Sommerferien: Der Abstand nach dem Schuljahresendspurt

Wieviel Abstand brauchst du, wenn Du kräftemäßig an Deine Grenzen gestoßen oder sogar über sie hinaus gegangen bist? Der diesjährige Schuljahresendspurt hatte es für mich in sich, da kam vieles in konzentrierter Form zusammen, sowohl schulisch als auch privat (zwei nahestehende Todesfälle innerhalb weniger Wochen am Schuljahresende). All das hat viel mit mir gemacht. Nun lerne ich daraus – aber erstmal braucht es Abstand, um sich sortieren zu können. Und selbst dieser ist in diesem Jahr ganz besonders.

Das Happy End

Jedes Schuljahr soll für alle Beteiligten im Guten enden. So, dass wir uns feiern für viele neue Meilensteine und fröhlich in die Ferien gehen. So, dass wir aber auch wissen, was die nächsten Schritte sind, für die wir in den Ferien neue Kräfte sammeln und auf die wir zuversichtlich zugehen. Manchmal nehmen wir am Schuljahresende auch Abschied, vorzugsweise natürlich auch im Guten.

Das sind also alles Wünsche, die wir uns selbst erfüllen können, aber nur als Gemeinschaft im Ganzen. Mein Optimismus für ein Happy End hat in diesen letzten Schultagen – sagen wir es mal so – zumindest etwas gewackelt. War doch vieles sehr kräftezehrend. Doch ich wurde von den Kindern und einigen Eltern meiner Klasse überrascht. Jedes Kind hatte am letzten Schultag eine Rose für mich, einige Familien auch noch persönliche Feriengrüße. Es gab ein leckeres Klassenfrühstück voller Delikatessen. Viele Eltern haben beim Klassenumzug geholfen, sodass wir sehr schnell fertig wurden und sogar noch genügend Zeit hatten, gemeinsam einen mitgebrachten Kuchen nach getaner Arbeit zu snacken.

… und der Weg dorthin

Wie so ein Schuljahr am Ende für eine Klasse ausgeht, daran wirken viele Menschen mit; Eltern, Lehrende und die Kinder selbst. Wobei wir Klassenlehrer:innen natürlich den Hut aufhaben und den Überblick bewahren müssen. Dieser Hut ist nicht immer leicht, aber ich trage ihn auch nach Jahren sehr gerne – selbst wenn er zwischendurch mal etwas ramponiert wird und dann neu herausgeputzt werden muss.

Was dieses Jahr besser geklappt hat:

  • Ich habe mir eine neue Struktur für das Zeugnisschreiben überlegt, die sich als wirklich effektiv erwiesen hat und im neuen Schuljahr weiter ausgebaut wird.
  • Ich habe erstmals eine Klassenaktion, die Olympiade, auf den Beginn des neuen Schuljahres verschoben – und damit im vorhandenen Schuljahr nicht wie geplant abgeschlossen. Normalerweise hätte ich es durchgezogen, um einfach alle Vorhaben zu beenden und ohne „Altlast“ zu starten. Diesmal hat aber die Vernunft gesiegt und ich bin mir sicher, dass es mit neuer Energie ein schönes Fest zum Auftakt des neuen Schuljahres wird. Dieser Schritt, die Olympiade zu vertagen, hat mich große Überwindung gekostet, jetzt ist es aber okay, auch für die Kinder. Es fühlt sich also nicht nach Altlast an.

Woran ich jedes Jahr zu knabbern habe und wofür ich noch immer eine Lösung suche:

  • ich kann meine Zeugnistexte nur schwer loslassen. Immer wieder lese und formuliere ich in ihnen herum, bis zur letzten Minute. Ich fühle mich so betriebsblind!
  • Ebenso ist es mit den Zeugnissprüchen. Ich liebe es, sie zu schreiben – und beim Verfeinern wird es wiederum schwierig mit dem Loslassen. Ich „teste“ zwar die Zeugnissprüche in den Wochen vor Schuljahresende und lese jeden Tag der Klasse aus meinem Zeugnissprüchebuch vor. Dabei nehme ich wahr, ob und wie die Sprüche bei den Kindern ankommen. Dieses Jahr habe ich mehrere Sprüche verworfen und komplett neu oder anders geschrieben. Gleichzeitig habe ich aber auch noch nie so viele passende Aquarelle zu den Sprüchen bekommen. Was für eine schöne Verbindung!
  • Ich schaffe es fast nie, vor dem Klassenumzug nochmal in Ruhe auszumisten. Das geschieht erst beim Einräumen der neuen Klasse und ist im Grunde so viel unnötige Arbeit – dieses Einpacken und Mitschleppen des Überflüssigen.

