Die Flamme nähren

Der Geist ist keine Scheune, die man füllt,
sondern eine Flamme, die man nährt.

Verfasser unbekannt

Genau dieser Spruch schwebte mir heute mehrfach durch den Kopf, als ich für meine Klasse das nächste Lernpaket fertiggstellt habe. Leider konnte ich bislang nicht herausfinden, wo er eigentlich herkommt. Es ist später Abend und nach tagelanger, stundenlager Kleinarbeit sind die Kopiervorlagen erstellt und dürfen morgen stundenlang den Schulkopierer heißlaufen lassen.
Es gibt neben der Epoche noch eine schöne Kreativaufgabe, freies Arbeiten und eine tägliche Achtsamkeitsübung. Bis das alles gestaltet ist, vergehen wirklich viele, viele Stunden. Zusätzlich zum täglichen YouTube Dreh.

Bitte nicht die Scheune füllen.

Die Flamme möchte ich nähren, deswegen bin ich ja Waldorflehrerin geworden. Wegen der Kreativität, der Freiheit beim Unterrichten und der langjährigen Beziehung zu den Kindern. Keine Frage, das ist gerade jetzt die größte Herausforderung beim Homeschooling. Wenn die Kinder viel weniger Inspiration von außen bekommen. Eine innere Verbindung zu Lerninhalten schaffen, ohne die vertraute Lerngruppe und die Lernatmosphäre drum herum. Die Chance auf eigenes Entdecken so gut es geht möglich machen, Lernfreude wecken.

Alles, was man Kindern fertig serviert, können sie nicht mehr selbst entdecken!

Also gilt es, aus der Entfernung so viel wie möglich von dem zu erspüren, das die Flamme nährt. Beziehung, Beziehung und außerdem noch Beziehung. Das ist das Wichtigste dabei. Auch die Eltern wirken daran mit. Dadurch, dass ich so viele Rückmeldungen von ihnen bekomme, kann ich mich gut auf die Kinder im Homeschooling einstellen. Es kostet dennoch viel Energie, diesen Distanzunterricht im Voraus auf so vielen Ebenen zu planen. Aber ich glaube, es ist machbar, den Kindern mehr zu bieten, als eine Sammlung von Aufgaben und Arbeitsblättern. Solange das so ist, ist es jede Mühe wert. Ich stelle in den nächsten Tage einmal genauer Teile aus dem Lernpaket vor.

Ich denke mir eine Zahl

Ein Spiel aus der Schule – auch im Homeschooling

Dieses Spiel hat es aus der Schule ins Homeschooling geschafft, denn es lässt sich leicht über Video zeigen. Es funktioniert so:

Man überlegt sich eine Zahl und dann gibt man Hinweise, um sie zu beschreiben.

  • Zwischen welchen Zahlen liegt sie
  • ist sie zwei- oder dreistellig (oder mehr….)
  • ist sie gerade / ungerade
  • … was eben Zahlen so für Eigenschaften haben können und mit den Kindern bereits besprochen wurde.

Wichtig: Man beschreibt einen Zahlenraum („die Zahl liegt zwischen 30 und 40“), d.h. es kommen mehrere richtige Antworten in Frage, aber nur eine kann der „Glückstreffer“ sein. Man braucht für dieses Spiel also nicht nur ein Zahlenverständnis, sondern auch eine Portion Glück. Letzteres macht dieses Spiel als Einstiegsübung in der Schule so interessant – nicht nur für die Kinder.

  • Viele Kinder können drangenommen werden, um ihre Antwort zu sagen – dabei wird es nicht langweilig.
  • Die Kinder kommen nicht in die Situation, sich irgendwie aneinander zu messen, sondern freuen sich eher darüber, wer nun bei der Auflösung ein Glückspilz war. Das ist entlastend, wenn Ergebnisse oder Vermutungen vor der ganzen Klasse gesagt werden.
  • Dadurch steigt die Beteiligung und auch zurückhaltende Kinder melden sich hier gern.
  • Eine falsche Antwort trifft die Kinder also nicht so hart (DAS mathematische Problem überhaupt: Es gibt ja sonst nur richtig oder falsch, nichts dazwischen. Fehler führen schnell zu Entmutigung)
  • Ich kann anhand der Antworten sehr gut sehen, wie das mathematische Verständnis der Kinder gereift ist, es ist also auch ein wenig „Diagnostik“.

Probiert es aus, es funktioniert in allen Zahlenräumen und Altersklassen!

