Endlich Sommerferien! Endlich ist Zeit für die schönen Dinge des Familienlebens. Meist kosten sie nichts: Ein Spiele- und Bastelnachmittag, ein Waldspaziergang oder Steine- und Muschelsammeln sind in den Ferien für alle Familienmitglieder erholsam und zeigen, dass Schönes nicht gleich Materielles ist. Dennoch gehört auch das Thema Geld zu den Sommerferien wie die Schwimmbadpommes zum Freibadbesuch. Inspiriert von der kürzlich stattgefundenen Geld-Epoche in meiner KIasse ist nicht nur dieser Blogartikel, sondern sogar ein ganzes Buch entstanden.
Wir sprachen in der Klasse über das Thema Geld. Wie es aus Tauschhandel entstand, welche Arten von Geld es überhaupt gibt, auch wie in den Familien darüber gedacht und gesprochen wird – bis hin zu der großen Frage, wofür man es ausgibt und wie man es sich einteilt. Eine sehr empfehlenswerte Epoche, die ich nun schon dreimal neu geplant und unterrichtet habe. Doch nun zurück zum Thema.
Ferien- und Urlaubsgeld
Dass das Eis mit Freunden oder die Schwimmbadpommes bezahlt werden müssen, steht außer Frage. In Urlaubsgebieten verlocken zudem tolle Souveniers und Ausflüge, die meist alles andere als günstig sind. Um die Kosten im Blick zu haben und den Kindern ein Gefühl dafür zu vermitteln, dass die Entscheidung für kostspielige Dinge oder Aktionen nicht nur nach dem Lustprinzip stattfinden kann, halten viele Eltern ein Ferien- oder Urlaubsbudget für ihre (älteren) Kinder bereit.
„Mein Kind darf sich in den großen Ferien ruhig etwas gönnen. Das sollte aber nicht ausufern.“
Dies ist der Gedanke, den viele Eltern dabei haben. Es gibt aber auch diesen Gedanken:
„Ferien kommen nicht plötzlich. Mein Kind kann im Vorfeld sein Taschengeld so einteilen und für besondere Dinge oder Aktivitäten eigenverantwortlich sparen.“
oder auch dieser Gedanke kann abgewogen werden:
„Mein Kind kann ein Teil der Ferien auch dafür nutzen, sich etwas Ferien- oder Urlaubsgeld durch mehr Mithilfe in Haushalt und Garten oder einem Ferienjob zu verdienen.“
Je nach Alter des Kindes sollte man meines Erachtens über eine passende Mischung aus allen drei Gedanken für sich und seine Kinder abwägen. Kommentiere gern Deine Meinung hierzu!
Zeugnisgeld
Das ist in diesem Zusammenhang eine besondere Kategorie. Die Bezeichnung untermauert bereits, dass diese Zahlungen an schulische Leistungen gekoppelt sind.
Stimmen hierzu:
„Die Kinder lernen, dass ihre Leistung anerkannt wird und später im Beruf zahlt sich dies ja auch aus.“
„Belohnungen von außen verdrängen natürliche Lernfreude.“
„Zeugnisgeld erhöht Leistungsdruck.“
„Schule ist der Job der Kinder. Sie lernen, dass Geld nicht einfach so zur Verfügung steht.“
„Nicht alle Kinder haben die gleichen Lernvoraussetzungen. Wie will man es gerecht angehen?“
Alternativen zum Zeugnisgeld
Will man die schulische Leistung anerkennen….
…. bespricht man wertschätzend und gemeinsam mit dem Kind, was im Zeugnis steht.
Will man zeigen, dass Geld nicht einfach so zur Verfügung steht….
… bleibt man im Gespräch darüber, wie Einkommen und Ausgaben übersichtlich und sinnvoll verplant werden können.
….. hilft die Variante, dass kleine, freiwillige Zusatzaufgaben im Haushalt das Taschengeld erhöhen können, unabhängig von der schulischen Leistung. Doch bedenke: Es sollte immer Aufgaben im Haushalt geben, die selbstverständlich und ohne Gegenleistung von allen Familienmitgliedern übernommen werden.
Hier dreht sich alles um das liebe Geld! Ob es Dir recht ist oder nicht: Du bist auch in finanziellen Dingen ein Vorbild für Dein Kind – egal, ob es um`s Sparen, Dein Konsumverhalten oder Deine Spendenbereitschaft geht. Mit diesem Bewusstsein, einem achtsamen Family Money Mindset und vielen anderen Tipps kann eine unaufgeregte, aber nachhaltige Erziehung zur finanziellen Bildung gelingen. Weitere wichtige Fragen: – Was ist eigentlich der Taschengeldparagraph? – Wieviel Taschengeld in welchem Alter? – wöchentliche oder monatliche Auszahlung? – Mein Kind verliert oft Dinge, auch sein Geld – Mein Kind hat eine Rechenschwäche und der Umgang mit Geld fällt schwer – Sparen und Ziele setzen – Taschengeldkürzung als Erziehungsmaßnahme – Fehlkäufe und kleinere Betrügereien – Taschengeld durch Haushaltsjobs aufbessern und vieles mehr!
Als Kindle eBook, Taschenbuch oder gebundene Ausgabe. ISBN: 979-8327238510.
Wenn Kinder Raum bekommen und ganz ohne Ablenkung die Welt entdecken können. Wenn Sinneserfahrungen und Fantasie ganz in Ruhe auf die Liebe zur Natur und auf die Schönheit ihres Umfeldes treffen. Und wenn wir Erwachsenen uns in den Momenten des freien kindliches Spiels zurücknehmen und einfach nur innerlich anteilnehmend anwesend sind. Dann können wir sie erleben, wachsen sehen und fördern: Die kindliche Spiritualität.
In diesem Blogbeitrag geht es auch um den ersten freien Religionsunterricht an der Waldorfschule.
Was ist eigentlich die kindliche Spiritualität?
Es ist diese Verbundenheit mit der Welt, die Kinder einfach mitbringen. Besonders in den ersten Lebensjahren fühlen sich die Kleinen ganz eins mit der Welt. Es gibt für sie nur eine Mit-Welt, keine Um-Welt, die sie von Natur, Menschen und dem Umfeld trennt. Manchmal sehen Kinder auch mehr als wir: Wesen in Pflanzen oder für uns nicht sichtbare Freunde.
Anders als Erwachsene vermögen Kinder ihre Umgebung zu beseelen.
