Und wieder ein neues Lernpaket

Wir müssen weiter zu Hause bleiben. Der Abstand zur Schule wird immer größer, das Lernen zu Hause, ohne die Gemeinschaft, immer eintöniger. Jedes neue Lernpaket ist für die Kinder eine willkommene Abwechslung, hat auch für mich seine eigenen Herausforderungen: Die Verbundenheit zwischen den Kindern, der Schule und mir erhalten, die Herzen erreichen, dazu Lernfortschritte ermöglichen.

Diese Woche war `s wieder schwer

Diese Woche lief wieder dieses schräge Parallelprogramm: Die letzten Epochentage im Fach Mathematik mussten in Distanz an die Kinder herangetragen werden, gleichzeitig liefen die Vorbereitungen für das neue Lernpaket. Und das ist eine große Herausforderung und ziemlicher Kraftakt. Auch wenn das vielleicht von außen betrachtet nicht so erkennbar ist.

Ich muss mich vorab selbst irgendwie auf die neue Epoche einstimmen und mich innerlich mit ihr und den Kindern dabei verbinden. Das große Ziel ist es, die Kinder in der Ferne Kinder zu erreichen, ohne eben unmittelbar ihre Reaktionen dabei mitzubekommen. Und das für jeden einzelnen vor uns liegenden Unterrichtstag, für alle Kinder der Klasse. Jetzt schon. Während noch die letzten Tage der Vorgängerepoche laufen. Denn das Material muss ja nicht nur erstellt werden, sondern auch rechtzeitig beim Kind ankommen. Das ist also auf vielen Ebenen schon recht anstrengend und natürlich durch eine gewisse Ungewissheit, die einen dauerhaft begleitet und nicht planbar ist, auch nicht so richtig zufriedenstellend.

Formenzeichnen in Distanz – das neue Lernpaket

Gerade Formenzeichnen lebt vom gemeinsamen Tun, ist als Unterrichtsfach anspruchsvoll, dabei aber nicht intellektuell. Hier habe ich bereits darüber berichtet. Die Formen sollen bei den Kindern als Geste ankommen. Sie wirken weit im Seelischen. Das ist eine große Hürde, die man im Distanzunterricht nehmen muss.

Ich habe daher den Kindern auf einer Übersicht viele ihnen bekannte Wege aufgezeigt, sich sinnlich und bewegend mit den gegebenen Formen auseinanderzusetzen. Da jedes Kind einen anderen Zugang findet und andere Gegebenheiten zu Hause hat, darf jeden Tag aus einer langen Reihe von Ideen gewählt werden, wie man an die jeweilige Form des Tages herangehen will.

Im Paket befinden sich daher auch: Ein von den Kindern in der Handwerkerepoche selbst gesponnener Faden, von mir hergestellter kinetischer Sand, der nach unserem „Goldtröpfchen“ duftet (zum Rezept) und zwei Stückchen Kreide, um Formen in Groß aufzumalen, z.B. auf die Hauseinfahrt oder den Hauseingang (auf groß gemalte Formen kann man balancieren oder hinkeln).

Außerdem ist ein kleines Geheimnis enthalten, eine Muttertagsbastelei. Basteln für den Muttertag ist in der Schule immer sehr beliebt, kleine Geschenke herzustellen, ist generell ein Highlight. Die Kinder machen ihren Eltern so gern eine Freude. Das fällt dann wenigstens nicht ganz aus – und die Mütter sind meist so eingebunden ins Homeschooling, dass eine kleine Aufmerksamkeit auf jeden Fall auch ganz wichtig ist.

Manchmal ist Präsenz durch nichts zu ersetzen

So sieht`s aus. Kopfthemen lassen sich im Großen und Ganzen recht gut aus der Distanz unterrichten. Herzthemen sind schon schon etwas schwieriger und brauchen viel Feingefühl – und das gemeinsame Handanlegen ist nicht zu ersetzen. Die Hausbauepoche, das Erfassen von Maßen und Gewichten – das fällt aus bis zur nächsten Präsenzphase, die hoffentlich bald möglich ist. Und dann wird jeder Schultag erst einmal ein kleines Fest…

Doch bis dahin gilt es, mit allen Familien in gutem Kontakt zu bleiben und gemeinsam diese schwierige Zeit zu überstehen.

Darum das Alte Testament als Erzählstoff in Klasse 3

Nach getaner Arbeit dürfen die Kinder zum Ende des Epochenunterrichts einmal ganz in Ruhe in den Erzählteil eintauchen. Der Erzählteil bringt Entspannung und sorgt als „Seelennahrung“ für innere Bilder. Zum altersgerechten Erzählstoff in Klasse 3 gehören die Geschichten des Alten Testaments.

