Die Gezeiten und die Nordsee – im Glas

Der Norden Deutschlands mit dem Weltnaturerbe Wattenmeer war zu Beginn dieses Schuljahres einer unserer Themenschwerpunkte in Erdkunde, denn dorthin geht nun unsere Klassenfahrt. Das Phänomen der Gezeiten an die Kinder heranzutragen, war eine der Herausforderungen, über die ich lange nachgedacht hatte. So kam ich auf die Idee der „Nordsee im Glas“, um die Kinder durch eigenes Erleben und in Bewegung den Lerninhalt für sich ergreifen zu lassen.

Der Lerninhalt – ziemlich abstrakt

Die Gezeiten entstehen durch das Zusammenspiel von Erde und Mond. Dabei zieht der Mond das Wasser auf der Erdoberfläche durch die Wirkung seiner Gravitationskräfte an. Diese Kräfte hängen vom Stand des Mondes auf seiner Umlaufbahn sowie der Erdrotation ab. Auf der mondzugewandten Seite der Erde ist die Gravitationskraft größer als die Fliehkraft der mondabgewandten Seite und das Wasser wird Richtung Mond gezogen – es entsteht ein „Flutberg“. Auf der mondabgewandten Seite ist die Gravitationskraft des Mondes wiederum kleiner als die Fliehkraft. Die Wassermassen verschieben sich in die entgegengesetzte Richtung und es entsteht ein zweiter Flutberg. Die Erde dreht sich bei ihrer täglichen Rotation und dadurch gibt es zweimal täglich Hochwasser und zweimal täglich Niedrigwasser. Soweit die Theorie.

Gezeiten-Übung Teil 1: Partnerarbeit

Wir suchten uns einen großen Raum und immer zwei Kinder bildeten ein Team. Dabei stellte ein Kind die Erde dar und das andere den Mond: Die Erde dreht sich um ihre eigene Achse und der Mond läuft dabei um die Erde herum. Um die Geschwindigkeiten zu verdeutlichen, geht als nächstes der Mond etwa einen Schritt weiter auf seiner Bahn, nachdem sich die Erde einmal herumgedreht hat. Vorsicht bei zu schneller Rotation der Erde! Schließlich soll es niemandem schwindelig werden. Der Mond muss seine Bahn daher auch nicht vollenden. Es reicht, wenn die Bewegung verstanden und einige Male wiederholt wurde. Denn wenn man es ganz genau nimmt, müsste nämlich der Mond in etwa 26-28 Schritten die Erde umkreisen und sich die Erde dabei ebenfalls 26-28 mal um die eigene Achse drehen….

Nachdem man also die Bewegung der beiden Himmelskörper einmal nachgestellt hat, findet ein Rollenwechsel statt, damit jedes Kind die Bewegung von Erde und Mond jeweils einmal erlebt. Danach ist der große Bewegungsdrang dieser Übung auch erst einmal gestillt und man kann sich ganz in Ruhe dem Wasser auf der „Erde“ zuwenden.

Gezeiten-Übung Teil 2: Nordsee im Glas

Ich habe zur Vorbereitung in einen Eimer mit Wasser etwas blaue Aquarellfarbe gegeben (die blaue Farbe zeigt sich den Kindern deutlicher als klares Wasser) und das Gemisch auf Einmachgläser verteilt – die Nordsee im Glas. Jedes Team bekam ein Glas. Das Kind, das die Erde darstellte, hielt sozusagen die Nordsee in Händen. Während es sich langsam um die eigene Achse drehte, musste das Glas ein wenig in Richtung Mond (Anziehungskraft) gekippt werden – wie vom Mond angezogen – , vom Mond abgewandt wiederum zur anderen Seite. Das Kind, welches also Erde mit Nordsee darstellte, musste bei der eigenen Drehbewegung auf den Standort des „Mondkindes“ achten. Dieses wiederum konnte die Bewegung des blauen Wassers gut beobachten.

Auch hier wurde nach einigen Runden die Rollen getauscht.

Lernen in Bewegung

Im Anschluss an diese Übung haben die Kinder sich eigene Notizen und Skizzen gemacht. In der Folgestunde konnten wir gut einen gemeinsamen Epochenheftbeitrag zu dem Thema erarbeiten und jedes Kind hat zudem selbständig zur Veranschaulichung eine Zeichnung angefertigt, dabei das Lernerlebnis also nochmals durchdacht und umgesetzt.

Selbstverständlich haben wir gründlich besprochen, dass die Erde die Meere nicht „kippt“ (wie die Kinder die Gläser), da ja andere Kräfte wirken. Dennoch zeigte sich die Bewegung des Wassers und das Phänomen Ebbe und Flut erschloss sich auf diese Weise den Kindern.