Anton A. Bucher
Kindliche Spiritualität ist gesund!
Wenn Kinder diese naturgegebene, spirituelle Seite ausleben dürfen, ohne dass wir Erwachsenen eingreifen, werten oder gar wissenschaftliche Erklärungen liefern, um Wahrnehmungen zu korrigieren, hat dies auch positive Effekte auf die Resilienz und Gesundheit von Kindern.
„Aber ich bin doch selbst gar nicht gläubig….“
Spiritualität wird manchmal schnell mit religiösen Praktiken verwechselt, die man für sich selbst nicht annehmen kann. Doch es ist viel mehr als das, wie auch der Autor und Sozialwissenschaftler Jan-Uwe Rogge auf den Punkt bringt:
Kinder zu achten, ihnen zuzuhören, sie ausreden zu lassen, ihre Gefühle ernst zu nehmen und sie nicht klein zu reden: Dies sind wichtige Regeln im Umgang von Eltern mit ihrem Kind – und in höchstem Maße spirituell.
Jan-Uwe Rogge (Quelle: spielundzukunft.de)
Wie kann ich als Eltern die angeborene Spiritualität sonst noch schützen und bewahren?
Die vier wichtigsten Wege sind
Kindern wertfrei zuhören, mit aufrichtige Interesse und ohne wissenschaftliche Korrekturen
Märchen erzählen oder vorlesen, hier wird die kindliche Fantasie in einer ganz besonderen, im Grunde uralten Stimmung („Wunderwelt“) beflügelt, was sehr viel gute Seelennahrung bietet.
Nicht jede Frage beantworten oder die Antwort googlen, sondern die Kinder auch einmal ganz in ihrer kindlichen Sichtweise Gedanken bewegen lassen.
Was bietet der erste Religionsunterricht an der Waldorfschule?
Ehrfurcht und Respekt vor dem Leben in all seinen Erscheinungsformen sind die Voraussetzung für das Erwachen eines Verantwortungsgefühls gegenüber der Natur, den Mitmenschen und sich selbst. Diese Empfindungen können geweckt werden durch ein lebensvolles, von Dankbarkeit getragenes Verhältnis zur Schöpfung
Quelle: Forschung-waldorf.de
Im zweiten Schuljahr beginnt bei uns der erste Religionsunterricht konfessionslos im Klassenverband. Hier darf genau das geschehen: Es wird zunächst eine ruhige, vertraute Atmosphäre, begleitet von kleinen, liebevollen Ritualen, geschaffen. Den Kindern wird Raum für ihre Gedanken gegeben, sie hören anregende Geschichten, dürfen dazu ihre Gedanken mitteilen und auch ganz für sich künstlerisch tätig sein, dem Seelischen Ausdruck verleihen.
Auch gute Taten finden ihren Platz. So habe ich die Zweitklässler:innen beispielsweise kleine Daumenschalen aus Ton als Insekten-Trinknäpfchen formen lassen, nachdem sie u.a. die Geschichte von Franziskus und den Bären gehört haben.
Der freie Religionsunterricht bietet gerade in den ersten Jahren einen schützen Raum für die kindliche Spiritualität.
Wie bequem ist es doch, direkt vor der Schule in einen Reisebus einzusteigen, um dann von Haustür zur Haustür, direkt zur Jugendherberge gebracht zu werden. Selbstverständlich, nachdem alle aufeinander gewartet und sich in Ruhe verabschiedet haben. Auch größere Gepäckstücke können so transportiert werden, es kommt nicht auf die Zweitjacke, die Gummistiefel oder den Fußball an. Und wie unbequem erscheint dann das Bahnreisen? Mit dem Risiko der Verspätung und Ausfälen, dem begrenzten Gepäck, dem Treppensteigen am Bahnhof, dem Umsteigen? Hier meine guten Gründe, warum sich der Aufwand auf jeden Fall trotzdem lohnt.
Schon oft habe ich mit dem ÖPNV Tagesausflüge oder Klassenfahrten geplant. Jedenfalls bin ich mit allen meinen drei Klassen auf diesem Wege gereist und weiß es bis heute sehr zu schätzen. Es ist lebenspraktisch, nachhaltig und kostengünstig.
In den IC-, EC- und ICE-Zügen reist man innerhalb Deutschlands bereits seit 2018 mit Ökostrom. Insgesamt ist aber auch das Reisen mit dem Nahverkehr umweltfreundlicher als die Fahrt mit einem extra für uns gecharterten Reisebus. Ein Thema, das auch der Klasse durch die Nutzung der Bahn präsenter ist.
2. Städte, Regionen und Landschaften
Klar, man sieht auch durch die Fenster eines Reisebusses, wie man auf der Autobahn durch die Landschaft fährt. Doch es gibt viele schöne Bahnstrecken durch Landschaften, die auch mal etwas abgelegener sind. Insgesamt kann man schon kostentechnisch weiter reisen und verschiedene Landschaftsformen und Regionen sehen.
3. Zeitplanung
Will man einen Zug erwischen, muss man pünktlich sein und genau vorausplanen, wie man rechtzeitig zum Bahnhof kommt. Trödeln beim Umsteigen? Besser nicht….
4. Problemlösung
Ja, ich habe auch schon mit Klassen Züge verpasst. Dabei gingen auch schon reservierte Plätze flöten. Einmal hätten wir sogar fast eine Fähre deswegen verpasst. Da heißt es dann: Gemeinsam das Problem lösen. Eine alternative Verbindung finden, vielleicht sogar ein anderes Verkehrsmittel. Die Erfahrung am Ende: Wir sind trotzdem angekommen.
5. Kostengünstiger
Der Knaller war natürlich im letzten Jahr unsere Klassenfahrt an die Nordsee mit dem 9-Euro-Ticket. Aber auch sonst kann man durchaus auch einmal fernere Ziele ins Auge fassen, denn Gruppenreisen sind sehr erschwinglich.
6. Selbständigkeit
Wenn ich mit einer Schulklasse im Zug unterwegs bin, muss ich mich schon sehr auf jedes einzelne Kind verlassen können. Jedes Kind muss das eigene Gepäck im Blick haben – und zwar schon zum Zeitpunkt des Packens, damit das zu tragende Gewicht nicht zu viel wird. Aber auch der Anschluss an die Gruppe muss von jedem Kind gewahrt werden. Wir bleiben stets zusammen und achten aufeinander, wir melden uns, wenn wir unseren Platz verlassen oder gehen gleich abgesprochen in Begleitung.
