In Sicherheit

In der vergangenen Woche stand unser Familienleben etwas Kopf. Es ging sehr schnell, dass wir eine geflüchtete Frau aus der Ukraine bei uns aufgenommen haben. Da mich zu diesem Thema viele Fragen erreicht haben, fasse ich heute einmal unsere ganz persönlichen Erfahrungswerte nach einer Woche zusammen.

Unterkünfte bei Privatleuten

Bislang war die Unterbringung von Geflüchteten meist in Sammelunterkünften organisiert, Privatleute mit ihren Wohnungen und Räumen außen vor. Das ist diesmal anders. Jeder kann und darf eine Unterkunft anbieten, so dass dieses Thema auch von vielen bewegt wird und Fragen aufwirft. Insbesondere natürlich die Frage, ob man sich eine Aufnahme zutrauen kann, wenn man noch ein Zimmer übrig hat.

Wir haben uns schnell entschieden, es gab aber auch besondere Umstände

In der lokalen Presse hatten wir bereits mitverfolgt, dass in unserer Stadt die ersten Geflüchteten angekommen sind und dies über ein privates Netzwerk organisiert wurde. Zeitgleich wurde auch die Webseite Waldorf hilft Ukraine vom Bund der Freien Waldorfschulen gestartet, wo ebenfalls Hilfsangebote eingestellt werden können. So passierte bereits viel „vor unserer Haustür“, das wir aufmerksam verfolgten.

Es kreisten also unsere Gedanken schon zu dem Thema, als eine Schülerin meiner Klasse, die bei uns „um die Ecke“ wohnt, am Freitagmorgen berichtete, dass am Abend zuvor eine junge Mutter mit Kleinkind bei ihnen eingezogen war. Da habe ich zunächst den Eltern meine (nachbarschaftliche) Hilfe angeboten. Am Samstag bekamen wir dann schon die Nachricht, dass auch die Mutter der jungen Frau inzwischen geflohen sei und eine Unterkunft benötige. Der Gedanke, die Familie durch eine Unterkunft bei uns in dieser extremen Notlage wieder zusammenführen zu können, ließ uns dann ziemlich spontan als Familie die Entscheidung treffen, ein Zimmer mit eigenem Bad bei uns anzubieten.

Wir haben an diesem Samstag alle Wochenendpläne über Bord geworfen, mein Arbeitszimmer zu einem Gästezimmer umgestaltet, das Badezimmer vorbereitet und noch einen kleinen Ikea-Einkauf am Abend eingeschoben. Am nächsten Morgen erfolgten dann die letzten Handgriffe.

Die Ankunft

Bereits am Sonntagnachmittag kam unsere neue Mitbewohnerin körperlich erschöpft und emotional sehr aufgewühlt bei uns an. Noch nie in ihrem Leben war sie irgendwohin gereist und hatte nun plötzlich eine Flucht hinter sich.

Unsere Haustür war noch gar nicht wieder geschlossen, da musste mein Mann schon unser WLAN-Passwort ins Handy eingeben. Das Handy – allerwichtigstes Utensil, um in Kontakt zu bleiben. Nicht zu vergessen: Die Übersetzer App! Dabei hatte sie zuvor gar kein Handy besessen und so gab es noch kleinere Schwierigkeiten, es zu bedienen. Allerdings lieb es dabei nicht lange.

Zimmer beziehen

In unserer Vorstellung hatte sie in ihrem Koffer ihre wichtigsten persönlichen Dinge, mit denen sie sich nun einrichten würde. Weit gefehlt: Flüchten heißt, um das eigene Überleben zu kämpfen. Da hilft nichts außer Nahrungsmittel. Somit war in ihrer Reisetasche nur ein Essensvorrat, den sie sogleich im Kühlschrank aufbewahren wollte. Alle anderen Dinge, von Wäsche bis zur Seife, fehlten im Gepäck. Wir waren aber soweit auf alles vorbereitet, glücklicherweise konnte ich schnell von einer Kollegin Kleidung in passender Größe organisieren.

Anlaufstelle im Nachbarort

Nur 2 km von uns entfernt, im Nachbarort, ist von ehrenamtlichen Helfern ein Spendenlager für Geflüchtete eingerichtet worden: Von Bettzeug über Kleidung, Hygieneartikel und Lebensmittel, ist dort alles für den täglichen Bedarf kostenfrei erhältlich. Dort hätten wir auch vor der Aufnahme alles bekommen. Man wird auch sehr gut beraten und unterstützt.

Die drei waren in den letzten Tagen mit mir und auch der anderen Familie dort. Nun denke ich aber, dass sie wirklich mit allem ausgestattet sind und es ist auch nicht nötig, dass sie von dort Lebensmittel beziehen – auch wenn sie gern würden. Denn sie möchten uns am liebsten in keinster Weise zur Last fallen. Es ist ihnen nicht angenehm, plötzlich auf fremde Menschen völlig angewiesen zu sein.

