. Das war nicht immer leicht. Dann gab es aber einen schönen Plan für einen Unterrichtstag. Der wurde nach einigem Hin und Her für perfekt befunden. Der Unterricht fand statt. Manchmal brauchte man Plan B für den Fall, dass vielleicht etwas draußen nicht machbar war, im Fall von schlechtem Wetter. Das war´s.

Seit einem Jahr….

geht es nicht mehr darum, sich für die schönsten Ideen zu entscheiden. Vielmehr werden Ideen sortiert in „homeschoolingpraktikabel“ und „geht-nur-in-Präsenz“. Dann wird der allerallerschönste Präsenzunterricht hoffnungsvoll geplant, die Distanzideen schwirren aber noch herum und haben dabei ihre volle Berechtigung.

Es entscheidet…

zwischen den Varianten dann aber nicht mehr die Lehrerin, sondern die Lehrerin verfolgt gebannt anhand ihrer Nachrichten-Apps, ob sich in den Medien irgendein Hinweis ergibt, welche Unterrichtspläne nun verwirklicht werden dürfen.

Das Orakel

Man ahnt natürlich bereits einige Zeit vorher, worauf es hinauslaufen könnte und arbeitet Plan B weiter aus, Plan A bleibt aber als „Plan des Herzens“ wie ein Anker bestehen.

Die Analyse

Man hört Virologen, Spahn, Merkel und ahnt: Es könnte auf Homeschooling oder Wechselunterricht hinauslaufen. Im Fall von Präsenz könnte es weniger Unterrichtszeit netto werden, denn es müssen vor dem Unterricht mehr als 60 Hände gewaschen, Tische desinfiziert oder im schlimmsten Fall unter meiner Aufsicht Tests durchgeführt werden (Letzteres habe ich zum Glück noch nicht erlebt). Also abgespeckter Plan A oder Plan B oder was?

Das Überraschungspaket aus NRW

Ein „Bundestrend“ heißt aber auch noch lange nicht, dass NRW mitzieht. Da möchte sich noch jemand abheben, etwas Innovatives tun, gern auch mal gegen den Bundestrend. Dieser jemand, das könnte Frau Schulministerin Gebauer sein, die FDP-Duftmarken setzen oder eben Ministerpräsident Laschet, der als möglicher Kanzlerkandidat im ganzen Land von sich reden machen möchte. Da ist also eine gewisse….. – Unberechenbarkeit.

Wettlauf mit der Zeit

Wie oft, wie oft, wurde am Freitagnachmittag dann vom Schulministerium endlich bekanntgegeben, wie es ab Montag laufen soll?! So kurzfristige, schwere Einschnitte in unser Schulleben. Seit über einem Jahr machen das die Kinder, ihre Familien und wir Lehrer mit. Und es gibt keine Alternative. Nur immer Plan A und Plan B in verschiedenen Varianten.

Plan B zweite Wahl?

Ja, na klar! Denn wir wollen Präsenz, jeden Tag, mit allen Kindern, ohne Auflagen. Es gibt also noch nicht einmal einen uneingeschränkten Plan A. Aber genau deswegen steht auch fest: Dieser abgespeckte Plan A und dieser saure Apfel Plan B – sie müssen beide maximal gut für die Kinder werden, trotz aller Umstände. Ich koste es inzwischen richtig aus, die Kinder vor Ort zu haben. Ich will sie motivieren und lernbereit halten, mit vielen schönen Dingen. Doch noch wichtiger sind die Routinen, die das Gefühl von Sicherheit und Zuversicht geben. Denn Sicherheit, die fehlt seit über einem Jahr.

Kopf hoch, Krönchen richten

Genau jetzt, seit einem Jahr und in diesem Moment, bin ich froh, als Waldorflehrerin nicht zeitnah eine Empfehlung für weiterführenden Schulen aussprechen zu müssen – denn meine Lieben bleiben noch 5 Jahre bei mir. Das sind 5 Jahre, in denen wir viele gemeinsame Momente sicherlich noch einmal anders wahrnehmen und genießen werden.