Der sprachliche Aspekt des Erzählteils

Zunächst einmal möchte ich generell beschreiben, welcher sprachlicher Reichtum von den alten Erzählungen ausgehen: Ob Märchen, Fabeln, Altes Testament oder nordische Mythologie – die überlieferten Geschichten lassen die Kinder mit alten, ganz besonderen Sprachschätzen in Berührung kommen. Dabei wird nicht nur der Wortschatz erweitert, sondern das Erleben „schöner Sprache“ wirkt wohltuend im Seelischen und schafft auch in gewisser Weise eine Brücke in die Welt der Fantasie.

Erzählstoff braucht kein Lernziel zu erfüllen

Der Erzählteil trägt zwar auch Allgemeinwissen an die Kinder heran. Unumstritten gehören Märchen oder das alte Testament zur Allgemeinbildung, keine Frage. Doch es geht bei der Wahl des Erzählstoffes weniger um ein Lernziel als darum, die Kinder mit inneren Bildern zu versorgen, die ihrem Entwicklungsalter entsprechen und auf der seelischen Ebene fördern.

Der Rubikon und der Erzählstoff in Klasse 3

Um das 9. Lebensjahr herum vollziehen Kinder einen großen Entwicklungsschritt: Sie erleben sich erstmals nicht mehr als „Eins mit der Welt“, sondern nehmen bewusst eine „Um-Welt“ wahr. Die gewohnte „Mit-Welt“ gibt es nicht mehr, das Gefühlsleben ändert sich. Die Kinder können es nicht in Worte fassen, was da gerade mit ihnen passiert und doch kann es für ein kleines inneres Erdbeben sorgen: Es ist vergleichbar mit der „Rubikon“-Legende – von nun an gibt es kein Zurück mehr. Dieses neue Gefühl und die neu gewonnene Erkenntnis einer eigenen Grenze nach außen setzen oftmals große Kräfte und Tatendrang frei, lösen aber nicht selten auch ein Gefühl von Einsamkeit aus.

Mit diesem Entwicklungsschritt stellen die Kinder Fragen nach ihrer eigenen Herkunft, die der Menschen und der ganzen Welt. Mit den Geschichten aus dem Alten Testament, beginnend mit der Schöpfungsgeschichte, wird auf sehr feine Weise diese Gemütslage gespiegelt. Wie die Vertreibung aus dem Paradies wirkt der Rubikon. Der Mensch muss von nun an für sich selbst sorgen und lernt die Arbeit an der Erde kennen und lieben. Genau das greift der Waldorflehrplan auf. Mit dem Erzählstoff – der indirekt wirkt – fühlen sich die Kinder gesehen und verstanden.

Erzählteil auch im Homeschooling

Ich finde es gerade jetzt, während dieser langen Zeit des Distanzlernens, so wichtig, die Kinder auch mit dem passenden Erzählstoff zu erreichen. Daher gehört die Geschichte des Alten Testaments zum täglichen Homeschooling dazu.

Weiterer Erzählstoff

Ich erzähle nicht das ganze Schuljahr über die Geschichten des Alten Testaments, sondern lasse auch passende Lektüre der jüngeren Kinder- und Jugendliteratur einfließen. Astrid Lindgren bietet mit „Mio mein Mio“, „Die Brüder Löwenherz“ oder „Ronja Räubertochter“ ebenfalls wunderbare Rubikon-Lektüren. Auch Cornelia Funkes „Drachenreiter“, Uwe Timms „Zugmaus“ oder Michael Endes „Jim Knopf“ eigenen sich gut für das Alter – um nur einige zu nennen.

Buchempfehlung zum Alten Testament

Die folgenden Buchempfehlungen sind persönliche Empfehlungen, die ich hier unbeauftragt teile. Die genannten Bücher habe ich selbst gekauft.

„Das Alte Testament für Kinder“ – Verlag Urachhaus, dieses Buch ist mit wunderschönen, passenden Aquarellen gestaltet.

„Und es ward Licht“ (Jakob Streit) – Von der Weltenschöpfung zur Arche Noah (Verlag Freies Geistesleben)

„Ziehet hin ins Gelobte Land“ (Jakob Streit) – Der Weg des Volkes Israel von Abrahams Berufung bis zu Davids Traum (Verlag Freies Geistesleben)

Hörempfehlung

Auch mit Dustin habe ich in unserem Podcast „Kaffee, Kreide, Morgenspruch“ über den Ablauf eines Epochenunterrichtes gesprochen und dabei den Erzählteil etwas beleuchtet:

Hier der Link

Der Mäuserich Frederick und ich

Das hier ist ja auch so eine Art Tagebuch. Heute geht es mal um die große Vermissung. Ganz ehrlich: Manchmal komme ich mir vor wie Mäuserich Frederick – Gerade in diesem Schuljahr sind es die intensiven Momente der Präsenztage, die ich irgendwo tief im Herzen gesammelt habe und die mir aktuell wahre Kraftspender sind.