Helfen und Hilfe annehmen

Da wären wir schon beim nächsten Thema. Wir erleben gerade in unserem Freundes- und Familienkreis eine große Anteilnahme – und dass jeder am liebsten etwas geben und helfen möchte. Doch hat sich herausgestellt, dass zu viele „Geschenke“ das Abhängigkeitsgefühl bei den Geflüchteten verstärken.

Unsere neue Mitbewohnerin möchte definitiv etwas zurückgeben und fragte von Beginn an jeden Tag, was denn sie für uns tun könnte. Meine erste Reaktion war: „Erholt Euch doch erst einmal, es ist alles in Ordnung, macht Euch keine Gedanken.“ Doch es war auch ziemlich schnell zu bemerken, dass dadurch die Last noch größer wurde. Inzwischen übernimmt sie kleinere Dinge im Haushalt und fühlt sich dadurch etwas wohler. Es hat sich Vieles eingespielt in den letzten Tagen.

Umgang mit Lebensmitteln

Hier hat die ganze Familie nochmal dazugelernt. Auch wenn wir immer schon darauf achten, umsichtig und wenig verschwenderisch mit Lebensmitteln umzugehen. Unsere Mitbewohnerin hat kaum etwas frisch Zubereitetes von uns angenommen, sondern aus Höflichkeit dann eine Kleinigkeit mitgegessen, sich aber weiterhin hauptsächlich von ihren Vorräten der Flucht (Sandwiches, Riegel, Konserven) ernährt. Wenn abends Tee übrig bleibt, wärmt sie ihn sich morgens auf.

Wir achten nun noch mehr darauf, dass wir keine Reste haben und dass wir vor ihren Augen nicht etwa abgestandenen Tee wegschütten.

Eindrücke in der Familie besprechen

Wie Ihr sicherlich schon zwischen den Zeilen lesen konntet, ist unsere Mitbewohnerin ziemlich zurückgezogen und bemüht, uns am besten keine Umstände zu machen. Trotzdem bekommt man natürlich mit, dass sie – vor allem abends – sorgenvoll den Kontakt zur Heimat hält und sich berichten lässt, was vor Ort geschieht. Ihr Wohnhaus existiert inzwischen nicht mehr. Gut, dass sie hier in Sicherheit ist und ihre Tochter unterstützen kann, die um ihren Mann im Krieg bangt. Schlimm, dass ihre schwer kranke Mutter aus dem Krankenhaus evakuiert wurde und sie nicht bei ihr sein kann. Inzwischen hungern ihre Eltern, es gibt nichts mehr in den Läden. Ihre Nächte sind lang und sorgenvoll.

Das, was wir davon mitbekommen, macht sehr betroffen. Wir können es miteinander in der Familie gut besprechen und auffangen. Für unsere Kinder im Alter von 13 und 16 Jahren ist es wichtig, dass wir hier etwas tun können und „unsere“ Geflüchteten in Sicherheit sind.

Auch das große Kind, das schon ausgezogen ist, erfährt natürlich, was bei uns zu Hause passiert.

Die Sprachbarriere

Wir hatten zunächst die Hoffnung, ein bisschen Englisch sprechen zu können, doch es stellte sich bald heraus, dass man in Sachen Sprache keinen gemeinsamen Nenner hat. Unsere Waldorfschule bietet auch kein Russisch an, so dass wir komplett auf die Übersetzer App angewiesen sind. Doch auch die verstehen wir immer besser 🙂

„Ich gehe mein Pferd streicheln“ heißt beispielsweise „Haare waschen“. Wir haben also auch skurrile Momente …. Ich bin oft gefragt worden, warum Russisch und nicht Ukrainisch. Sicher weiß ich es nicht, aber ich fürchte, der Übersetzer funktioniert mit Russisch etwas besser.

Behördengänge

Die hat mein Mann übernommen und musste sich in dem Dschungel erst zurechtfinden. Am Freitag gab es aber eine erste Barauszahlung an unsere Mitbewohnerin und so hat sie nun ein wenig eigenes Geld.

Es ist gut, dass mein Mann beruflich flexibel und im Homeoffice auch jederzeit grundsätzlich ansprechbar ist. Wer viel außer Haus ist, braucht zumindest ein verlässliches Netzwerk! Es ist eine nicht zu unterschätzende Aufgabe, jemanden bei sich aufzunehmen, der sich in einem fremden Land zurechtfinden und familiär jederzeit mit dem Schlimmsten rechnen muss.

Wie es weitergeht

Genau wissen wir es natürlich noch nicht. Am allerliebsten würden die drei so schnell wie möglich in ihr Land zurückkehren. Bis das jedoch möglich ist, lernen sie Deutsch, wollen irgendetwas arbeiten und am besten eine eigene kleine Wohnung beziehen. Kurz gesagt: Wieder auf eigenen Füßen stehen.

Doch machen wir uns nichts vor: Das wird dauern. Und sie werden auch noch einige Zeit unsere Unterstützung benötigen.

Trotzdem ist heute unser Fazit: Wir sind froh, es gewagt zu haben und werden der kleinen Familie weiterhin zur Seite stehen.

Ein Gedanke zu „In Sicherheit

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s