7. Geduld und Spiel
Eine Bahnfahrt braucht Geduld. Meine Klasse geht vorbereitet auf die Bahnfahrt. Die Kinder planen genau, wie sie die Dauer der Fahrt überbrücken. Beim Bahnfahren lässt sich die Zeit auch viel besser durch Lesen, Malen oder Spiele überbrücken, da man oftmals einen schönen Tisch zur Verfügung und auch seltener mit Übelkeit (etwa durch Kurven) zu tun hat.
Wie die diesjährige Bahnfahrt – quer durch die Republik – geklappt hat, erfahrt Ihr übrigens schon bald in unserem Podcast „Kaffee, Kreide, Morgenspruch“!
Kleiner Hinweis in eigener Sache: Dieser Blogartikel ist unbeauftragt und ein Erfahrungsbericht.
„Du bist der Durchschnitt der fünf Menschen, mit denen Du die meiste Zeit verbringst.“ Dieses Zitat von Jim Rohn beschäftigt mich schon sehr lange. Und wenn ich an „meine“ fünf Menschen denke, fühle ich mich sehr wohl dabei. Mir gefällt mein näheres, stabiles Umfeld sehr. Und wie geht es mit dem weiteren sozialen Umfeld?
Wie weit reicht der eigene Einfluss?
Ein soziales Umfeld umfasst den Kontakt zu anderen Menschen in allen Lebensbereichen. Neben dem Privaten gibt es das Berufliche, die Nachbarschaft, Vereine, Hobbies, auch die Freunde von Freunden zählen mitunter dazu. Als Eltern gehören wir den Klassengemeinschaften unserer Kinder an, als Lehrer haben wir zudem weitere Gemeinschaften innerhalb einer größeren Eltern- und Schülerschaft, mit denen wir zusammenarbeiten. Wenn man also näher darüber nachdenkt, wird der persönliche Radius sehr schnell sehr groß und kann sogar unendlich weit in die große Anonymität des weltweiten (sozialen) Netzes reichen.
Was Du lenken und entscheiden kann
Deine persönlichen Entscheidungen haben hauptsächlich Auswirkungen auf Dein ganz nahes Umfeld. Das Umfeld, das dich am meisten prägt, das prägst wiederum auch Du sehr stark:
Deine engsten Beziehungen und eben die Beziehungsarbeit, an der Du größeren Anteil hast.
Dein Arbeitsumfeld. Geht es Dir gut, wo Du arbeitest? Wirst Du wertgeschätzt und verstanden? Du kannst Dich dafür oder dagegen entscheiden. Kannst Du auch selbst mitgestalten?
Dein Mindset – Deine Glaubenssätze, Deine Einstellung, der Umgang mit Vergangenem
Die Aussagen, die Du tätigst – und auch, ob Du lieber schweigen willst.
Deine Gesundheit und Selbstfürsorge
Deine Aufmerksamkeit und der Einsatz Deiner Schaffenskraft
Die Gestaltung einer guten Zukunft für Dich und Deine Liebsten
Was sich nicht beeinflussen lässt
Die Entscheidung anderer Menschen, über Dich (mit anderen) zu reden. Reminder: Sowohl die Art und Weise, als auch der Inhalt des Gesprochenen, ist immer zugleich eine Selbstoffenbarung.
Wie andere Dich verstehen (wollen)
Was früher war
viele äußere Gegebenheiten und Ereignisse – angefangen beim Wetter oder der unpünktlichen Bahn.
Und so gilt
Es ist eine ganze Menge, was Du selbst in der Hand hast. Lass los, was Dich runterzieht und außerhalb Deines Einflusses liegt. Triff andere Entscheidungen, wenn Du in Deinem Nahbereich nicht glücklich bist. Vertraue Dir selbst.
Gerade in Zeiten, in denen viel passiert, ist deutlich zu spüren, was an nicht Sichtbarem mit ins Klassenzimmer gebracht wird und was nicht. Und was so ein Klassenraum alles zur Qualität des Miteinanders beiträgt.
Wie geht´s uns denn heute?
Nicht alles wird (sogleich) offen ausgesprochen, doch jeder Schultag beginnt mit der allgemeinen Wahrnehmung: Wie ist unsere Stimmung heute in der Klassengemeinschaft? Müde Augen, Gekicher, vertiefte Gespräche, Rückzug mit und ohne Kapuze auf dem Kopf, freundliche Grüße untereinander… in dem Moment des Hereinkommens wird manch Unsichtbares sichtbar.
An vielen Tagen stehe ich morgens an der Klassenzimmertür und begrüße ich die Kinder einzeln. Ihr „Guten Morgen“, dieser mini Moment, zeigt schon Vieles: Blickkontakt, Stimme, Körperhaltung. Die vielen Einzeleindrücke sind der erste Teil unseres täglichen Miteinanders.
An Tagen mit früher Aufsicht bin ich hingegen oft die Letzte, die den Raum betritt, da unsere liebe Helferin die Kinder dann schon einmal hinein lässt. Wenn ich dann ankomme, trete ich bereits in eine Gesamtstimmung ein, aber ohne Einzelwahrnehmung.
Was ich lieber mag? Mir persönlich liegt es sehr, jedes einzelne Kind einmal kurz wahrzunehmen – auch in Fachstunden, soweit dies möglich ist.
Was sich so zeigt
Eine typische Situation: Wenn ich ein Kind zuvor am Treppenaufgang angelehnt stehen sehe und es noch sehr zurückgezogen und verträumt wirkt, dann aber mit dem Hereinkommen ins Klassenzimmer regelrecht aufwacht, wird spätestens klar: Dieser Raum bedeutet etwas. Hier sind wir unter uns, miteinander vertraut, der Klassenraum ist auch ein Schutzraum. Diese Szene spielt sich morgens vielfach ab.
Und was außen vor bleiben kann und darf
Manchmal kommt es vor, dass man als Lehrerin über familiäre Veränderungen informiert wird mit der Bitte, einen guten Blick auf das jeweilige Kind zu haben. Dies sind sehr hilfreiche Elterngespräche für den Umgang im Schulalltag. Sie helfen, ein Kind in einer besonderen Lage zu sehen und zu verstehen, wenn es selbst noch nicht in Worte fassen kann oder möchte, was gerade geschieht.