Und ich bin froh, die meisten Freiheiten zu haben, die man im Lehrerberuf haben kann. Und spätestens, als ich die ersten Zeugnissprüche für das kommende 4. Schuljahr schreiben durfte, wusste ich: Trotz aller Umstände bin auch ich als Klassenlehrerin doch noch voll in der Spur und mit meiner Klasse eng verbunden. Und das ist keine planbare Kopfsache. Auf dass das Waldorfkrönchen weiterhin sitzt…..

Strukturierungshilfen bei Homeschooling und Hausaufgaben

In der Schule helfe ich den Kindern, ihre Arbeitsmaterialien zu strukturieren. Meist brauche ich meine Klasse schon gar nicht mehr daran zu erinnern, dass schon zu Stundenbeginn alles auf dem Tisch liegt, was man brauchen wird. Im Distanzlernen organisieren die Eltern die Arbeitszeit zu Hause – und zwar so, wie es im jeweiligen Zuhause am besten passt.

Jetzt kommt das „Wechselmodell“

Ab dem 22. Februar wird meine Klasse im „Wechselmodell“ unterrichtet. Das bedeutet, dass sie in zwei Gruppen geteilt wird und jede Gruppe alle zwei Tage Präsenzunterricht bekommt. Dieser Wechsel von Präsenz- zum Distanzlernen ist neu und auch etwas herausfordernd, was die Struktur der Arbeitsunterlagen angeht. Wie schnell wird einmal etwas vergessen oder verlegt.

Drei Strukturierungshilfen

3 Tipps, um die Arbeit im Wechselmodell im Blick zu behalten.

Ich habe mir eine Strukturierungshilfe überlegt, mit der sich hoffentlich gut arbeiten lässt. Der Grundgedanke ist, die Aufgaben nach Material zu vorzusortieren. Da sich Tornister oftmals zu kleinen, unübersichtlichen Umzugskisten entwickeln und die Arbeitsmaterialien mal in der Schule, mal zu Hause gebraucht werden, habe ich die Idee, dass es zu Hause eine „Arbeitskiste“ gibt, in die man alle Arbeitsmaterialien der jeweiligen Epoche (Unterrichtseinheit) legt. Diese Kiste sollten Eltern und Kinder gemeinsam packen. Hier kann eine kleine Packliste helfen.

1. Die „Arbeitskiste“ zu Hause

Es hat sich nämlich gezeigt, dass die „theoretische Hausaufgabenübersicht“ in Form von Hausaufgabenheftchen doch teilweise mehr in der Theorie bleibt als sie sollte. Also: In der Kiste ist genau das Material – und nichts anderes – was für die Arbeit gebraucht wird: Lieblingsplüschtiere, Sammelkarten, Glitzerstifte usw. dürfen dann also nicht hinein. So bleibt es übersichtlich und die „Arbeit“ an der Sache wird herausgestellt.

Den Arbeitstag nach Material sortieren

Für den Arbeitstag zu Hause braucht man die „Sternchenliste“ und das Hausaufgabenheft bzw. das zweite Blatt meiner Download-Listen, das die Arbeitsaufgaben nach Material sortieren hilft. Die „Sternchenliste“ zeigt dann kleinschrittig die Arbeit des Tages im jeweiligen Heft an, mit Pausen dazwischen. So ist klar: Die Arbeit ist nicht unendlich lang. Es gibt eine greifbare Pause und ein sichtbares Häkchen, wenn ich den jetzigen Schritt beende. Ist eine Sache erledigt, wird sie dann direkt abgehakt und auch unten auf dem Weg zum Sternchen angekreuzt.

2. Kleinschrittiges, übersichtliches Vorgehen

Je kleinschrittiger und „greifbarer“ der Arbeitsablauf also ist, desto besser. Dies zur Gewohnheit zu machen, hilft insbesondere auch Kindern, die eher unkonzentriert sind. Die „Sternchenliste“ zeigt nicht nur den Arbeitsfortschritt an, sondern hilft auch, den Tornister für den Präsenzunterricht am nächsten Tag wieder zu packen.