Die Schöpfungsgeschichte, die ganz lange, wundervolle Ackerbau-Epoche, unsere Rosina mit dem schönen Wollhandwerk, das Schmieden und Korbflechten und der Schornsteinfegerbesuch – all das scheint jetzt so eine Art „Lockdown-Vorrat“ zu sein wie die gesammelten Sonnenstrahlen und Farben, mit denen Frederick den grauen und dunklen Winter überstanden hat.

Ich hoffe sehr, dass auch die Kinder noch von diesen schönen Momenten zehren und bis dahin bleibe ich pädagogisch so kreativ wie möglich, damit unser unsichtbares Band nicht reißt.

Denn eins steht auch fest: Wenn wir Erwachsenen jetzt einbrechen, wird die Situation für die Kinder noch schwieriger.

Welches sind Eure Farben und Sonnenstrahlen?

Das Dezimalsystem zum Basteln und Be-greifen

Es ist eine einfach Bastelei mit großer Wirkung: Das Dezimalsystem wird mit Hilfe von Eisstielen gebastelt und dargestellt. Hier erfahrt Ihr, was zu beachten ist und bekommt die Vorlage als Download.

Hunderter – Zehner – Einer: Diese Grundlage braucht es

In der Stellenwerttafel stehen an jeder Stelle – bei den Einern, Zehnern und Hundertern – die Zahlen von 1 – 9. Ab „10“ erhält die nächst größere Stelle 1 dazu.

Es ist wichtig, dass den Kindern bewusst ist, welche Mengen hinter den dargestellten Zahlen stehen. Dazu habe ich monatelang mit Montessori- bzw. Dienesmaterial gearbeitet und die halbschriftlichen Rechenverfahren darstellend begleitet. Zehnerüberschreitung hieß dabei auch „Einwechseln“. Beispiel: 5 Einer + 6 Einer = 11 Einer –> 1 Zehner + 1 Einer

Der Übergang zum halbschriftlichen Rechnen

Mit der Eisstiel-Bastelei sollte nun der Übergang zum halbschriftlichen Rechenverfahren gelingen. So haben wir die Stiele, die den Stellenwert darstellen sollten, gestaltet:

  • Die Einer in der „Einerfarbe“ dargestellt, dazu das Punktsymbol der Einer
  • Die Zehner in der bekannten „Zehnerfarbe“ geschrieben, dazu das Strichsymbol der Zehner
  • Die Hunderter wiederum in der „Hunderterfarbe“ geschrieben, dazu das Quadrat als Hundertersymbol

Erste Schritte mit dem „Eisstielrechner“

Als Erstes wurden verschiedene Zahlen gesagt und dann dargestellt. Hier kam es darauf an, „Zahlendreher“ wie 46 statt 64 zu vermeiden und natürlich die Ziffern an den richtigen Stellen anzuzeigen (Hunderter, Zehner oder Einer).

Verwendung zur Überprüfung der Ergebnisse

So wie im halbschriftlichen Rechenverfahren schrittweise auf die Hunderter, Zehner und Einer geachtet wurde, so wurden diese je nach Aufgabe, Stelle für Stelle, auch auf dem „Eisstielrechner“ weitergeschoben. Hier war es mir wichtig, dass erst halbschriftlich gerechnet, dann mit den Eisstielen „überprüft“ wurde. So wurde die Verbindung zwischen den Mengen und den jeweiligen Stellenwerten hergestellt.

Aus der Überprüfung ergibt sich ein „Trick“

Im dritten Schritt haben sicherlich viele Kinder bald gemerkt, dass man mit der „Überprüfung“ wesentlich schneller rechnen konnte als mit der ausführlichen Dokumentation der Rechenschritte. Leider habe ich diesen Aha-Moment beim Distanzlernen nicht unmittelbar mitbekommen. Doch die Berichte aus den Familien zeigten, dass er stattgefunden hatte.

Aus diesem „Trick“ der Überprüfung entstand dann das schriftliche Rechnen. So konnte ich den Kindern zeigen, dass man die Zahlen der Aufgaben einfach stellengerecht untereinanderschreiben und verrechnen muss – so wie es mit den Eisstielen geschieht.