Doch kann es aber auch ebenso vorkommen, dass man die angesprochenen Veränderungen an dem Kind erst einmal wenig bemerkt – eben, weil es in der Klassengemeinschaft noch andere Themen gibt und Familienstress tatsächlich außen vor gelassen wird. Oder andersherum fragen sich Eltern, warum ihr Kind eigentlich so wenig von der Schule erzählt. Höchstens mal was aus der Pause.
Farbige Wände
Viele Menschen schmunzeln über die farbigen Wände in Waldorfschulen. Doch sie tragen auch dazu bei, dass Erleben von „drinnen“ und „draußen“ sicht- und spürbarer zu machen.
Klassenraum mit Wohnzimmeratmosphäre?
Es darf sich schon nach Arbeit und Arbeitsplatz anfühlen – bei aller schöner Deko, die wir ja auch pflegen. Manche Sitzordnungen sind auch schnell veränderbar – zu Gruppentischen, mit Platz für Gesprächskreise ohne Tisch dazwischen. Warum nicht. Hat man einen festen Raum, kann man ihn einrichten und gestalten, wie es für die Lerngruppe am besten passt.
Unterricht mit offener Tür?
Viele mögen es, ich in kein Fan. Eben weil ich unseren Klassenraum als Schutzraum mit all seinem Lern-, Arbeits- und Gemeinschaftsthemen gern abgrenzen möchte von dem großen Ganzen, das auch noch um uns herum ist.
Sicherlich kann es durchaus auch vorkommen, dass die Kinder sich in Arbeitsphasen auch außerhalb des Raumes einen ruhigen Winkel für kleine Gruppenarbeiten suchen dürfen. Dann bleibt die Tür für diese Zeit auch geöffnet. Aber grundsätzlich lebt in unserem Klassenzimmer ein vertrautes „Unter uns“. Und viele Dinge bleiben auch dort.
Klassenumzüge
Meine Klasse ist in ihrem jeweiligen Klassenraum regelrecht beheimatet. Und doch beginnt jedes Schuljahr mit einem neuen Raum, der gemeinsam ergriffen wird für alles Neue, was da kommt (neue Wandfarbe inklusive 😉 ). Gemeinsam wird gestaltet, erlebt, gelernt – wieder eine Jahrgangsstufe weiter. Es dauert nicht lange und der Raum wird „unser“ Raum. Natürlich findet auch Unterricht in Fachräumen statt. Dann sucht die Klasse die Lehrperson auf und nicht andersherum. Was natürlich auch kein Problem ist.
Doch das, was die Klassenlehrer:innenzeit ausmacht: Die Bezugsperson, der eigene Raum, das gelebte Miteinander – es braucht eben diese vier Wände. Dort hängen die Kunstwerke und Arbeiten der Kinder, die Klasseninfos, dort hat jedes Kind ein eigenes Fach und einen festen Platz.
Bald ist es übrigens wieder so weit: Wir packen unsere Sachen zusammen und der nächste Klassenumzug wartet… Die Kisten werden gepackt, der neue Raum besichtigt, geplant, geräumt. Abschied und neues Ankommen, wie in jedem Sommer. Wir freuen uns darauf.
Es sagte einmal die kleine Hand zur großen Hand: „Du große Hand, ich brauche Dich, weil ich bei Dir geborgen bin.“ Es sagte die große Hand zur kleinen Hand: „Du kleine Hand, ich brauche Dich, weil ich von Dir ergriffen bin.“ (nach Gerhard Kiefel). Wie wir unsere Kinder an die Hand nehmen und mit ihnen gemeinsam Wege gehen, gemeinsam tätig werden, gemeinsam erleben, das wirkt ein Leben lang. Ebenso wirken die Hände, in die wir sie vertrauensvoll geben.
Erziehungspartnerschaften sind Beziehungspartnerschaften
Betreuung außerhalb von zu Hause, das Abgeben des eigenen Kindes in andere Hände, bringt große Entscheidungen mit sich. Wo ist der richtige Ort? Wer sind die passenden Menschen, mit denen vertrauensvoller Austausch möglich ist?
Die Entscheidung: Herz und Kopf
Entscheide ich mich für ein Konzept, für ein bestimmtes Umfeld, etwa die unmittelbare Nachbarschaft, oder für konkrete Menschen, bei denen ich ein gutes Gefühl habe? Ist es also eine rationale Entscheidung oder ein Bauchgefühl? Naja, irgendwie beides. Ich selbst kenne ja auch beide Seiten. Die der Mutter, die ihre Kinder in andere Hände geben musste und die der Lehrenden und Betreuenden, die mit Eltern Erziehungspartnerschaften eingeht. Meine Erfahrung zeigt mir bis jetzt, dass neben vielen allgemeinen Grundsätzen doch jedes Kind einen eigenen Entscheidungsprozess in all diesen Fragen mit sich bringt.
Beziehung ist dynamisch
Beziehungen stehen niemals still. Sie bedeuten Arbeit. Arbeit, die einem niemand abnehmen kann. Jede Beziehung, die man neu eingeht, beginnt mit einem gegenseitigen Vertrauensvorschuss, der im besten Falle wächst und sich vertieft. Keine Chance, dabei etwas zu erzwingen, herbeizureden oder sonstwie von außen zu mobilisieren.
Die Stabilität einer Erziehungspartnerschaft zeigt sich daher besonders in Krisenzeiten. Hält man aneinander fest oder verliert man sich? Wenn es um die Kinder geht, wird es (zum Glück!) meist sehr emotional. Weil Gefühle etwas zu sagen haben. Und eben weil wir von unseren Kindern so ergriffen sind. Weil sie uns brauchen, um sich sicher und geborgen zu fühlen. Aber eines ist unumstritten:
Wir Erwachsenen sind dabei immer Vorbild
Unsere Kopfentscheidungen prägen unsere Kinder ebenso wie unsere Bauchentscheidungen. Wir sind ein Vorbild, wenn wir unsere Gefühle ausleben oder unterdrücken. Wir sind ein Vorbild in der Art und Weise, wie wir unsere Beziehungen gestalten und mit anderen Menschen umgehen – sowohl in guten Zeiten wie in schwierigen Phasen. Ob wir schnell Beziehungen aufgeben oder an ihnen festhalten. Wie wir neue Beziehungen anbahnen und alte auf Eis legen.