Waldorf Homeschooling, die Zweite

Wir brauchen langen Atem. Seit 9 Monaten ist Schule nicht mehr so, wie sie früher war. Nach einer langen ersten Homeschoolingzeit, die uns mehr oder weniger kalt erwischt hat, kamen Phasen des gruppenweisen, wechselnden Distanz-/Präsenzunterrichtes und eingeschränkten Präsenzunterrichtes. Jetzt ist es bekanntlich wieder so, dass alle Kinder von zu Hause aus unterrichtet werden. Wir haben Erfahrungen gesammelt, wir bleiben flexibel, wir machen das Beste daraus – auch wenn es fordert. Die Kinder haben nur diese Kindheit und nur diese Schulzeit. Da ist ein Jahr eine lange Zeit und sollte deshalb trotz allem so positiv und freudig sein wie Kinder es verdienen.

Wenn die Entscheidung fällt…. geht`s los

Am Dienstag haben die Ministerpäsidenten mit Kanzlerin Merkel getagt, am Mittwoch haben wir lange gewartet, wie es nun konkret für unser Bundesland NRW laufen wird. Dann stand fest: Die ganze Klasse bleibt zu Hause und zwar bis zum 31.1. Das sind 3 Wochen Unterrichtszeit. Mittwochabend: Überlegen und entscheiden, was für meine 3. Klasse im Homeschooling geeignet ist, Epoche im Distanzunterricht konzipieren. Dazwischen: Dreikönigskuchen backen, mit der Familie die Mandel suchen und eine Spielezeit einlegen – ganz so, wie vom König gewünscht. Donnerstag: Material heraussuchen und zusammenstellen. Freitag: Lernpakete erstellen, „eintüten“ und mit Verteilung beginnen. Samstag: Drehbuch für YouTube-Begleitung fertig. Planung rhythmischer Teil, Erzählteil kann Podcast sein. Auf geht`s!

Warum nochmal YouTube?

Ich könnte selbstverständlich jede Erklärung zu den Materialien auch verschriftlichen, doch dies würde von den Eltern verlangen, dass sie viel zu lesen haben, um es wiederum ihren Kindern anschließend zu erklären, größtenteils noch selbst im Homeoffice. Auch wenn alle Aufgabentypen bereits bekannt sind, brauchen die Kinder für den Einstieg Erinnerungshilfen. Per Video spreche ich die Kinder in gewohnter Weise an, so wie es bereits angelegt ist. Die Eltern können entscheiden, ob sie ihre Kinder dies selbst ansehen lassen oder es anschauen und wiedergeben. Es ist aber allemal nicht so anstrengend und aufwändig wie „lesen und übersetzen“. Das tägliche Video dauert nur wenige Minuten und viele Elternhäuser haben rückgemeldet, dass die Kinder es sehr mochten, meine Stimme zu hören -> Lernen mit Beziehung. So durfte im Frühjahr jedes Kind meine Videos schauen und das führte mich jetzt zum Homeschooling mit Hund….

Das Lernpaket für Kopf, Herz und Hand

Rechnen ist Kopfsache. Kopfsache? Nun ja, es wird in dieser Epoche gerechnet und dabei auch viel wiederholt: Das Einmaleins ist eine zentrale Grundlage für den Mathematikunterricht. Es ist in unserem Lernpaket jeden Tag dabei, mit Aufgaben Querbeet, auch Division und eine Vertiefung in Richtung gemeinsame Vielfache, gemeinsame Teiler, Einmaleins mit Zehnern oder Hundertern.

Mit dem vertrauten Montessorimaterial wird nochmals gründlich der Übergang zu den halbschriftlichen Rechenverfahren durchgenommen. Dieses Thema haben wir im letzten Schuljahr coronabedingt schon nicht geschafft und als es dieses Jahr an der Reihe war, musste die Epoche abgebrochen werden, da von 28 Kindern 18 in Quarantäne kamen. Wo knüpft man da an?

Es geht zunächst weit zurück, damit auch die rechenschwachen Kinder sicher ins Boot kommen. Und damit es nicht langweilig für die Stärkeren wird, ist das Herz gefragt.

