Vor 15 Jahren betrat ich mein erstes Klassenzimmer. Damals dachte ich, meine Aufgabe wäre klar: Meine erste eigene Klasse zu einer Gruppe formen, gemeinsam Lernziele erreichen, Kinder auf das spätere Leben auch alltagspraktisch vorzubereiten. Heute, nach 15 Jahren als Lehrerin, weiß ich, dass das nur ein verhältnismäßig kleiner Teil meiner Arbeit war.
Die eigentliche Aufgabe spielte sich oft zwischen den Unterrichtsstunden ab. Sie begann in einem Blick. In einer Begrüßung an der Klassenzimmertür. In einem aufmerksamen Zuhören, mit echtem Interesse an dem, was ein Kind zu sagen hat. Oder in der Entscheidung, ein Verhalten nicht vorschnell zu bewerten, sondern erst verstehen zu wollen. Als eigene Sprache.
Was Kinder wirklich mitnehmen
Manchmal ist der Beruf zum Mäusemelken: Wie oft hat man schon darüber gesprochen, dasss Brüche zuerst gleichnamig gemacht werden müssen, damit man sie addieren oder subtrahieren kann? Dass Nomen wirklich immer groß geschrieben werden.
Manchmal sind auch vermeintlich wichtige Inhalte nicht (mehr) abrufbar Aber ich bin überzeugt, besonders nach vielen Gesprächen mit Ehemaligen, dass viele sich noch daran erinnern, wie sie sich in meinem Unterricht gefühlt haben.
- Ob sie sich sicher fühlten.
- Ob sie sich etwas zutrauten.
- Ob Fehler erlaubt waren.
- Ob sie gesehen wurden mit allem, was sie als ganzen Menschen ausmachte.
Denn Lernen beginnt nicht erst im Kopf. Es beginnt dort, wo ein Mensch das Gefühl hat: „Hier bin ich willkommen und sicher.“
Mein Blick hat sich geschärft.
In den letzten Jahren hat sich nicht nur Schule verändert. Auch mein Blick auf Kinder hat sich verändert. Ich habe immer mehr verstanden, dass Kinder die Welt auf ganz unterschiedliche, feine Weise wahrnehmen. Dass dieselbe Situation für das eine Kind völlig selbstverständlich sein kann und für ein anderes eine enorme Anstrengung bedeutet. Nicht nur fachlich gesehen.
Ich habe gelernt, Verhalten nicht nur als Handlung zu sehen, die man mehr oder weniger plant oder für die man sich entscheidet. Die unerwünscht ist oder erwünscht. Regelkonform oder nicht. Sondern Verhalten ist Ausdruck, Kommunikation. Und immer auch Sprache eines Nervensystems.
Mit der Zeit habe ich begonnen, andere Fragen zu stellen. Nicht mehr:
„Warum macht das Kind das?
sondern: „Was möchte das Kind sagen? Wofür hat es gerade keine Worte?“
Beziehungen eingehen ist kein Extra oder gar unprofessionell
In der Pädagogik sprechen wir oft über Methoden. Über Konzepte. Über Förderpläne. Über Unterricht. All das ist selbstverständlich sehr wichtig.
Aber ich glaube, wir unterschätzen manchmal das Fundament, auf dem all das überhaupt erst möglich wird: Beziehung. Kinder brauchen keine perfekten Erwachsene. Sie brauchen Erwachsene, bei denen sie sich sicher fühlen und die ein authentisches Vorbild sind. Menschen, die ihnen zutrauen, zu wachsen. Menschen, die auch in schwierigen Momenten den Menschen hinter dem Verhalten sehen.
Warum ich nach 15 Jahre gehe
Immer wieder werde ich gefragt, warum ich mich entschieden habe, den Lehrerberuf zu verlassen. Die ehrliche Antwort lautet: Nicht, weil ich ihn nicht mehr liebe. Ganz im Gegenteil. Diese 15 Jahre haben mich geprägt. Sie haben mir gezeigt, wie viel Gestaltungskraft Pädagoginnen und Pädagogen jeden Tag besitzen.
Aber sie haben mir auch gezeigt, dass die Herausforderungen längst nicht mehr nur im Klassenzimmer liegen. Familien stehen unter enormem Druck. Lehrkräfte ebenso. Pädagogische Fachkräfte arbeiten täglich an ihrer Belastungsgrenze.
Und immer mehr Menschen fragen sich, wie Lernen, Entwicklung und Zusammenleben gelingen können, gerade dann, wenn Menschen die Welt unterschiedlich wahrnehmen.
Ich möchte daher diese Fragen künftig nicht mehr nur in einem Klassenzimmer bewegen. Ich möchte sie gemeinsam mit Eltern, Fachkräften, und allen, die Räume gestalten, weiterdenken. Also: Meine Räume werden größer.
Der Anfang von etwas Neuem
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis, die ich aus 15 Jahren mitnehme:
Kinder vergessen vielleicht manche Inhalte. Aber sie vergessen selten, wie sie sich bei dir gefühlt haben.
Genau deshalb glaube ich heute mehr denn je, dass wir Räume schaffen müssen, in denen Menschen sich sicher fühlen. Innere Räume und äußere Räume.
Räume, die Entwicklung nicht erzwingen, sondern ermöglichen. Genau daraus entsteht gerade mein Projekt NeuroSafeSpace. Und genau darüber möchte ich in den kommenden Wochen mehr erzählen.
Lasst uns in den Austausch gehen
Was ist eine Begegnung aus deiner Schulzeit, an die du dich bis heute erinnerst? War es ein Satz, ein Mensch oder einfach das Gefühl, gesehen worden zu sein? Ich freue mich darauf, deine Gedanken in den Kommentaren zu lesen.