Eine häufig gestellte Frage: Warum dauert das Schreiben- und Lesenlernen an der Waldorfschule eigentlich länger als üblicherweise an Regelschulen? Die Antwort: Wir nehmen uns einfach die Zeit, denn die Ergreifung unserer alten Kulturtechnik ist ein sehr anspruchsvoller und komplexer Prozess. Dazu lassen wir den Kindern gerade am Anfang viel Zeit, sich auf verschiedene Weise den Buchstaben und Lauten anzunähern, Sprache zu erleben und zu erforschen. Es zeigen sich hier auch die individuellen Lernwege der jungen Lerner, die dann ganz genau beobachtet werden können.
Buchstaben erkennen, Laute hören und zuordnen
Buchstaben sind abstrakt, ihr Aussehen wurde irgendwann festgelegt und einem Laut zugeordnet. Um Lesen und Schreiben zu erlernen, müssen immer wieder einzelne Laute der Sprache herausgehört und mit der Darstellung von Buchstaben verknüpft werden. Andersherum schließt das „Aussehen“ von Buchstaben auch auf einen Laut.
Vom Buchstaben zum Wortbild
Geübte Leser können dann im Laufe der Zeit und auf einen Blick nicht nur Buchstaben, sondern auch Silben, ganze Wörter oder häufig vorkommende Satzbausteine erkennen. Unser Gehirn ist nämlich stets auf das Herausfiltern und Erstellen von Mustern spezialisiert. So prägt sich durch Wiederholung und Übung im Laufe der Zeit eine Art Grundform, ein Bild für jedes einzelne Wort ein, genannt Wortbild. Im Bruchteil einer Sekunde werden dann also gesehene Wortbilder mit den im Gedächtnis abgespeicherten Wortbildern abgeglichen und mit Bedeutung verknüft, ein Automatismus stellt sich ein. Bekannte Worte und Wortbilder werden dadurch deutlich schneller gelesen als unbekannte. Und dies spart uns viel Energie, denn unsere Augen erfassen bald beim Lesen die Wortformen sprunghaft, also von Wort zu Wort. Dabei entsteht beizeiten ein immer schnellerer und gleichmäßigerer Lesefluss.
Über Lese-Rechtschreib-Schwäche
Andersherum: Sind Wortbilder noch nicht oder nur in geringer Menge angelegt, verbrauchen wir beim Lesen und Schreiben durch kleinschrittige Einzelarbeit viel Energie – und das ermüdet. Eine Schwierigkeit, die Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche haben, ist daher die Bewältigung von bestimmten Arbeitspensen. Neben den visuellen und auditiven Fähigkeiten und der persönlichen Gedächtnisleistung sind auch die Konzentrationsfähigkeit sowie die Erreichbarkeit der Kinder über ihren individuellen Lernzugang, ein Einflussfaktor beim Lernen. Ziemlich komplex, oder? Warum sollte man sich also nicht die Zeit dafür nehmen, kleine Kinder in Ruhe auf das Lesen und Schreiben vorzubereiten?
Die Lernzugänge der Lernenden
Es gibt verschiedene Lernzugänge, über die wir als Lernende erreichbar sind. Meist entwickeln sich aber ein oder zwei Schwerpunkte, die dann als Lerntypen bezeichnet werden. Ich schildere an dieser Stelle meine eigene Wahrnehmung und Erfahrung:
Auditive Lerner hören die einzelnen Sprachlaute sehr gut heraus, brauchen aber etwas mehr Zeit, diese auch als Bild und später Wortbild abzuspeichern. Sie sprechen sich selbst beim Schreiben die einzelnen Wörter meist langsam, laut- und silbenweise, vor – so, wie sie sie hören. An das Aussehen der Wortbilder erinnern sie sich nicht immer sicher. Sie müssen dann für sich die Wörter nochmals „anhören“ und von dem Gehörten ableiten (da nur etwa 60 % unseres Wortschatzes „Hörwörter“ sind, entstehen dadurch mit der Zeit leider viele Rechtschreibfehler).
Die haptisch-kinästhetischen Lerner finden ihren Zugang durch Anfassen und Fühlen. Hier hilft es den Kindern beispielsweise, Buchstaben mit einem Seilchen, Schneckenbändern oder Fäden zu legen und nachzufühlen.Auf Sandtabletts zu schreiben, Buchstaben oder Wörter nachzukneten oder mit Tasttäfelchen nach Montessori arbeiten zu dürfen. Kinder mit höherem haptisch-kinästhetischen Lernanteil haben während des Unterrichts oft Dinge in der Hand, die sie fühlen. Es steckt also beim Herumspielen mit Stiften, Radiergummi usw. nicht unbedingt immer ein „Ablenkungsmanöver“ dahinter – eventuell hat es einfach mit dem individuellen Lernzugang zu tun. Ich habe u.a. auch ein Fühlmemory, mit dem ich auf spielerische Weise Hinweise darüber bekomme, ob ein Kind in höherem Maße haptisch-kinästhetisch lernt. (z.T. Affiliate Links)
Kognitiv-intellektuelle Lerner lernen das Schreiben bevorzugt durch Lesen, das sie geduldig üben und die korrekte Rechtschreibung anhand von Regeln, die sie sich bald zuverlässig merken und gezielt anwenden können. Sie mögen übrigens den klassischen Frontalunterricht und finden offene und freie Arbeitsphasen manchmal eher verwirrend. Klare Abläufe, Erklärungen und Strukturen sind ihnen lieber. Dennoch lassen sie sich gern auf alles Andere ein, checken aber sicherheitshalber hier und dort noch einmal ihre Lernstation ab.
Kommunikative Lerner brauchen ihr Gegenüber zum Lernen. Sie lernen besonders gut, wenn jemand ihnen die Inhalte spiegelt, sie durch Nachfragen angeregt werden oder selbst nachfragen können. Vor allem, wenn andere Kinder ihnen in eigenen Worten etwas erklären, lernen sie am besten – und am liebsten. Sie profitieren sehr von Partnerarbeit.
Bewegungsfreudige Lerner
Hier werden die Buchstabenpfade balanciert, über gemeinsam gelegte Seilchen oder sogar die Bänkchen des bewegten Klassenzimmers. Die sehr bewegungsfreudigen Lerner klatschen und stampfen auch gern die Silben, bewegen sich mit passenden Gesten zu den Sprüchen der Buchstabengeschichten.
Sollte dann besser mal ein Lerntypentest gemacht werden?
Ihr merkt, es braucht einige Zeit und verschiedene Lernzugänge, um das fließende Lesen und eine korrekte Rechtschreibung zu erlernen. Man muss aber nicht mit jedem Kind einen Lerntypentest durchführen. Lehrer:innen erkennen normalerweise die verschiedenen Lerntypen und gestalten ihren Unterricht ohnehin so, dass die Kinder auf verschiedene Weise angesprochen werden.