3. Ein minimalistischer Arbeitsplatz

In der Schule finden die Kinder in der Regel an ihrem Platz auch nur Tisch und Stuhl vor. Viel Platz für individuelle Dekoration ist nicht vorhanden (auch wenn es ab und zu mal vorkommt). Schreibtische in Kinderzimmern sind hingegen oftmals nett dekoriert oder schlicht und ergreifend auch mal vollgestellt. Drum herum die Spielumgebung, das lenkt ab. Daher finde ich es gut, wenn zumindest kleinere Kinder einen anderen Ort als ihr Zimmer zum Arbeitsplatz haben. Wählt man den Esstisch, sollte auch hier nichts weiter herumstehen. Bitte achtet darauf, dass die Kinderfüße Erdung haben bei der Arbeit. Ein Fußbänkchen kann helfen. Beachtet dazu auch diesen Blogartikel.

Ein Arbeitsplatz außerhalb der Spielumgebung versinkt dank der Arbeitskiste, die schnell gepackt und verstaut ist, nicht im Chaos. Und die Kiste hilft außerdem, alles Wichtige für den nächsten Schultag zu packen.

Wir wir seit einem Jahr das Beste aus der Situation machen, so werden wir hoffentlich auch das Wechselmodell packen!

Download der „Checklisten“ für Arbeitskiste und Arbeitstag:

Die Flamme nähren

Der Geist ist keine Scheune, die man füllt,
sondern eine Flamme, die man nährt.

Verfasser unbekannt

Genau dieser Spruch schwebte mir heute mehrfach durch den Kopf, als ich für meine Klasse das nächste Lernpaket fertiggstellt habe. Leider konnte ich bislang nicht herausfinden, wo er eigentlich herkommt. Es ist später Abend und nach tagelanger, stundenlager Kleinarbeit sind die Kopiervorlagen erstellt und dürfen morgen stundenlang den Schulkopierer heißlaufen lassen.
Es gibt neben der Epoche noch eine schöne Kreativaufgabe, freies Arbeiten und eine tägliche Achtsamkeitsübung. Bis das alles gestaltet ist, vergehen wirklich viele, viele Stunden. Zusätzlich zum täglichen YouTube Dreh.

Bitte nicht die Scheune füllen.

Die Flamme möchte ich nähren, deswegen bin ich ja Waldorflehrerin geworden. Wegen der Kreativität, der Freiheit beim Unterrichten und der langjährigen Beziehung zu den Kindern. Keine Frage, das ist gerade jetzt die größte Herausforderung beim Homeschooling. Wenn die Kinder viel weniger Inspiration von außen bekommen. Eine innere Verbindung zu Lerninhalten schaffen, ohne die vertraute Lerngruppe und die Lernatmosphäre drum herum. Die Chance auf eigenes Entdecken so gut es geht möglich machen, Lernfreude wecken.

Alles, was man Kindern fertig serviert, können sie nicht mehr selbst entdecken!

Also gilt es, aus der Entfernung so viel wie möglich von dem zu erspüren, das die Flamme nährt. Beziehung, Beziehung und außerdem noch Beziehung. Das ist das Wichtigste dabei. Auch die Eltern wirken daran mit. Dadurch, dass ich so viele Rückmeldungen von ihnen bekomme, kann ich mich gut auf die Kinder im Homeschooling einstellen. Es kostet dennoch viel Energie, diesen Distanzunterricht im Voraus auf so vielen Ebenen zu planen. Aber ich glaube, es ist machbar, den Kindern mehr zu bieten, als eine Sammlung von Aufgaben und Arbeitsblättern. Solange das so ist, ist es jede Mühe wert. Ich stelle in den nächsten Tage einmal genauer Teile aus dem Lernpaket vor.

Ich denke mir eine Zahl

Ein Spiel aus der Schule – auch im Homeschooling

Dieses Spiel hat es aus der Schule ins Homeschooling geschafft, denn es lässt sich leicht über Video zeigen. Es funktioniert so:

Man überlegt sich eine Zahl und dann gibt man Hinweise, um sie zu beschreiben.

  • Zwischen welchen Zahlen liegt sie
  • ist sie zwei- oder dreistellig (oder mehr….)
  • ist sie gerade / ungerade
  • … was eben Zahlen so für Eigenschaften haben können und mit den Kindern bereits besprochen wurde.

Wichtig: Man beschreibt einen Zahlenraum („die Zahl liegt zwischen 30 und 40“), d.h. es kommen mehrere richtige Antworten in Frage, aber nur eine kann der „Glückstreffer“ sein. Man braucht für dieses Spiel also nicht nur ein Zahlenverständnis, sondern auch eine Portion Glück. Letzteres macht dieses Spiel als Einstiegsübung in der Schule so interessant – nicht nur für die Kinder.

