Das erste Geschwisterkind

In meiner Reihe zum Thema „Geschwister“ geht es noch einmal um die Erstgeborenen. Ihre Zeit als Einzelkind endet, wenn das erste weitere Geschwisterkind geboren wird.

Das Kind als Mittler

Karl König bezeichnet in seinem Buch „Brüder und Schwestern“ die Erstgeborenen als Mittler zwischen den Erwachsenen und den übrigen Geschwistern. Erstgeborene bleiben auch beim Hinzukommen eines Geschwisterkindes enger mit den Erwachsenen verbunden als Zweit- oder Drittgeborene. Dabei sind sie „nach beiden Seiten gerichtet: Für die Eltern sind sie Kind, für die jüngeren Geschwister können sie als Stellvertreter der Eltern erscheinen“. So stehen viele Erstgeborene ihren Eltern als „Große“ zur Seite, wenn ein Baby in die Familie kommt.

Entthronung

Es kann aber auch durchaus vorkommen, dass sich Erstgeborene durch die Ankunft des Geschwisterkindes, zu dem sich alle Erwachsenen jetzt auch hinwenden, tief entmutigt und verunsichert fühlen. Dann mögen sie sich nicht einbringen und dem Jüngeren ein Vorbild sein. In Folge kann es passieren, dass Selbstvertrauen verloren geht. Doch wenn wir uns der Konstellation und der Entwicklungsaufgaben der/des Erstgeborenen bewusst sind, können wir an vielen Stellen einen positiven Übergang ins Geschwisterdasein schaffen.

Individuelle Konstellationen

Auch hier ist das Thema „Geschwister“ natürlich sehr individuell und schicksalhaft. Äußere Faktoren, die auf die Geschwisterkonstellation wirken, sind die Geschlechter und Altersunterschiede der Kinder: Es ist ein Unterschied, ob ein Mädchen einen jüngeren Bruder bekommt oder ein Junge einen jüngeren Bruder. Zwei Mädchen, zwei Jungen oder beide Geschlechter in der Familie – das hat an manchen Stellen seine Auswirkungen. So gibt es etwa häufiger ein größeres Rollenbewusstsein Junge/Mädchen, wenn beide Geschlechter da sind.
Zudem muss auch darauf geblickt werden, in welchem Entwicklungsalter sich das erstgeborene Kind befindet, sprich: Wie groß ist der Altersunterschied und während welcher Entwicklungsaufgabe wird das Erstgeborene vom Einzelkind zum Geschwisterkind?

Die Entwicklungsalter

Hier habe ich einmal eine sehr komprimierte Übersicht über das erste Jahrsiebt zusammengefasst. Viele Altersunterschiede zwischen Erst- und Zweitgeborenen liegen in diesem Bereich:
Ist das Erstgeborene noch selbst im ersten Lebensjahr, ist es damit beschäftigt, seinen Körper zu ergreifen, Laufen zu lernen und sich im Raum zu orientieren.
Im zweiten Lebensjahr beobachtet und erlebt es gern alles, was sich bewegt: Vom Wasserhahn im Bad bis zum Auto auf der Straße. Außerdem entwickeln sich die Sprache und das eigene Sprechen.
Wenn bis zu dieser Zeit ein weiteres Kind geboren wird, sind sich die Kinder meist sehr nah und das Erstgeborene kann sich später nicht mehr an seine Zeit als Einzelkind zurückerinnern. Jirina Prekop schreibt in ihrem Buch „Erstgeborene“ sogar, dass die Rollen „Erst“ und „Zweit“ sich drehen können oder zwillingsgleich werden, wenn der Altersunterschied so gering ist.
Im dritten Lebensjahr erwacht das Ich-Bewusstsein, der Ich-Gedanke wird erstmals selbständig von dem Kind gedacht. Es erlebt sich selbst und dabei kommt es in die bekannte „Trotzphase“. Hier werden die Schwangerschaft der Mutter und die Ankunft des Geschwisterkindes bewusst erlebt und in der Regel auch erinnert.
Das vierte Lebensjahr ist von aktiver Tätigkeit und Wiederholungen geprägt: Kleine Lieder und Verschen werden unermüdlich gesungen, Rhythmen und Fingerspiele immer und immer wieder gespielt. Es ist die Zeit der Rituale, auch innerhalb der Familie. Hier kann man Geschwisterkinder sehr positiv in gute Gewohnheiten einbinden.
Im fünften und sechsten Lebensjahr wird auch viel imitiert, vermischt mit Fantasie. Es wird gespielt, was die Erwachsenen tun. Wer hier ein jüngeres Geschwisterkind bekommt, mag gern helfen oder mit den eigenen Puppen „Baby“ spielen.
Im sieben Lebensjahr werden viele Denkprozesse möglich. Hier liegt oftmals der erste Schultag.
Die zusätzliche Ankunft des Geschwisterkindes kann die Verbindung zur Familie stärken oder eben auch für Verunsicherung sorgen. Kind 1 braucht jetzt viel Sicherheit während vieler Umbrüche.