Jetzt ist aber erst einmal Abstand angesagt

Der Ferien-Tapetenwechsel steht jetzt an: Viele Ausflüge, Aktivitäten, Besichtigungen, neue Orte, Zeit zum Schreiben und für Podcastproduktionen …dieses Jahr führen mich die Ferien an manche besondere Orte meiner Jugend zurück – und meine Kinder erleben diesen Teil von mir, den sie nur aus meinen Erzählungen kannten.

Das ist ein ganz besonderer Abstand nach einem ganz besonderen Schuljahresende. Ich werde noch mit einer kleinen Blog-Reihe auf das vergangene Schuljahr zurückblicken. Alles so nach und nach, ganz im Ferienmodus.

Ich wünsche allen Leser:innen einen schönen Sommer und freue mich, wenn Ihr ab und zu hier lest.

Zeit der Zeugnissprüche

„Ist er schon da?“ Das ist die Frage aller Fragen. „Natürlich ist er schon da. Dein Zeugnisspruch fürs nächste Schuljahr. Bitte male schon einmal ein Aquarell, auf das ich ihn schreiben kann.“ Zu keiner Zeit im Jahr zeigt sich so intensiv die Verbundenheit zwischen den Kindern der Klasse und mir nach außen, wie ich finde.

Jedes Kind vor dem inneren Auge

Alles, was man das Jahr über von jedem einzelnen Kind gesammelt hat – notierte Eindrücke, Arbeitsergebnisse und auch innere Bilder – das wird nun sorgsam in den Zeugnisberichten zu Papier gebracht. Die Beschäftigung mit jedem einzelnen Kind bewirkt, dass die Verbindung noch einmal mehr deutlich zu spüren ist. Und das macht auch etwas mit den Kindern. Allerdings ist gerade dieses „etwas“ nicht genau in Worte zu fassen. Jedenfalls nicht in erklärende, versachlichende Worte. Aber zum Glück gibt es ja Zeugnissprüche.

Künstlerische Zugewandtheit auf beiden Seiten

Die Beschäftigung mit jedem einzelnen Kind erreicht nicht nur mich als Lehrerin, sondern auch die Kinder auf einer sehr feinfühligen Ebene. Die Ebene, in der Kunst wirksam ist und zum Ausdruck kommt. Das gemeinsame Kunstwerk: Die Zeugnissprüche.

„Bereitet mir schon einmal ein Aquarell für den neuen Zeugnisspruch vor“

Das ist der Auftrag. Dann malt jedes Kind ganz in Ruhe und für sich. Es gilt, darauf zu achten, dass ich meinen Text gut platzieren kann. Den Rest bestimmen die Kinder selbst. Am Ende geschieht dann das ganz Besondere: Zeugnisspruch und Aquarell harmonieren miteinander, ohne sich vorab „gekannt“ zu haben:

Die Kinder haben nicht zu einem Spruch aquarelliert,
ich habe die Sprüche nach dem Betrachten eines Aquarells geschrieben.

Trotzdem passt beides zusammen.

Und wenn man gar nicht selbst schreibt?

Ich habe plötzlich Verse im Kopf, schreibe sie nieder und weiß genau, für wen sie sind. Da dies so unvermittelt geschieht, habe ich mein Notizbüchlein für die Zeugnissprüche immer bei mir. Ich schreibe nun einmal leidenschaftlich gern. Waldorflehrer:innen, die nicht selbst schreiben, sondern in Büchern die passenden Sprüche für ihre Schüler:innen finden, erleben Ähnliches. Sie lesen einen Spruch und wissen genau, für wen er ist. Von daher bin ich der Auffassung, dass Selbstschreiben und Finden-durch-lesen keine unterschiedlichen Qualitäten sind, sondern nur unterschiedliche Zugänge für eine zwischenmenschliche Ebene, die nicht nur versachlicht dargestellt werden kann.

Es ist übrigens auch diese künstlerische Arbeit, die mir beim „verkopften“ Schreiben der vielen Berichte immer wieder den Akku auflädt.

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