Erfreuliche Resonanz

Auf diesem Weg konnte ich selbst rechenschwache Kinder erreichen und den neuen Lernstoff aus der Distanz an sie heranführen. Ich freue mich so sehr darüber und deshalb möchte ich es hier teilen. Die Videoanleitung füge ich ein, ebenso die Schablone als Download.

Ich wünsche viel Freude und Erfolg mit der „Eisstielrechenmaschine“!

Leckeres Eis ohne Eismaschine und schnell gemacht

In meiner Familie wird Eis geliebt und besondere Eissorten wecken auch besonderes Interesse. Doch wenn man einmal im Großhandel die Tetrapaks mit „Eigelb“ gesehen hat, die die meisten Eishersteller und Eisdielen ihren Produkten hinzufügen, kann einem schon auch die Lust auf Eis vergehen. Ich habe daher gestern mit den Kindern eine „Eis-Versuchsküche“ gestartet und siehe da: Wir haben ein tolles Eisrezept gefunden, mit dem man kreativ sein kann und das leckeres Eis beschert – und dabei kommt es ganz ohne Eismaschine oder lästiges Rühren zwischendurch aus.

Die Idee von einer „Grundmischung“

Ich hatte gelesen, dass eine dickflüssige Creme aus Sahne und Milch nach dem Gefrieren noch cremig bleibt. Auf dieser Grundlage haben wir dann gestern eine „Grundmischung“ aus Sahne, Milch, Vanillepaste und Agavendicksaft gezaubert, die dann nach Belieben verfeinert wurde.

Unsere Varianten

Idee 1: Himbeersmoothie unterheben – hier braucht man nur noch einen Pürierstab, mit dem man gefrorene Himbeeren und den Saft einer halbe Orange mixt. Die Masse zieht man locker durch die Creme, das ergibt zudem ein schönes Muster. Weitere Möglichkeit zu verfeiner: Die Blüten-Frucht-Mischung meiner Frühlingsrezepte.

Idee 2: Lieblingskekse zerkleinern und unterheben. Das klappt bestimmt auch mit Schokolinsen und zerstoßener Lieblingsschokolade – für die ganz „Süßen“ unter uns….

Idee 3: Haferflocken. Das war natürlich mein persönlicher Favorit (Ihr wisst ja, ich brauche immer meinen täglichen „Haferkick“) – die Grundmischung einfach mit Haferflocken verrühren und fertig ist das leckere Eis. In einem Glas habe ich es allerdings etwas übertrieben mit der Haferflockenmenge. Da wurde die Masse nach dem Einfrieren sehr fest.

Hier das ausführliche Rezept zum Download:

Die Fertigstellung

Einfach ab in den Gefrierschrank: Wir hatten nach 2 Stunden perfektes Eis. Es war nicht nötig, das Eis zwischendurch umzurühren. Es ist möglich, dass das Einfrieren deutlich schneller geht.

Alle Vorteile auf einen Blick

  • man weiß, welche Zutaten enthalten sind
  • den Grad der Süße kann man ebenfalls selbst bestimmen
  • Herstellung innerhalb von Minuten
  • süßer Vorrat
  • man braucht keine eigene Eismaschine
  • der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt
  • man spart Geld, denn die eigene Herstellung ist günstiger als fertig gekauftes Eis.

Ich wünsche Euch einen guten Appetit und viel Spaß bei der Herstellung! Es würde mich sehr freuen, wenn Ihr mir auch Eure Ideen und Weiterentwicklung für die Sammlung schickt: montagskind<@>posteo.de

Ein Blick in unsere „Eis-Versuchsküche“

Das erste Geschwisterkind

In meiner Reihe zum Thema „Geschwister“ geht es noch einmal um die Erstgeborenen. Ihre Zeit als Einzelkind endet, wenn das erste weitere Geschwisterkind geboren wird.

Das Kind als Mittler

Karl König bezeichnet in seinem Buch „Brüder und Schwestern“ die Erstgeborenen als Mittler zwischen den Erwachsenen und den übrigen Geschwistern. Erstgeborene bleiben auch beim Hinzukommen eines Geschwisterkindes enger mit den Erwachsenen verbunden als Zweit- oder Drittgeborene. Dabei sind sie „nach beiden Seiten gerichtet: Für die Eltern sind sie Kind, für die jüngeren Geschwister können sie als Stellvertreter der Eltern erscheinen“. So stehen viele Erstgeborene ihren Eltern als „Große“ zur Seite, wenn ein Baby in die Familie kommt.