Gibt es den „perfekten Zeitpunkt“ für Kind 2?

Das Wichtigste ist meiner Ansicht nach, sich bewusst zu machen, in welchem Alter und vor welchem Entwicklungssprung das erste Kind steht. Hier sollte man es begleiten und ihm Sicherheit geben.

Die freudige Aufregung um die Ankunft des neuen Familienmitglieds ist selbstverständlich groß, das Erstgeborene muss manchmal länger warten, bis es an der Reihe ist und verliert die ungeteilte Aufmerksamkeit an das Geschwisterkind. Doch ein Geschwisterkind ist auch eine Bereicherung. Es gibt noch jemanden auf der „Kinderseite“ in der Familie und je nach Altersunterschied auch ein*e Spielkamerad*in. Dies entwickelt sich meist rasch.

Und mit Blick auf das ganze Leben ist es die längste Bindung zu einem Menschen, die wir haben.

Einzelkinder

Jedes Erstgeborene ist zumindest eine Zeitlang einziges Kind seiner Eltern, manche bleiben es ihr Leben lang und wachsen als Einzelkind auf. Wie beeinflusst dies die Persönlichkeit oder Biografie?

Zunächst einmal sei gesagt, dass es unzählige Faktoren und Einflüsse gibt – sei es angeboren, umfeldbedingt, konstitutionell uvm. Die meisten unserer Neigungen und Talente haben ihren Ursprung tief im Unterbewusstsein und sind äußerst schicksalhaft. Auch der Platz innerhalb der Familie, den ein kleiner Mensch mit seiner Geburt bekommt, gehört dazu. Und von diesem Platz aus wächst in der weiteren Zeit das Verhalten dieses Menschen innerhalb der Gemeinschaft.

Ein und Alles

Einzelkind zu sein bedeutet, die Eltern exklusiv für sich zu haben. Einzelkinder sind der Mittelpunkt ihrer Eltern – und ihrerseits auch eng an die Eltern gebunden (Anmerkung: „Eltern“ sei an dieser Stelle mit der sozialen Rolle der ersten Bezugsperson gleichgesetzt – selbstverständlich schließe ich kein Familienbild aus!). Selbst, wenn es im unmittelbaren Umfeld des Kindes zahlreiche Kinder- und Spielkontakte gibt, um dem Kind viele Gemeinschafts- und soziale Kontakte zu ermöglichen: In der Nachbarschaft, bewusst gewählte Spielgruppen, Kita, Cousins/Cousinen usw. – am Ende des Tages kehrt ein Einzelkind in sein Elternhaus zurück und dort lebt dann wieder das besonders enge Eltern-Kind-Verhältnis. Das ist ein großer Unterschied zu Geschwisterkindern und zeigt gleichermaßen, wie enorm prägend in diesem Fall auch die Elternrollen sind.

In Geschwisterkonstellationen mit mehreren Kindern übernehmen nicht selten Geschwisterkinder auch Aufgaben für ihre Geschwister, die üblicherweise „Elternaufgaben“ sind: Kranken- und Säuglingspflege, Haushaltsaufgaben und Vieles mehr. Hierdurch entstehen innerhalb der Familie vielfältige Bindungs- und Anknüpfungspunkte der verschiedenen Familienmitglieder untereinander und hier liegt mitunter ein großer Unterschied zu Einzelkindern.

Sind Einzelkinder einsamer?

Auch neuere Studien kommen nicht zu dem Ergebnis, dass Einzelkinder grundsätzlich einsamer sind als Geschwisterkinder, denn gerade heutzutage entscheiden sich viele Eltern bewusst dafür, nur ein einziges Kind zu bekommen und sorgen dementsprechend auch ihrerseits für viele Spiel- und Freizeitkontakte. Sie genießen es bewusst, ihr Kind als Lebensmittelpunkt zu haben und das spüren die Kinder durch ihre große Zuwendung.

Eine Schwierigkeit in Bezug auf Einsamkeit ist für Einzelkinder neuerdings die Isolation im Rahmen der Coronakrise. Ohne kindliche Spielkontakte zu Hause bleiben zu müssen – gerade, wenn es viele Freundschaften in Schule und KiTa gibt – kann nochmal schwerer sein, als sich mit Geschwistern zu Hause zu arrangieren.