  • Viele Kinder können drangenommen werden, um ihre Antwort zu sagen – dabei wird es nicht langweilig.
  • Die Kinder kommen nicht in die Situation, sich irgendwie aneinander zu messen, sondern freuen sich eher darüber, wer nun bei der Auflösung ein Glückspilz war. Das ist entlastend, wenn Ergebnisse oder Vermutungen vor der ganzen Klasse gesagt werden.
  • Dadurch steigt die Beteiligung und auch zurückhaltende Kinder melden sich hier gern.
  • Eine falsche Antwort trifft die Kinder also nicht so hart (DAS mathematische Problem überhaupt: Es gibt ja sonst nur richtig oder falsch, nichts dazwischen. Fehler führen schnell zu Entmutigung)
  • Ich kann anhand der Antworten sehr gut sehen, wie das mathematische Verständnis der Kinder gereift ist, es ist also auch ein wenig „Diagnostik“.

Probiert es aus, es funktioniert in allen Zahlenräumen und Altersklassen!

Lockdown II – absehbar und doch so plötzlich

Nun ist er beschlossen, der erneute Lockdown. Am Freitagmittag hieß es, in der kommenden Woche werde die Präsenzpflicht ausgesetzt und Eltern dürften selbst entscheiden, ob ihre Kinder zum Präsenzunterricht kommen oder ins Lernen auf Distanz wechseln.

Für uns Lehrer heißt das „zweigleisig fahren“. Darauf bin ich, darauf ist meine Klasse bereits eingerichtet. Wir hatten zudem im November eine Quarantänephase, in der ebenfalls ein Teil der Klasse vor Ort, der andere Teil von zu Hause aus unterrichtet wurde. So weit, so möglich.

Ab dem 14.12.20 ist es wieder so weit. Was wird sich ab dem 15.12.20 ändern?

Als Sozialwissenschaftlerin weiß ich sehr genau, wie politische Entscheidungen zustande kommen und kann die Schritte dieser Krise auch nachvollziehen. Als Lehrerin kann ich mich darauf einstellen, als Mutter dreier schulpflichtiger Kinder auch. So weit, so sachlich.

Was mich aber stört ist, dass die Beschlüsse immer erst dann fallen oder gefallen sind, wenn Unterrichtsschluss war – jedenfalls in meinem Fall, da meine Klasse nur bis mittags unterrichtet wird. Ich hatte also weder vor Lockdown I noch vor Lockdown II die Gelegenheit, mich richtig von der Klasse oder einigen Kindern zu verabschieden. Klar, wer die Medien verfolgt, konnte damit rechenen. Aber ich sage den 8- bis 9-jährigen Kindern ja nicht auf gut Glück: „Vielleicht sehen wir uns Montag nicht wieder.“ Das führt doch zu zusätzlicher Verunsicherung.

Die Weihnachtsfeier, die wir für Freitag geplant haben, wird in eine Neujahrsfeier umgewandelt, kein Problem. Das Schreiben mit der Gänsefeder – es sollten Weihnachtskarten werden – kann auf Januar verschoben werden – Neujahrsgrüße. Wir machen eben immer das Beste draus, auch das ist eine Botschaft, die ich gern vermittle.

Trotzdem ist es schade, wenn die Kinder und wir Lehrer so plötzlich mit den neuen Beschlüssen umgehen müssen. Hätte das Ganze nicht auch schon Donnerstagnachmittag oder Freitag um 10 Uhr kommuniziert werden können? Es war doch abzusehen, dass die Coronazahlen nicht mehr deutlich sinken. Mit diesen plötzlichen Abbrüchen bekommt der Schulalltag bald einen Beigeschmack. Da fehlt ein Stück vom sicheren Hafen für die Kinder in dieser Pandemie. Ich würde gern meine Klasse zumindest auch etwas mit vorbereiten auf die anstehende Veränderung und auch zu Hause muss ich meinen Kindern klar machen, dass sie sich nicht mehr von ihren Freunden und Lehrern für dieses Jahr verabschieden können.

Ich hoffe, dass ich meine Klasse trotzdem noch mit guten Wünschen erreichen kann – ob vor Ort oder aus der Ferne.