Entthronung

Es kann aber auch durchaus vorkommen, dass sich Erstgeborene durch die Ankunft des Geschwisterkindes, zu dem sich alle Erwachsenen jetzt auch hinwenden, tief entmutigt und verunsichert fühlen. Dann mögen sie sich nicht einbringen und dem Jüngeren ein Vorbild sein. In Folge kann es passieren, dass Selbstvertrauen verloren geht. Doch wenn wir uns der Konstellation und der Entwicklungsaufgaben der/des Erstgeborenen bewusst sind, können wir an vielen Stellen einen positiven Übergang ins Geschwisterdasein schaffen.

Individuelle Konstellationen

Auch hier ist das Thema „Geschwister“ natürlich sehr individuell und schicksalhaft. Äußere Faktoren, die auf die Geschwisterkonstellation wirken, sind die Geschlechter und Altersunterschiede der Kinder: Es ist ein Unterschied, ob ein Mädchen einen jüngeren Bruder bekommt oder ein Junge einen jüngeren Bruder. Zwei Mädchen, zwei Jungen oder beide Geschlechter in der Familie – das hat an manchen Stellen seine Auswirkungen. So gibt es etwa häufiger ein größeres Rollenbewusstsein Junge/Mädchen, wenn beide Geschlechter da sind.
Zudem muss auch darauf geblickt werden, in welchem Entwicklungsalter sich das erstgeborene Kind befindet, sprich: Wie groß ist der Altersunterschied und während welcher Entwicklungsaufgabe wird das Erstgeborene vom Einzelkind zum Geschwisterkind?

Die Entwicklungsalter

Hier habe ich einmal eine sehr komprimierte Übersicht über das erste Jahrsiebt zusammengefasst. Viele Altersunterschiede zwischen Erst- und Zweitgeborenen liegen in diesem Bereich:
Ist das Erstgeborene noch selbst im ersten Lebensjahr, ist es damit beschäftigt, seinen Körper zu ergreifen, Laufen zu lernen und sich im Raum zu orientieren.
Im zweiten Lebensjahr beobachtet und erlebt es gern alles, was sich bewegt: Vom Wasserhahn im Bad bis zum Auto auf der Straße. Außerdem entwickeln sich die Sprache und das eigene Sprechen.
Wenn bis zu dieser Zeit ein weiteres Kind geboren wird, sind sich die Kinder meist sehr nah und das Erstgeborene kann sich später nicht mehr an seine Zeit als Einzelkind zurückerinnern. Jirina Prekop schreibt in ihrem Buch „Erstgeborene“ sogar, dass die Rollen „Erst“ und „Zweit“ sich drehen können oder zwillingsgleich werden, wenn der Altersunterschied so gering ist.
Im dritten Lebensjahr erwacht das Ich-Bewusstsein, der Ich-Gedanke wird erstmals selbständig von dem Kind gedacht. Es erlebt sich selbst und dabei kommt es in die bekannte „Trotzphase“. Hier werden die Schwangerschaft der Mutter und die Ankunft des Geschwisterkindes bewusst erlebt und in der Regel auch erinnert.
Das vierte Lebensjahr ist von aktiver Tätigkeit und Wiederholungen geprägt: Kleine Lieder und Verschen werden unermüdlich gesungen, Rhythmen und Fingerspiele immer und immer wieder gespielt. Es ist die Zeit der Rituale, auch innerhalb der Familie. Hier kann man Geschwisterkinder sehr positiv in gute Gewohnheiten einbinden.
Im fünften und sechsten Lebensjahr wird auch viel imitiert, vermischt mit Fantasie. Es wird gespielt, was die Erwachsenen tun. Wer hier ein jüngeres Geschwisterkind bekommt, mag gern helfen oder mit den eigenen Puppen „Baby“ spielen.
Im sieben Lebensjahr werden viele Denkprozesse möglich. Hier liegt oftmals der erste Schultag.
Die zusätzliche Ankunft des Geschwisterkindes kann die Verbindung zur Familie stärken oder eben auch für Verunsicherung sorgen. Kind 1 braucht jetzt viel Sicherheit während vieler Umbrüche.

Gibt es den „perfekten Zeitpunkt“ für Kind 2?

Das Wichtigste ist meiner Ansicht nach, sich bewusst zu machen, in welchem Alter und vor welchem Entwicklungssprung das erste Kind steht. Hier sollte man es begleiten und ihm Sicherheit geben.