Die Qualität von sozialen Erfahrungen und Prägungen

Im engen Kreis der Familie findet eine soziale Prägung statt, die doch noch etwas abweicht von Kontakterfahrungen in Gruppen und Einrichtungen – hier wird mehr untereinander ausprobiert, es gibt mehr unbeaufsichtigte Momente und es wird von Seiten der Kinder meist auch mehr untereinander reguliert. Beispiel Geschwisterstreit: Wenn Eltern bei Konflikten gleichzeitig die Eltern aller Beteiligten sind, wird anders geurteilt und Konsequenzen gezogen, als wenn mehrere „Eltern-Parteien“ mitmischen. Wer Geschwister hat, hat meist auch mal unter ihnen gelitten: Ist enorm geärgert worden, hat auch mal körperlich Auseinandersetzungen erlebt, sich von den Eltern besonders unverstanden oder ungerecht behandelt gefühlt… Innerhalb der Familie sind diese emotionalen Eindrücke und Enttäuschungen weitaus größer als bei Konflikten, die in Einrichtungen entstehen, wo Erzieher*innen (hoffentlich) mehr professionell als emotional agieren und gleich mehrere Eltern in ein reflektierendes Gespräch mit einbeziehen.
Andererseits können Geschwister auch Verbündete sein: Besonders gute Beschützer, Verbündete auch gegen die eigenen Eltern und mehr. Einzelkinder haben zu Hause weder Verbündete noch Konkurrenten.

Bewusstsein der Kinder- und Elternrolle

Ob jemand 1 , 2, 5 oder keine Geschwister hat – das lässt sich von den Kindern nicht steuern, sie werden in ihre Familie hineingeboren. In gewisser Weise prägt es sie aber.
Die Bedeutung der Elternrolle dabei und die Auseinandersetzung mit ihr, ist nicht selten ein zentraler Schlüssel bei Biografiefragen von Einzelkindern.

Erstgeborene

Das Thema Geschwister ist sensibel, schicksalhaft und sehr individuell. Man kann es nur qualitativ, vom Einzelfall aus, vertieft betrachten und bei Verallgemeinerungen von den Dingen ausgehen, die wirklich alle Geschwisterposititionen gemeinsam haben. Doch schon, wenn man sich Allgemeines bewusst macht, bekommt man einen zusätzlichen Blickwinkel, sowohl bei der Betrachtung der eigenen Rolle innerhalb der Familie, als auch beim Blick auf die eigenen und die anvertrauten Kinder.

Erstgeborene machen Familie

Erstgeborene – egal, ob sie Einzelkind bleiben oder ihnen noch weitere Geschwisterkinder nachfolgen – haben etwas Großes gemeinsam: Sie stellen das Leben ihrer Eltern tiefgreifend auf den Kopf. Sie machen aus einem Paar oder auch Single eine Familie. Das Leben ihrer Eltern wird durch sie völlig verändert. Dabei spielt es keine Rolle, ob man jahrelang sehnsüchtig auf die Schwangerschaft gewartet hat oder sich „außerplanmäßig“ in dem neuen Leben wiederfindet.

Viele Paare fühlen sich durch ihr Kind noch tiefer miteinander verbunden und erreichen in ihrer Liebe eine neue Stufe. Das Kind wird zu einer neuen Brücke, wie Jirina Prekop in ihrem Buch „Erstgeborene“ so schön bildlich beschreibt. Es gibt aber auch Paare, die sich durch ihre Elternrolle als Partner mit der Zeit aus den Augen verlieren, mit dem Kind zwischen sich eine „Trennwand“ errichten. Es wirkt polarisierend.

Die neue Rolle als Mutter, Vater oder Eltern will also gut vorbereitet sein und die Paarbeziehung immer wieder neu bewusst gemacht werden.

Erstgeborene organisieren das Leben neu

Meist ändern sich Berufstätigkeiten, Wohnsituationen und auch Beziehungen neu. Man lernt andere junge Familien kennen, kinderlose Freunde trifft man mit der Zeit doch eher seltener. Oftmals wird bei den neuen Eltern das Band zu ihrer Ursprungsfamilie nochmals enger. Im Mittelpunkt des Lebens steht jetzt ein kleiner Mensch, der heranwächst und in den nächsten Jahren geliebt, behütet und glücklich aufwachsen soll.

Gerade bei Erstgeborenen sind zudem viele frisch gebackene Eltern noch unsicher und hinterfragen sich häufig – selbst, wenn sie in ihrer Familie zuvor bereits häufig mit Neugeborenen umgehen durften. Doch nun selbst in der Rolle seines Lebens zu sein, wirft manchmal die Frage auf: Mache ich alles richtig? Bin ich gut in meiner Elternrolle?