Zurück zu Waldorf`s langem Weg des Buchstabenlernens
So arbeiten wir im Allgemeinen:
Ein Buchstabe wird mit einem Bild in Verbindung gebracht, dazu wird eine Geschichte erzählt, die den dargestellten Laut besonders häufig enthält und hörbar macht. Meist sind die Geschichten von kleinen Verschen begleitet, die sich schnell einprägen und mitgesprochen werden können. Das Bild zu der Geschichte und dem Buchstaben wird von den Kindern ins Heft gemalt.
Am nächsten Tag wird die Geschichte mit eigenen Worten wiederholt, die Verschen gesprochen und aus dem Anfangsbild der Buchstabe herausgearbeitet. „Wer hat uns das K gebracht?“ – „Der König!“ Die Kinder üben nun die Schreibweise des Buchstabens auf dem Sandtablett, kneten ihn, legen ihn ganz groß mit Seilchen in den Sitzkreis, balancieren dann darüber usw. Auch werden weitere Wörter gesucht, die mit diesem Buchstaben beginnen, ihn enthalten oder auf ihn enden. Laut und Bild werden auf vielfache Weise erlebt. Der Buchstabe wird anschließend groß ins Heft gemalt.
Wieder am nächsten Tag werden die Verschen gesprochen, die Buchstaben nun in Reihen in das Heft geschrieben und eine neue Buchstabengeschichte bzw. die Fortsetzung der Geschichte mit einem anderen Buchstaben kommt dazu.
Sobald die ersten Buchstaben da sind, werden auch Wörter gebildet und gelesen. Ich habe zuerst die Vokale eingeführt und dann die ersten Konsonanten, mit denen man schon einige Worte bilden konnte, z.B.ab dem M war zu lesen und zu schreiben: MAMA, OMA, AM, IM, MIA, UM usw.
Es gibt dabei übrigens keinen vorgeschriebenen Plan, welcher Buchstabe wann dazu kommt und ob die kleinen Buchstaben bereits parallel oder erst später erlernt werden. Es liegt in der Einschätzung der Lehrkraft zu erkennen, wie sie ihre Lerngruppe am besten unterrichten kann und ihr dann zu geben, was sie braucht. Mein Eindruck ist inzwischen, dass viele Kolleg:innen dazu übergegangen sind, zugleich die kleinen Buchstaben mit einführen. Es gibt gute Gründe, dies zu tun und ebenso auch Gründe, es zunächst bei den Großbuchstaben zu belassen und ihnen später die Kleinbuchstaben an die Seite zu stellen.
Und wann kann man von LRS sprechen?
Wie angedeutet, sind manche Lerntypen etwas „anfälliger“ für bestimmte Rechtschreibfehler – oder brauchen schlicht und ergreifend etwas mehr Zeit, um das Lesen und Schreiben auf ihre Weise zu erlernen. Ob und welche Form einer Teilleistungsschwäche in diesem Bereich tatsächlich vorliegt, zeigt sich im Laufe der ersten Schuljahre. Da wir an der Waldorfschule eben mehr Zeit für die Erarbeitung der Grundlagen einplanen, ist begleitend eine sorgfältige Beobachtung der Lehrkraft möglich und wichtig. Wer vergisst schnell, wie die Buchstaben aussehen? Wer schreibt spiegelverkehrt? Wie ist es um die Lateralität (Händigkeit) bestellt? Weitere Ausprägungen zeigen sich nach einiger Lese- und Schreibpraxis. Hinzu kommen die individuelle Merk- und Konzentrationsfähigkeiten. Bestimmte Fehler sind anfangs normal und gehören in den Gesamtprozess. Hier helfen interessierte Gespräche über die Schreibweise. Die Erklärungen der Kinder und das selbständige Nachdenken über Rechtschreibstrategien sind ebenfalls wichtig beim Erlernen der Schriftsprache und liefern weitere Erkenntnisse. Ein individueller Blick ist also immer auch wichtig – Zeit lassen: Ja. Aber wiederum nicht warten, bis sich ein Kind selbst als Schlusslicht der Klasse wahrnimmt.
Fazit:
Schule und Elternhaus brauchen einen regelmäßigen Austausch!
Mein Blog ist ein Produkt des Lockdowns und hat sich seitdem ganz wunderbar entwickelt. Einer meiner ersten Beiträge widmete sich dem Goldtröpfchen Ritual. Ich habe ihn nun „coronafrei“ überarbeitet. Uneingeschränktes Goldtröpfchen: Go!
Ich schaue regelmäßig über meinen wachsenden Blog und pflege ihn liebevoll 🙂 Solltet Ihr Eurerseits auf andere Berichte stoßen, die nach einem Update rufen, meldet Euch gern bei mir.
Ich danke Euch für sehr für`s Lesen und viele liebe Emails!
Ich mag das Gefühl des Neuanfangs ebenso gern wie das verlässliche Gefühl von Vertrautem. Vielleicht bin ich auch deshalb Lehrerin geworden: So habe ich gleich zwei Neuanfänge im Jahr – das neue Schuljahr und das neue Kalenderjahr, dazu viel Vertrautes, Verlässliches.
„…. es ist so wenig äußere Veränderung dafür nötig, denn wir verändern ja die Welt von unserem Herzen aus, will dieses nur neu und unermesslich sein, so ist sie sofort wie am Tage ihrer Schöpfung und unendlich.“
Rainer Maria Rilke
Ich beginne das neue Jahr mit einer neuen Staffel „Märchen mit Klang“ und dem Märchen von der geschenkten Zeit.
Ansonsten gibt es kleinere Rituale, die wir an Neujahr als Familie pflegen. Es wird ein ruhiger erster Tag.
Tag 1
Es ist die Seite 1 des 365-seitigen, unbeschriebenen Buches, die Perle 1 der Jahreskette, die Botschaft 1 im Jahresglas.