Die freudige Aufregung um die Ankunft des neuen Familienmitglieds ist selbstverständlich groß, das Erstgeborene muss manchmal länger warten, bis es an der Reihe ist und verliert die ungeteilte Aufmerksamkeit an das Geschwisterkind. Doch ein Geschwisterkind ist auch eine Bereicherung. Es gibt noch jemanden auf der „Kinderseite“ in der Familie und je nach Altersunterschied auch ein*e Spielkamerad*in. Dies entwickelt sich meist rasch.

Und mit Blick auf das ganze Leben ist es die längste Bindung zu einem Menschen, die wir haben.

Die ersten Zeugnissprüche für Klasse 4

Ich bin eingetaucht in Klasse 4. Wo werden die Kinder im Laufe der nächsten Monate stehen? Welche Epochen liegen vor uns? Ich habe mich auch erinnert an das 4. Schuljahr meiner eigenen Kinder. Und in dieser Stimmung kamen mir nach einigen Tagen die ersten Zeugnissprüche in den Sinn.

Was mich wieder besonders berührt, ist die sich verändernde Stimmung, die sich dann auch in den Sprüchen zeigt. Sie entsteht auch irgendwie bei mir, durch die Beschäftigung mit dem 4. Schuljahr und natürlich mit den Kindern und ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten. So muss ich gar nicht weiter darüber nachdenken, ob ein Spruch, der mir gerade eingefallen ist, auch gefühlsmäßig in die 4. Klasse oder zu den Kindern passt.

Auf dem Weg ins 4. Schuljahr

Hier ist einer der neuen Zeugnissprüche:

Heut´ flechte ich ein buntes Band,
die Fäden führ´ ich hin und her.

leg´ es mir sorgsam um die Hand
– doch lieber geb´ ich`s für Dich her
und flechte noch so eines für mich.

Denn so ein Band als Dein und Mein
wird Zeichen unserer Freundschaft sein.

Mehr davon…

Es werden langsam immer mehr Sprüche und sie sind teilweise so anders als noch im letzten Jahr. Die Kinder haben einige Schritte gemacht.

Montessori-Material: Immer 10 wollen miteinander gehen

Ein kleines Gedicht, das veranschaulichen soll: Einer machen kleine Schritte, Zehner schon etwas größere Sprünge und Hunderter kommen gut voran. Naja, beim Tausenderwürfel halten wir an – vorerst. In Klasse 4 warten dann die ganz großen Zahlen auf uns.

Es wanderten neun kleine Einer,
in Einerschritten durch den Wald.
Doch mit dem 10. wurde es heiter,
in Zehnersprüngen hüpften sie weiter.

Die Zehnerstange sprang flugs voran
und traf den nächsten Zehner bald.
Bald hüpften gleichsam neun der Stangen
gemeinsam durch den schönen Wald.

Kam ein zehnter Zehner und und wusste Rat:
„Besser voran kommen wir als Quadrat.“
Ein Hunderter ist 10 mal 10,
so wollen wir zusammen gehen.

Und auch die Hundert wurden mehr,
das freute alle Wanderer sehr.
Am Ende kamen die Hunderter an
und dann waren sie bald wieder 10.
Die blieben dann ganz fest zusammen
als Tausenderwürfel stehen.

Ein Würfel? Nicht, dass Ihr Euch wundert:
Tausend, das sind 10 mal 100.
Mit ihnen endet die Wanderung hier
und weiter geht`s in Klasse 4!

N.Mescher

10 Einer, das sind 10.
10 Zehner, das sind 100.
10 Hunderter sind 1000.

Hier noch einmal ein Blogartikel zu dem Montessorimaterial, mit Download.


Einzelkinder

Jedes Erstgeborene ist zumindest eine Zeitlang einziges Kind seiner Eltern, manche bleiben es ihr Leben lang und wachsen als Einzelkind auf. Wie beeinflusst dies die Persönlichkeit oder Biografie?

Zunächst einmal sei gesagt, dass es unzählige Faktoren und Einflüsse gibt – sei es angeboren, umfeldbedingt, konstitutionell uvm. Die meisten unserer Neigungen und Talente haben ihren Ursprung tief im Unterbewusstsein und sind äußerst schicksalhaft. Auch der Platz innerhalb der Familie, den ein kleiner Mensch mit seiner Geburt bekommt, gehört dazu. Und von diesem Platz aus wächst in der weiteren Zeit das Verhalten dieses Menschen innerhalb der Gemeinschaft.