Was macht das mit den Erstgeborenen?

Erstgeborene haben ein enges Band mit den Erwachsenen um sie herum und ihre Eltern, mindestens die erste Zeit ihres Lebens, ganz für sich. Das ist prägend. Karl König zitiert in seinem Buch „Brüder und Schwestern“ die amerikanische Psychologin Margret Lautis, die in ihrer Studie darstellt, dass Erstgeborene die Erwachsenen mehr imitieren, ihre Nähe und Anerkennung suchen als Zweit- und Drittgeborene. Dies macht sie häufig zu kleinen „Denkern“, die die Nähe zu Erwachsenen genießen.

Und auch sie spüren, dass ihre Eltern mit ihnen viel Neuland in der Elternrolle betreten. Oft sehen sich die Erstgeborenen auch als „Vorkämpfer“. Sie haben als Erste die Frage aufgeworfen, wieviel Schokolade genascht werden darf. Haben als Erste verhandelt, wie lange man mit 16 ausgehen durfte und wann in den Ferien die Bettgehzeit ist.

Wie geht es weiter?

Das Erstgeborene ist auf der Welt. Bleibt es Einzelkind? Bekommt es Geschwister? Entsteht mit den Jahren vielleicht auch eine Patchworkfamilie?

Ihr merkt, die neue Reihe über „Geschwister“ ist nicht nur sehr spannend, sondern auch vielschichtig. Ich hoffe, dass ich mit den vorsichtig dargestellten allgemeinen Aussagen schon ein wenig eigene Vertiefung anstoßen konnte und freue mich auch über Eure Fragen und Kommentare.

Die längste Beziehung unseres Lebens

Ein Thema, das mich auch sehr fasziniert als „Schicksalsaufgabe“ ist das Thema Geschwister und Geschwisterfolge. Im Moment lese ich viel und gern dazu, als Waldorfpädagogin und auch Soziologin. Es ist meiner Meinung nach ein hoch interessantes, aber nicht sehr häufig beachtetes Thema. Ich möchte da wieder eine kleine Themenreihe starten, so nach und nach, mit der Zeit, wie ich es schaffe.

Meine Familie

Ich bin Jüngste von zwei Kindern. Meine Schwester ist fünfeinhalb Jahre älter als ich. Sie hat meine Ankunft also bewusst erlebt. Nach mir kamen keine weiteren Geschwister. Zweitgeborene zu sein, hat mich geprägt.

Ich selbst habe drei Kinder und damit die drei charakteristischen Rollen der Geschwisterfolge vergeben, mein eigener Zweitgeborener ist im Gegensatz zu mir ein „Sandwichkind“. Meine Kinder haben jeweils einen Altersunterschied von 3-4 Jahren.

Geschwisterfolge

Um einen Überblick über das Thema zu geben, möchte ich gern aus dem Klappentext des Buches „Brüder und Schwestern – Geschwisterfolge als Schicksal“, erschienen im Verlag Freies Geistesleben, zitieren:

Ein Erstgeborener hat andere Voraussetzungen für sein Verhältnis zu den ihm umgebenden Menschen als ein Zweitgeborener. Ein drittes Kind ist wieder verschieden (…) dann begann sich (…) allmählich ein Bild zu enthüllen, das eine erste Antwort auf viele offene Fragen zu geben schien.

Manches gemeinsam, manches verschieden

Wie auch bei anderen Ansätzen, etwa der Temperamentenlehre, kann man nun nicht automatisch von seiner Position als Geschwister- oder Einzelkind aus eine Erklärung für alles im Leben finden. Und doch ist ein Blick auf Geschwisterkonstellationen manchmal recht aufschlussreich.

Das Schicksalhafte an Geschwistern

In seine Rolle als Geschwister- oder Einzelkind wird man geboren, was diese eben äußerst schicksalhaft macht. Selbst, wenn man irgendwann im Leben getrennte Wege geht, man bleibt ein Leben lang Bruder / Schwester, es ist unabänderlich. Die tiefste und prägendste Nähe zu Menschen erfahren wir in den Jahren, in denen wir im „Nest“ unserer Familie heranwachsen. Hier erleben wir, dass Menschen für uns da sind. Und hier lernen wir auch erstmals, für andere da zu sein.

Die Geschwisterfolge und die eigene Position ist ein individueller, sehr aufschlussreicher Baustein unserer eigenen Biografie. Auch wenn man auf das Verhalten von Kindern blickt und dieses verstehen will, kann die Position in der Familie den einen oder anderen Hinweis geben.

Literatur zum Thema von Karl König, Jirina Prekop und Michaela Glöckler.