Wie Ihr wisst, liegt mir das Thema Nachhaltigkeit sehr am Herzen. Auf meiner Hamburgreise habe ich dazu ein langes Gespräch mit Marianus von Hörsten geführt. Marianus ist 30 Jahre alt, ehemaliger Waldorfschüler und auf einem Demeterhof aufgewachsen. Gemeinsam mit einem Partner betreibt er in Hamburg das Restaurant Klinker. Als Koch wurde er u.a. zum besten Jungkoch der Welt gekürt. Er ist Klimaaktivist und hat gerade sein Geografiestudium mit sehr guten Noten abgeschlossen. Bei der ARD ist seine Dokureihe „The Green Garage“ zu sehen. Ich habe bereits Folgen seiner Reihe in meinem Unterricht eingesetzt. Sie erreichen und bewegen die Jugendlichen. Nun möchte ich Euch ebenso einladen, Marianus´ nachhaltige Wege kennenzulernen.
Das Interview mit Marianus
Wir haben lange und intensiv gesprochen, auch für „Kaffee, Kreide, Morgenspruch“. Ich habe mich entschieden, keinen „klassischen“ Blogbeitrag zu schreiben, sondern das Interview hier abzubilden. Ich möchte Marianus dabei zu unterstützen, möglichst viele Menschen zu erreichen. Macht Euch ein Bild, schaut The Green Garage und lasst Euch inspirieren.
Marianus, wie bist Du aufgewachsen und wie kamen die Themen Nachhaltigkeit und bewusster Konsum zu Dir?
Ich komme aus der Lüneburger Nordheide von einem Demeter Bauernhof. Und ich glaube, da ist es relativ logisch, wo die Nachhaltigkeit herkommt: Von den Eltern. Lebensmittel hast Du nicht verschwendet, weil Du wusstest, was es für eine Arbeit ist, sie dem Boden abzuringen. Das ist wohl der einfachste, kurz zusammengefasste Umgang damit.
Wie kam es zu Deinem Projekt „The Green Garage“?
Ich hatte im Lockdown sehr viel Zeit, weil unser Restaurant ja geschlossen war, und da hatte ich die Idee. Weil ich es schwierig finde, dass diese ganzenThemen, die uns beeinflussen und die wir ja selbst beeinflussen können, immer so fatalistisch in der öffentlichen Darstellung präsentiert werden. Das fand ich schade und dachte, es wäre cool, mal die Möglichkeit zu haben und zu schauen: Was kann ich denn in meinem kleinen Kosmos anders machen, dass es besser läuft.
Dann habe ich mich mit einem Produzenten zusammengesetzt und wir haben es der ARD vorgeschlagen. Dort wurde es angenommen und wir haben es produziert. (Anm.: Aktuell läuft schon die zweite Staffel.)
Du gehst bewusst mit Lebensmitteln um und gehst konsequemt Wege, Lebensmittelverschwendung zu minimieren. Du hast einen gastronomischen Betrieb – wie funktioniert es da?
Dadurch, dass wir eine sehr kleine Karte fahren und immer alles frisch machen, haben wir so gut wie keine Lebensmittelverschwendung. Wir schmeißen sehr, sehr, wenig weg, nur wenn etwas schlecht wird. Und das ist in den dreieinhalb Jahren, in denen wir am Markt sind, erst zweimal passiert. Dazu kommt, dass wir aus allen Produkten das Maximale herausholen. Aus einer Karottenschale, aus einer Zwiebelschale, aus einem Sellerieabschnitt, daraus kannst du immer noch Gemüsefond kochen. Und den Fond kannst du zum Aufgießen für dein richtiges Gericht nehmen. So kannst du aus jedem Teil das Maximum herausholen und das ist der erste Punkt.
Bei tierischen Produkten, die wir nur sehr wenig verarbeiten – wobei wir mehr Butter und Milch verwenden und weniger Fleisch, aus Gründen – da sind wir noch viel penibler. Wir haben auch nur zwei Gerichte mit Fleisch auf der Karte, der Rest ist vegetarisch. Knochen werden dreimal ausgekocht, das Fett wird auch zum confieren von anderen Lebensmittel verwendet, dass es saftiger bleibt und mehr Geschmack daran ist. Wir holen aus dem Tier das Maximale heraus, dass es, bei allem, nicht umsonst gestorben ist.
Wie kalkulierst Du denn die Mengen? Du arbeitest ja auch nicht mit Reservierungen im Restaurant…
Das ist richtig. Bei den Mengen haben wir inzwischen Erfahrungswerte und daran halten wir uns. Wir wissen, dass wir pro Abend eine bestimmte Anzahl des einen und des anderen Gerichts verkaufen. Es gibt Gerichte, die gehen immer gut und es gibt Gerichte für die ambitionierten Esser:innen. Aber auch das ist ja unser Job, den Leuten zu zeigen, was man aus bekannten Lebensmitteln noch alles so machen kann. Und am Ende des Tages sagen wir lieber: `Was aus ist, ist aus.´ Wir produzieren lieber so viel, dass wir wissen, wir bekommen diesen Schnitt, den wir immer haben. Und gerade am Freitag, sind schnell mal Gerichte aus, weil wir ja am Wochenende schließen. Das ist genau das, was wir wollen. So machen wir es am Montag wieder frisch.
Es ist nicht nur spannend, wie achtsam Ihr mit den Lebensmitteln umgeht, die Ihr verarbeitet, sondern auch den innovativen Weg, die Arbeitsbedingungen in der Gastronomie zu verändern, finde ich sehr beachtlich. Eure Öffnungszeiten sind auch sehr speziell. Beschreibe doch einmal, was ihr sonst noch anders macht und wie es dazu kam.
Ich glaube, viele Dinge aus unserem Alltag sind irgendwie nur ausgedacht oder durch Mindsets geprägt. Wer sagt denn, dass man nur samstags essen geht oder am Sonntag. Mein Geschäftspartner und ich kommen aus der Sternegastronomie, hatten irgendwann keinen Bock mehr und sind dann andere Wege gegangen. Dann haben wir uns gesagt: Wenn wir wieder in der Gastronomie arbeiten wollen, dann müsste sie sich stark verändern. Das wird kein anderer für Dich machen. Also gibt es für Dich die Möglichkeit: Entweder, du nimmst die Missstände hin, du veränderst sie oder du gehst. Wir sind erst gegangen, haben andere Sachen gemacht und uns dann gedacht: Nein, wir verändern es jetzt. Und wir machen es nachhaltig. Nachhaltigkeit teilt sich in unserer Wahrnehmung in drei Teile auf: Ökologisch, ökonomisch und sozial.
Die ökologische Nachhaltigkeit ist uns wohl allen ein Begriff. Wir kaufen gute Lebensmittel, die gut für den Boden, gut für die Produzent:innen, gut für das Klima usw. sind.