Ein und Alles

Einzelkind zu sein bedeutet, die Eltern exklusiv für sich zu haben. Einzelkinder sind der Mittelpunkt ihrer Eltern – und ihrerseits auch eng an die Eltern gebunden (Anmerkung: „Eltern“ sei an dieser Stelle mit der sozialen Rolle der ersten Bezugsperson gleichgesetzt – selbstverständlich schließe ich kein Familienbild aus!). Selbst, wenn es im unmittelbaren Umfeld des Kindes zahlreiche Kinder- und Spielkontakte gibt, um dem Kind viele Gemeinschafts- und soziale Kontakte zu ermöglichen: In der Nachbarschaft, bewusst gewählte Spielgruppen, Kita, Cousins/Cousinen usw. – am Ende des Tages kehrt ein Einzelkind in sein Elternhaus zurück und dort lebt dann wieder das besonders enge Eltern-Kind-Verhältnis. Das ist ein großer Unterschied zu Geschwisterkindern und zeigt gleichermaßen, wie enorm prägend in diesem Fall auch die Elternrollen sind.

In Geschwisterkonstellationen mit mehreren Kindern übernehmen nicht selten Geschwisterkinder auch Aufgaben für ihre Geschwister, die üblicherweise „Elternaufgaben“ sind: Kranken- und Säuglingspflege, Haushaltsaufgaben und Vieles mehr. Hierdurch entstehen innerhalb der Familie vielfältige Bindungs- und Anknüpfungspunkte der verschiedenen Familienmitglieder untereinander und hier liegt mitunter ein großer Unterschied zu Einzelkindern.

Sind Einzelkinder einsamer?

Auch neuere Studien kommen nicht zu dem Ergebnis, dass Einzelkinder grundsätzlich einsamer sind als Geschwisterkinder, denn gerade heutzutage entscheiden sich viele Eltern bewusst dafür, nur ein einziges Kind zu bekommen und sorgen dementsprechend auch ihrerseits für viele Spiel- und Freizeitkontakte. Sie genießen es bewusst, ihr Kind als Lebensmittelpunkt zu haben und das spüren die Kinder durch ihre große Zuwendung.

Eine Schwierigkeit in Bezug auf Einsamkeit ist für Einzelkinder neuerdings die Isolation im Rahmen der Coronakrise. Ohne kindliche Spielkontakte zu Hause bleiben zu müssen – gerade, wenn es viele Freundschaften in Schule und KiTa gibt – kann nochmal schwerer sein, als sich mit Geschwistern zu Hause zu arrangieren.

Die Qualität von sozialen Erfahrungen und Prägungen

Im engen Kreis der Familie findet eine soziale Prägung statt, die doch noch etwas abweicht von Kontakterfahrungen in Gruppen und Einrichtungen – hier wird mehr untereinander ausprobiert, es gibt mehr unbeaufsichtigte Momente und es wird von Seiten der Kinder meist auch mehr untereinander reguliert. Beispiel Geschwisterstreit: Wenn Eltern bei Konflikten gleichzeitig die Eltern aller Beteiligten sind, wird anders geurteilt und Konsequenzen gezogen, als wenn mehrere „Eltern-Parteien“ mitmischen. Wer Geschwister hat, hat meist auch mal unter ihnen gelitten: Ist enorm geärgert worden, hat auch mal körperlich Auseinandersetzungen erlebt, sich von den Eltern besonders unverstanden oder ungerecht behandelt gefühlt… Innerhalb der Familie sind diese emotionalen Eindrücke und Enttäuschungen weitaus größer als bei Konflikten, die in Einrichtungen entstehen, wo Erzieher*innen (hoffentlich) mehr professionell als emotional agieren und gleich mehrere Eltern in ein reflektierendes Gespräch mit einbeziehen.
Andererseits können Geschwister auch Verbündete sein: Besonders gute Beschützer, Verbündete auch gegen die eigenen Eltern und mehr. Einzelkinder haben zu Hause weder Verbündete noch Konkurrenten.

Bewusstsein der Kinder- und Elternrolle

Ob jemand 1 , 2, 5 oder keine Geschwister hat – das lässt sich von den Kindern nicht steuern, sie werden in ihre Familie hineingeboren. In gewisser Weise prägt es sie aber.
Die Bedeutung der Elternrolle dabei und die Auseinandersetzung mit ihr, ist nicht selten ein zentraler Schlüssel bei Biografiefragen von Einzelkindern.

Plänchen im Wind

Ich ja vom Typ her ein echtes Zwillingssternzeichen und sehr sehr flexibel. Ich kann mich mit Unvorhergesehenem recht schnell arrangieren, dann auch meist problemlos umorganisieren und andere Wege gehen, wenn es sein muss. Doch dieser Zickzack-Kurs unserer NRW-Schulpolitik ist auch für mich inzwischen ziemlich anstrengend.

Früher war es so….