Unser „Klassenhund“ Idefix rechnet diesmal in den Videos aktiv mit. Und dass er dabei ist und wie er es anstellt, macht es allemal interessant. Dies motiviert die Kinder auch auf Distanz. Jedes Kind der Klasse kennt Idefix. Ist schon mit dem Gassi gegangen, hat ihn gestreichelt, Leckerchen gegeben oder ein Pfötchen als Gruß von ihm bekommen. Im ersten Schuljahr hat er uns bei der Einführung der Buchstaben das X gebracht. Er wird so sehr gemocht wie das Schaf Rosina, mit dessen Wolle wir im Dezember so schöne Dinge aus dem Wollhandwerk kennengelernt haben.

Auch das praktische Tun gehört ins Homeschooling, Lernen mit Hand. So gibt es kleine Logikaufgaben, die nicht nur „Gehirnjogging“ sind, sondern auch motorisches Geschickt fordern und fördern. Außerdem hat jedes Kind einen Kalender bekommen, 12 Mandalas gilt es zu gestalten, für jeden Monat eines. Es wird ein Geburtstagskalender kreativ gestaltet, am Ende die Geburtstage aller Kinder und mir eingetragen. Somit bleibt auch der gedankliche Bezug zur Klassengemeinschaft.

Nun hoffe ich, von Mittwoch bis Freitag einen Weg gefunden zu haben, die Kinder gut zu erreichen – ohne dass es für die Familien eine zu große zusätzliche Belastung wird. Und eben so, wie ich es mir als Waldorflehrerin wünsche. Es bleibt spannend.

Lockdown II – absehbar und doch so plötzlich

Nun ist er beschlossen, der erneute Lockdown. Am Freitagmittag hieß es, in der kommenden Woche werde die Präsenzpflicht ausgesetzt und Eltern dürften selbst entscheiden, ob ihre Kinder zum Präsenzunterricht kommen oder ins Lernen auf Distanz wechseln.

Für uns Lehrer heißt das „zweigleisig fahren“. Darauf bin ich, darauf ist meine Klasse bereits eingerichtet. Wir hatten zudem im November eine Quarantänephase, in der ebenfalls ein Teil der Klasse vor Ort, der andere Teil von zu Hause aus unterrichtet wurde. So weit, so möglich.

Ab dem 14.12.20 ist es wieder so weit. Was wird sich ab dem 15.12.20 ändern?

Als Sozialwissenschaftlerin weiß ich sehr genau, wie politische Entscheidungen zustande kommen und kann die Schritte dieser Krise auch nachvollziehen. Als Lehrerin kann ich mich darauf einstellen, als Mutter dreier schulpflichtiger Kinder auch. So weit, so sachlich.

Was mich aber stört ist, dass die Beschlüsse immer erst dann fallen oder gefallen sind, wenn Unterrichtsschluss war – jedenfalls in meinem Fall, da meine Klasse nur bis mittags unterrichtet wird. Ich hatte also weder vor Lockdown I noch vor Lockdown II die Gelegenheit, mich richtig von der Klasse oder einigen Kindern zu verabschieden. Klar, wer die Medien verfolgt, konnte damit rechenen. Aber ich sage den 8- bis 9-jährigen Kindern ja nicht auf gut Glück: „Vielleicht sehen wir uns Montag nicht wieder.“ Das führt doch zu zusätzlicher Verunsicherung.

Die Weihnachtsfeier, die wir für Freitag geplant haben, wird in eine Neujahrsfeier umgewandelt, kein Problem. Das Schreiben mit der Gänsefeder – es sollten Weihnachtskarten werden – kann auf Januar verschoben werden – Neujahrsgrüße. Wir machen eben immer das Beste draus, auch das ist eine Botschaft, die ich gern vermittle.

Trotzdem ist es schade, wenn die Kinder und wir Lehrer so plötzlich mit den neuen Beschlüssen umgehen müssen. Hätte das Ganze nicht auch schon Donnerstagnachmittag oder Freitag um 10 Uhr kommuniziert werden können? Es war doch abzusehen, dass die Coronazahlen nicht mehr deutlich sinken. Mit diesen plötzlichen Abbrüchen bekommt der Schulalltag bald einen Beigeschmack. Da fehlt ein Stück vom sicheren Hafen für die Kinder in dieser Pandemie. Ich würde gern meine Klasse zumindest auch etwas mit vorbereiten auf die anstehende Veränderung und auch zu Hause muss ich meinen Kindern klar machen, dass sie sich nicht mehr von ihren Freunden und Lehrern für dieses Jahr verabschieden können.

Ich hoffe, dass ich meine Klasse trotzdem noch mit guten Wünschen erreichen kann – ob vor Ort oder aus der Ferne.