Einzelkinder

Jedes Erstgeborene ist zumindest eine Zeitlang einziges Kind seiner Eltern, manche bleiben es ihr Leben lang und wachsen als Einzelkind auf. Wie beeinflusst dies die Persönlichkeit oder Biografie?

Zunächst einmal sei gesagt, dass es unzählige Faktoren und Einflüsse gibt – sei es angeboren, umfeldbedingt, konstitutionell uvm. Die meisten unserer Neigungen und Talente haben ihren Ursprung tief im Unterbewusstsein und sind äußerst schicksalhaft. Auch der Platz innerhalb der Familie, den ein kleiner Mensch mit seiner Geburt bekommt, gehört dazu. Und von diesem Platz aus wächst in der weiteren Zeit das Verhalten dieses Menschen innerhalb der Gemeinschaft.

Ein und Alles

Einzelkind zu sein bedeutet, die Eltern exklusiv für sich zu haben. Einzelkinder sind der Mittelpunkt ihrer Eltern – und ihrerseits auch eng an die Eltern gebunden (Anmerkung: „Eltern“ sei an dieser Stelle mit der sozialen Rolle der ersten Bezugsperson gleichgesetzt – selbstverständlich schließe ich kein Familienbild aus!). Selbst, wenn es im unmittelbaren Umfeld des Kindes zahlreiche Kinder- und Spielkontakte gibt, um dem Kind viele Gemeinschafts- und soziale Kontakte zu ermöglichen: In der Nachbarschaft, bewusst gewählte Spielgruppen, Kita, Cousins/Cousinen usw. – am Ende des Tages kehrt ein Einzelkind in sein Elternhaus zurück und dort lebt dann wieder das besonders enge Eltern-Kind-Verhältnis. Das ist ein großer Unterschied zu Geschwisterkindern und zeigt gleichermaßen, wie enorm prägend in diesem Fall auch die Elternrollen sind.

In Geschwisterkonstellationen mit mehreren Kindern übernehmen nicht selten Geschwisterkinder auch Aufgaben für ihre Geschwister, die üblicherweise „Elternaufgaben“ sind: Kranken- und Säuglingspflege, Haushaltsaufgaben und Vieles mehr. Hierdurch entstehen innerhalb der Familie vielfältige Bindungs- und Anknüpfungspunkte der verschiedenen Familienmitglieder untereinander und hier liegt mitunter ein großer Unterschied zu Einzelkindern.

Sind Einzelkinder einsamer?

Auch neuere Studien kommen nicht zu dem Ergebnis, dass Einzelkinder grundsätzlich einsamer sind als Geschwisterkinder, denn gerade heutzutage entscheiden sich viele Eltern bewusst dafür, nur ein einziges Kind zu bekommen und sorgen dementsprechend auch ihrerseits für viele Spiel- und Freizeitkontakte. Sie genießen es bewusst, ihr Kind als Lebensmittelpunkt zu haben und das spüren die Kinder durch ihre große Zuwendung.

Eine Schwierigkeit in Bezug auf Einsamkeit ist für Einzelkinder neuerdings die Isolation im Rahmen der Coronakrise. Ohne kindliche Spielkontakte zu Hause bleiben zu müssen – gerade, wenn es viele Freundschaften in Schule und KiTa gibt – kann nochmal schwerer sein, als sich mit Geschwistern zu Hause zu arrangieren.

Die Qualität von sozialen Erfahrungen und Prägungen

Im engen Kreis der Familie findet eine soziale Prägung statt, die doch noch etwas abweicht von Kontakterfahrungen in Gruppen und Einrichtungen – hier wird mehr untereinander ausprobiert, es gibt mehr unbeaufsichtigte Momente und es wird von Seiten der Kinder meist auch mehr untereinander reguliert. Beispiel Geschwisterstreit: Wenn Eltern bei Konflikten gleichzeitig die Eltern aller Beteiligten sind, wird anders geurteilt und Konsequenzen gezogen, als wenn mehrere „Eltern-Parteien“ mitmischen. Wer Geschwister hat, hat meist auch mal unter ihnen gelitten: Ist enorm geärgert worden, hat auch mal körperlich Auseinandersetzungen erlebt, sich von den Eltern besonders unverstanden oder ungerecht behandelt gefühlt… Innerhalb der Familie sind diese emotionalen Eindrücke und Enttäuschungen weitaus größer als bei Konflikten, die in Einrichtungen entstehen, wo Erzieher*innen (hoffentlich) mehr professionell als emotional agieren und gleich mehrere Eltern in ein reflektierendes Gespräch mit einbeziehen.
Andererseits können Geschwister auch Verbündete sein: Besonders gute Beschützer, Verbündete auch gegen die eigenen Eltern und mehr. Einzelkinder haben zu Hause weder Verbündete noch Konkurrenten.

Bewusstsein der Kinder- und Elternrolle

Ob jemand 1 , 2, 5 oder keine Geschwister hat – das lässt sich von den Kindern nicht steuern, sie werden in ihre Familie hineingeboren. In gewisser Weise prägt es sie aber.
Die Bedeutung der Elternrolle dabei und die Auseinandersetzung mit ihr, ist nicht selten ein zentraler Schlüssel bei Biografiefragen von Einzelkindern.

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