Die Zwillings-Lehrerin plante Unterricht für 30 Kinder in Präsenz und musste sich zwischen viel zu vielen Ideen entscheiden. Das war nicht immer leicht. Dann gab es aber einen schönen Plan für einen Unterrichtstag. Der wurde nach einigem Hin und Her für perfekt befunden. Der Unterricht fand statt. Manchmal brauchte man Plan B für den Fall, dass vielleicht etwas draußen nicht machbar war, im Fall von schlechtem Wetter. Das war´s.

Seit einem Jahr….

geht es nicht mehr darum, sich für die schönsten Ideen zu entscheiden. Vielmehr werden Ideen sortiert in „homeschoolingpraktikabel“ und „geht-nur-in-Präsenz“. Dann wird der allerallerschönste Präsenzunterricht hoffnungsvoll geplant, die Distanzideen schwirren aber noch herum und haben dabei ihre volle Berechtigung.

Es entscheidet…

zwischen den Varianten dann aber nicht mehr die Lehrerin, sondern die Lehrerin verfolgt gebannt anhand ihrer Nachrichten-Apps, ob sich in den Medien irgendein Hinweis ergibt, welche Unterrichtspläne nun verwirklicht werden dürfen.

Das Orakel

Man ahnt natürlich bereits einige Zeit vorher, worauf es hinauslaufen könnte und arbeitet Plan B weiter aus, Plan A bleibt aber als „Plan des Herzens“ wie ein Anker bestehen.

Die Analyse

Man hört Virologen, Spahn, Merkel und ahnt: Es könnte auf Homeschooling oder Wechselunterricht hinauslaufen. Im Fall von Präsenz könnte es weniger Unterrichtszeit netto werden, denn es müssen vor dem Unterricht mehr als 60 Hände gewaschen, Tische desinfiziert oder im schlimmsten Fall unter meiner Aufsicht Tests durchgeführt werden (Letzteres habe ich zum Glück noch nicht erlebt). Also abgespeckter Plan A oder Plan B oder was?

Das Überraschungspaket aus NRW

Ein „Bundestrend“ heißt aber auch noch lange nicht, dass NRW mitzieht. Da möchte sich noch jemand abheben, etwas Innovatives tun, gern auch mal gegen den Bundestrend. Dieser jemand, das könnte Frau Schulministerin Gebauer sein, die FDP-Duftmarken setzen oder eben Ministerpräsident Laschet, der als möglicher Kanzlerkandidat im ganzen Land von sich reden machen möchte. Da ist also eine gewisse….. – Unberechenbarkeit.

Wettlauf mit der Zeit

Wie oft, wie oft, wurde am Freitagnachmittag dann vom Schulministerium endlich bekanntgegeben, wie es ab Montag laufen soll?! So kurzfristige, schwere Einschnitte in unser Schulleben. Seit über einem Jahr machen das die Kinder, ihre Familien und wir Lehrer mit. Und es gibt keine Alternative. Nur immer Plan A und Plan B in verschiedenen Varianten.

Plan B zweite Wahl?

Ja, na klar! Denn wir wollen Präsenz, jeden Tag, mit allen Kindern, ohne Auflagen. Es gibt also noch nicht einmal einen uneingeschränkten Plan A. Aber genau deswegen steht auch fest: Dieser abgespeckte Plan A und dieser saure Apfel Plan B – sie müssen beide maximal gut für die Kinder werden, trotz aller Umstände. Ich koste es inzwischen richtig aus, die Kinder vor Ort zu haben. Ich will sie motivieren und lernbereit halten, mit vielen schönen Dingen. Doch noch wichtiger sind die Routinen, die das Gefühl von Sicherheit und Zuversicht geben. Denn Sicherheit, die fehlt seit über einem Jahr.

Kopf hoch, Krönchen richten

Genau jetzt, seit einem Jahr und in diesem Moment, bin ich froh, als Waldorflehrerin nicht zeitnah eine Empfehlung für weiterführenden Schulen aussprechen zu müssen – denn meine Lieben bleiben noch 5 Jahre bei mir. Das sind 5 Jahre, in denen wir viele gemeinsame Momente sicherlich noch einmal anders wahrnehmen und genießen werden.

Und ich bin froh, die meisten Freiheiten zu haben, die man im Lehrerberuf haben kann. Und spätestens, als ich die ersten Zeugnissprüche für das kommende 4. Schuljahr schreiben durfte, wusste ich: Trotz aller Umstände bin auch ich als Klassenlehrerin doch noch voll in der Spur und mit meiner Klasse eng verbunden. Und das ist keine planbare Kopfsache. Auf dass das Waldorfkrönchen weiterhin sitzt…..