Ökonomisch ist aus wichtig: Wenn wir das alles nicht bezahlen können, können wir es auch lassen.
Dann ist da noch das Soziale. Und das ist ein Bereich, der in der Gastronomie oft vernachlässigt wird, auch wenn sich gerade viel tut. Viele Menschen fangen gerade an nachzudenken, weil sie schlicht und ergreifend kein Personal mehr finden. Das ist aber nur Reaktion und nicht Agitation. Die Menschen kommen auf Ideen, weil ihnen Missstände offengelegt werden. Es ist traurig, dass es immer so funktionieren muss, aber so ist es nunmal. Und wir haben gesagt, wir wollen es anders machen. Wir hatten zum Beispiel einen Mitarbeiter, der gerne am Wochenende Fußball spielen wollte und wir haben gesagt: Gut, wir machen dann am Wochenende immer zu. Das kam uns natürlich auch entgegen, denn wir wollen ja auch am Wochenende unseren Freudeskreis haben und unser Team halt auch.
Und so machen wir Gastronomie nicht wirklich anders als vor 100 Jahren, aber anders als noch vor 10 Jahren, indem wir ganzheitlich denken.
Zum Thema Fleischkonsum….
Wir kaufen ganze oder halbe Tiere, d.h. wir haben auch viele Teile, die eine differenzierte Verarbeitungstechnik benötigen. Was aber in der Gastronomie auch nicht mehr beigebracht wird. Heutzutage ist es so: Wenn ich Filet auf die Karte nehme, dann kaufe ich kein ganzes Tier, sondern einen Fleischbeutel. Was damit einher geht, ist ein unheimlicher Wissensverlust für die Auszubildenden. Wir müssen unser Wissen an die Leute weitergeben, die jetzt nachkommen. Das bedeutet auch, dass sie sehen, wie Tiere geschlachtet werden. Denn nur, wenn Du siehst, dass Du ein Leben nimmst für den Konsum, dann kommst du zu einem Bewusstsein.
Man hört im Pausenhoftalk `Die Menschen wissen gar nicht mehr, dass die Tiere für das Fleisch sterben müssen.´ – Doch, das wissen sie schon, aber sie sehen es nicht. Und so funktioniert es mit allem: Aus den Augen, aus dem Sinn. Und an dieser Stelle muss man das Wissen weitergeben: Das Tier stirbt jetzt. Verarbeite es mit Anstand und einer Portion Respekt und sieh vor allem zu, dass du es komplett verarbeitest.
Dann ist es automatisch auch ökonomisch. Denn wenn ich so ein Tier im Ganzen kaufe und klug genug bin, alle Teile zu verarbeiten, dann geht auch der Einkaufspreis rapide herunter. Ich kaufe ein Demeter Tier. Ist zwar mehr Arbeit, ich habe aber sämtliche Abschnitte, die ein Fleischbeutel nicht hat. Die beim Schlachter im Fleischwolf landen und als Hackfleisch verkauft werden. Auch die vielen Knochen kann ich alle auf verschiedenste Weise verarbeiten.
Und die Tiere, die Ihr einkauft, kommen aus dem Umland?
Ja, wie fast alle Lebensmittel. Wir kaufen auch nur aus Landwirtschaft, wo mit dem Boden gut umgegangen wird.
Du gehörst auf jeden Fall in die Ausbildung!
Wir bilden auch aus. Von Anfang an haben wir ausgebildet. Das hört auch zur Nachhaltigkeit.
Ja total. Ich finde auch, wenn man so einen Weg geht, der innovativ aber noch selten ist, dann ist es besonders wichtig, dass Du Dein Wissen auch weitergibst.
Und es ist wichtig, dass es genügend Leute gibt, die es auch mitmachen. In Hamburg gibt es viele Gastronomen, die einen sehr guten Job in der Ausbildung machen, einen sehr guten Job in der Produktbeschaffung machen und sehr innovativ sind. Die sollte man unterstützen, da sollte man hingehen und mit denen sollte man ins Gespräch gehen und auch deren Stimme hören.
Das Bewusstmachen gehört unbedingt dazu. Als ich The Green Garage gesehen habe, ist mir auch an vielen Stellen nochmal klar geworden, was wir durch den Konsum, die Globalisierung der letzten Jahrzehnte, an Wissen über nachhaltiges Handeln verloren haben.
Es geht bei der Sendung aber nicht darum, den Zeigefinger zu erheben. Es geht darum zu sagen: Es gibt Möglichkeiten, bei denen Du was machen kannst. Wenn nur jeder Zweite oder Dritte, der die Sendung guckt (Anm.: Bei einer Verweildauer von ca. 97 %), irgendetwas an seinem Konsumverhalten ändert – und wenn er nur im Winter keine Tomaten mehr kauft – dann hat der Einkauf an sich gar nicht wehgetan, man hat aber etwas Gutes für das Klima getan. Und es war so einfach.
Und wenn Du dann beim Einkauf Deiner Klamotten auch noch überlegst: Brauche ich eigentlich schon wieder eine neue Jeans? – dann hast Du schon etwas verändert und einen guten Job gemacht.
Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist – es wäre nur Deine Schuld, wenn sie so bleibt!
Du brauchst keinen CO2-Erlass zu kaufen, mache Dir einfach die kleinen Dinge bewusst. Wir brauchen keine statischen Lösungen (Anm. gemeint sind CO2-Zertifikate, Nachhaltigkeitssiegel und -Apps) für dynamische Probleme. Probleme zu lösen bedeutet, sie zu verstehen. Was wir nicht tun. Wer versteht schon unser global vernetztes System in Gänze. Wir haben auch Lebensräume, die wir nicht erforscht haben.
Die Darstellungen und Denkanstöße bei The Green Garage sind dazu sehr gelungen..
Ich kenne ja auch nicht die Lösung der globalen Probleme. Aber ich glaube, dass die Ansätze, die wir da vertreten, so schlecht nicht sein können. Jedenfalls machen sie Welt nicht zu einem schlechteren Ort.
DANKE für Deinen Einsatz auf so vielen Ebenen, Marianus!
Ich habe mit Marianus auch noch für Kaffee, Kreide, Morgenspruch über seine Zeit als Waldorfschüler gesprochen und wie er heute auf seine Schulzeit schaut. Auf dieses Interview dürft Ihr Euch zeitnah freuen!
Die Fotos für diesen Beitrag wurden mir von Marianus von Hörsten zur Verfügung gestellt.